Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Vom Subjekt zum Projekt

Hät­te sich jemand in der zwei­ten Hälf­te des letz­ten Jahr­hun­derts in einen kon­trol­lier­ten Tief­schlaf ver­set­zen las­sen, aus dem er oder sie heu­te wie­der erwach­te, müss­te sich der Ein­druck auf­drän­gen, die Welt sei in der Zwi­schen­zeit von Cyborgs besie­delt wor­den, jenen Misch­krea­tu­ren aus leben­di­gem Orga­nis­mus und Maschi­ne, die in der Zeit vor dem Tief­schlaf das Sci­ence-Fik­ti­on-Gen­re beherrscht hat­ten. Über­all – auf Stra­ßen und öffent­li­chen Plät­zen, in U-Bah­nen und Bus­sen, in Cafés und Restau­rants – sind äußer­lich mensch­lich anmu­ten­de Wesen zu sehen, die mit einem hand­tel­ler­gro­ßen Gerät ver­wach­sen zu sein schei­nen. Sie spre­chen mit ihm, tip­pen dar­auf her­um und neh­men ihre Umwelt offen­bar vor­wie­gend über einen dar­in inte­grier­ten Bild­schirm wahr. Selt­sam. Und die Ver­wun­de­rung stei­gert sich noch. Neu­gie­rig gewor­den, fragt der frisch Erwach­te sei­ne neu­en Zeit­ge­nos­sen sogleich, wie das, was sie da in Hän­den hal­ten, in die Welt gekom­men sei – und ern­tet zumeist ver­le­ge­nes Schwei­gen. Nur wenig ist über die Her­kunft des Wun­der­werks her­aus­zu­be­kom­men, eine Men­ge hin­ge­gen über sei­ne viel­fäl­ti­gen Dien­ste. Das ist kein Werk­zeug, kein Ham­mer, der nur häm­mert, soviel wird dem Fra­gen­den schnell klar, son­dern offen­bar eine kom­plet­te Werk­statt, mit deren Hil­fe alle mög­li­chen Auf­ga­ben bewäl­tigt wer­den kön­nen, auch sol­che, die sich uns heu­te noch gar nicht stel­len. Wie sag­te Ste­ve Jobs ein­mal so tref­fend: »Der Com­pu­ter ist die Lösung. Was wir brau­chen, ist das Problem.«

Aber noch ein­mal: Wie ist die­ses All­round-Talent ent­stan­den? Woher kommt es? Wer hat es erdacht? Eini­ge Kun­di­ge wer­fen dann doch Namen in den Raum: John von Neu­mann, Alan Turing, Kon­rad Zuse. Ande­re, nicht so Kun­di­ge, spre­chen von genia­li­schen Gara­gen-Tüft­lern und nen­nen Bill Gates oder den gera­de zitier­ten Ste­ve Jobs. Wie­der ande­re, ganz Ein­ge­weih­te, rau­nen vom Man­hat­tan-Pro­jekt. Und die ech­ten Freaks kom­men dann noch mit Namen um die Ecke, von denen die mei­sten von uns noch nie etwas gehört haben dürf­ten: Geor­ge Boole und Charles Bab­ba­ge – und die haben bei­de nicht im letz­ten, son­dern schon im vor­letz­ten Jahr­hun­dert gewirkt. Bit­te? Der Com­pu­ter eine Erfin­dung des 19. Jahrhunderts?

Ja und Nein, die Sache ist etwas ver­zwick­ter. Alle die­se Hin­wei­se sind nicht etwa falsch, sie füh­ren aber in die Irre. Für die Digi­ta­li­sie­rung wie für den Com­pu­ter wer­den wir kein indi­vi­du­el­les Copy­right fin­den. Es han­delt sich hier­bei viel­mehr um kol­lek­ti­ve Schöp­fun­gen, um den Zusam­men­fluss und das Zusam­men­wir­ken ver­schie­de­ner Ideen. Die Geschich­te der Digi­ta­li­sie­rung lässt sich des­halb nicht – oder nur sehr unzu­rei­chend – als Tech­nik­ge­schich­te erzäh­len, son­dern nur als ein kul­tu­rel­les Gesche­hen beschrei­ben, an dem wir und vie­le Genera­tio­nen vor uns eben­so betei­ligt sind und waren wie eini­ge außer­ge­wöhn­li­che Ein­zel­ne. Wobei der Begriff »Gesche­hen« viel zu undra­ma­tisch daher­kommt. In Wahr­heit voll­zieht sich in der Digi­ta­li­sie­rung eine kul­tu­rel­le Revo­lu­ti­on, wie sie zuvor nur durch weni­ge Ein­schnit­te in der Mensch­heits­ge­schich­te – etwa durch die Ein­füh­rung des Alpha­bets, der Uhr, des Gel­des oder der Dampf­ma­schi­ne – aus­ge­löst wurde.

Ins­be­son­de­re die zuletzt genann­te, in der zwei­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts von James Watt ent­wickel­te Dampf­ma­schi­ne hat­te eine ein­schnei­den­de Trans­for­ma­ti­on unse­rer gesam­ten Lebens­art zur Fol­ge – mit, wie wir heu­te wis­sen, sehr vie­len posi­ti­ven, aber auch über­aus nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen. In sei­nem Buch »Wer regiert die Welt? War­um Zivi­li­sa­tio­nen herr­schen oder beherrscht wer­den« (Frankfurt/​New York 2012) unter­nimmt der bri­ti­sche Histo­ri­ker Ian Mor­ris den ehr­gei­zi­gen Ver­such, mehr als 10.000 Jah­re mensch­li­cher Ent­wick­lungs­ge­schich­te mit­hil­fe quan­ti­fi­zier­ba­rer Merk­ma­le zu beschrei­ben. Er misst »die Fähig­keit einer Gemein­schaft, mit sich und der Welt zurecht­zu­kom­men« anhand ihres Pro-Kopf-Ener­gie­ver­brauchs, ihres Orga­ni­sa­ti­ons­gra­des (Ver­städ­te­rung), ihrer Kriegs­füh­rungs­ka­pa­zi­tä­ten sowie ihrer Infor­ma­ti­ons­tech­ni­ken und kommt zu dem erstaun­li­chen Ergeb­nis, dass die Kur­ve der mensch­li­chen Ent­wick­lung über vie­le tau­send Jah­re allen­falls unmerk­lich anstieg. Weder der Ein­satz von Nutz­tie­ren noch das Auf­kom­men der Land­wirt­schaft, weder der Auf­stieg von Impe­ri­en noch die Aus­brei­tung von Reli­gio­nen oder Phi­lo­so­phien führ­ten dem­nach zu deut­lich mess­ba­ren Ent­wick­lungs­sprün­gen. Nein, erst vor gut 200 Jah­ren knickt die Kur­ve sowohl der Bevöl­ke­rungs­zahl als auch der sozia­len Ent­wick­lung plötz­lich um fast 90 Grad nach oben. Dies ereig­ne­te sich nicht alles von heu­te auf mor­gen, son­dern brauch­te eini­ge Jahr­zehn­te, um sich zu ent­fal­ten, es war aber, in Mor­ris’ Wor­ten, »die größ­te und schnell­ste Trans­for­ma­ti­on der gesam­ten Welt­ge­schich­te« (S. 480).

Der Über­gang von der Agrar- zur Indu­strie­ge­sell­schaft hat­te ein­schnei­den­de Kon­se­quen­zen von heu­te kaum mehr vor­stell­ba­ren Aus­ma­ßen. Uner­hör­te Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­run­gen und wach­sen­der Wohl­stand, aber auch Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit, eine Pre­ka­ri­sie­rung der Lebens­ver­hält­nis­se und dadurch aus­ge­lö­ste sozia­le Unru­hen waren die Fol­ge. Die indu­stri­el­le Revo­lu­ti­on, die Mil­lio­nen Land­ar­bei­ter und Bau­ern, die sich und ihre Fami­li­en bis dahin weit­ge­hend selbst ver­sorgt hat­ten, in die Städ­te zog, wo sie zu abhän­gig Beschäf­tig­ten wur­den und vom Wohl und Wehe ihrer Arbeit­ge­ber abhän­gig waren, mach­te auch eine sozia­le Revo­lu­ti­on not­wen­dig. In der Fabrik arbei­ten­de Men­schen waren nicht mehr in der Lage, ihre Ange­hö­ri­gen, ihre Kin­der und nicht mehr arbeits­fä­hi­gen Eltern, allein zu finan­zie­ren. Armut und Elend trotz Arbeit – und erst recht bei Arbeits­lo­sig­keit – waren gang und gäbe.

Otto von Bis­marck hat dar­auf­hin bekannt­lich in den 1880er und 1890er Jah­ren ein umfas­sen­des, zen­tral orga­ni­sier­tes staat­li­ches Sozi­al­sy­stem ein­ge­führt: den Wohl­fahrts­staat. Auch wenn er dabei nicht in erster Linie das Wohl­erge­hen der dama­li­gen Reichs­bür­ger im Auge hat­te, er woll­te sie viel­mehr »bestechen«, um die Mon­ar­chie vor der »roten Gefahr« zu ret­ten, denn die gesell­schaft­li­chen Zustän­de hat­ten den Demo­kra­ten und Kom­mu­ni­sten gro­ßen Zulauf beschert, so waren nun erst­mals in der jün­ge­ren Geschich­te Mil­lio­nen Men­schen jen­seits von Fami­li­en­ver­bän­den und klei­nen Schutz­ge­mein­schaf­ten gegen Krank­heit und Alter finan­zi­ell abge­si­chert. Aus der Soli­da­ri­tät von Klein­grup­pen war gesell­schaft­li­che Soli­da­ri­tät gewor­den. Das war nicht weni­ger als eine sozia­le, zivi­li­sa­to­ri­sche Revo­lu­ti­on mit befrei­en­der Wirkung.

In einer mit der Indu­stria­li­sie­rung durch­aus ver­gleich­ba­ren sowohl tech­no­lo­gi­schen wie sozia­len Trans­for­ma­ti­ons­pha­se befin­den wir uns heu­te wie­der. Die Digi­ta­li­sie­rung hat auf unse­re gei­sti­gen Fähig­kei­ten eine ähn­li­che Wir­kung wie die Dampf­ma­schi­ne und ihre Nach­fol­ger auf die Mus­kel­kraft. Und wie im Zuge der Indu­stria­li­sie­rung wer­den wir uns auch im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung, soll sie nicht im Cha­os mün­den, eine neue Sozi­al­ord­nung, einen neu­en Gesell­schafts­ver­trag geben müs­sen. Aller­dings wer­den die anste­hen­den Ver­än­de­run­gen unser Leben dies­mal erheb­lich schnel­ler umkrem­peln als die Fabrik­ar­beit das Leben der Men­schen vor 150 Jah­ren – mit heu­te noch längst nicht abseh­ba­ren Fol­ge­wir­kun­gen. Wie unse­re Vor­fah­ren mit der Dampf­ma­schi­ne betre­ten wir mit unse­ren digi­ta­len Maschi­nen gewis­ser­ma­ßen einen neu­en Kontinent.

Und die Zäsur, die­se Lek­ti­on soll­ten wir aus der indu­stri­el­len Revo­lu­ti­on gelernt haben, ist eben nicht nur inge­niö­ser, maschi­nel­ler Natur. Sie stellt uns vor indi­vi­du­el­le und sozia­le Her­aus­for­de­run­gen, die denen zu Zei­ten der Indu­stria­li­sie­rung in nichts nach­ste­hen. Um den Umbruch zu beschrei­ben und zu ver­ste­hen, was gegen­wär­tig vor sich geht, reicht es des­halb bei wei­tem nicht hin, die tech­no­lo­gi­schen und theo­re­ti­schen Aspek­te des Wan­dels zu beleuch­ten. Das wür­de viel zu kurz grei­fen und ist für ein erstes Ver­ständ­nis auch schnell erle­digt: Digi­ta­li­sie­rung meint einen Pro­zess, in des­sen Ver­lauf Bil­der, Töne, Tex­te und alle ande­ren etwa von Sen­so­ren erfass­ba­re Daten (wie zum Bei­spiel Tem­pe­ra­tu­ren und Geschwin­dig­kei­ten) in distink­te Signa­le, in ein­zel­ne Bits, umge­wan­delt wer­den, die sich jeder­zeit wie­der in ihre Aus­gangs­ge­stalt rück­über­set­zen las­sen, und zwar – anders als bei ana­lo­gen Kopien oder Über­tra­gun­gen – ohne jeden Qua­li­täts­ver­lust, ohne eine ein­zi­ge Abwei­chung vom »Ori­gi­nal«. Das ist zunächst ein­mal schon alles.

Viel wich­ti­ger als sol­che tech­ni­schen Details ist aber die Fra­ge, wie wir durch die neu­ar­ti­gen, info­ma­ti­ons­ver­ar­bei­ten­den Maschi­nen geprägt wer­den: Wie ver­än­dert die Digi­ta­li­sie­rung unser indi­vi­du­el­les, sozia­les und wirt­schaft­li­ches Den­ken und Han­deln? Schon in den 1960er Jah­ren hat sich der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­phi­lo­soph Vilém Flus­ser in die­sen Fra­gen als äußerst hell­sich­tig erwie­sen, als er davon sprach, dass die neu­en Medi­en – und das Inter­net war ihm noch völ­lig unbe­kannt – die Men­schen zwangs­läu­fig ver­än­dern wür­den: Aus Sub­jek­ten wer­den Projekte.

Und so ist es heu­te. In den soge­nann­ten sozia­len Medi­en, auf Dating- oder Kar­rie­re­por­ta­len, bei Nach­rich­ten- oder Strea­ming-Dien­sten lösen sich die Indi­vi­du­en auf und wer­den zu einer jeder­zeit gestalt­ba­ren und zu gestal­ten­den Pla­stik, die sich im Prin­zip jede belie­bi­ge Iden­ti­tät – Alter, Geschlecht, Vor­lie­ben – zule­gen kann. Wahr­heit wird zu einer Ska­lie­rungs­grö­ße: Je mehr »Likes« eine Aus­sa­ge erhält, desto zutref­fen­der ist sie. Die Waren- und Dienst­lei­stungs­wirt­schaft wird zur Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie, die Arbeits­ge­sell­schaft zu einem Aus­lauf­mo­dell, der Sozi­al­staat zu einem Relikt des Industriezeitalters.

Aber was ist die­ses Neue, das da, zunächst unbe­merkt, alle Lebens­äu­ße­run­gen durch­dringt? Was macht die Digi­ta­li­sie­rung mit uns? Und wie steu­ern wir die­sen Ein­fluss? Wo wol­len wir hin? Wie wol­len wir leben? Das sind die Fra­gen, die wir uns ent­schie­den stel­len und auf die wir Ant­wor­ten fin­den müs­sen. Denn wir sind nicht etwa nur Zeu­gen einer fort­schrei­ten­den Ent­wick­lung, die sich »irgend­wie« ohne unser Zutun voll­zieht. Nein, wir sind akti­ve Teil­neh­mer an einer nur auf den ersten Blick tech­no­lo­gi­schen Revo­lu­ti­on, die auch einen sozia­len und öko­no­mi­schen »Pro­gramm­wech­sel« erfor­dert; man könn­te auch »System­wech­sel« sagen oder »ech­ter Lock­down« (sie­he den Bei­trag von Georg Fül­berth in die­sem Heft). Und die Anfän­ge und Ankün­di­gun­gen die­ses Umbruchs sind sehr viel älter, als wir den­ken, wie Tere­sa Sci­ac­ca in ihrem Bei­trag in Ossietzky 22/​2021 (»Am Null­punkt der Digi­ta­li­sie­rung«) gezeigt hat.