Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Freiheit, die sie meinen

Dies ist ein neu­es Kapi­tel in der seit Jahr­zehn­ten immer wie­der­keh­ren­den Geschich­te vom Schwanz, der mit dem Hund wedelt.

In die­sem Jahr begann die Geschich­te bun­des­weit vor aller Augen im Som­mer. Plötz­lich stan­den die­se 3,70 m x 2,90 m gro­ßen Pla­kat­wän­de über­all im öffent­li­chen Raum, an Ein- und Aus­fall­stra­ßen, vor Super­märk­ten, an beleb­ten Stra­ßen­kreu­zun­gen oder ein­fach mit­ten in der Land­schaft, oben links mit dem Auf­druck »Freie Demo­kra­ten«. Zwei Zau­ber­wor­te, wer hört sie nicht gern: »frei« und »Demo­kra­ten«. Und dar­un­ter in Ver­sa­li­en: »WIEESIST, DARFESNICHTBLEIBEN«. Ganz rechts unten auf dem Bill­board for­der­te ein But­ton in Gelb und Rot: »Alle Stim­men für die Frei­heit«. Und im Bild, fast drei Meter hoch, mit Mehr-Tages-Bart und geföhn­tem Haar der namen­lo­se Par­tei­chef, im Anzug, mit wei­ßem Hemd und Wind­sor gekno­te­ter Kra­wat­te, mit dezen­tem Lächeln um Ver­trau­en wer­bend, als wol­le er uns einen Gebraucht­wa­gen verkaufen.

Dabei hat er uns schon eini­ge Ammen­mär­chen ver­kauft. Neh­men wir als Bei­spiel sein Som­mer-Inter­view im ZDFvom 15. August, Stich­wort Kli­ma­wan­del. Sei­ne Ziel­vor­ga­be, frei­heit­lich gewen­det, lau­te­te: Vor­rang für Inno­va­ti­on, kei­ne Ver­bo­te. »Wir wol­len mehr Freu­de am Erfin­den als am Ver­bie­ten in unse­rem Land.« Weni­ger Sub­ven­tio­nen für Elek­tro­au­tos, kein frü­hes Ende von Ver­bren­nungs­mo­to­ren, denn: »(In) den Ver­bren­nungs­mo­tor kön­nen wir auch syn­the­ti­sches Ben­zin, das mit erneu­er­ba­rer Ener­gie in Chi­le pro­du­ziert wird, ein­fül­len. Und das müs­sen wir auch, denn wir haben ja Mil­lio­nen Autos auf den deut­schen Stra­ßen. Wenn wir war­ten, bis die alle durch elek­tri­sche Autos ersetzt sind, dann haben wir die Zeit verloren.«

Syn­the­ti­sches Ben­zin aus Chi­le, für Autos in Deutsch­land und anders­wo? Am Tag nach dem Inter­view unter­zog das ZDFdie Aus­sa­gen des Por­sche-Fah­rers Lind­ner einem Fak­ten­check, über­prüf­te ihren Rea­li­täts­ge­halt. Ergeb­nis: Syn­the­ti­sche Kraft­stof­fe hät­ten durch­aus einen Markt, sei­en im Moment jedoch wesent­lich teu­rer als die bat­te­rie­be­trie­be­nen Fahr­zeu­ge. Es gebe der­zeit auch schlicht zu wenig syn­the­ti­schen Kraft­stoff. Fazit des vom ZDF befrag­ten For­schers: »Einen wirk­lich gro­ßen Durch­bruch zu haben in Rich­tung auf pri­va­te PKW, das sehe ich im Moment nicht. Ich wür­de da nicht mei­ne gan­ze Hoff­nung daraufsetzen.«

Schau­en wir auf eine wei­te­re Behaup­tung Lind­ners: Die von der FDP mit­ge­tra­ge­ne Bun­des­re­gie­rung – die schwarz­gel­be Koali­ti­on Mer­kel II aus CDU, CSU und FDP, 2009 bis 2013 im Amt – habe »2009, 2010 die deut­schen Kli­ma­zie­le ver­schärft. Die sind ver­schärft wor­den gegen­über dem, was von Rot-Grün und der vor­he­ri­gen gro­ßen Koali­ti­on beschlos­sen war.«

Das ZDF dazu: »Damit hat Lind­ner recht. Die Kli­ma­zie­le wur­den im schwarz-gel­ben Koali­ti­ons­ver­trag von 2009 in der Tat ver­schärft. Aber: Die­ses Ver­spre­chen wur­de von den FDP-Wirt­schafts­mi­ni­stern nicht umge­setzt. Der dama­li­ge Wirt­schafts­mi­ni­ster Rai­ner Brü­der­le wehr­te sich zum Bei­spiel 2010 vehe­ment gegen EU-Plä­ne, mehr CO2 ein­zu­spa­ren.« Sein Nach­fol­ger Phil­ipp Rös­ler habe statt mehr Kli­ma­schutz mehr Koh­le­kraft­wer­ke gewollt. Er habe sein Mini­ste­ri­um dafür sogar eine eige­ne Wer­be­kam­pa­gne ent­wer­fen las­sen: »Kraft­wer­ke? Ja bit­te!« Ein­mal mehr wedel­te der Schwanz mit dem Hund.

In der Welt hat­te Lind­ner sich eini­ge Wochen zuvor gar gebrü­stet, die FDP habe das »ambi­tio­nier­te­ste Kli­ma­schutz-Pro­gramm in Deutsch­land«. Dazu die ZDF heu­te-Redak­ti­on lapi­dar: »Der Rea­li­täts-Check zeigt: Lind­ners Plä­ne sind weder ambi­tio­niert noch rea­li­stisch genug, um die Kli­ma­zie­le zu erreichen.«

Zurück zur Frei­heit, die sie mei­nen. Felix Klo­po­tek hat im Novem­ber-Heft von kon­kret die neo­li­be­ra­len Zucker­bon­bons in dem »dürf­ti­gen Wahl­pro­gramm« der Chri­sti­an-Lind­ner-Par­tei auf­ge­zählt: »Schnel­le­re Digi­ta­li­sie­rung, Büro­kra­tie­ab­bau, Steu­er­ent­la­stun­gen, Kri­tik der Coro­na-Maß­nah­men«, im Kern also nichts ande­res als das pure Ver­spre­chen der »För­de­rung der indi­vi­du­el­len Bewe­gungs­frei­heit«. »Die­se Bewe­gungs­frei­heit wis­sen nur die zu nut­zen, (…) die etwas damit anfan­gen kön­nen: die Inno­va­ti­ven, Lei­stungs­be­rei­ten, Risi­ko­freu­di­gen, kurz­um: die künf­ti­gen Gewin­ner. Mehr Tech­no­lo­gie, mehr Inno­va­ti­on, mehr Net­to vom Brut­to. Für jun­ge Leu­te (…) ist das eine ver­locken­de Option.«

Der Aus­gang der Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber zeig­te, dass die Lock­ru­fe der Neo­li­be­ra­len und die Pro­pa­gan­da auf den Bill­boards bei den Erst­wäh­le­rin­nen und Erst­wäh­lern sowie den Jung­wäh­le­rin­nen und Jung­wäh­lern zwi­schen 18 und 24 Jah­ren ver­fin­gen. Sie mach­ten beson­ders häu­fig ihr Kreuz bei FDP und Bünd­nis ’90/​Die Grü­nen. Bei­de Par­tei­en konn­ten mit 23 Pro­zent jeweils knapp ein Vier­tel ihrer Stim­men auf sich ver­ei­ni­gen, im Ver­gleich zu der Bun­des­tags­wahl 2017 jeweils ein Plus von unge­fähr 10 Prozent.

Dass die Grü­nen einen Zuwachs zu erwar­ten hat­ten, war klar: Fri­days for Future!, die Genera­ti­on Gre­ta, hat ihren Teil dazu bei­getra­gen, in der Hoff­nung auf »eine lebens­wer­te Zukunft und eine Poli­tik, die die Bewäl­ti­gung der Kli­ma­kri­se ernst­haft angeht«. Die Regie­rungs­rea­li­tät wird zei­gen, was von die­ser Hoff­nung übrig­blei­ben wird, wie stark der Schwanz mit dem Hund wedeln kann.

Woher aber kam der über­ra­schen­de Zulauf der FDP? Eine Ant­wort fin­de ich in dem im Okto­ber erschie­ne­nen »Maga­zin für Betei­li­gung und direk­te Demo­kra­tie«, dass sich ohne Wenn und Aber demo­kra­tie nennt. Hier erklärt mir Marie Jüne­mann (25), Bun­des­vor­stands­spre­che­rin des die Zeit­schrift her­aus­ge­ben­den Ver­eins Mehr Demo­kra­tie, was jun­ge Men­schen zu Lind­ners Gehil­fen wer­den ließ: »Für uns (…) ist das für die näch­sten Jah­re eine Chan­ce: Mit einer FDP in der Regie­rung kön­nen wir end­lich eine digi­ta­le Demo­kra­tie und eine Demo­kra­ti­sie­rung des Digi­ta­len voranbringen.«

Und wei­ter: »Die FDP besetzt das Feld der Digi­ta­li­sie­rung, und sie weiß die­ses auch gut zu nut­zen. Erst­wäh­le­rin­nen und Erst­wäh­ler gehör­ten bei die­ser Bun­des­tags­wahl zu den Jahr­gän­gen 1999 bis 2003, also zur soge­nann­ten Genera­ti­on Z.« (Nach dem Vor­läu­fer, der Genera­ti­on Y, auch Digi­tal Nati­ves genannt, nun also Genera­ti­on Z, sozu­sa­gen Digi­tal Nati­ves 2.0. Anm. K.N.) Bei die­ser Alters­grup­pe sei­en Platt­for­men wie Tik­Tok, You­Tube und Snap­chat beson­ders beliebt, wür­den häu­fi­ger als zehn Mal am Tag genutzt. »Und gera­de auf Tik­Tok war die FDP weit­aus bes­ser auf­ge­stellt als alle ande­ren im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Par­tei­en.« Als Bei­spiel führt Jüne­mann den Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Tho­mas Sat­tel­ber­ger an, der über Platz 5 der Lan­des­li­ste der baye­ri­schen FDP in den Bun­des­tag ein­zog. Trotz sei­ner 72 Jah­re sei der ehe­ma­li­ge Tele­kom-Mana­ger »mit mehr als 140 000 Fol­lo­wern zeit­wei­se der pro­mi­nen­te­ste deut­scher Poli­ti­ker auf Tik­Tok« gewe­sen.

Als wei­te­re Plus­punk­te der FDP nennt Jüne­mann, dass sich die Par­tei für ein Wahl­recht ab 16, für eine libe­ra­le Dro­gen­po­li­tik und gegen staat­li­che Über­wa­chung einsetze.

Beim Stich­wort »Über­wa­chung:« kommt Coro­na ins Spiel. Es war kein Gerin­ge­rer als der FDP-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Kubicki, der, wie bei FAZOnline am 23. Sep­tem­ber zu lesen stand, den »Rechts­staat des­avou­ier­te«. Zitat: »Wolf­gang Kubicki, immer­hin Vize­prä­si­dent des Bun­des­tags und stell­ver­tre­ten­der Bun­des­vor­sit­zen­der der FDP, hat nun, aus­drück­lich mit Blick auf die Stamm­ti­sche, kund­ge­tan, dass er ›selbst­ver­ständ­lich‹ (›Was denn sonst!‹) in Knei­pen gewe­sen sei, die pan­de­mie­be­dingt nicht hät­ten öff­nen dür­fen. Unsin­ni­ge Coro­na-Regeln führ­ten nur zu Ver­druss. Was will man da machen? ›Ich habe von mei­nem Recht auf auto­no­mes Han­deln Gebrauch gemacht‹, so Kubicki.« Anschei­nend hat er die Kam­pa­gne der Jun­gen Libe­ra­len »Zukunft nur mit Frei­heit« voll verinnerlicht.

Waren Sprü­che wie die Kubickis und der FDP-Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on Vor­bild und Hoff­nung zugleich für Jung­wäh­le­rin­nen und Jung­wäh­ler, lie­ßen sol­che Wider­bor­stig­kei­ten die ehe­ma­li­ge Drei-Pünkt­chen-Par­tei für die Jugend attrak­tiv wer­den? Der Ham­bur­ger Poli­zei­prä­si­dent Ralf Mar­tin May­er bestä­tig­te die­se Wahr­neh­mung in einem Inter­view mit dem Ham­bur­ger Abend­blatt vom 1. Okto­ber: »Machen wir uns nichts vor: Jugend­li­che haben die Pan­de­mie anders erlebt, sie fühl­ten sich meist wenig gefähr­det, aber mas­siv eingeschränkt.«

Und wei­ter: »Wir hat­ten in den ver­gan­ge­nen ein­ein­halb Jah­ren ver­stärkt mit der Mit­te der Gesell­schaft zu tun. (…) Plötz­lich hat­ten vie­le Men­schen sehr nied­rig­schwel­lig Kon­takt mit der Poli­zei, etwa wenn der Sohn im Park ange­hal­ten wur­de und eine Rech­nung über 150 Euro bekam. Da erlebt die Mit­te der Gesell­schaft plötz­lich die Poli­zei und damit den Staat viel­fach nur in nega­ti­ven Zusam­men­hän­gen. Das erzeugt Stress und nervt.«

Und so wur­de aus Lind­ner einer der Kanz­ler­ma­cher. Und wie die zur­zeit lau­fen­den Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen zei­gen, wedelt schon wie­der der Schwanz mit dem Hund, momen­tan vor allem in der Corona-Politik.

Dass die­ser Text am 11. 11. geschrie­ben wur­de, am Tag des Beginns des När­ri­schen Trei­bens der Ses­si­on 2021/​22, ist purer Zufall. Eben­so ist es purer Zufall, dass die­se Ossietzky-Aus­ga­be punkt­ge­nau an dem Tag erscheint, an dem vor vier Jah­ren, 2017, die FDP die Gesprä­che über die Bil­dung einer Jamai­ka-Koali­ti­on mit CDU, CSU und den Grü­nen abbrach. Der Schluss­satz der damals von Lind­ner ver­le­se­nen Erklä­rung wur­de inzwi­schen zu einem geflü­gel­ten Wort: »Es ist bes­ser nicht zu regie­ren, als falsch zu regie­ren.« Und er füg­te hin­zu: »Auf Wie­der­se­hen.« Zumin­dest die­se Aus­sa­ge wür­de einen Fak­ten­check überstehen.