Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Den Sehschlitz sprengen

Das war das Anlie­gen Wil­li Sit­tes: dem Rea­lis­mus – der vor allem in der Zeit der For­ma­lis­mus-Debat­te der Vier­zi­ger- bis Sech­zi­ger­jah­re oft­mals vor­der­grün­dig pro­pa­gan­di­stisch gefor­dert war – zu einer unge­heu­ren Viel­falt zu ver­hel­fen. Und das ist auch das Anlie­gen der Aus­stel­lung »Mer­se­bur­ger Sprü­che & Sprün­ge – Hom­mage auf den Rea­lis­mus«, die anläss­lich des 100. Geburts­ta­ges von Wil­li Sit­te eröff­net wur­de und bis zum 9. Janu­ar 2022 in der Sit­te-Gale­rie für rea­li­sti­sche Kunst in Mer­se­burg zu sehen ist. Bis­her gab es dort 80 Aus­stel­lun­gen; die­se aber bil­det einen wun­der­ba­ren Höhe­punkt und erin­nert in klei­ne­rem Rah­men an jenen Reich­tum, wie er in den Dres­de­ner Kunst­aus­stel­lun­gen der DDR zu erle­ben war. 160 Wer­ke von 83 Künst­lern wur­den vom Kura­tor Peter Arlt aus­ge­wählt. Sie zei­gen in ganz unter­schied­li­chen Sicht­wei­sen und Hand­schrif­ten, wie lebens­voll rea­li­sti­sche bil­den­de Kunst kla­re Bezü­ge zur Welt und zur Wirk­lich­keit dar­stel­len kann. Die Mer­se­bur­ger Zau­ber­sprü­che stam­men aus dem Alt­hoch­deut­schen und wur­den 1841 in der dor­ti­gen Dom­bi­blio­thek ent­deckt. »Die Bezie­hung zwi­schen Absicht und Wirk­lich­keit ist der Kern des Rea­lis­mus-Begrif­fes, und damit ist die Ori­en­tie­rung des Kura­tors an den Zau­ber­sprü­chen mit ihrem ein­deu­ti­gen Bezug zum Ort der Aus­stel­lung eine Offen­ba­rung«, so for­mu­liert es im Kata­log Ulrich Reim­ka­sten, ein Mei­ster­schü­ler Her­bert Sandbergs.

Den Auf­takt der Aus­stel­lung bil­det das groß­for­ma­ti­ge Bild »Koll­witz­stra­ße 59, 4. Stock« von Harald Metz­kes, ent­stan­den 1997. Es zeigt eine freund­schaft­li­che Run­de von Künst­lern in den Sech­zi­ger­jah­ren, am bekann­te­sten wohl Wil­li Sit­te und Ronald Paris. Harald Metz­kes und sein Sohn Robert sind in Grü­beln ver­sun­ken. Die Freun­de fühl­ten sich hier wohl. Sit­te pries »die Freund­schaft, Kame­rad­schaft, Treue« – ein Gemein­schafts­ge­fühl, das mitt­ler­wei­le ver­lo­ren­ge­gan­gen ist, und Metz­kes erin­nert sich heu­te, Sit­te sei voll Freund­schaft­lich­keit gewe­sen. Es kam dar­auf an, einig zu sein, ver­schie­den, aber immer gleich­be­rech­tigt. Eine wun­der­ba­re Wahr­heit liegt im Spruch von Robert Musil/​Harald Metz­kes: »Der Rea­lis­mus ist wie das Gras, das nie­der­ge­tre­ten wie­der auf­steht.« Im Kata­log ist zu lesen: »Im Westen war Rea­lis­mus oft Unkunst, und im Osten war alle Kunst Rea­lis­mus.« Es gab ja im Westen die arro­gan­te Auf­fas­sung, Kunst kön­ne nur in Frei­heit gedei­hen; da es aber in der DDR kei­ne Frei­heit gege­ben habe, kön­ne es dort folg­lich auch kei­ne Kunst geben. Die­se sträf­lich fal­sche Unter­stel­lung ver­schwin­det lang­sam; es gibt eine all­mäh­li­che Aner­ken­nung der Kunst im Osten. Nach der Ver­ein­nah­mung der DDR stell­ten Künst­ler aus dem Osten im Westen aus, so auch Wil­li Sit­te. Man­cher Besu­cher mein­te erstaunt: »Die kön­nen ja noch malen!«

Der Nestor der Kunst­wis­sen­schaft in der DDR, Peter H. Feist, hob schon in den Sieb­zi­ger­jah­ren vier Rea­lis­mus­ty­pen her­vor: »den unmit­tel­ba­ren (impres­si­ven bis veri­sti­schen), den expres­si­ven, den kon­struk­ti­vi­sti­schen sowie den meta­phy­si­schen oder ima­gi­na­ti­ven Rea­lis­mus«. Und oft haben die Dar­stel­lun­gen Sym­bol­be­deu­tung. Paul Klee for­mu­lier­te ein­mal: »Kunst gibt nicht das Sicht­ba­re wie­der; sie macht sicht­bar.« So gewinnt die Kunst die Frei­heit, der Rea­li­tät Dau­er zu ver­lei­hen. Die Beherr­schung der Tech­ni­ken und Mit­tel ist unent­behr­li­che Vor­aus­set­zung dafür. Unfä­hig­keit und Nicht­kön­nen dür­fen nicht zur Kunst erho­ben wer­den, ja sogar, Vor­aus­set­zung dafür sein, wie es heu­te oft zu erle­ben ist.

Ein Bereich der Mer­se­bur­ger Aus­stel­lung heißt »Medi­um Ant­litz«. Von gro­ßer Ein­dring­lich­keit und künst­le­ri­scher Mei­ster­schaft sind Por­träts u. a. von Horst Saku­low­ski, Bert Hel­ler, Nuria Que­ve­do und Bern­hard Hei­sig; sein Wil­li-Sit­te-Por­trät ist 2011, kurz vor des­sen Tod, ent­stan­den. Peter Arlt zitiert in dem gut gemach­ten Kata­log Künst­ler­äu­ße­run­gen und berei­chert ihn mit Gedan­ken zum abge­bil­de­ten Werk. Oft wäh­len Künst­ler The­men aus der Mytho­lo­gie. Die Ika­rus-Figur begeg­net uns oft: Wolf­gang Mat­theu­er: »Ika­rus erhebt sich«, Jost Heyder: »Ika­rus hebt ab«. Ronald Paris nimmt in sei­nen Arbei­ten zu »Cha­rons Boot« mit einer mytho­lo­gi­schen Figur Bezug zur Rea­li­tät, zum Flücht­lings­ster­ben im Mit­tel­meer. Ein Wie­der­se­hen mit Hei­drun Hege­walds Wer­ken »Die Mut­ter mit dem Kind« und »Pro­me­theus bemerkt das Spiel mit dem Feu­er« offen­bart den unschätz­ba­ren Wert rea­li­sti­scher Kunst, die die ver­schie­den­sten künst­le­ri­schen Hand­schrif­ten zeigt. Ergrei­fend ist die Litho­gra­phie Bern­hard Hei­sigs: »Gott sieht alles, Herr Offi­zier«. Zu Valen­tin Maga­ros Litho­gra­phie »Toten­tanz« steht sein Cre­do: »Die Welt inspi­riert mich lau­fend zu neu­en Bild­schöp­fun­gen. Trotz­dem haben Bil­der ihre eige­ne Rea­li­tät.« In einer har­mo­ni­schen Far­big­keit tut der Gobe­lin »Mer­se­bur­ger Zau­ber­sprün­ge« von Elrid Metz­kes dem Auge wohl. Oft fin­det man eine Zwie­spra­che mit der Kunst ver­gan­ge­ner Zei­ten. Joa­chim Kuhl­mann macht mit sei­ner Tem­pe­r­a­ma­le­rei »Quo Vadis, oder was tust Du?« nach­denk­lich: Hän­de, grei­fend, suchend, zupackend, kraft­voll zur Faust geballt, zugleich behut­sam und sen­si­bel, als ver­such­ten sie, die Welt for­mend zu erken­nen. Fremd und eckig stellt Ulrich Reim­ka­sten in sei­nem Bild »Die Spe­zia­li­sten« Robo­ter dar, die Arbei­ten über­neh­men kön­nen, die den Men­schen unmög­lich sind. Eine wei­se Erkennt­nis ver­mit­telt uns Peter Hop­pe mit einer Kalt­na­del­ra­die­rung: »So lasst uns leben, solang’s noch so geht«. Wolf­ram Schu­berts aqua­rel­lier­te Pfer­de­dar­stel­lun­gen erin­nern an die Schön­hei­ten unse­res Lebens, wäh­rend Knut Muel­lers »Minen­op­fer« die Grau­sam­keit moder­ner Krie­ge so dra­stisch ins Bild bringt, dass man die Augen abwen­den möch­te. Eine Viel­zahl von Emo­tio­nen wird in die­ser Aus­stel­lung pro­vo­ziert, und eines ihrer gro­ßen Ver­dien­ste besteht dar­in, dass – bei aller Sub­jek­ti­vi­tät der Aus­wahl – alle Genera­tio­nen bil­den­der Künst­ler ver­tre­ten sind: von den Weg­be­rei­tern der Kunst nach 1945 bis in die Gegenwart.

Acht Sepia­zeich­nun­gen, die letz­ten Arbei­ten des 91jährigen Wil­li Sit­te, sind der Höhe­punkt der Aus­stel­lung. Sie ver­kör­pern eine letz­te Bot­schaft an uns: die Welt zu erken­nen, Krieg und Gewalt zu ban­nen, dem Guten, der Lie­be zum Durch­bruch zu ver­hel­fen. Über­zeu­gend ist es der Aus­stel­lung gelun­gen, den »zu eng gewor­de­nen kon­ven­tio­nel­len Seh­schlitz« für den Rea­lis­mus zu »spren­gen« und sei­nen Wert deut­lich zu machen.

Am 3. Okto­ber wird im Kunst­mu­se­um Moritz­burg in Hal­le (S.) eine umfas­sen­de Aus­stel­lung zu Sit­tes Lebens­werk eröff­net werden.

Wil­li-Sit­te-Gale­rie, Dom­stra­ße 15, 06217 Mer­se­burg, geöff­net täg­lich – außer Mo und Die – 10 bis 16 Uhr.