Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Der rasende Prokrustes

Über­all, wo zwei Men­schen zusam­men­ste­hen, ist er schon da. Man sieht ihn nicht sofort. Aber sobald ein Drit­ter hin­zu­kommt, rührt er sich. Der beschränk­te Blick ist sein Erken­nungs­zei­chen. Er ist der Herr der Vor­ur­tei­le. Er sitzt in jedem U-Bahn-Wag­gon. Er ist auf allen Bahn­stei­gen, an jedem Flug­ha­fen, auf jeder Auto­bahn­rast­stät­te. Er rast durch jede Fir­ma und jedes Amt. In allen Fami­li­en hockt er mit auf der Couch. Jeder­zeit ist er da. An jedem Ort. Uner­müd­lich ist er aktiv und ruft: »Du bist nicht so, wie ich dich haben will. Ich mach dich klein. Ich mach dich platt.« Jedem zeigt er sofort, wo der Ham­mer hängt. »Ich bin rich­tig. Und du bist falsch.« Das ist sein zen­tra­ler Glaubenssatz.

Sein per­ma­nen­tes Recht­ha­ben, sein Anspruch auf Deu­tungs­ho­heit, das ist sein zwei­tes Erken­nungs­zei­chen. Er ist der Recht­ha­ber mit dem erho­be­nen Zei­ge­fin­ger. Er ist der Dik­ta­tor des All­tags. Wer das ist? Es ist der Gott des Zeit­gei­stes. Der rasen­de Pro­kru­stes ist unser aller Zeit­geist­gott. Und er ist nicht allein. Es ist die rie­si­ge Armee der Recht­ha­ber, die die­sem Gott der Vor­ur­tei­le und des Mit­tel­ma­ßes jeden Tag ihren Tri­but zollt, ihm jede Unter­stüt­zung gibt. Des­halb ist der rasen­de Pro­kru­stes auch so mäch­tig. Was ich weiß: Je ein­ge­sperr­ter jemand in sich selbst ist, desto drin­gen­der ver­sucht er, ande­re in sei­ne Hun­de­hüt­te hin­ein­zu­zer­ren. Je ein­ge­sperr­ter der Mensch, umso anstren­gen­der ist er. Was ich auch weiß: Abhän­gig­keit ist eine Form der Ein­schrän­kung. Alle brau­chen das. Kei­ner kann ohne Beschrän­kung leben. Auch ich nicht. Was ich sehe: Die Domi­nanz des beschränk­ten Blicks för­dert in jeder Gesell­schaft, in jedem Staat, etwas eigen­wil­lig Nor­ma­les. Es ist die Herr­schaft der Mit­tel­na­sen. Über­all reprä­sen­tiert ihn der glei­che Typus. Sei­ne Maxi­me lau­tet: »Ich tue doch mein Bestes. Wenn der Chef mich nicht ruft, dann gehe ich auch nicht.« Der Mensch mit dem beschränk­ten Blick bleibt in der Deckung. Er bewegt sich nicht. Er bleibt hin­ter dem gro­ßen Stein ver­steckt. Dann sieht ihn auch kei­ner. Sei­ne Grund­hal­tung: »Ich kann mich nicht ent­schei­den. Sag du mir doch, was ich tun soll.« Er hat die tie­fe Sehn­sucht nach Anlei­tung und Füh­rung, er sucht nach jeman­dem, der ihm sagt, was zu tun ist. Erst dann fühlt er sich wohl. Er han­delt nur dann, wenn ande­re ihm vor­aus­ge­hen. Das ist der auto­ri­tä­re Cha­rak­ter. Was folgt dar­aus für das Zusam­men­spiel der Gesell­schaft? Das Leben bleibt an der Ober­flä­che. Das Leben wird zu einer Auto­bahn der Wahr­neh­mung. Es gibt eine Nei­gung zur Wie­der­ho­lung, zum Alt­be­kann­ten, zum Kitsch. Der rasen­de Pro­kru­stes läuft so immer schnel­ler an der Ober­flä­che vor­an. Er hat kei­nen Wider­stand mehr. Es ergibt sich kein Tief­gang. Die Wie­der­ho­lung in der End­los­schlei­fe bleibt.

In jeder Gesell­schaft gibt es not­wen­dig noch ande­re Cha­rak­ter­ty­pen. Ich kom­me auf Fünf. Das ist will­kür­lich. Ich weiß. Aber in jeder Will­kür steckt auch eine Erkennt­nis. Ein bestim­men­der Cha­rak­ter­ty­pus ist der Psy­cho­path. Das ist für mich Typ 5. Er ist der Typ, der immer oben­auf schwimmt. Sei­ne Maxi­me lau­tet: »Du kannst mir gar nichts. Aber ich kann dir alles.« Ein Groß­teil der Kunst ist ähn­lich ent­stan­den. Kein Künst­ler, kein erfolg­rei­cher Macher, kein erfolg­rei­cher Poli­ti­ker kann ohne die­se Hal­tung aus­kom­men. Der beschränk­te Blick gehört zu allen Cha­rak­ter­ty­pen. Einer von ihnen ist der Kon­flikt­jun­kie, der sich immer im Recht sieht und nur im Kon­flikt mit ande­ren sich wohl fühlt.

Der rasen­de Pro­kru­stes beginnt sei­ne grund­le­gen­de Arbeit in jedem Kin­der­gar­ten. Ich behaup­te: Fünf Mal am Tag gegen Mek­ka beten oder von Spi­der­man träu­men – das macht ande­re Men­schen. Es sind die Vor­ur­tei­le derer, die das Kind groß­zie­hen. Wel­che Gedan­ken haben Oma und Opa über die Welt? Was kommt davon her­über zu den Enkeln? Wel­che Sät­ze sagen die Eltern? Wel­che die Erzie­her und Leh­rer? Wel­che Bil­der haben sich für Kin­der und Enkel tief in das Gedächt­nis ein­ge­gra­ben? In jeder Gesell­schaft ist der rasen­de Pro­kru­stes so über Genera­tio­nen aktiv. Der Mensch mit dem beschränk­ten Blick hat kei­nen Geschmack. Geschmack zu haben, ist ein Akt der Frei­heit. Der Mensch mit dem beschränk­ten Blick för­dert über­all auf der Welt »die Herr­schaft der Mit­tel­na­sen«. Und was geschieht? »Mit­tel­na­sen« schlep­pen immer mehr Bret­ter und Abgren­zun­gen her­an. Aber wir alle sind immer wie­der mal Mit­tel­na­sen. Wir hal­ten das, was wir sehen, für die Rea­li­tät. Es ist aber nur der beschränk­te Blick, der so bequem ist.

Die Recht­ha­ber bevöl­kern die Fern­seh­stu­di­os, die Amts­stu­ben, Groß­raum­bü­ros und Han­dels­kam­mern. Das Recht­ha­ben­wol­len ist, wie ich fin­de, der schlimm­ste gesell­schaft­li­che Kampf­sport. Der erho­be­ne Zei­ge­fin­ger, als Kenn­zei­chen des Recht­ha­bers, bis hin zur Will­kür sei­ner tat­säch­li­chen Akti­on; die­ser erho­be­ne Zei­ge­fin­ger wird so schnell nicht ver­schwin­den. Die Recht­ha­ber, die über­all auf der Welt ihre star­re Unbe­weg­lich­keit wie eine Mon­stranz vor sich her­tra­gen, sie wer­den auch in Zukunft durch gro­ße und klei­ne Städ­te gehen. Die Selbst­ge­rech­ten wer­den immer Nach­kom­men fin­den. Das Recht­ha­ben wird in Deutsch­land blei­ben und auch welt­weit nicht aus der Mode kom­men. Das Recht­ha­ben ist der Unter­grund, es ist die tie­fe Unter­strö­mung, die das bestimmt, was zum Pro­blem wird. Jede Debat­te in Deutsch­land, aber auch anders­wo in der Welt, beginnt mit der immer­glei­chen Kampf­fra­ge: »Wer hat Recht?« Jede Debat­te endet auch so.

In allen Grup­pen gibt es den Ein-Punkt-Men­schen, der ande­re Kla­mot­ten trägt, lang­sa­mer denkt, lang­sa­mer han­delt als die Mehr­heit der Zwei-Punkt-Men­schen. Und es gibt den Drei-Punkt-Men­schen, der in allem zu schnell für die ande­ren ist oder mit allem, was oder wie er etwas tut, allen zu viel ist. In jeder Grup­pe wird so der Ein-Punkt-Mensch, aber auch der Drei-Punkt-Mensch vom rasen­den Pro­kru­stes auf den klein­sten gemein­sa­men Nen­ner – auf das enge Maß der Grup­pe gestutzt. Des­halb gibt es immer wie­der einen, der für die ande­ren zum Blitz­ab­lei­ter wird. Und es ist immer der Eine (oder die Eine), der (oder die) sich nicht anpasst oder nicht anpas­sen kann.

Der Rasen­de Pro­kru­stes ist unsicht­bar. Er diri­giert die Macht und die Ohn­macht. Er diri­giert die Vor­ur­tei­le. Er diri­giert die Stär­ken und die Schwä­chen. Solan­ge er nicht sicht­bar wird, stutzt er alles auf sein Maß zurecht. Des­halb ist er so wirk­mäch­tig. Der Rasen­de Pro­kru­stes treibt nicht nur in Deutsch­land sein Unwe­sen. Ihn gibt es über­all auf der Welt. Der Rasen­de Pro­kru­stes beherrscht die Inter­na­tio­na­le der Beschrän­kung. Auf Eng­lisch ruft man ihn: Pro­cru­ste­an bed. In Frank­reich ist er: Lit de Pro­ca­ste. In Ita­li­en: Let­to di Pro­ca­ste. Spa­nisch wird er: Lecho de Pro­cu­sto geru­fen. In Schwe­den ist er: Pro­kru­stes­bädd. Und in Litau­en: Pro­kru­sta gul­ta. Über­all ist es das Vor­ur­teil, die Beschrän­kung, das Sche­ma oder die Theo­rie, in die er jede Rea­li­tät gewalt­sam hineindrängt.