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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zehn Jahre und sechs Köpfe

Zehn Jah­re ist es her, dass die Bri­ten mit einer eher knap­pen Mehr­heit für den Brexit ent­schie­den haben. Am 23. Juni 2016 stimm­ten rund 46,5 Mil­lio­nen Wahl­be­rech­tig­te dar­über ab, ob ihr Ver­ei­nig­tes König­reich Mit­glied der Euro­päi­schen Uni­on blei­ben oder aus dem Staa­ten­bund aus­tre­ten sol­le. Ich hielt mich damals bei Freun­den in der Nähe von Oxford auf. Als wir um Mit­ter­nacht die von der BBC über­tra­ge­nen ersten Aus­zäh­lungs­er­geb­nis­se ver­folg­ten, zeich­ne­te sich ab, was am frü­hen Mor­gen des 24. Juni Gewiss­heit wur­de: Nach Aus­zäh­lung aller 382 Wahl­krei­se hat­ten sich 51,9 Pro­zent für den Aus­tritt aus der EU nach 47 Jah­ren Mit­glied­schaft ent­schie­den, für den Ver­bleib nur 48,1 Prozent.

Der Voll­zug des Brexits fand am 31. Janu­ar 2020 in Brüs­sel um 24 Uhr statt; ab dem 1. Febru­ar 2020 exakt 0 Uhr hat­te das Ver­ei­nig­te König­reich gemäß der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­ho­fes (vom 10.12.2018) kei­ne Mög­lich­keit mehr, sei­ne Absichts­er­klä­rung zum Aus­tritt ein­sei­tig zurück­zu­zie­hen. Die 73 bri­ti­schen Man­dats­trä­ge­rin­nen und -trä­ger muss­ten das EU-Par­la­ment verlassen.

Seit­her wer­den Kon­ser­va­ti­ve und Labour des Regie­rens nicht mehr froh. Seit der Ent­schei­dung der Bri­ten, ihre Inseln vor der Küste der EU wie­der unab­hän­gig von den in Brüs­sel gefäll­ten Ent­schei­dun­gen und Richt­li­ni­en zu behaup­ten, sind für die seit­dem wal­ten­den Pre­mier­mi­ni­ste­rin­nen und Pre­mier­mi­ni­ster ver­track­te Zei­ten ange­bro­chen. Bis zum heu­ti­gen Tag gab es unge­wöhn­lich häu­fi­ge Wech­sel an der Regie­rungs­spit­ze. Nach David Came­rons Rück­tritt – der Kon­ser­va­ti­ve hat­te vom Mai 2010 bis 13. Juli 2016 das Heft in der Hand – über­nahm die Kon­ser­va­ti­ve The­re­sa May das Amt, das sie nach end­lo­sen Que­re­len am 24. Juli 2019 an den Par­tei­kol­le­gen Boris John­son abge­ben muss­te. Er ver­lor es auf­grund des Ver­trau­ens­ver­lu­stes durch meh­re­re Skan­da­le am 6. Sep­tem­ber 2022 an die Par­tei­kol­le­gin Liz Truss, die infol­ge ihrer tur­bu­len­ten Wirt­schafts- und Steu­er­po­li­tik nur 49 Tage im Amt blieb. Truss hat nun die kür­ze­ste Amts­zeit eines Pre­miers in der bri­ti­schen Geschich­te auf­zu­wei­sen. Am 25. Okto­ber 2022 wur­de sie durch den kon­ser­va­ti­ven Kol­le­gen Rishi Sunak ersetzt. Der wie­der­um regier­te auch kei­ne zwei Jah­re, denn er muss­te 2024 unter öffent­li­chem und inter­nem Druck Unter­haus-Neu­wah­len aus­ru­fen, bei der die Labour Par­ty unter Keir Star­mer am 4. Juli 2024 einen uner­war­tet hohen Wahl­sieg errang. Einen Tag spä­ter begann Star­mer sei­ne Tätig­keit als Pre­mier­mi­ni­ster. Sie kam am 21. Juni 2026 ans Ende, als er sei­nen Rück­tritt als Par­tei­vor­sit­zen­der der Labour Par­ty ver­kün­de­te. Sein Abtritt als Regie­rungs­chef erfolgt nach der Beru­fung der ihn als Par­tei­vor­sit­zen­den ablö­sen­den Person.

Keir Star­mer, der sech­ste bri­ti­sche Pre­mier­mi­ni­ster seit dem Refe­ren­dum, schien nach dem über­wäl­ti­gen­den Wahl­sieg der Labour Par­ty 2024 die Chan­ce zu besit­zen, Brexi­tan­ni­en poli­tisch zu sta­bi­li­sie­ren und wirt­schaft­lich neu aus­zu­rich­ten. Statt­des­sen ver­lor sich sei­ne Regie­rung in einer Rei­he von Fehl­ent­schei­dun­gen. Die Kür­zung des Heiz­ko­sten­zu­schus­ses für Rent­ner, Ein­schnit­te bei Sozi­al­lei­stun­gen zur Finan­zie­rung höhe­rer Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben und meh­re­re Per­so­nal­ent­schei­dun­gen, die nach öffent­li­cher Kri­tik wie­der zurück­ge­nom­men wer­den muss­ten, beschä­dig­ten sei­ne Auto­ri­tät nach­hal­tig. Drin­gend gebo­te­ne Ver­bes­se­run­gen der Steu­er- und der Gesund­heits­po­li­tik blie­ben aus, wäh­rend die Armut ste­tig wei­ter anstieg – aktu­el­len Schät­zun­gen zufol­ge leben im König­reich 14 Mil­lio­nen Men­schen in Armut, dar­un­ter rund 4,5 Mil­lio­nen Kin­der. Zur Poli­tik des Durch­wur­stelns gehör­te unter Keir Star­mer außer­dem die restrik­ti­ve Migra­ti­ons­po­li­tik, die sich bis­lang kaum von den kon­ser­va­ti­ven Vor­gän­ger­re­gie­run­gen unterscheidet.

Die Fol­gen der unin­spi­rier­ten Regie­rungs­po­li­tik und der Serie soge­nann­ter »unforced errors« waren dra­ma­tisch. Sir Star­mers Zustim­mungs­wer­te stürz­ten nach­ge­ra­de inner­halb weni­ger Mona­te auf histo­ri­sche Tief­stän­de ab – laut dem Insti­tut You­Gov hiel­ten ihn jüngst 74 Pro­zent der Bri­tin­nen und Bri­ten für einen schlech­ten Pre­mier­mi­ni­ster. Zudem kehr­ten ihm meh­re­re Mini­ster den Rücken – zuletzt der Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster John Hea­ley – und lehn­ten ihn mehr als hun­dert Labour-Abge­ord­ne­te als Par­tei­chef ab, als Anfang Mai die her­ben Ver­lu­ste bei den Kom­mu­nal- und Regio­nal­wah­len in Eng­land, Schott­land und Wales zugun­sten der rechts­brexi­sti­schen Par­tei Reform UK ein­ge­tre­ten waren. Schließ­lich zog Star­mer die Kon­se­quen­zen und trat zurück – kei­ne zwei Jah­re nach sei­nem Amts­an­tritt als Premier.

Zehn Jah­re nach dem Refe­ren­dum ist mehr als offen­bar, dass der Brexit für das Ver­ei­nig­te König­reich zu einem gewal­ti­gen wirt­schaft­li­chen und sozia­len Pro­blem gewor­den ist. Seriö­sen Schät­zun­gen zufol­ge ist das Brut­to­in­lands­pro­dukt inzwi­schen um sechs bis acht Pro­zent gerin­ger gewor­den, wäh­rend die Lebens­hal­tungs­ko­sten enorm gestie­gen sind. Was von den Befür­wor­tern des ›Lea­ve‹ als Beginn eines neu­en Zeit­al­ters natio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät ange­kün­digt wur­de, gilt immer mehr Bri­tin­nen und Bri­ten als poli­ti­scher Irr­weg. Laut einer im Mai vor­ge­leg­ten Stu­die des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts Ipsos sind inzwi­schen 58 Pro­zent der Bevöl­ke­rung für den Wie­der­ein­tritt in die Euro­päi­sche Uni­on. Bemer­kens­wer­ter­wei­se führt in den lan­des­wei­ten Umfra­gen jedoch nach wie vor genau der Brexi­tist, der für die ram­po­nier­te Wirt­schaft erheb­lich mit­ver­ant­wort­lich ist: Nigel Fara­ge. Für ihn und sei­ne Anhän­ger ist der EU-Aus­tritt rich­tig, jedoch die bis­he­ri­ge Umset­zung falsch. Der rechts­po­pu­li­sti­sche Chef von Reform UK, der seit 2024 auch als Abge­ord­ne­ter im Unter­haus sitzt, behaup­tet uner­müd­lich, der Aus­tritt sei eine Erfolgs­idee und müs­se als sol­che behan­delt wer­den. Übri­gens belegt eine BBC-Doku­men­ta­ti­on zum zehn­ten Jah­res­tag des Refe­ren­dums, wie unvor­be­rei­tet die füh­ren­den Brexit-Ideo­lo­gen auf ihren Abstim­mungs­er­folg tat­säch­lich waren. So gibt der frü­he­re Pre­mier­mi­ni­ster Boris John­son zu: »Wir hat­ten kei­nen Plan, was wir danach tun soll­ten, weil wir nicht dach­ten, dass es unser Job ist, einen Plan zu haben.« Bis heu­te prägt die Nei­gung, kom­ple­xe Zusam­men­hän­ge auf ein­fa­che Paro­len zu redu­zie­ren und unbe­que­me Fak­ten aus­zu­blen­den, die­se Hal­tung der Brexi­sten. Dazu gehö­ren neben dem nied­ri­ger aus­fal­len­den bri­ti­schen Brut­to­in­lands­pro­dukt der Rück­gang der Inve­sti­tio­nen, die schwä­che­re Ent­wick­lung der Pro­duk­ti­vi­tät als in ver­gleich­ba­ren Volks­wirt­schaf­ten sowie der kom­pli­zier­ter gewor­de­ne der Han­del mit der EU.

Seit 2016 steckt das Ver­ei­nig­te König­reich in einer poli­ti­schen Iden­ti­täts­kri­se. Die wirt­schaft­li­chen Fol­gen des EU-Aus­tritts sind unüber­seh­bar, das Ver­trau­en in die tra­di­tio­nel­len Par­tei­en schwin­det. Der ful­mi­nan­te Auf­schwung der Green Par­ty unter dem Par­tei­vor­sit­zen­den Zack Pol­an­ski mit ihren lin­ken Posi­tio­nen und die Grün­dung der neu­en Links­par­tei Your Par­ty um Jere­my Cor­byn bil­den gegen­wär­tig ein neu­ar­ti­ges pro­gres­si­ves Lager auf der Insel. Aller­dings erhal­ten ins­be­son­de­re im kri­seln­den Nor­den Eng­lands aus­ge­rech­net jene Kräf­te Zulauf, die den fata­len Brexit einst maß­geb­lich vor­an­ge­trie­ben haben. Jeden­falls erhält in lan­des­wei­ten Umfra­gen gegen­wär­tig die rechts­po­pu­li­sti­sche Par­tei Reform UK unter Nigel Fara­ge die höch­ste Zustimmung.

Deut­lich wird inzwi­schen, dass sich durch die­se neu­en Akteu­re das tra­di­tio­nell von der Labour und der Con­ser­va­ti­ve Par­ty (teils ergänzt mit den Libe­ral Demo­crats) domi­nier­te Zwei­par­tei­en­sy­stem ten­den­zi­ell auf­löst. Aller­dings fin­det die näch­ste Gene­ral Elec­tion bzw. Unter­haus­wahl nicht vor August 2029 statt. Und bis dahin dürf­te die Labour Par­ty, die 2024 unter Star­mer mit 33,7 Pro­zent der Wäh­ler­stim­men nahe­zu zwei Drit­tel der Par­la­ments­man­da­te (63,2 Pro­zent) gewann, die Regie­rungs­po­li­tik bestim­men. Nicht zu ver­ges­sen: Wäh­rend vor zwei Jah­ren Labour enorm vom bri­ti­schen Mehr­heits­wahl­sy­stem pro­fi­tier­te, traf das weder auf Reform UK noch auf die Green Par­ty zu. Wäh­rend Reform UK mit 14 Pro­zent der Wäh­ler­stim­men gera­de ein­mal fünf Par­la­ments­man­da­te erhielt, gewan­nen die Grü­nen mit sie­ben Pro­zent vier Man­da­te. Was Wun­der, dass sie eine Reform des Wahl­sy­stems fordern.

Wenn sich die Labour Par­ty auf einen ein­zi­gen Kan­di­da­ten für den Par­tei­vor­sitz ver­stän­digt, könn­te das Ver­ei­nig­te König­reich bereits vor der Som­mer­pau­se einen neu­en Pre­mier im Amt haben. Gegen­wär­tig deu­tet alles dar­auf hin, dass dies Andy Burn­ham sein wird, der eigens über eine Nach­wahl ins Unter­haus zurück­keh­ren konn­te, nach­dem ein Labour-Abge­ord­ne­ter sei­nen Wahl­kreis frei­ge­macht hat­te. Denn nur Abge­ord­ne­te kön­nen Par­tei­chef und damit Pre­mier­mi­ni­ster wer­den. Burn­ham, der 2017 nach dem geschei­ter­ten Ver­such, an die Par­tei­spit­ze zu gelan­gen, das Par­la­ment ver­las­sen hat­te, hat sich seit­dem als Bür­ger­mei­ster von Grea­ter Man­che­ster als ideen­rei­cher Pro­blem­lö­ser in der von arger Deindu­stria­li­sie­rung betrof­fe­nen Regi­on erwie­sen. Als sein größ­tes Ver­dienst gilt die Wie­der­ver­staat­li­chung des öffent­li­chen Nahverkehrs.

Soll­te Burn­ham der näch­ste Labour-Par­tei­chef und Pre­mier des Ver­ei­nig­ten König­reichs wer­den, wird sich zei­gen, ob es ihm gelingt, eine ganz ande­re Rich­tung als sein Vor­gän­ger ein­schla­gen. Nach außen etwa die Über­win­dung der durch den Brexit ent­stan­de­nen poli­ti­schen Kluft zur EU. Da sich ange­sichts wach­sen­der glo­ba­ler Unsi­cher­hei­ten die Euro­päi­sche Uni­on drin­gend wie­der als hand­lungs­fä­hi­ge poli­ti­sche Gemein­schaft ver­ste­hen und ver­hal­ten soll­te, müss­te auch inner­halb der Labour-Par­tei die For­de­rung an Gewicht gewin­nen, sich nicht län­ger auf einen blo­ßen »Neu­start« der Bezie­hun­gen zur EU zu beschrän­ken, son­dern eine erneu­te Debat­te über die bri­ti­sche EU-Mit­glied­schaft anzustoßen.