Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Verhübschte Heldin

Gut, dass der Deut­sche Buch­preis 2020 einem Werk zuge­spro­chen wur­de, das sich mit zwei, den Jün­ge­ren kaum bekann­ten histo­ri­schen Kämp­fen des 20. Jahr­hun­derts befasst: der fran­zö­si­schen Rési­stance und dem alge­ri­sche Unab­hän­gig­keits­krieg. Aber als Erzäh­lung in Vers­form? Als Epos? Dass die Autorin Anne Weber es einer Frau, der 1923 in einem bre­to­ni­schen Wei­ler gebo­re­nen Anne Beau­ma­noir, wid­me­te, lässt sich als Wunsch nach­ho­len­der Gerech­tig­keit deu­ten. Waren Epen doch lan­ge Zeit Män­nern vorbehalten.

Die heu­te 97-jäh­ri­ge Anne Beau­ma­noir ist wirk­lich eine Hel­din und wäre es auch, wenn sie sich nur in einen der bei­den Kon­flik­te ein­ge­bracht hät­te. Und kei­nes­wegs neben­bei war sie auch Mut­ter und eine aner­kann­te Neu­ro­phy­sio­lo­gin. Von ihr exi­stiert eine Auto­bio­gra­fie, in der sie die Wur­zel ihres Enga­ge­ments auf die Lek­tü­re von Mal­raux’ Roma­nen über die asia­ti­sche Revo­lu­ti­on zurück­führ­te. Sie hät­te als jun­ges Mäd­chen nicht erwar­ten kön­nen, »dass die Stra­ßen von Ren­nes denen des Kan­tons der Erobe­rer gli­chen«. Und als Neu­ro­phy­sio­lo­gin sei sie über­zeugt, »dass man mit sech­zehn, sieb­zehn Jah­ren revol­tie­ren und für die Revo­lu­ti­on bren­nen m u s s«. Als jun­ger Mensch wis­se man nicht, dass Revo­lu­tio­nen auch Ter­ror und Büro­kra­tie her­vor­brin­gen. »Wer in die­sem Alter nicht in irgend­ei­ner Form revol­tiert, ris­kiert, spä­ter eine affek­ti­ve Behin­de­rung zu entwickeln.«

Also stieß sie 1942 zur kom­mu­ni­sti­schen Rési­stance und ver­stieß mehr­fach gegen die Kon­spi­ra­ti­ons­re­geln: Unter ande­rem ret­te­te sie eigen­mäch­tig drei jüdi­sche Kin­der vor der Depor­ta­ti­on. Eher Trotz­ki­stin als mos­kau­treue Genos­sin kam sie auch spä­ter immer wie­der mit der Par­tei in Kon­flikt. Der 1955 erfolg­te Bruch beruh­te nicht nur auf Abscheu vor sta­li­ni­sti­schen Machen­schaf­ten. Es miss­fiel ihr, dass die Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei Frank­reichs (Par­ti com­mu­ni­ste fran­çais – PCF) lan­ge am fran­zö­si­schen Alge­ri­en fest­hielt, weil sie eine bal­di­ge gemein­sa­me sozia­li­sti­sche Zukunft pro­gno­sti­zier­te. Auf eine neue Volks­front hof­fend, hat­te die Par­tei noch 1956 für die vom sozia­li­sti­schen Pre­mier Guy Mol­let vor­ge­schla­ge­nen Son­der­voll­mach­ten der Armee votiert, die Fol­ter ermöglichten.

Inzwi­schen Ärz­tin und Mut­ter, enga­gier­te sich Beau­ma­noir im Unter­stüt­zer­netz der alge­ri­schen Befrei­ungs­front. Da sich der eben­falls enga­gier­te Ehe­mann bereit­erklär­te, für die Kin­der zu sor­gen, ging sie wie­der in die Ille­ga­li­tät und wur­de per­sön­li­che Assi­sten­tin des Lei­ters der Natio­na­len Befrei­ungs­front (Front de Libé­ra­ti­on Natio­na­le – FLN) in Süd­frank­reich. Als sol­che wur­de sie ver­haf­tet und zu zehn Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt. Weil sie schwan­ger war, wur­de sie zur Geburt in häus­li­chen Arrest ent­las­sen und konn­te nach Tunis flie­hen. Dort befand sich die alge­ri­sche Exil­re­gie­rung. Beau­ma­noir über­nahm den Gesund­heits­dienst, den Frantz Fanon für Kriegs­flücht­lin­ge und bewaff­ne­te FLN-Kräf­te auf­ge­baut hatte.

In Frank­reich noch als Ter­ro­ri­stin aus­ge­schrie­ben, bau­te sie im unab­hän­gi­gen Alge­ri­en drin­gend benö­tig­te Aus­bil­dungs­stät­ten für medi­zi­ni­sches Per­so­nal auf. Nach dem Putsch von Houa­ri Bou­me­di­è­ne gegen Prä­si­dent Ahmed Ben Bel­la wur­de ihr als Kom­mu­nist gel­ten­der Mini­ster ver­haf­tet. Beau­ma­noir, eben­falls ver­folgt, konn­te in die Schweiz fliehen.

Im Epos, das ihre Berich­te in freie Ver­se gießt, liest sich die Par­al­le­le zum Ursprung des Enga­ge­ments so: »Wie lan­ge soll das alles noch /​ auf die­se öde, für ihren Geschmack viel zu /​ taten­lo­se Wei­se wei­ter­ge­hen? Halb­her­zig /​ fängt sie in Ren­nes ein Stu­di­um an, und zwar /​ der Medi­zin, wäh­rend sie ganz­her­zig von einem /​ Schick­sal träumt, von Opfern und von Hel­den­ta­ten. […] Doch wann /​ wirds end­lich ernst, war­um ver­traut ihr kei­ner /​ eine wich­ti­ge Mis­si­on an? Wann wer­den die­se /​ Grün­span­far­be­nen, die vert-de-gris, wie die /​ deut­schen Sol­da­ten hei­ßen, fort­ge­jagt? Und /​ war­um sieht es in Ren­nes’ Stra­ßen nicht längst aus wie /​ in den revo­lu­ti­ons­ge­schüt­telt-kan­to­ne­si­schen aus /​ dem Roman Die Erobe­rer. Les con­qué­rants, schon /​ wie­der von André Mal­raux? Der Geg­ner /​ ist nur neben­bei ein deut­scher Nazi und im /​ Haupt­be­ruf Impe­ri­al-, Kapi­tal- und Natio­na­list. /​/​ Einst­wei­len gilt lei­der: abwar­ten und radfahren.«

Es ver­steht sich, dass ein Epos in geho­be­ner Spra­che daher­kommt. Der Moder­ni­tät hal­ber dich­tet Anne Weber manch­mal auch lako­nisch oder gar flap­sig koket­tie­rend. Aber hat Beau­ma­noirs Leben, das dem Lese­pu­bli­kum schon in schlich­ter Spra­che vor­liegt, eine sol­che Ver­hüb­schung nötig? Zieht das nicht eine Ver­fla­chung der bereits kom­ple­xer beschrie­be­nen Zusam­men­hän­ge nach sich?

Aus mei­ner Sicht ent­fal­te­ten dich­te­ri­sche Epen über gro­ße Figu­ren ihren opti­ma­len Sinn in der Zeit der Ora­li­tät und ver­lo­ren ihn nach und nach, je mehr die Lesen­den nach histo­ri­scher Ein­ord­nung ver­lang­ten. Dafür lie­fern Auto­bio­gra­fien Teil­ma­te­ri­al auch dann, wenn Auto­bio­gra­fIn­nen wie Beau­ma­noir stark ihre sub­jek­ti­ve Sicht ein­brin­gen. Bel­le­tri­stik über wich­ti­ge Per­so­nen – Ber­tolt Brecht ist ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel – sinkt leicht in Tri­via­li­tät ab, je mehr sie sub­jek­ti­ve und auch mora­lin­saure Akzen­te der Autoren ent­hal­ten, die sich oft als zeit­gei­stig ent­pup­pen. Nicht von unge­fähr zieht das Publi­kum mehr und mehr das Sach­buch vor.

Auch Anne Weber fühlt sich all­zu inten­siv in ihre Hel­din ein. Bevor sich die­se für Alge­ri­en enga­gier­te, heißt es bei ihr: »Die Ereig­nis­se, die kom­men und die auch als /​ Ereig­nis­se in die Geschich­te ein­ge­hen, pol­tern /​ sehr unge­le­gen in ihr schö­nes Berufs- und Fami­li­en­glück /​ hin­ein. Ja. So kann es sein. Die Wahr­heit ist, dass wir /​ die Wahr­heit gar nicht kennen.«

Beau­ma­noir hat selbst beschrie­ben, wie sehr sie Dog­ma­tis­mus und Kor­rup­ti­on bei den Kom­mu­ni­sten und dann auch bei den unab­hän­gi­gen Alge­ri­ern ver­ab­scheu­te. Aber den Sinn ihres Enga­ge­ments stellt sie nicht infra­ge wie Annet­te in Anne Webers Epos: »Sie trägt den Irr­tum, der ein /​ Schmerz gewor­den ist, mit sich her­um und /​ wälzt ihn auf den Hügel der Jah­re, und aus /​ dem Hügel wird ein Berg.«

Ver­kitscht wird im Epos auch Beau­ma­noirs Reue, ihr Fami­li­en­le­ben geop­fert zu haben. Sie selbst schreibt, ihre Kin­der hät­ten sich spä­ter bemüht, zu ver­ste­hen, dass »ohne die­sen Opfer­mut« kein Enga­ge­ment an vor­der­ster Front mög­lich gewe­sen wäre: »Der Kampf an der Sei­te der Unter­drück­ten muss sich uns auf abso­lu­te, unwi­der­leg­ba­re Wei­se auf­drän­gen, um alle Wag­nis­se ein­zu­ge­hen, selbst, an sei­nem Enga­ge­ment lei­den zu müs­sen.« Das bedeu­te, auch in Extrem­si­tua­tio­nen »nicht abzufallen«.

 

Anne Weber: Annet­te – Ein Hel­din­nen­epos, Mat­thes & Seitz, 208 Sei­ten, 22 €;Anne Beau­ma­noir: Wir woll­ten das Leben ändern, Bd.1: Leben für Gerech­tig­keit. Erin­ne­run­gen 1923-1956, 208 Sei­ten, 15 €, Bd. 2: Kampf für Frei­heit. Alge­ri­en 1954-1965, 232 Sei­ten, 16 €, bei­de Edi­ti­on Contra-Bass