Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Bereicherung

Im Schloss Ceci­li­en­hof hat­ten im Som­mer 1945 die Gro­ßen Vier das Ende die Mord­dik­ta­tur des soge­nann­ten Drit­ten Rei­ches besie­gelt und Wei­chen für das Nach­kriegs­deutsch­land gestellt.

Nach 1990 geschah, was undenk­bar erschien: Georg Fried­rich von Preu­ßen strei­tet mit dem Land Bran­den­burg um ein Wohn­recht für sei­ne Fami­lie sowie ins­ge­samt um eine Ent­schä­di­gung für wei­te­re Immo­bi­li­en und Län­de­rei­en in Höhe von 1,2 Mil­lio­nen Euro.

Die Ent­eig­nung war rechts­kon­form mit dem Pots­da­mer Abkom­men durch die Sowje­ti­sche Mili­tär­ad­mi­ni­stra­ti­on in Deutsch­land (SMAD) erfolgt, nach Arti­kel 139 GG, somit nach Rechts­vor­schrif­ten, die der »Befrei­ung des deut­schen Vol­kes vom Natio­nal­so­zia­lis­mus und Mili­ta­ris­mus« dien­ten. Zahl­rei­che histo­ri­sche Foto- und Film­do­ku­men­te zei­gen viel­fäl­tig, wie eng sich die Hohen­zol­lern mit Hit­ler & Co. ver­ban­delt hat­ten. Bereits vor der »Macht­er­grei­fung«, wie der letz­te deut­sche Kron­prinz Fried­rich Wil­helm sich bei sei­ner Ver­neh­mung als Zeu­ge durch den US-Anklä­ger Robert M. W. Kemp­ner zu erin­nern wuss­te (Robert M. W. Kemp­ner: Das Drit­te Reich im Kreuz­ver­hör. Aus unver­öf­fent­lich­ten Ver­neh­mungs­pro­to­kol­len des Anklä­gers in den Nürn­ber­ger Pro­zes­sen, Neu­aus­ga­be Her­big Ver­lag 2005).

Ent­eig­nung und Ent­schä­di­gung sind bis heu­te ein düste­res Kapi­tel unbe­wäl­tig­ter Ver­gan­gen­heit. Die Väter und Müt­ter des Grund­ge­set­zes mögen geahnt haben, was auf den Rechts­nach­fol­ge­staat nach der Über­lei­tung des Reichs­ver­mö­gens in Bun­des­ver­mö­gen (Art. 134) an Ansprü­chen zukom­men könn­te. Wohl des­halb schrie­ben sie in Arti­kel 135 a, dass alte Ver­bind­lich­kei­ten des Rei­ches sowie Ver­bind­lich­kei­ten des ehe­ma­li­gen Lan­des Preu­ßen nicht oder nicht in vol­ler Höhe zu erfül­len sind. Wur­de so für die Zukunft mit bedacht, dass Ansprü­chen auf Wie­der­gut­ma­chung und Ent­schä­di­gung der Mil­lio­nen Opfer mit Ableh­nung begeg­net wer­den konnte?

Die juri­sti­sche Rea­li­tät bestä­tigt das. Nach den Ent­schä­di­gungs­ak­ten der zustän­di­gen Ber­li­ner Behör­de erhiel­ten die Erben von Sani­täts­rat Dr. med. Max und Eva Edel, näm­lich Sohn Dr. Ernst Edel, Toch­ter Rose Mar­ga­re­te Noah sowie Heinz Geor­ges und Feli­ci­tas Geor­ges kei­ne Erstat­tung der Biblio­thek und kei­ne Erstat­tung für die Grund­stücke Ber­li­ner Stra­ße 15-18 sowie Char­lot­ten­bur­ger Ufer 75-79. Die Ansprü­che waren gegen das »Drit­te Reich« bzw. die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung gel­tend gemacht wor­den, seit 1938 Eigen­tü­me­rin der Grundstücke.

1938, nach den Pogro­men gab Her­mann Göring am 12. Novem­ber als Mini­ster­prä­si­dent Preu­ßens bei einer Kon­fe­renz vor, wie bei der Ent­eig­nung der »Juden« zu ver­fah­ren war. Etwa 100 mini­ste­ria­le Nazi-Grö­ßen leg­ten die orga­ni­sa­to­ri­schen Grund­la­gen für eine Fül­le von Geset­zen und Ver­ord­nun­gen, um ras­sisch zu Juden gebrand­mark­ten deut­schen Staats­bür­gern die wirt­schaft­li­chen und sozia­len Exi­stenz­grund­la­gen zu ent­zie­hen. Zudem wur­de ihnen auf­er­legt, für die Kosten der »Reichs­kri­stall­nacht« aufzukommen.

Am 25. Novem­ber 1941 schließ­lich trat die 11. Ver­ord­nung zum Reichs­bür­ger­ge­setz in Kraft. Von da an ver­lo­ren alle Per­so­nen, die sich im Aus­land auf­hiel­ten, ihre deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit und ihr gesam­tes Ver­mö­gen. Es fiel an das Deut­sche Reich. Die­se Ver­ord­nung betraf beson­ders die seit Herbst 1941 Depor­tier­ten, weil sie »mit dem Über­schrei­ten der Reichs­gren­zen ihren Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halts­ort ins Aus­land verlegten«.

Im Arol­sen-Archiv gibt es ein Schrei­ben der Gehei­men Staats­po­li­zei, Staats­po­li­zei­leit­stel­le Ber­lin, vom 5.3.1943 an den Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten Ber­lin-Bran­den­burg. Es heißt dar­in: »In der Anla­ge über­sen­de ich eine Trans­port­li­ste über die­je­ni­gen Juden, deren Ver­mö­gen im Rah­men der Abschie­bung durch Ein­zie­hung dem Rei­che ange­fal­len ist. Das Ver­mö­gen ist nicht ver­fal­len, son­dern durch Ein­zie­hung auf das Deut­sche Reich über­ge­gan­gen. Es han­delt sich um den 31. Ost­trans­port.« In die­sem Ost­trans­port vom 1. März 1943 war auch Lie­se­lot­te Hirsch­weh, so ihr rich­ti­ger Name, als Ehe­frau von Peter Edel-Hirsch­weh unter Nr. 130 erfasst.

Histo­risch ist die­ses Kapi­tel der »Ari­sie­rung« detail­liert hin­rei­chend klar. Von Anfang an aber fehl­ten das Bewusst­sein der Schuld wie der poli­ti­sche Wil­le, die Wie­der­gut­ma­chung kon­se­quent zu betrei­ben. War­um wohl? Nicht allein das Deut­sche Reich und sein Nach­fol­ge­staat im Westen hat­ten sich durch Ari­sie­rung enorm berei­chert. Sehr vie­le »ehren­wer­te Her­ren« und am Wirt­schafts­wun­der betei­lig­te Fir­men waren in glei­cher Wei­se involviert.

Soll­te etwa der Deut­schen Bank, nach­dem sie das renom­mier­te Bank­haus Men­dels­sohn über­nom­men und des­sen Bilanz­sum­me von 100 Mil­lio­nen Reichs­mark auf ihrer Haben­sei­te ver­bucht hat­te, die­se Sum­me wie­der ver­lu­stig gehen? Da hät­te aus dem Sau­lus Her­mann Josef Abs als »Ari­sie­rer« und Ade­nau­er-Inti­mus ein Pau­lus wer­den müssen.

Oder: Die Fami­lie Quandt berei­cher­te sich immens bei der »Ari­sie­rung« sowie der Aus­beu­tung von KZ-Häft­lin­gen und Zwangs­ar­bei­tern. Wer heu­te BMW fährt, soll­te sich bewusst machen, wem er sein Geld hin­ter­her­wirft. Die heu­ti­gen Quandts zäh­len zu den 500 reich­sten Fami­li­en Deutsch­lands und zu den eif­rig­sten Spen­dern an CDU, CSU und FDP. Es ver­wun­dert daher nicht, dass frü­he­re Poli­ti­ker die­ser Par­tei­en die Rück­ga­be jüdi­schen Eigen­tums auf­grund alli­ier­ter Gesetz­ge­bung als eben­so unrecht­mä­ßig wie die »Ari­sie­rung« bezeichneten.

Erst am 29. Juni 1956 wur­de rück­wir­kend zum 1. Okto­ber 1953 ein kom­pli­zier­tes Bun­des­ge­setz zur Ent­schä­di­gung für Opfer der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Ver­fol­gung ver­ab­schie­det. Antrags­be­rech­tigt waren jedoch nur Ver­folg­te des NS-Regimes, die bis zum 31. Dezem­ber 1952 (vor­her: 1. Janu­ar 1947) ihren Wohn­sitz in der Bun­des­re­pu­blik oder West-Ber­lin hat­ten oder die vor ihrem Tod oder ihrer Aus­wan­de­rung dort gelebt hat­ten. Alle Ver­folg­ten aus dem Aus­land wur­den so von der Ent­schä­di­gung aus­ge­schlos­sen. Pro­ble­ma­tisch war die gesetz­te Antrags­frist vom 1. Okto­ber 1957. Die Ver­folg­ten waren welt­weit ver­streut, und es war schwie­rig, an die Unter­la­gen heranzukommen.

Aus­ge­schlos­sen waren von vorn­her­ein alle »Aso­zia­len« sowie Sin­ti und Roma. Der Bun­des­ge­richts­hof beton­te sogar aus­drück­lich im Urteil vom 7. Janu­ar 1956 (AZIVZR 211/​55), sie sei­en auf­grund ihrer »aso­zia­len« Eigen­schaf­ten und nicht aus ras­si­schen Grün­den ver­folgt wor­den. Da bis 1973 in der BRD die Homo­se­xua­li­tät nach § 175 ein Straf­tat­be­stand war, wur­den gab es auch für die­se Ver­folg­ten kei­ne Zah­lun­gen. Das betraf eben­so Kom­mu­ni­stin­nen und Kom­mu­ni­sten als angeb­li­che Fein­de der »frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grundordnung«.

Die »Rück­erstat­tungs­sa­che Dr. Edel gegen Deut­sches Reich – betr. Woh­nungs­ein­rich­tung Eva Edel« lässt in einem Brief an das Wie­der­gut­ma­chungs­amt Ber­lin-Schö­ne­berg vom 29. März 1954 ersicht­lich wer­den, wie die »Son­der­ver­mö­gens­ver­wal­tung« ver­such­te, eine rich­ti­ge Bewer­tung zu ver­hin­dern. Ver­wie­sen wur­de auf die Aus­sa­ge eines frü­he­ren Dezer­nen­ten im Ber­li­ner Haupt­wirt­schafts­amt. Danach wäre die Bewer­tung durch Gerichts­voll­zie­her ober­fläch­lich erfolgt und habe den Wert der beschlag­nahm­ten Gegen­stän­de nicht kor­rekt wie­der­ge­ge­ben. Bei dem Dezer­nen­ten han­del­te es sich um den »jetzige(n) Ver­wal­tungs­ge­richts­di­rek­tor Dr. Hel­mut Engel­hard aus Han­no­ver«. Die Vita als Dezer­nent in der Reichs­haupt­stadt unter Gau­lei­ter Goe­b­bels und Reichs­statt­hal­ter Her­mann Göring hat­te der Kar­rie­re kei­nen Abbruch getan.

2020, im 75 Jahr nach der Befrei­ung Euro­pas vom Nazi-Joch und dem Beginn der Nürn­ber­ger Pro­zes­se, müs­sen Opfer des Mord­re­gimes immer noch um ihre Opfer­ren­ten kämp­fen. Die Ableh­nungs­quo­te 2019 betrug 39,5 Pro­zent. Weit­aus gene­rö­ser wur­de ver­fah­ren bei Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten der Wit­wen von Rein­hard Heyd­rich, der den Holo­caust orga­ni­sier­te, und von Roland Freisler, dem Prä­si­den­ten des Volksgerichtshofes.

Oder bei Heinz Barth, der in der DDR wegen sei­ner Betei­li­gung am Mas­sa­ker von Ora­dour-sur-Gla­ne zu lebens­lan­ger Haft ver­ur­teilt wor­den war. Nach sei­ner Ent­las­sung 1997 wur­de ihm in der BRD zunächst eine Kriegs­ver­sehr­ten-Zusatz­ren­te gezahlt. Erst nach einer lan­gen poli­ti­schen Debat­te wegen die­ses Fal­les kam es 1998 zu einer Ände­rung des Geset­zes bei »Ver­stö­ßen« gegen die Grund­sät­ze der Mensch­lich­keit oder Rechts­staat­lich­keit. Barth erhielt dar­auf­hin die Ren­te nicht mehr. Aller­dings war er nur einer von 99 Fäl­len, in denen das geschah – bei etwa 50.000 NS-Tätern und über 70.000 vom Simon Wie­sen­thal- Cen­ter über­mit­tel­ten Namen von Ver­däch­ti­gen unter den Bezugsberechtigten.

Übri­gens fand sich 1990 neben dem Bran­den­bur­ger Tor ein Top-Grund­stück als Objekt scham­lo­ser Begier­de. Dort stand das Wohn­haus von Max Lie­ber­mann. Es wur­de im Krieg zer­stört. Jetzt prunkt hier ein neu­es Max Lie­ber­mann Haus: »kri­tisch rekon­stru­iert« – im Besitz der Fami­lie Harald Quandt aus Bad Homburg.

Möge sich der heu­ti­ge Leser selbst sei­nen Reim auf alles machen …