Skip to content

Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Menu

Der Schock: Das Ende der Beatles

Bei den Fans schlug die Nach­richt ein, als sei es der Welt­un­ter­gang. Am 10. April 1970 gab Paul McCart­ney in einer Pres­se­mit­tei­lung bekannt, dass er die Beat­les ver­las­sen wer­de. Die Plat­ten­fir­ma Apple Records bestä­tig­te McCart­neys Abgang und füg­te lapi­dar hin­zu, die Tätig­keit der Beat­les kön­ne „auf Jah­re hin­aus« ein­ge­stellt sein. Die Welt war schockiert.

Dabei war es ein schlep­pen­des Ende gewe­sen, das sich seit dem Tod ihres Mana­gers Bri­an Epstein im August 1967 über zwei Jah­re hin­ge­zo­gen hat­te. Mit Epstein war den vier Musi­kern so etwas wie ihr Mit­tel­punkt abhan­den­ge­kom­men. Nun muss­te die Band sich selbst mana­gen. Eine zusätz­li­che Bela­stung. Im Novem­ber 1968 ver­öf­fent­lich­te sie ihr neun­tes Stu­dio­al­bum, das »Wei­ße Album«, mit dem sie noch ein­mal alle musi­ka­li­schen Regi­ster zog. Es war das ori­gi­nell­ste Werk der Beat­les und eine Zäsur in ihrer Kar­rie­re, denn mit die­sem Dop­pel-Album (im schlich­ten wei­ßen Cover) ver­ab­schie­de­ten sich die Musi­ker von der bun­ten, dro­gen­ge­tränk­ten, psy­che­de­li­schen Flower-Power-Zeit. Aber bereits bei der mona­te­lan­gen Ein­spie­lung der Titel war es zu inter­nen Span­nun­gen gekom­men. So hat­te Rin­go Starr die Band für zwei Wochen ver­las­sen. Die Öffent­lich­keit erfuhr nichts davon.

Zu Beginn des Jah­res 1969 hat­te schließ­lich Geor­ge Har­ri­son die Nase voll. Da er sich als Gitar­rist immer mehr als Song­wri­ter eman­zi­pier­te, führ­te das unwei­ger­lich zu Kon­flik­ten mit den domi­nan­ten Song­wri­tern Paul McCart­ney und John Len­non. Nach einem hef­ti­gen Streit ver­schwand Har­ri­son. Nie­mand ver­such­te, ihn auf­zu­hal­ten. Erst nach fünf Tagen kehr­te er mit eini­gen For­de­run­gen zurück. Zwei Tage spä­ter erschien das zehn­te Album »Yel­low Sub­ma­ri­ne«, das als Sound­track-Album für den gleich­na­mi­gen Film gedacht war.

Um wei­te­ren Rei­be­rei­en vor­zu­beu­gen, orga­ni­sier­te McCart­ney am 30. Janu­ar 1969 auf dem Dach des fünf­stöcki­gen Lon­do­ner Apple-Stu­di­os ein Blitz­kon­zert (Roof­top Con­cert), zu dem auch Bil­ly Pre­s­ton mit E-Pia­no ein­ge­la­den wur­de. Für eine knap­pe Drei­vier­tel­stun­de nah­men die Beat­les als Band wie­der Gestalt an. Das Lon­do­ner Zufalls­pu­bli­kum unten auf der Stra­ße ahn­te nicht, dass es Zeu­ge des letz­ten öffent­li­chen Auf­tritts der Fab Four war. Da der Ver­kehr in den umlie­gen­den Stra­ßen erlahm­te, been­de­te die Poli­zei schließ­lich das wohl berühm­te­ste Kon­zert der Popmusikgeschichte.

Die vor­über­ge­hen­de Wie­der­ver­ei­ni­gung konn­te jedoch nicht mehr die Auf­lö­sung der Band auf­hal­ten. Nach fast zehn Jah­ren hat­ten die vier Musi­ker genug, jeder ging längst sei­nen eige­nen Weg. Im März 1969 hei­ra­te­te McCart­ney die Foto­gra­fin Lin­da East­man und Len­non die japa­ni­sche Akti­ons­künst­le­rin Yoko Ono. Rin­go Starr ver­such­te sich als Schau­spie­ler und Geor­ge Har­ri­son ver­tief­te sich in Medi­ta­tio­nen und Gebe­te. Für ihr letz­tes Album »Abbey Road« rauf­ten sie sich noch ein­mal als Band zusam­men. Im Som­mer wur­den die letz­ten Songs ein­ge­spielt, und am 8. August nahm der Foto­graf Iain McMil­lan das legen­dä­re Cover­fo­to der Beat­les auf, wie sie gera­de einen Zebra­strei­fen über­quer­ten. Am 26. Sep­tem­ber erblick­te das Album das Licht der Welt und war mit Titeln wie »Here Comes The Sun«, »Becau­se«, »Octopus’s Gar­den« oder »Oh! Dar­ling« ein wei­te­rer musi­ka­li­scher Mei­len­stein der Fab Four.

Kurz vor der Ver­öf­fent­li­chung von »Abbey Road« hat­te Len­non sei­nen Aus­tritt aus der Band ver­kün­det. Er wil­lig­te aber ein, die Ent­schei­dung nicht öffent­lich zu machen, um den Erfolg der Plat­te nicht zu gefähr­den. Der Grund für sei­nen Abschied war ein Zer­würf­nis mit McCart­ney über ihren neu­en Mana­ger. Bis heu­te wird dar­über gerät­selt, ob McCart­neys Pres­se­mit­tei­lung vom 10. April 1970 viel­leicht ein Akt der Abrech­nung mit dem ehe­ma­li­gen Freund war? John Len­non fühl­te sich jeden­falls hin­ter­gan­gen und äußer­te einem Jour­na­li­sten gegen­über: »Paul McCart­ney hat nicht die Beat­les ver­las­sen; ich habe ihn ent­las­sen.« Erst zwei Jah­re spä­ter tra­fen sich die bei­den zur Ver­söh­nung bei Len­non in New York.

Sie­ben Tage nach sei­nem öffent­li­chen Aus­stieg ver­öf­fent­lich­te Paul McCart­ney sein erstes Solo-Album »McCart­ney«. Da waren Geor­ge Har­ri­son mit den bei­den Instru­men­tal-Alben »Won­der­wall Music« (Novem­ber 1968) und »Elec­tro­nic Sound« (Mai 1969), John Len­non mit dem Live­al­bum »Live Peace In Toron­to« (gemein­sam mit sei­ner Pla­stic Ono Band) im Dezem­ber 1969 und Rin­go Starr mit sei­nem Solo-Debüt »Sen­ti­men­tal Jour­ney« im März 1970 längst vorgeprescht.

Im Mai 1970 erschien mit »Let It Be« dann das letz­te Stu­dio­al­bum, da gab es die Beat­les nicht mehr. Die Songs für den musi­ka­li­schen »Abschieds­gruß« waren bereits Anfang 1969 ent­stan­den, doch auf­grund der Que­re­len hat­ten die Band­mit­glie­der lan­ge Zeit kein Inter­es­se mehr gehabt, an den Auf­nah­men wei­ter­zu­ar­bei­ten. Die Arbeit an dem Album war von einem Kame­ra­team fest­ge­hal­ten wor­den. Als der Film eben­falls im Mai in New York und Lon­don urauf­ge­führt wur­de, war kei­ner der Beat­les bei der Pre­mie­re anwesend.

Es gab nicht den einen, ein­zi­gen Grund für die Tren­nung der Beat­les; viel­mehr war es die Ver­ket­tung von Ereig­nis­sen, durch die sich die vier Pilz­köp­fe immer mehr ent­frem­de­ten. Nach außen hiel­ten sie zwar den Anschein einer Grup­pe auf­recht, aber über Mona­te lagen sie bereits im Clinch. So war die öffent­li­che Tren­nung im April 1970 nur noch eine For­ma­li­tät. Damals fand John Len­non für die Fans die trö­sten­den Wor­te: »Es ist nur eine Band, die aus­ein­an­der­geht. Es ist nicht das Ende der Welt.«