Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Garnison-Kirchen-Streit

»Wohl­an, las­set uns einen Turm bau­en«, hieß vor vier Jah­ren – in Anleh­nung an die Geschich­te vom Turm­bau zu Babel – das The­ma einer Tagung der Mar­tin-Niem­öl­ler-Stif­tung. Und seit­her wird an der neu­en Pots­da­mer Gar­ni­son­kir­che in der Brei­ten Stra­ße gebaut.

Drei Vier­tel des über­aus hohen Bau­werks (End­hö­he 88 Meter) strecken sich schon in den Him­mel und über­ra­gen die hüb­schen Häu­ser des alten Pots­dams. Vier bis fünf Mil­lio­nen Zie­gel braucht es, zur­zeit wirbt man um »Zie­gel­spen­den«: Wer den beschei­de­nen Betrag von 2.500 Euro zuwen­det, bekommt sei­nen Namen in einen der Zie­gel­stei­ne ein­gra­viert. Das ist doch mal eine hüb­sche Idee. Mit der Höhe des Tur­mes wächst aller­dings auch die Kri­tik an ihm.

Dem Wie­der­auf­bau des Kirch­turms ging der Nach­bau sei­nes Glocken­spiels vor­aus, aus dem Westen gestif­tet, der Stadt Pots­dam geschenkt, mit Gruß von einem Hau­de­gen aus der Bun­des­wehr, Oberst­leut­nant Kla­ar. An die­sem Krie­ger, dem Vor­sit­zen­den des in Iser­lohn ansäs­si­gen revi­sio­ni­sti­schen »Ver­bands Deut­scher Sol­da­ten«, erkann­te der Ber­li­ner Rechts­ex­tre­mis­mus-For­scher Hajo Fun­ke schon früh »die Pro­pa­gan­da der Natio­nal­so­zia­li­sten«. Den­noch schrieb der Pots­da­mer OB an die Stif­ter, die rechts­la­sti­ge Tra­di­ti­ons­ge­mein­schaft in Iser­lohn, vor 25 Jah­ren sorg­los: »Zei­chen­haft dafür, dass Pots­dam den Turm der Gar­ni­son­kir­che wie­der­ha­ben will, steht seit 1991 das Glocken­spiel auf der Plan­ta­ge.« Ganz anders urteil­te der Pfar­rer der Hei­lig-Kreuz-Gemein­de, der zustän­di­gen Orts­ge­mein­de; er hat­te bereits im Dezem­ber 1990 die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen vor den Ansich­ten und Ambi­tio­nen der Iser­loh­ner Grup­pe gewarnt. Aus­drück­lich ver­wahr­te er sich namens der Gemein­de gegen einen Wie­der­auf­bau. Doch die poli­tisch Ent­schei­den­den küm­mer­te es nicht.

Zwei Lebens­lü­gen sind zu hören aus der Wie­der­auf­bau­par­tei, der »Stif­tung Gar­ni­son­kir­che« (deren ver­füh­ren­der Ver­tre­ter der Alt­bi­schof Huber ist, geist­li­cher Nach­fol­ger im Amt von Otto Dibe­li­us, und deren Rei­hen kürz­lich durch Mili­tär­bi­schof Dr. Felm­berg ver­voll­stän­digt wur­den). Zum einen die Legen­de, dass die­se preu­ßi­sche Kir­che gegen ihre eigent­li­che Inten­ti­on von Nazis und ande­ren Fremd­lin­gen miss­braucht wor­den sei. Das ist unge­fähr so sinn­voll, wie zu behaup­ten, ein Casi­no sei von einem Glücks­spie­ler »miss­braucht« wor­den. Eine Gar­ni­son­kir­che kann von Mili­ta­ri­sten kaum miss­braucht wer­den. Auch von der amt­li­chen Kir­che wur­de der berüch­tig­te Tag von Pots­dam 1933 tat­kräf­tig mit­ge­stal­tet, wobei Kir­chen­füh­rer Dibe­li­us im Hin­ter­grund eini­ge Fäden zog.

Zum andern wird behaup­tet, man hät­te sich mit der Geschich­te gründ­lich aus­ein­an­der­ge­setzt und mache den Turm zum »Teil einer welt­wei­ten Topo­gra­fie des Frie­dens und der Ver­söh­nung«. Mit die­sen Wor­ten erläu­ter­te der Ober­kir­chen­rat Vogel das Nut­zungs­kon­zept, das jetzt fer­tig erstellt ist. Außer ein paar Flos­keln (»das Mili­tä­ri­sche domi­nier­te«) ist kei­ne Ein­sicht, kein Ein­ge­ständ­nis der Unheils­ge­schich­te zu erken­nen (vgl. »Pots­da­mer Spit­ze. Mit­tei­lun­gen der För­der­ge­sell­schaft für den Wie­der­auf­bau«, Aus­ga­be 2001, Sei­te 8 f.).

Aber es gibt auch Posi­ti­ves zu mel­den. Die Stadt, die das anrü­chi­ge Geschenk mit groß­deut­schen Inschrif­ten, mit Umris­sen Deutsch­lands von 1937, vom Oberst­leut­nant Kla­ar einst freu­dig annahm und auf­stell­te, hat sich beson­nen. Vor zwei Jah­ren hat man das Iser­loh­ner klin­gen­de Glocken­spiel­werk wegen sei­ner rechts­ra­di­ka­len Inschrif­ten und sei­ner Sym­bo­lik für die Neue Rech­te abge­stellt, und es wird ins neue Bau­werk auch nicht inte­griert werden.

Der Bau ist zwar weit vor­an­ge­schrit­ten, aber noch ist es nicht zu spät für eine kon­struk­ti­ve Idee. Der erwähn­te Pro­fes­sor Hajo Fun­ke mach­te kürz­lich im Okto­ber einen bemer­kens­wer­ten Vor­schlag: Da die Gar­ni­son­kir­che für den fei­er­li­chen Beginn der Nazi­herr­schaft ste­he und sich nicht davon tren­nen las­se, sei ein Bruch not­wen­dig. Der neue Turm sol­le als Zei­chen der Besin­nung und Umkehr unvoll­endet blei­ben. Das Bau­werk als Rui­ne wäre das rich­ti­ge Symbol.

 Anmer­kung: Sehr zu emp­feh­len ist der Besuch der kri­ti­schen Aus­stel­lung »lern­ort gar­ni­son­kir­che« zur Geschich­te des Bau­wer­kes. Sie wur­de von der Mar­tin-Niem­öl­ler-Stif­tung zusam­men mit Pots­da­mer Initia­ti­ven vor Jah­res­frist eröff­net und befin­det sich direkt neben dem neu­en Turm­bau im Krea­tiv­haus Rechen­zen­trum, Dor­tu­str. 46, 14467 Pots­dam, geöff­net mo-fr 8.oo bis 20.oo Uhr. Auf Anfra­ge sind auch Besu­che am Wochen­en­de möglich.

Immer noch lesens­wert ist die gründ­li­che Dar­stel­lung von Mat­thi­as Grün­zig: Für Deutsch­tum und Vater­land. Die Pots­da­mer Gar­ni­son­kir­che im 20. Jahr­hun­dert, Ber­lin 2017.