Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wiederauferstehung

Es war Anfang Novem­ber, die Herbst­trü­b­nis glitt bereits in die Abend­däm­me­rung hin­über. Ich fuhr die Karl-Marx-Allee hin­un­ter zum Alex­an­der­platz, am Ende der Magi­stra­le stand das Ver­lags­haus, wo sich einst mein Arbeits­platz befand. Die Redak­tio­nen meh­re­rer Tages- und Wochen­zei­tun­gen arbei­te­ten damals dort, dar­un­ter auch Die Weltbühne, in des­sen Nach­fol­ge die­ses Blätt­chen steht. Wir saßen damals Tür an Tür in der ach­ten Eta­ge, bis der neue Eigen­tü­mer des Bau­werks – das Ham­bur­ger Ver­lags­haus Gruner+Jahr – uns vor die Tür setz­te. Zur Immo­bi­lie, die nun ver­mark­tet wur­de, gehör­te auch das Pres­se­ca­fé dane­ben – auf das direkt die vier­spu­ri­ge Magi­stra­le stieß, um dort im rech­ten Win­kel nach links in die Karl-Lieb­knecht-Stra­ße zu bie­gen, deren Ver­län­ge­rung über die Allee Unter den Lin­den zum Bran­den­bur­ger Tor führte.

Ins Pres­se­ca­fé gelang­te man über eine Außen­trep­pe, und die benutz­ten nicht nur Jour­na­li­sten von neben­an, son­dern auch vie­le Tou­ri­sten: Durch die gro­ßen Fen­ster schau­te man die Karl-Marx-Allee hin­un­ter bis zum Straus­ber­ger Platz, und das Essen war auch nicht schlecht. Der Flach­bau wur­de gleich­sam gekrönt von einem Wand­bild aus Email­le, 76 Meter lang und drei­ein­halb Meter hoch. Der Geni­us loci hat­te Titel und The­ma vor­ge­ben: »Die Pres­se als Orga­ni­sa­tor«. Zu sehen waren schrei­ben­de, foto­gra­fie­ren­de, repor­tie­ren­de, lesen­de Men­schen und wel­che, die Knöp­fe an Rota­ti­ons­ma­schi­nen bedien­ten, sowie lau­fen­de, rei­ten­de und kugel­sto­ßen­de Sport­ler (Sport nahm in den DDR-Medi­en einen gro­ßen Raum ein.) Mit ein wenig Fan­ta­sie konn­te man mei­nen, dass ein bär­ti­ger Kopf im Hin­ter­grund Karl Marx sein könn­te. Die Dar­stel­lung war frei von Pathos und anti­quier­ten Chif­fren und füg­te sich orga­nisch in das künst­le­ri­sche Gesamt­kon­zept, das der Maler Wal­ter Womacka für die Umge­stal­tung des haupt­städ­ti­schen Alex­an­der­plat­zes in den sech­zi­ger Jah­ren ent­wickelt hatte.

Die­sen Fries hat­te Wil­li Neu­bert zwi­schen 1969 und 1973 geschaf­fen. Er hat­te sich in einem Wett­be­werb damit durch­ge­setzt. Denn alle geplan­ten Kunst­wer­ke auf und rund um den Alex­an­der­platz waren öffent­lich aus­ge­schrie­ben wor­den. »Für die Welt­zeit­uhr (John) und das Pres­se­ca­fé kamen Ange­bo­te, die über­zeug­ten. Sie wur­den, wenn auch unter Mühen, rea­li­siert«, heißt es in den 2004 erschie­ne­nen Memoi­ren von Wal­ter Womacka. »Das Wand­bild von Wil­li Neu­bert am Pres­se­ca­fé – seit der ›Wen­de‹ hin­ter den Wer­be­plat­ten eines Steak­hau­ses ver­bor­gen – war als Email­bild konzipiert.«

Sei­ne Ver­hül­lung erfolg­te 1992, seit­her wur­den im ein­sti­gen Pres­se­ca­fé nur noch Steaks durch­ge­kaut, kei­ne Nach­rich­ten oder die Infor­ma­ti­ons­po­li­tik im All­ge­mei­nen. Wir, die wir nach dem Ende der DDR Zeu­gen hirn­lo­ser anti­kom­mu­ni­sti­scher Bil­der- und Denk­mal­stür­me­rei gewor­den waren, trö­ste­ten uns mit dem Gedan­ken, dass das Neu­bert-Kunst­werk zumin­dest nicht zer­stört wor­den war. Aber wür­de man es jemals wie­der sehen? An die­sem expo­nier­ten Plat­ze? Mit die­sem Titel? Der Zwei­fel schwang stets mit.

Ich fuhr also an die­sem 9. Novem­ber anno 21 auf der Karl-Marx-Allee auf jenes Haus zu. Und im trü­ben Dunst mein­te ich plötz­lich Neu­berts Wand­bild zu erken­nen. Hal­lu­zi­nier­te ich etwa? Beim Näher­kom­men ver­schwand es kei­nes­wegs. Das Bild strahl­te gera­de­zu im Dunst, weil frisch restau­riert. Die Bret­ter waren ver­schwun­den und auch der alber­ne Wer­be-Wür­fel, den man dem ein­sti­gen Restau­rant aufs Dach gesetzt hat­te. Mit den Bau­wer­ken dane­ben und dahin­ter bil­de­te das Pres­se­ca­fé mit dem Fries auf ein­mal wie­der das ansehn­li­che Ensem­ble, wie es zu DDR-Zei­ten erdacht wor­den war.

Was war gesche­hen, dass nach fast drei­ßig Jah­ren Ver­steckt­sein – län­ger als die Zeit, als es damals zu sehen gewe­sen war – nun plötz­lich die­ses künst­le­ri­sche Klein­od wie­der sicht­bar wur­de? Neu­berts 100. Geburts­tag war’s wohl nicht: Der Natio­nal­preis­trä­ger und Ehren­bür­ger der Stadt Tha­le im Harz hät­te ihn bereits am 9. Novem­ber 2020 gefei­ert, sofern der ein­sti­ge Stahl­wer­ker aus den Eisen- und Hüt­ten­wer­ken Tha­le nicht 2006 ver­stor­ben wäre. Aber immer­hin: Zu sei­nem 101. Geburts­tag war er öffent­lich in Ber­lin wie­der prä­sent (sein Tafel­bild »Gestern – Heu­te« aus dem Palast der Repu­blik ist im Depot des Deut­schen Histo­ri­schen Muse­ums versteckt).

Im gro­ßen Immo­bi­li­en­scha­cher im Osten war auch hier ein Eigen­tums­wech­sel erfolgt, das Pres­se­haus nebst Pres­se­ca­fé über­nahm 2016 ein US-ame­ri­ka­ni­sches Unter­neh­men, das in den Metro­po­len der Welt bekann­te Häu­ser besitzt, in New York etwa das Chrys­ler Buil­ding und das Rocke­fel­ler Cen­ter. Die schlimm­sten Befürch­tun­gen erfüll­ten sich gott- oder wem auch immer lob nicht. Auch der 2019 nach­fol­gen­de Eigen­tü­mer hielt sich an die Vor­ga­ben, die das Lan­des­denk­mal­amt for­mu­liert hat­te: Es hat­te 2013 die fünf Kunst­wer­ke – den Brun­nen und die Welt­zeit­uhr auf dem Alex, das Wand­fries am Haus des Leh­rers, das Kup­fer­re­li­ef am Haus des Rei­sens sowie Neu­berts Wand­bild – als Ele­men­te des künst­le­risch-archi­tek­to­ni­schen Gesamt­kon­zepts des Stadt­zen­trums der DDR-Haupt­stadt gewür­digt, sie sei­en des­sen inte­gra­ler Bestand­teil. Dar­auf­hin war 2015 beschlos­sen wor­den, die gesam­te Bau­ein­heit – also Ver­lags­haus und Pres­se­ca­fé – wie auch die ande­ren Objek­te unter Denk­mal­schutz zu stel­len. Damit erle­dig­ten sich alle Umbau- und Abriss­plä­ne, die bereits dis­ku­tiert wurden.

Am näch­sten Mor­gen, als die Son­ne auf­ging und die Ost­sei­te des Wand­frie­ses zum Glän­zen brach­te, war ich wie­der dort. Die unter­schied­li­chen Rot­tö­ne leuch­te­ten kräf­tig, die Lini­en zogen sich in Wel­len über drei Sei­ten hin. Es wirk­te modern, frisch, leben­dig, als sei das Bild, obgleich doch schon ein hal­bes Jahr­hun­dert alt, erst eben ent­stan­den. Doch nein, es kann ja nicht heu­te ent­stan­den sein: Die­se Kunst am Bau kennt man nicht mehr – zu teu­er, zu auf­wen­dig. Graf­fi­ti muss genügen.