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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Linker Fehlgriff

Der Par­tei­tag der Lin­ken in der Pots­da­mer Metro­po­lis-Hal­le: drei inter­es­san­te Tage auf Phoe­nix. Ines Schwerdt­ner bril­lier­te als Maria, wäh­rend ihr neu­er Ko-Vor­sit­zen­der Lui­gi Pan­tis­a­no als Fre­der den Kampf mit der Poli­tik-Herz­ma­schi­ne sogleich kra­chend ver­lor. Und das nicht nur, weil er mit 53 Pro­zent der Dele­gier­ten-Stim­men mal so gera­de am poli­ti­schen Gau vorbeischrammte.

Es gab bewe­gen­de Momen­te, vor allem die Reden der in Ber­lin leben­den Frie­dens­ak­ti­vi­stin Ver­ed Ber­man aus Jeru­sa­lem von Par­ents Cir­cle Fri­ends Deutsch­land und der Knes­set-Abge­ord­ne­ten Aida Tou­ma-Sulei­man aus Naza­reth von der sozia­li­sti­schen Listen­par­tei Cha­dasch. Es gab mobi­li­sie­ren­de Momen­te, Auf­brü­che, inner­par­tei­li­che Durch­brü­che in den Auf­fas­sun­gen von Völ­ker­mord und zu Isra­el, Hin­wen­dung zu den arbei­ten­den Men­schen, für die die Lin­ke Poli­tik machen will. Es gab auch kurio­se Momen­te wie den Antrag, die Vor­stel­lungs­re­den der kom­men­den Vor­sit­zen­den um jeweils drei Minu­ten zu kür­zen, wor­über dann eine gute hal­be Stun­de ver­han­delt wur­de. Zwi­schen­durch erin­ner­te der Par­tei­tag an stu­den­ti­sche Ple­nen in den Sieb­zi­gern mit ihren basis­de­mo­kra­ti­schen Klas­sen­kämp­fen um die Geschäftsordnung.

Und es gab ärger­li­che Momen­te. So viel Faschis­mus war nie, jeden­falls in den Reden der Dele­gier­ten. Nur weni­ge kamen ohne das Wort in sei­nen ver­schie­de­nen Dekli­na­tio­nen und Fle­xio­nen aus. Ein Ton, den tags zuvor schon Lui­gi Pan­tis­a­no gesetzt hat­te, der es fer­tig­brach­te, in der Bild-Zei­tung (!) die Poli­tik der CDU und der AfD glei­cher­ma­ßen als »faschi­stisch« zu bezeich­nen. Ent­we­der aus Kal­kül, um sich bekannt zu machen, oder aus poli­ti­scher Dumm­heit; bei­des ist ver­werf­lich. Im Sprin­ger-Haus dürf­ten die Sekt­kor­ken geknallt haben ob der unver­hoff­ten Steil­vor­la­ge für die CDU-Spit­zen, die sich hier ein­mal in berech­tig­ter Empö­rung insze­nie­ren konn­ten. Die Wahl­kämp­fe­rin­nen und Wahl­kämp­fer der Ost-Lin­ken, die womög­lich im Herbst zusam­men mit der CDU eine AfD-Regie­rung ver­hin­dern müs­sen, waren entsetzt.

Pan­tis­a­no hat sich dann ver­druckst ent­schul­digt. Und das war’s? – Faschis­mus, das ist ein schwie­ri­ger Begriff. Umso sorg­sa­mer soll­te man mit ihm umge­hen. Er steht, schon im ita­lie­ni­schen Ursprung, für Natio­na­lis­mus, Füh­rer­prin­zip, Ein­par­tei­en­dik­ta­tur; in der deut­schen, der völ­kisch-natio­nal­so­zia­li­sti­schen Form mehr noch für Anti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus; für Ter­ror und Gewalt gegen Anders­den­ken­de, gegen Kom­mu­ni­sten, Sozi­al­de­mo­kra­ten, Libe­ra­le; für Pogro­me gegen die jüdi­sche Bevöl­ke­rung. Histo­risch steht er wei­ter für Impe­ria­lis­mus, deut­sche Angriffs­krie­ge und den Ver­nich­tungs­krieg gegen die Sowjet­uni­on, für Mas­sen­mord, für Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, für die syste­ma­ti­sche Ermor­dung von behin­der­ten Men­schen, Sin­ti und Roma und – das Ewig­keits­ver­bre­chen – Juden in der Shoah.

Die Bedeu­tung eines Begriffs, sagt der Phi­lo­soph Lud­wig Witt­gen­stein, liegt in sei­nem Gebrauch in der Spra­che. Man­che Ver­glei­che erge­ben im Ein­zel­nen und im kon­kre­ten Zusam­men­hang bis­wei­len Sinn; der infla­tio­nä­re und unan­ge­brach­te Gebrauch des Begriffs Faschis­mus als labe­l­ing für alles Mög­li­che nivel­liert sei­nen Sinn, am Ende ins Unkennt­li­che. Nicht mit Absicht ver­mut­lich, aber auch die­se Art von geschichts­ver­ges­se­ner Dumm­heit miss­ach­tet zutiefst die Opfer des Faschis­mus. Und ent­schul­det die Täter.

Bit­te nicht wieder!