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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zwei Goethe-Neuerscheinungen

15. Juni 1828. An die­sem Som­mer­tag hat Johann Wolf­gang von Goe­the zum Mit­tag Gäste in sein Haus am Frau­en­plan gela­den. Plötz­lich wird die gesel­li­ge Atmo­sphä­re von einer bit­te­ren Nach­richt unter­bro­chen: Groß­her­zog Carl August ist am Abend des Vor­tags im Schloss Gra­ditz bei Tor­gau gestor­ben. Spä­ter notiert Goe­the lapi­dar in sei­nem Tage­buch: »Die Nach­richt vom Tode des Her­zogs stör­te das Fest.«

Eine recht selt­sa­me Ein­tra­gung, ver­band doch Goe­the und Carl August eine über fünf­zig Jah­re andau­ern­de Freund­schaft. Die Wei­mar-Exper­tin Sig­rid Damm wid­met sich in ihrem neu­en Buch die­ser Män­ner­freund­schaft, die jedoch nicht frei war von Höhen und Tie­fen. 1775 war Goe­the der Ein­la­dung des Her­zogs Carl August nach Wei­mar gefolgt, der ihn zu sei­nem Ver­trau­ten mach­te. Es war der Beginn einer engen per­sön­li­chen und doch unge­wöhn­li­chen Freund­schaft zwi­schen dem Dich­ter und sei­nem Dienst­herrn. Carl August über­trug Goe­the als Mini­ster wich­ti­ge Auf­ga­ben­be­rei­che der Wirt­schafts- und Sozi­al­po­li­tik. Der Staats­mann Goe­the wur­de so nach dem Her­zog zum wich­tig­sten Mann im Für­sten­tum. Aus­druck die­ser per­sön­li­chen Wert­schät­zung war im Früh­jahr 1792 die Schen­kung des Hau­ses am Frauenplan.

Die Autorin beleuch­tet neben der gei­sti­gen Ver­wandt­schaft auch die Dif­fe­ren­zen und Wider­sprü­che, die bei­de mit­ein­an­der im Lau­fe der Jah­re aus­tru­gen. In zahl­rei­chen Quel­len – vor allem im Brief­wech­sel der bei­den Prot­ago­ni­sten – spürt sie neben der gegen­sei­ti­gen Hoch­ach­tung auch die Span­nun­gen und Kon­flik­te auf, auch die nicht aus­ge­spro­che­nen. Mit­un­ter kam es sogar zum offe­nen Eklat. So fan­den der Napo­le­on-Hasser Carl August und der Napo­le­on-Ver­eh­rer Goe­the in poli­ti­schen Fra­gen sel­ten einen gemein­sa­men Nen­ner. Auch für die sol­da­ti­sche Begei­ste­rung von Carl August hat­te Goe­the wenig Verständnis.

Trotz sei­ner befremd­li­chen Tage­buch­ein­tra­gung trifft der her­be Ver­lust sei­nes Dienst­herrn den 79jährigen Goe­the hart. Die see­li­schen Erschüt­te­run­gen sind so groß, dass er nicht in der Lage ist, an den Trau­er­fei­er­lich­kei­ten für den ver­stor­be­nen Freund teil­zu­neh­men. Er flüch­tet sich in All­tags­ge­schäf­te. Seit Jah­ren ist er damit beschäf­tigt, sein gigan­ti­sches Lebens­werk für die Nach­welt zu ord­nen. Für eini­ge Mona­te zieht er sich auf die Dorn­bur­ger Schlös­ser zurück. Erst am 11. Sep­tem­ber kehrt er nach Wei­mar zurück. Zu Groß­her­zog Carl Fried­rich, dem Sohn und Nach­fol­ger von Carl August, soll­te sich bis zu sei­nem Tod 1832 kein enges Ver­hält­nis aufbauen.

Das Buch ist zum 80. Geburts­tag von Sig­rid Damm erschie­nen – akri­bisch recher­chiert ent­hüllt es ein bis­her wenig bekann­tes Kapi­tel der Wei­ma­rer Klas­sik. Damm zeigt die bemer­kens­wer­te Liai­son aus Geist und Macht, das gegen­sei­ti­ge Tole­rie­ren der an Cha­rak­ter, Beru­fung und Aus­strah­lungs­kraft so unter­schied­li­chen Freunde.

Goe­thes Haus am Frau­en­plan in Wei­mar ist heu­te noch das Herz­stück der deut­schen Klas­sik. Es ist eine Pflicht­übung wäh­rend eines Wei­mar-Besu­ches. In dem 1709 erbau­ten Haus leb­te Johann Wolf­gang von Goe­the fast ein hal­bes Jahr­hun­dert – von 1782 bis zu sei­nem Tod. Hier dich­te­te er, trug sei­ne umfang­rei­chen Samm­lun­gen zusam­men oder emp­fing Gäste. Spä­ter wohn­te hier auch die Fami­lie sei­nes Soh­nes August.

Nach zehn Jah­ren als Mie­ter bekam Goe­the 1792 das Haus von Carl August geschenkt. Als Eigen­tü­mer begann er umge­hend mit dem Umbau, der sich meh­re­re Jah­re hin­zog. Gegen­über Carl August wies Goe­the aus­drück­lich dar­auf hin, dass er sein Haus »nicht zum Wohl­le­ben, son­dern zu mög­li­cher Ver­brei­tung von Kunst und Wis­sen­schaft ein­rich­ten und benut­zen wol­le«. Er ori­en­tier­te sich vor allem an klas­si­zi­sti­schen Bau­ten aus Ita­li­en. Zunächst ver­än­der­te er die inne­re Struk­tur und stat­te­te die Reprä­sen­ta­ti­ons­räu­me mit einer Rei­he wand­fe­ster Bild­wer­ke aus. Die­se Bild­wer­ke wur­den bis­her kaum gewür­digt. Auch Goe­thes Pro­jekt einer neu­en Fas­sa­den­ge­stal­tung fand bis­her wenig Aufmerksamkeit.

Bei­de wer­den nun erst­mals in dem Bild-Text-Band des Kunst­hi­sto­ri­kers Chri­sti­an Hecht in sechs umfas­sen­den Kapi­teln und mit zahl­rei­chen histo­ri­schen Abbil­dun­gen und Plä­nen sowie aktu­el­len Farb­fo­to­gra­fien vor­ge­stellt. Zunächst wird der Leser mit der ursprüng­lich barocken Fas­sa­de und der Nut­zungs­ge­schich­te von 1709 bis 1792 des Goe­the­hau­ses ver­traut gemacht, ehe dann die Bild­pro­gram­me in den ver­schie­de­nen Berei­chen des Trep­pen­hau­ses und in den Emp­fangs­räu­men sehr aus­führ­lich behan­delt wer­den. Goe­the schätz­te der­ar­ti­ge Deko­ra­tio­nen und Raum­aus­stat­tun­gen, indem er Bild­wer­ke und Kunst­ge­gen­stän­de in sei­ne Erin­ne­rungs­kul­tur integrierte.

Nach dem Umbau der Innen­räu­me dach­te Goe­the ab 1800 an die Neu­ge­stal­tung der Haus­fas­sa­de (»Haus-Ver­blen­dung«). Auch hier woll­te er alle For­men herr­schaft­li­cher Reprä­sen­ta­ti­on ver­mei­den, son­dern Wert auf eine Archi­tek­tur­spra­che der Bil­dung legen. Nach sei­nen Vor­ga­ben fer­tig­te der Würt­tem­ber­gi­sche Archi­tekt Niko­laus Fried­rich von Thouret (1767–1845) einen Fas­sa­den­ent­wurf an, der nach außen anschau­lich mach­te, was das Haus bereits im Inne­ren war. Goe­the war mit dem Ent­wurf zufrie­den und ließ dar­auf­hin Kosten­vor­anschlä­ge ein­ho­len. Das Ergeb­nis war ernüch­ternd, was ihn schließ­lich ver­an­lass­te, die Pla­nun­gen nicht aus­füh­ren zu las­sen. Der Ver­zicht hat ihn aber nicht davon abge­hal­ten, sich wei­ter mit Archi­tek­tur zu beschäf­ti­gen. Auch ohne Goe­thes geplan­ter »Haus-Blen­dung« ist das Haus am Wei­ma­rer Frau­en­plan ein ein­zig­ar­ti­ges Zeug­nis sei­nes Lebens und Wirkens.

Sig­rid Damm: Goe­the und Carl August – Wech­sel­fäl­le einer Freund­schaft, Insel Ver­lag Ber­lin 2020, 319 Sei­ten, 24 €.

Chri­sti­an Hecht: Goe­thes Haus am Wei­ma­rer Frau­en­plan, Hir­mer Ver­lag Mün­chen 2020, 220 Sei­ten, 30 €.