Skip to content

Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

☞

Menu
Menu

Kanonen oder Butter

Sind Rüstungs­in­ve­sti­tio­nen gesamt­wirt­schaft­lich ren­ta­bel? Immer, wenn es dar­um geht, unge­wöhn­lich hohe Rüstungs­aus­ga­ben zu begrün­den, wird von den Befür­wor­tern ver­sucht, ihnen das Män­tel­chen des öko­no­mi­schen Nut­zens umzu­hän­gen. Rüstungs­aus­ga­ben sind Inve­sti­tio­nen, die der Volks­wirt­schaft einen spür­ba­ren Wachs­tums­im­puls geben, heißt es dann immer öfter in Publi­ka­tio­nen und Talk­shows, oft von Exper­ten geäu­ßert, die zugleich Lob­by­isten sind. Weit gefehlt im Ver­gleich zu ande­ren Inve­sti­tio­nen, zumal im direk­ten Ver­gleich zu öffent­li­chen Infra­struk­tur­in­ve­sti­tio­nen, sagen die Kri­ti­ker. Seit der Aus­set­zung der Schul­den­brem­se zur Finan­zie­rung von Rüstungs­aus­ga­ben ist die neue alte Debat­te wie­der ein­mal in Mei­nungs­bild gerückt wor­den: Kano­nen oder But­ter? Waf­fen oder Wohlstand?

Zuge­spitzt gesagt ist es den Befür­wor­tern egal, wie und was pro­du­ziert wird, es stei­ge­re das Brut­to­in­lands­pro­dukt glei­cher­ma­ßen. Wirk­lich? Was ist an die­ser The­se dran? Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lich gespro­chen, befin­den wir uns hier in der Kon­tro­ver­se um den Ein­kom­mens­mul­ti­pli­ka­tor und sei­nen Ein­fluss auf die Staats­fi­nan­zen. Die Rüstungs­aus­ga­ben in Deutsch­land wer­den in den kom­men­den Jah­ren mas­siv stei­gen. Nach der durch das Bun­des­ka­bi­nett im April vor­ge­leg­ten Finanz­pla­nung ist zwi­schen 2027 und 2030 ein Zuwachs der Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben (Ein­zel­plan 14) um über 610 Mil­li­ar­den Euro geplant. Über die Mit­tel im Nor­mal­haus­halt hin­aus wird die Finan­zie­rung die­ser Aus­ga­ben durch die neu­er­dings in der Ver­fas­sung fest­ge­schrie­be­ne Aus­nah­me­re­gel bei der Schul­den­brem­se mög­lich: Auch alles, was an Aus­ga­ben für die Ver­tei­di­gung über ein Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) hin­aus­geht, darf mit Kre­di­ten finan­ziert wer­den – im Volu­men unbe­grenzt. Die vor­ge­se­he­ne Kre­dit­auf­nah­me für die­se »Bereichs­aus­nah­me« zur Schul­den­re­gel sum­miert sich nach der vor­lie­gen­den Pla­nung von 2027 bis 2030 auf mehr als 470 Mil­li­ar­den Euro, noch­mal gut drei Pro­zent vom BIP.

Eine Rie­sen­sum­me für einen Rüstungs­schub, der in der Tat gera­de­zu von selbst die Fra­ge nach dem Effekt auf die Wirt­schaft und ihr Wachs­tum auf­wirft. Zur Berech­nung bzw. Recht­fer­ti­gung wird hier gern der aus der Gesamt­wirt­schafts­leh­re nach John May­nard Keynes ent­wickel­te Ein­kom­mens­mul­ti­pli­ka­tor her­an­ge­zo­gen. Die­ser Mul­ti­pli­ka­tor erfasst auch die indi­rek­ten Wir­kun­gen der öffent­li­chen Aus­ga­ben für die Ver­tei­di­gungs­wirt­schaft, aller­dings nur in Bezug auf die dadurch über meh­re­re Stu­fen der Pro­duk­ti­ons­ket­te stei­gen­de Kon­sum­nach­fra­ge. Durch den Impuls zusätz­li­cher Aus­ga­ben steigt die Pro­duk­ti­on und damit das Ein­kom­men nicht nur in den unmit­tel­bar mit Auf­trä­gen ver­sorg­ten Rüstungs­un­ter­neh­men. Es pro­fi­tie­ren auch die Zulie­fer­be­trie­be (etwa Stahl­in­du­strie, Che­mie) und wie­der­um deren Zulieferer.

Der Mul­ti­pli­ka­tor setzt den Zuwachs an Kon­sum­nach­fra­ge durch ein stei­gen­des Volks­ein­kom­men über die gesam­te Pro­duk­ti­ons­ket­te in das Ver­hält­nis zu dem Aus­ga­ben­im­puls, der dadurch aus­ge­löst wird. Das Ergeb­nis ist wahr­lich kein Grund, die öko­no­mi­schen Effek­te von Rüstungs­in­ve­sti­tio­nen beson­ders her­aus­zu­strei­chen, im Gegen­teil: Makro­öko­no­mi­sche, empi­risch fun­dier­te Stu­di­en wei­sen einen Mul­ti­pli­ka­tor für Rüstungs­aus­ga­ben in Deutsch­land von eher 0,5 nach. Dem­nach löst eine Mil­li­ar­de für Rüstungs­auf­trä­ge nur die Hälf­te an gesamt­wirt­schaft­li­cher Pro­duk­ti­on aus. Der Ver­gleich zwi­schen Kre­di­ten für Rüstungs­aus­ga­ben zu denen für öffent­li­che Infra­struk­tur­in­ve­sti­tio­nen zeigt jedoch: Die sum­mier­ten Fol­gen und Fol­ge­fol­gen für die Infra­struk­tur, die im Fis­kal­mul­ti­pli­ka­tor zusam­men­ge­fasst wer­den, lie­gen nach neue­ren Unter­su­chun­gen in einer Band­brei­te zwi­schen 1 und 2 1,5. Auf der Basis umfas­sen­der empi­ri­scher Daten hat das Deut­sche Insti­tut für Wirt­schaft (DIW) im letz­ten Jahr für öffent­li­che Inve­sti­tio­nen einen Mul­ti­pli­ka­tor von 2 errech­net. Dem­zu­fol­ge führt die staat­li­che Aus­ga­be für Inve­sti­tio­nen von einer Mil­li­ar­de Euro dem­zu­fol­ge also zu einem Gesamt­zu­wachs an Volks­ein­kom­men von zwei Milliarden.

Die Grün­de für den unter 1 lie­gen­den Mul­ti­pli­ka­tor bei Rüstungs­aus­ga­ben sind: Kon­junk­tu­rell ist die Aus­la­stung der Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten gering. Dage­gen ist die Import­ab­hän­gig­keit hoch. Schließ­lich nut­zen Rüstungs­kon­zer­ne ihre Markt­macht zur Preis­er­hö­hung, die den rea­len Pro­duk­ti­ons­ef­fekt redu­ziert. Zudem wer­den, wenn es um die Bewer­tung von Rüstungs­aus­ga­ben geht, wich­ti­ge län­ger­fri­sti­ge nega­ti­ve Fol­gen für eine zukunfts­fä­hi­ge Wirt­schafts­ent­wick­lung aus­ge­blen­det. So tra­gen die Rüstungs­aus­ga­ben nicht zum Auf­bau von nach­hal­ti­gen Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten bei.

Dem wer­den in der Aus­ein­an­der­set­zung dann gern hohe Spill­over-Effek­te der Rüstungs­aus­ga­ben zugun­sten zivi­ler Pro­dukt­in­no­va­tio­nen gegen­über­ge­stellt, also das posi­ti­ve »Über­schwap­pen« von mili­tä­risch-tech­ni­schen Erfin­dun­gen in ande­re Berei­che. Frü­her waren Mikro­wel­len­öfen und hoch­wer­ti­ge Kle­be­stof­fe Bei­spie­le von zivi­ler Nut­zung mili­tä­ri­scher Pro­dukt­in­no­va­tio­nen. Heu­te wird etwa auf die Satel­li­ten­sy­ste­me und Pro­duk­te der »Cyber Secu­ri­ty« ver­wie­sen. Neu­er­dings wird die­ser Dual-Use-Effekt im Zusam­men­hang des Aus­baus mili­tä­ri­scher Ein­rich­tun­gen in den deut­schen See­hä­fen als gün­stig für die gesam­te Umschlags­in­fra­struk­tur genannt.

Posi­ti­ven Effek­ten für die zivi­le Wirt­schaft und Gesell­schaft als Fol­ge der For­cie­rung von Rüstungs­aus­ga­ben zugun­sten der zivi­len Wirt­schaft und Gesell­schaft steht aller­dings in vie­len Fäl­len eine wei­te­re nega­ti­ve Wir­kung gegen­über. For­schung und Ent­wick­lung für Rüstung wird aus Sicher­heits­grün­den syste­ma­tisch gegen­über zivi­len Zie­len abge­schot­tet. Damit ist ein wech­sel­sei­ti­ger Aus­tausch zwi­schen mili­tä­ri­schen und zivi­len Anfor­de­run­gen oft­mals ver­sperrt. Auch wird durch den Vor­rang für die Ent­wick­lung von Rüstungs­tech­no­lo­gien die For­schung und Ent­wick­lung zivi­ler Pro­duk­te vor allem wegen der Kon­kur­renz um For­schungs­mit­tel behin­dert. Die zivi­le tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung wird heu­te durch den Res­sour­cen fres­sen­den Mili­tär-Keyne­sia­nis­mus benach­tei­ligt. »Dual Use«, also der wech­sel­sei­ti­ge prak­ti­sche Vor­teil aus zivil und mili­tä­risch genutz­ten Tech­no­lo­gien, wird zur Ein­bahn­stra­ße. Die mili­tä­ri­schen Inter­es­sen domi­nie­ren die Pro­dukt- und Pro­zess­in­no­va­tio­nen und tre­ten in Kon­kur­renz zur sozi­al-öko­lo­gi­schen Nach­hal­tig­keits­for­schung. Kre­dit­fi­nan­zier­te öffent­li­che Infra­struk­tur­in­ve­sti­tio­nen sind Rüstungs­aus­ga­ben also gesamt­wirt­schaft­lich, fis­ka­lisch und tech­no­lo­gisch über­le­gen: Ihr über 1 lie­gen­der Ein­kom­mens­mul­ti­pli­ka­tor ver­viel­facht die Wert­schöp­fung und damit die Basis zur Finan­zie­rung der Zin­sen und Til­gung in der Zukunft. Hier trifft die »gol­de­ne Regel« für kre­dit­fi­nan­zier­te öffent­li­che Infra­struk­tur­in­ve­sti­tio­nen zu. Zugleich wer­den etwa mit den öffent­li­chen Inve­sti­tio­nen in die öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­ti­on der Pro­duk­ti­on Umwelt­ko­sten ver­mie­den; Zukunft wird gestal­tet. Da umge­kehrt bei kre­dit­fi­nan­zier­ten Rüstungs­aus­ga­ben mit einem Mul­ti­pli­ka­tor unter 1 im Ver­gleich weni­ger an zusätz­li­chem Ein­kom­men gene­riert wird, ver­klei­nert sich damit auch der Spiel­raum zur Finan­zie­rung des künf­ti­gen Kapi­tal­dien­stes (Zin­sen und rück­zahl­ba­re Schuld­ti­tel). Läge er über 1 – wie bei den öffent­li­chen Infra­struk­tur­in­ve­sti­tio­nen –, dann wür­de über Steu­er­mehr­ein­nah­men fis­ka­li­scher Spiel­raum zur Finan­zie­rung des Kapi­tal­dien­stes ent­ste­hen. So aber lösen Schul­den durch Rüstungs­aus­ga­ben eine unver­hält­nis­mä­ßig gro­ße und nur schwer abbau­ba­re Bela­stung für den öffent­li­chen Haus­halt aus. Es wer­den Ein­spa­run­gen oder auch Steu­er­erhö­hun­gen erfor­der­lich: zu Lasten nach­fol­gen­der Generationen.

Mit den in der gesamt­wirt­schaft­li­chen Wir­kung stark redu­zier­ten Mul­ti­pli­ka­tor­ef­fek­ten las­sen sich Rüstungs­aus­ga­ben im Ver­gleich zu öffent­li­chen Infra­struk­tur­in­ve­sti­tio­nen also nicht seri­ös recht­fer­ti­gen. Sie mögen sicher­heits­po­li­tisch moti­viert sein. Makro­öko­no­misch, tech­no­lo­gisch und fis­ka­lisch sind ihnen zivi­le Infra­struk­tur­in­ve­sti­tio­nen in die Bestands­si­che­rung und in die Zukunft klar überlegen.

Die aktu­el­le Sicher­heits­po­li­tik hat einen Preis – und zwar im Umfang der Benach­tei­li­gung einer sozi­al und öko­lo­gisch nach­hal­ti­gen Wirt­schaft. But­ter oder Kano­nen? Die poli­ti­sche Ent­schei­dung zugun­sten der Kano­nen lässt sich öko­no­misch jeden­falls nicht schönreden.