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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Inflation – Qui bono?

Als im Früh­jahr die mei­sten Medi­en in Deutsch­land das The­ma »Infla­ti­on« noch nicht auf dem Schirm hat­ten oder es als eine sowohl vor­über­ge­hen­de als auch nicht beson­ders gewich­ti­ge Erschei­nung abta­ten, hat Ossietzky (Heft 5/​2021) bereits klar vor der »kom­men­den Infla­ti­on« gewarnt. Inzwi­schen ist sie da – mit Preis­stei­ge­rungs­ra­ten im 5-Pro­zent-Bereich. Die Mög­lich­kei­ten der herr­schen­den Klas­sen, sich ele­men­ta­ren öko­no­mi­schen Pro­zes­sen ent­ge­gen­zu­stem­men, ohne durch Ein­satz ihrer Mit­tel neue Pro­ble­me zu erzeu­gen, sind begrenzt. Den­noch ist auf­fal­lend, wie zäh sich sowohl die ame­ri­ka­ni­sche Noten­bank und ent­schie­de­ner noch die Euro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) jedem Appell ver­wei­gert, durch Erhö­hung der Leit­zin­sen Geld aus den Märk­ten zu neh­men. Ist das das Ergeb­nis einer noch nicht abge­schlos­se­nen theo­re­ti­schen Debat­te, ob der gegen­wär­ti­ge Preis­stei­ge­rungs­schub nun wirk­lich im Lau­fe des kom­men­den Jah­res abebbt oder nicht? Ande­re – wie bei­spiels­wei­se die Zen­tral­ban­ken in Neu­see­land, Polen oder Tsche­chi­en – haben im Gegen­satz dazu kürz­lich ihre Leit­zin­sen her­auf­ge­setzt, um wenig­stens den Wil­len zu signa­li­sie­ren, etwas gegen die Infla­ti­on zu tun und so auch deut­lich zu machen, dass sie sie nicht für eine Erschei­nung hal­ten, die im näch­sten Früh­jahr von selbst wie­der verschwindet.

Bei unkla­ren Gemenge­la­gen hilft nach wie vor die alte römi­sche Fra­ge »Qui bono?« – wem nützt es? Der kate­go­ri­sche Aus­schluss einer Leit­zins­er­hö­hung für das gesam­te kom­men­de Jahr, den die EZB-Prä­si­den­tin Chri­sti­ne Lag­ar­de ver­kün­det hat, bedeu­tet die Ver­wei­ge­rung jeder noch so klei­nen Maß­nah­me gegen die vom Schritt zum Trab über­ge­gan­ge­ne Geld­ent­wer­tung. Leid­tra­gen­de sind alle die­je­ni­gen, die kein Eigen­tum an Grund und Boden oder Pro­duk­ti­ons­mit­teln haben und deren gan­ze Exi­stenz an regel­mä­ßi­gen Gehalts-, Lohn­er­satz­lei­stun­gen oder Ren­ten­zah­lun­gen hängt. Die­se Zah­lun­gen sta­gnie­ren über­wie­gend oder haben Stei­ge­rungs­ra­ten von zwei oder drei Pro­zent. Da der Kauf­wert der in Euro aus­ge­wie­se­nen Ein­kom­men aber im Herbst 2021 schon fünf Pro­zent weni­ger beträgt als im Herbst 2020, schrump­fen ihre Ein­kom­men in spür­ba­ren Umfang. Den Besit­zern gro­ßer, abbe­zahl­ter Immo­bi­li­en, Gold­de­pots oder gar gan­zer Fabri­ken kann der Preis­ver­fall reich­lich egal sein – der nomi­nel­le Wert ihrer Besitz­tü­mer steigt gegen­wär­tig weit über die fünf Pro­zent hin­aus, auf die sich der Geld­wert­ver­lust ein­zu­pen­deln scheint.

Vor allem aber pro­fi­tie­ren die hoch­ver­schul­de­ten Staats­haus­hal­te der USA, Groß­bri­tan­ni­ens, Japans und der Euro­staa­ten von der jet­zi­gen Kon­stel­la­ti­on: Die Zin­sen blei­ben von Lag­ar­de und ihren Kol­le­gen gedeckelt und so auch die Gefahr, dass die Haus­hal­te bei stei­gen­den Zin­sen ihre Rück­zah­lungs­ver­pflich­tun­gen viel­leicht nicht mehr ganz so locker erfül­len könn­ten wie in den letz­ten zehn Jah­ren. Eine bestän­di­ge Infla­ti­on von fünf Pro­zent wür­de in wei­te­ren zehn Jah­ren die Staats­schul­den nahe­zu hal­bie­ren. Der deut­sche Staat war zum Jah­res­en­de 2020 ins­ge­samt mit 2.173 Mil­li­ar­den Euro ver­schul­det. Fünf Pro­zent Geld­wert­min­de­rung bedeu­ten, dass die Rück­zah­lung die­ser Sum­me, erfolg­te sie im Jah­re 2021, nomi­nell zwar die­sen Betrag erfor­der­te, hin­ter ihm aber nur noch eine rea­le Lei­stung von 1.961 Mil­li­ar­den nach heu­ti­gem Geld­wert stün­de. Ein Jahr­zehnt Infla­ti­on von 5 Pro­zent bedeu­tet für 2031 – wei­te­re Ver­schul­dun­gen unbe­rück­sich­tigt – einen Wert von 1.236 Mil­li­ar­den nach heu­ti­ger Kaufkraft.

Leid­tra­gen­de die­ser Poli­tik wären vor allem die Lohn­ab­hän­gi­gen und die­je­ni­gen, die von Lei­stun­gen abhän­gen, die an die Lohn­ent­wick­lung gekop­pelt sind – also Arbeits­lo­se und Rent­ner. Wir­kungs­voll weh­ren kön­nen sich von ihnen vor allem die­je­ni­gen, die wenig­stens das Mit­tel des Streiks in ihren Hän­den hal­ten, um sich gegen die Ero­si­on ihres Lebens­stan­dards zu wehren.

Der Zufall will es, dass die Gewerk­schaft ver.di in der lau­fen­den Lohn­run­de zu den Gehäl­tern der Lan­des­be­dien­ste­ten eine For­de­rung von fünf Pro­zent auf den Tisch gelegt hat. Auf ihrer Durch­set­zungs­kraft ruhen die Hoff­nun­gen aller, die – anders als Lag­ar­de – in ihrem eige­nen Inter­es­se nicht taten­los zuse­hen dürf­ten, dass sie die Gür­tel enger zu schnal­len haben, damit die Ver­mö­gen­den noch ver­mö­gen­der wer­den und die Staats­ma­schi­nen sich auf ihre Kosten entschulden.