Übersetzt bedeutet El País »Das Land«. Das Land war im Begriff, sich konstitutionell neu zu erfinden, als am 4. Mai 1976 die erste Ausgabe der inzwischen größten Tageszeitung Spaniens erschien. Es war erst wenige Monate zuvor seinen Diktator losgeworden; Francesco Franco war am 20. November 1975 im Alter von 82 Jahren in Madrid gestorben. Sein Nachfolger wurde nach dem Willen des Diktators König Juan Carlos I., Spanien war zunächst wieder eine Monarchie.
El País, die einzige Neugründung unter den relevanten Presse-Organen des Landes, wurde eine wichtige Stimme innerhalb der bald darauf beginnenden Zeit der Transición, des Übergangs in eine parlamentarische Demokratie. Die Spanier hatten keine hohe Meinung vom neuen König, den sie als »Ziehsohn« Francos wahrnahmen. Aber am 1. Juli 1976 drängte der König Ministerpräsident Carlos Arias Navarro, einen der harten Anhänger des Franquismus, zum Rücktritt. Zum Nachfolger ernannte er Adolfo Suárez, der auch nicht frei war vom Franquismus, dennoch wurde der Weg in die Zeit der Transición leichter, in der das franquistische Regime abwickelt wurde. Dazu gehörte die Selbstauflösung des franquistischen Parlaments Cortes und seine Ablösung durch ein gewähltes Zweikammerparlament, die Zulassung politischer Parteien, darunter auch der kommunistischen Partido Comunista Español (PCE), und der Gewerkschaften. Am 15. Juni 1977 wählte Spanien zum ersten Mal seit 1936 in freien Wahlen wieder ein Parlament.
Bis zur Gründung der El País hatte es nur Zeitungen unter strenger staatlicher Kontrolle mit Vorzensur gegeben. Darunter Arriba, die Zeitung der Staatspartei Falange, das direkte Sprachrohr der Regierung der franquistischen Ideologie. Angepasst hatten sich ABC, die traditionsreiche katholisch-monarchistische-konservative Zeitung war linientreu. La Vanguardia aus Barcelona war bis Mitte der 1960 Jahre dem Franco-Regime ergeben, wurde dann aber etwas oppositioneller. El Triunfo (Der Triumph) versuchte, als linkes Magazin durch kritische Kommentare aufklärerisch zu wirken.
El País stand seine Bewährungsprobe noch bevor. Die Zeitung entwickelte sich seit ihrem ersten Erscheinen zu einer der wichtigsten publizistischen Plattformen in Spanien und weit darüber hinaus. Bedeutend ihre Reaktion auf den Putschversuch unter Führung des Guardia-Civil-Oberstleutnants Antonio Terjeo am 23. Februar 1991, als das Parlament besetzt wurde. Der Putsch dauerte über sechs Stunden, bis sich Juan Carlos I. im Fernsehen für die Demokratie aussprach. Die bereits ausgerückten Teile der Armee und der Guardia Civil kehrten in ihre Kasernen zurück. El País produzierte während dieser Stunden eine Sonderausgabe zum Putsch mit einem Bekenntnis zur Demokratie.
El País erscheint an sieben Tagen der Woche. Die Zeitung gehört zur größten Mediengruppe Spaniens, der Grupo Prisa. Der Name Prisa ist ein Akronym für Promotora de Informaciones S.A. mit Sitz in Madrid. Sie ist eine börsennotierte, weltweit führende spanisch- und portugiesischsprachige Mediengruppe für Bildung, Nachrichten, Informationen und Unterhaltung. Das Unternehmen wurde 1972 vom Medienunternehmer Jesus de Polanco und José Ortega Spottorno gegründet, einem Sohn des spanischen Philosophen José Ortega y Gasset. Zur Prisa-Gruppe gehören heute neben El País die tägliche Sportzeitung Diario As, die Wirtschaftszeitung Cinco Dias, der meistgehörte Sender Cadena SER sowie die Musiksender Los 40 Principales, M80, Cadena Dial, Máxima FM und Radio Olé.
Im Jahr 2010 stieg der Unternehmer Nicolas Berggruen mit 900 Millionen US-Dollar bei Prisa ein, er hält seitdem die Mehrheit am Kapital. Sein Vater Heinz Berggruen (1914-2007) war der berühmte Kunstsammler und Galerist; seine Sammlung ist heute Teil des nach ihm benannten Berliner Museums. Der Mehrheitseigentümer bis dahin, die Polanco-Gruppe, reduzierte darauf ihren Anteil auf 30 Prozent.
El País hatte bei ihrem Start eine Auflage von täglich rund 43500 Exemplaren, heute liegt die Printauflage bei über 74000 Exemplaren. Besonders in der der digitalen Welt wächst die Bedeutung der Zeitung; inzwischen erreicht El País als führende spanischsprachige Zeitung im Internet und zum Beispiel auf der Plattform X viele Millionen Leserinnen und Leser, viele davon auch in der Bunderepublik. Für Lateinamerika gibt es eine eigene digitale Ausgabe.
Politisch gilt El País als linksliberal, steht der Partei Partido Socialista Obrero Español (PSOE), nahe, versteht sich selbst aber nicht als sozialistisch oder sozialdemokratisch. Nicht zu unterschätzen ist auch ihre kulturelle Bedeutung, die sich einer einerseits dem Institut des Libro de estilo verdankt, eine Art Stilfibel, ein Handbuch des erwünschten Sprachgebrauchs und andererseits prominenten Gastautoren wie den Schriftstellern – in der Vergangenheit – Mario Vargas Llosa oder – in der Gegenwart – Antonio Muñoz Molina und Juan José Millás. El Roto zeichnet die Cartoons für das Blatt.