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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Bewusstsein gesucht

Karl Marx schrieb: »Das Sein bestimmt das Bewusst­sein.« Was heißt das aber heu­te, in einem hoch­ent­wickel­ten sowie glo­bal- und finanz­markt­ge­trie­be­nen Kapi­ta­lis­mus mit stark zuneh­men­den digi­ta­len Ver­wer­fun­gen in einer jetzt begin­nen­den vier­ten indu­stri­el­len Revo­lu­ti­on? Klas­sen­be­wusst­sein ist, wenn über­haupt, nur noch schwer­lich iden­ti­fi­zier­bar. Das Wort Pro­le­ta­ri­er ist dage­gen schon eher zu einem Schimpf­wort gewor­den, wo sich doch alle im Kapi­ta­lis­mus nach Bes­se­rem und Höhe­rem seh­nen. Wie soll es aber in einer wider­sprüch­li­chen und kon­kur­renz­ge­trie­be­nen Ord­nung ALLEN bes­ser­ge­hen? Hier gibt es immer Gewin­ner und damit auch Ver­lie­rer. Adam Smith schrieb schon 1776: »Was die einen bekom­men, kön­nen die ande­ren nicht mehr haben.« Und Ber­tolt Brecht brach­te es auf den Punkt: »Rei­cher Mann und armer Mann stan­den da und sahn sich an. Da sagt der Arme bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.«

Eigent­lich ist es eine tri­via­le öko­no­mi­sche Erkennt­nis, dass in einer Kon­kur­renz­wirt­schaft nicht alle gegen­ein­an­der erfolg­reich sein kön­nen. Kapi­ta­li­sten wis­sen das natür­lich, und sie reagie­ren dar­auf mit Inter­na­tio­na­li­sie­run­gen, Mono­po­li­sie­run­gen und Kar­tellie­run­gen. Mit­te des 19. Jahr­hun­derts haben schon Karl Marx und Fried­rich Engels und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts Wla­di­mir Iljitsch Lenin alles dazu Not­wen­di­ge auf­ge­schrie­ben. Inter­na­tio­na­le und trans­na­tio­na­le Kon­zer­ne sind das heu­ti­ge Ergeb­nis. Deren ori­gi­nä­re Grün­der haben noch Marx, Engels und Lenin stu­diert. So wuss­ten sie, was sie im Kapi­ta­lis­mus zu tun und umzu­set­zen hatten.

Die For­de­rung »Pro­le­ta­ri­er aller Län­der, ver­ei­nigt euch«, sozu­sa­gen als uni­ver­sel­le »Coun­ter­vai­ling power« (John Ken­neth Gal­braith) in kapi­ta­li­sti­schen Ord­nungs­sy­ste­men, blieb dage­gen eine Visi­on von Marx und Engels, beschrie­ben 1847/​48 im »Kom­mu­ni­sti­schen Mani­fest«. Das Mani­fest ist heu­te berech­tig­ter­wei­se, neben dem epo­cha­len Werk »Das Kapi­tal. Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie« von Marx, ein Welt­kul­tur­er­be der UNESCO. Und trotz­dem ist die Marx­sche Leh­re als fester Bestand­teil im Cur­ri­cu­lum an wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Hoch­schul­fakul­tä­ten, mit Aus­nah­me von Chi­na, nicht zu fin­den, und ange­hen­de Öko­no­men müs­sen in Fol­ge u.a. auch nicht befürch­ten, den »ten­den­zi­el­len Fall der Pro­fi­tra­te« erklä­ren zu müs­sen. Das ist schlicht ein wis­sen­schaft­li­cher Skan­dal und zeigt uns den heu­te an Hoch­schu­len gelehr­ten Kon­text einer »Vul­gär­öko­no­mie« (Marx). Selbst der bür­ger­li­che Öko­nom und Bri­te Sir John May­nard Keynes, der von Marx nicht viel hielt, wird heu­te allen­falls mit sei­ner »Bastard-Keyne­sia­ni­schen« (Joan V. Robin­son) Vari­an­te eines anti­zy­kli­schen staat­li­chen Ver­hal­tens in Bezug auf kon­junk­tu­rel­le Zyklen in der Wirt­schaft gelehrt, um ihn dann aber sofort wie­der mit staat­li­chen Schuld­brem­sen in »Gefan­gen­schaft« zu nehmen.

Und wo blei­ben da die heu­te abhän­gig Beschäf­tig­ten? Abhän­gig von den Ver­wer­tungs­be­din­gun­gen und Lau­nen des Kapi­tals? Wo bleibt da die Soli­da­ri­tät unter Beschäf­tig­ten, die von der Nach­fra­ge der Kapi­tal­ei­gen­tü­mer abhän­gig sind? Wie soll es hier, in einem das Gan­ze über­la­gern­den Kon­kur­renz-Kapi­ta­lis­mus Soli­da­ri­tät geben? Das ist ein Para­do­xon, das sich auch dar­in zeigt, dass nur jeder sieb­te abhän­gig Beschäf­tig­te in einer der acht DGB-Gewerk­schaf­ten orga­ni­siert ist. Dar­un­ter lei­det dann nicht nur die Streik­be­reit­schaft. Geschwäch­te Gewerk­schaf­ten rufen fast nur noch zu kur­zen Streik­ak­tio­nen auf und scheu­en offen­sicht­lich einen unbe­fri­ste­ten oder zumin­dest län­ge­ren Streik per Urab­stim­mung, denn der könn­te in Anbe­tracht von dann zu zah­len­den hohen Streik­gel­dern teu­er wer­den und womög­lich nicht mehr finan­zier­bar sein. Die Tarif­bin­dung liegt mal gera­de noch bei 50 Pro­zent, und es gibt immer mehr betriebs­rats­lo­se Betrie­be. Rund 20 Mil­lio­nen Beschäf­tig­te müs­sen ihr Arbeits­ent­gelt und ihre Arbeits­zeit indi­vi­du­ell mit dem Unter­neh­mer ver­han­deln. Wer da der Ver­lie­rer ist, muss hier nicht aus­ge­führt wer­den. Die »Ver­hand­lun­gen« kom­men mehr einem Bet­teln gleich. War­um ver­ste­hen die syste­misch Abhän­gi­gen nicht, dass sie nur in einer Koali­ti­on bes­se­re Mög­lich­kei­ten haben. Dies erklärt sich aus einer »Tritt­brett­fah­rer-Men­ta­li­tät« der Beschäf­tig­ten. Der indi­vi­dua­li­sier­te Abhän­gi­ge fragt sich, war­um soll ich mich mit einer Gewerk­schafts­mit­glied­schaft soli­da­risch an dem Zustan­de­kom­men und an der Finan­zie­rung des kol­lek­ti­ven Tarif­ver­tra­ges betei­li­gen, wenn ich auch ohne Mit­glied­schaft das Ergeb­nis des (womög­lich auch noch nur schlech­ten) Tarif­ab­schlus­ses erhal­te? Das Ergeb­nis ist dann eine das Kol­lek­tiv ins­ge­samt schä­di­gen­de Entsolidarisierung.

Und natür­lich hat auch schon immer eine hohe chro­ni­sche Arbeits­lo­sig­keit ihren Anteil an der Ent­so­li­da­ri­sie­rung und nicht zuletzt auch das mit dem neo­li­be­ra­len Para­dig­ma geschaf­fe­ne Arbeitspre­ka­ri­at. Jeder fünf­te Beschäf­tig­te in Deutsch­land zählt mitt­ler­wei­le dazu – Soli­da­ri­tät fehl am Plat­ze. Im Gegen­teil: Die Mit­glie­der der Unter­schicht, die es nach Franz Mün­te­fe­ring, dem ehe­ma­li­gen SPD-Vor­sit­zen­den mit Rea­li­täts­ver­lust, gar nicht gibt, bekämp­fen sich noch unter­ein­an­der, anstatt die Ver­ur­sa­cher ihres Elends anzu­ge­hen. Die­se blei­ben uner­kannt. Sie sit­zen heu­te irgend­wo in der Welt und ver­stecken ihr Ver­mö­gen in anony­men Kapi­tal­fonds und/​oder hal­ten Antei­le in Unter­neh­men, nicht sel­ten als stil­le Teil­ha­ber. Dabei haben sie wil­li­ge Hel­fer in der Poli­tik und hal­ten sich Wis­sen­schaft­ler, die für einen frei­en Kapi­tal­ver­kehr in der Welt sor­gen. Und die Pres­se? Wem gehört sie? Natür­lich Kapi­tal­eig­nern, die man hier Ver­le­ger nennt. Und was wol­len die­se in ihren Zei­tun­gen lesen?

Kapi­ta­lis­mus, das soll­te man wis­sen, basiert auf vie­len system­in­hä­ren­ten Wider­sprü­chen und Aus­beu­tungs­me­cha­nis­men, funk­tio­nal zwi­schen Arbeit und Kapi­tal sowie­so, aber auch inner­halb der Klas­sen beu­ten hier Arbei­ter Arbei­ter und Kapi­ta­li­sten Kapi­ta­li­sten aus und bei­de in einer unheil­vol­len Koali­ti­on die Natur. Im Kapi­ta­lis­mus, dafür braucht man Marx nicht, das steht selbst in jedem BWL-Buch, geht es immer nur um maxi­ma­len Pro­fit für ein paar weni­ge Kapi­tal­eig­ner und deren erwei­ter­te Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on. Die BWL erklärt hier aus­führ­lich, wie das geht. Sinkt die Pro­fi­tra­te, so reagiert das Kapi­tal im System mit sei­nen imma­nen­ten kapi­tal­zen­trier­ten ein­zel­wirt­schaft­li­chen Mecha­nis­men. Schließ­lich kommt es zu einem Inve­sti­ti­ons­at­ten­tis­mus, zu Arbeits­lo­sig­keit und Lohn­ver­fall, Arbeits­zeit­ver­län­ge­run­gen und schlech­te­ren Arbeits­be­din­gun­gen, bis auch hier die Gren­zen erreicht sind. Abge­si­chert wird dies durch ein in der Öko­no­mie wir­ken­des Rechts­sy­stem, das letzt­lich auf unter­neh­me­ri­scher Frei­heit und Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln basiert und das Kapi­tal hofiert. Trotz einer Pseu­do-Mit­be­stim­mung, sowohl betrieb­lich als auch unter­neh­me­risch, haben die abhän­gig Beschäf­tig­ten in den Ein­zel­wirt­schaf­ten nichts zu sagen. Kapi­tal­eig­ner (und ihre ange­stell­ten und hoch­be­zahl­ten Top-Mana­ger) kön­nen die abhän­gi­gen und macht­lo­sen Beschäf­tig­ten jeder­zeit gegen­ein­an­der aus­spie­len, wenn es um Arbeits­ent­gel­te, Arbeits­plät­ze und Inve­sti­tio­nen zum Erhalt der Unter­neh­men und ihrer Stand­or­te geht. Die Beschäf­tig­ten wer­den so bewusst ent­so­li­da­ri­siert und schließ­lich indi­vi­dua­li­siert, und sie träu­men den­noch von Frei­heit. Hier kann man dann wohl mit Kurt Tuchol­sky sagen: »Oh hoch­ver­ehr­tes Publi­kum, sagt ein­mal, bis du wirk­lich so dumm, wie uns das an allen Tagen alle Unter­neh­mer sagen.«

Die Abhän­gi­gen ver­ste­hen nicht, dass sie system­kon­sti­tu­ie­rend sind, wie der Sozio­lo­ge Max Weber schon 1924 schrieb. Der Kapi­ta­lis­mus funk­tio­niert als System nur dann, wenn es Men­schen gibt, die zwar recht­lich frei, aber wirt­schaft­lich genö­tigt sind, ihre Arbeits­kraft jeden Tag ver­kau­fen zu müs­sen. Dabei ver­kau­fen sie aber nicht den Wert ihrer Arbeit, der ihnen gar nicht gehört, son­dern nur die Bewer­tung ihrer dar­un­ter­lie­gen­den Arbeits­kraft. Die Dif­fe­renz, den Mehr­wert (Zins, Grund­ren­te, Pro­fit), bekom­men aus­schließ­lich die Kapi­tal­eig­ner. Wie schrieb schon der libe­ra­le eng­li­sche Öko­nom, John Stuart Mill? Der Grund des Mehr­werts ist, dass die Arbeit mehr pro­du­ziert als zu ihrem Unter­halt, für ihre Repro­duk­ti­on, erfor­der­lich ist. Das ist der tie­fe öko­no­mi­sche Kern, den abhän­gig Beschäf­tig­te und auch ihre Gewerk­schaf­ten selbst heu­te offen­sicht­lich immer noch nicht ver­stan­den haben oder wahr­ha­ben wol­len und des­halb natür­lich auch kein Bewusst­sein dafür ent­wickeln kön­nen. Man muss schon, wür­de Marx sagen, sein eige­nes Sein, sei­ne Rea­li­tät erken­nen, um über­haupt Bewusst­sein ent­ste­hen zu las­sen. Sonst bleibt man für immer ein mysti­fi­zier­ter Ver­lie­rer und ein auf ewig System-Gefan­ge­ner und gehört zu den »Habe­nicht­sen« (Oswald von Nell-Breu­ning). Hier gibt es kei­ne Lösung in einem wider­sprüch­li­chen System. Weder für die arbei­ten­den Men­schen noch für die Natur. Wer daher in Con­clu­sio nicht die System­fra­ge stellt, ist ent­we­der ein System­pro­fi­teur oder ver­steht von den Din­gen nichts. Im Befund mani­fe­stiert sich dann aber nur wie­der das kapi­ta­li­sti­sche Gewin­ner- und Verlierer-Ergebnis.

Wen wun­dert es da noch, dass es die Gewerk­schaf­ten in den Tarif­ver­hand­lun­gen unter dem heu­te ver­schärft neo­li­be­ral betrie­be­nen Aus­beu­tungs­sy­stem viel­fach nicht ein­mal mehr schaf­fen, einen Infla­ti­ons­aus­gleich bei den Arbeits­ent­gel­ten durch­zu­set­zen, ganz zu schwei­gen von einer Pro­duk­ti­vi­täts­par­ti­zi­pa­ti­on. Das Ergeb­nis heißt hier nur noch Umver­tei­lung von den Arbeits- zu den Kapi­tal­ein­kom­men. Seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung zeigt das Kapi­tal hier sei­ne Durch­set­zungs­macht. Auf Basis der gesamt­wirt­schaft­li­chen Lohn­quo­te von 1993 haben die Beschäf­tig­ten in Deutsch­land von 1991 bis 2023 kumu­liert über 4,1 Bil­lio­nen Euro an Ein­kom­men ein­bü­ßen bzw. an die Kapi­tal­ei­gen­tü­mer abge­ben müs­sen. Die­se Umver­tei­lung ist die Ursa­che für eine mitt­ler­wei­le »zer­ris­se­ne Gesell­schaft« (Chri­stoph But­ter­weg­ge) in Deutsch­land. Sie hat auf der einen Sei­te eine ver­mehr­te Armut und auf der ande­ren Sei­te mehr funk­ti­ons­lo­sen Reich­tum bewirkt. Dies hat nicht nur nega­ti­ve sozio­öko­no­mi­sche, son­dern auch demo­kra­tie­zer­stö­ren­de poli­ti­sche Wir­kun­gen. Die­se sind längst ein­ge­tre­ten und haben sich bereits im par­la­men­ta­ri­schen Raum einer indi­rek­ten Demo­kra­tie ver­fe­stigt. Wie sag­te der gro­ße deut­sche Nach­kriegs­so­zi­al­phi­lo­soph Max Hork­hei­mer: »Wer aber vom Kapi­ta­lis­mus nicht reden will, soll­te auch vom Faschis­mus schweigen.«