Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Spiegeleier für den Kater

Unsi­cher stakst das Tier auf sei­nen dün­nen Bein­chen durch die Woh­nung. Manch­mal ver­liert es das Gleich­ge­wicht und fällt ein­fach um, rap­pelt sich jedoch wie­der auf und tut so, als wäre nichts gewe­sen. Man merkt ihm aber an, dass es sich selbst über sein Miss­ge­schick ärgert, das es so gar nicht ein­ord­nen kann. Die einst statt­li­che Kat­ze mit dem ful­mi­nan­ten Über­ge­wicht ist alt gewor­den. Als sie hier ein­zog, war sie bereits eine Senio­rin, die bei einer (mensch­li­chen) Rent­ne­rin als »Sis­si« ihr eher kar­ges Dasein fri­ste­te. Das damals zehn­jäh­ri­ge Tier, eine drei­far­bi­ge »Glücks­kat­ze«, durf­te noch nicht ein­mal in den Gar­ten an die fri­sche Luft, dabei war Sis­si von jeher sowie­so trä­ge. Es war daher gar nicht anzu­neh­men, dass sie die kai­ser­li­che Con­ten­an­ce ver­lie­ren wür­de und die direk­te Kon­fron­ta­ti­on mit den ordi­nä­ren Nach­bars­kat­zen suchen wür­de. Dafür war sich die Lady dann doch ein wenig zu fein, denn eins war Sis­si näm­lich auch: ver­wöhnt, und vor allem dar­an gewöhnt, dass man ihr jeden Wunsch von den Augen ablas.

Doch dann stürz­te die Senio­rin eines Tages in ihrer Woh­nung, lag hilf­los auf dem Boden, bis ihre Toch­ter sie ret­te­te und in ein Pfle­ge­heim ver­frach­te­te. Für Sis­si, die ver­stört neben der alten Frau aus­ge­harrt hat­te, muss­te also ein neu­es Heim gefun­den wer­den, das sich in Form einer gro­ßen Dach­ge­schoss­woh­nung mit Ter­ras­se für das zunächst miss­traui­sche Tier auf­tat. Denn die nicht mehr ganz tau­fri­sche Kat­ze muss­te doch tat­säch­lich in die Groß­stadt umzie­hen, was sie äußerst skep­tisch mach­te. Allein die Fahrt war schon eine Zumu­tung, über­all so vie­le Autos und dann erst der Lärm! Kaum in ihrem neu­en Heim ange­kom­men ent­wich sie für ihr Über­ge­wicht erstaun­lich behän­de dem lästi­gen Kat­zen­korb, floh stan­te pede unter das Bett und woll­te den Schutz der Dun­kel­heit par­tout nicht mehr ver­las­sen. Alles Locken und Fle­hen war ver­geb­lich, bis Sis­si schließ­lich Hun­ger bekam und end­lich Prä­senz zeig­te. Zufrie­den putz­te sie sich nach der üppi­gen Mahl­zeit, erkor den Dosen­öff­ner zu ihrem »Papa« und ent­schloss sich, zu bleiben.

Das ist nun fast zehn Jah­re her. Aus Sis­si wur­de »Lis­sy«, die in ihrem neu­en Heim auf­blüh­te und das Regi­ment über­nahm. Lis­sy bestand vehe­ment auf einen regel­mä­ßi­gen Tages­ab­lauf, scheu­te sich dabei auch nicht, zu nacht­schla­fen­der Zeit ihr Fut­ter ein­zu­for­dern oder sich zu beschwe­ren, wenn man ihr den Fut­ter­napf nicht schnell genug vor die Nase stell­te. Und am lieb­sten hat­te sie ihre Men­schen kon­ti­nu­ier­lich um sich. Kam man die Trep­pe her­auf, konn­te man sie schon hin­ter der Tür ran­da­lie­ren hören. Es ist aber auch eine Unver­schämt­heit, ja, nahe­zu Maje­stäts­be­lei­di­gung, eine Kai­se­rin allein und vor allem so lan­ge war­ten zu las­sen. So dach­te sie sich viel­leicht. Roya­le Atti­tü­den hat­te sie mei­ster­lich per­fek­tio­niert, ging mit ihrer Gunst aber auch extrem wahl­los um. Unver­mit­telt fauch­te sie eines Tages grund­los eine beken­nen­de Kat­zen­lieb­ha­be­rin an, die die­se Epi­so­de nach­hal­tig ver­stör­te. Die Putz­frau wie­der­um moch­te sie, der Putz­tag war schnell als jour fixe in Lis­sys Kalen­der notiert.

Die Tür schließt sich, die Putz­frau geht ihrer Wege. Lis­sy steht rat­los im Flur, dann geht sie ins Wohn­zim­mer, bleibt ste­hen und über­legt. Zögert, geht, hält erneut inne, als wüss­te sie schon nicht mehr, was sie gera­de getan hat. So geht das manch­mal eine gan­ze Zeit­lang, und es ist für den Men­schen nicht schön anzu­se­hen. Oft ist sie extrem unru­hig und kann nicht mehr lan­ge an einem Ort aus­har­ren, for­dert dann noch beharr­li­cher und öfter als sonst ihr Fut­ter ein. Wahr­schein­lich hat sie Demenz, an der die Samt­pfo­ten auch erkran­ken kön­nen, viel­leicht hat sie ver­ges­sen, dass sie gera­de schon ihre Mahl­zeit bekom­men hat.

Auch äußer­lich hat sie sich ver­än­dert. Der Wan­del voll­zog sich zunächst schlei­chend, dann wur­de er schnell unüber­seh­bar. Das Fell wur­de stumpf, strup­pig sieht sie aus, Lis­si magert immer mehr ab, obwohl sie reich­lich frisst, das hohe Alter for­dert sei­nen Tri­but. In gewis­ser Wei­se ist das auch ein Tabu­the­ma, wer denkt schon gern dar­an, wenn er sein Kat­zen­jun­ges, neu­deutsch »kit­ten«, bekommt, dass das Tier auch ein­mal altern könn­te? Doch wenn es dann so weit ist, zeigt sich wah­re Tier­lie­be, weil dann gro­ßes Ver­ständ­nis und viel Geduld von­nö­ten sind.

Genau auf die­se Pro­ble­ma­tik will der dies­jäh­ri­ge Welt­kat­zen­tag am 8. August unter ande­rem auf­merk­sam machen, der vor allem eine Wür­di­gung des Zusam­men­le­bens zwi­schen Kat­zen­freun­den und ihrem Lieb­lings­tier dar­stel­len soll. Denn die Kat­ze ist nun mal das belieb­te­ste Haus­tier der Deut­schen, was bei 13,04 Mil­lio­nen Exem­pla­ren, die 2020 in deut­schen Haus­hal­ten leb­ten, nicht immer nur Har­mo­nie mit sich bringt, son­dern auch Leid und Trau­er. Wenn man merkt, dass es so lang­sam in die Jah­re kommt, wenn es krank wird, wenn man sich bald von dem Tier ver­ab­schie­den muss. Auch Lis­sys Ende ist abseh­bar, in einem Monat erreicht sie das für Kat­zen bibli­sche Alter von 20 Jah­ren. Das hat in ihrem Haus­halt keine/​r vor ihr geschafft, noch nicht ein­mal einer ihrer Vor­gän­ger, der rusti­ka­le Kater »Bil­ly«, des­sen Leib­spei­se Spie­gel­eier waren, und der trotz die­ser zur Nach­ah­mung nicht emp­foh­le­nen Nah­rungs­er­gän­zung immer­hin ein Alter von sech­zehn erreich­te, bis eine Nie­ren­krank­heit sein irdi­sches Dasein jäh beendete.

Ihre gro­ße Neu­gier hat Lis­sy sich trotz der kör­per­li­chen Gebre­chen unver­än­dert bewahrt. Viel­leicht ist das ihr men­ta­ler Jung­brun­nen, ihre Zufrie­den­heit, die man ihr deut­lich anmerkt, wenn sie so in ihrem Kat­zen­körb­chen liegt und sin­nie­rend mit ihren grü­nen Augen aus dem Fen­ster schaut. Was mag sie wohl den­ken? Denkt sie über­haupt etwas? Was geht in ihr vor? Ewi­ge Fra­gen und nie eine Ant­wort. Lis­sy schweigt wie immer, schnurrt oder zuckt im Schlaf und freut sich dann aus­ge­ruht auf die näch­ste Mahl­zeit. Und natür­lich auf die Fern­seh­sen­dung »Tie­re suchen ein Zuhau­se«. Die schaut sie näm­lich am liebsten.

 

Anmer­kung: Nur weni­ge Tage nach Fer­tig­stel­lung des Tex­tes ist Lis­sy an Alters­schwä­che gestorben.