Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Worte und Taten

»Für den Bür­ger eines frei­heit­li­chen Rechts­staa­tes gibt es im Grun­de genom­men kei­ne wich­ti­ge­re Infor­ma­ti­ons­quel­le als das Grund­ge­setz«, schrieb Bun­des­prä­si­dent Gustav Hei­ne­mann 1970 im Geleit­wort zu einer von der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung ver­an­lass­ten Samm­lung wich­ti­ger Geset­zes­tex­te. Hei­ne­mann sag­te etwas Rich­ti­ges, aber in Zei­ten wie die­sen nutzt das Grund­ge­setz als Infor­ma­ti­ons­quel­le wenig. Letzt­lich steht alles nur auf dem Papier, und die Grund­rech­te kön­nen den Bür­gern von einer Stun­de auf die ande­re abhandenkommen.

Auch man­ches ande­re gilt als ver­bürgt, wird aber im täg­li­chen Leben mit Füßen getre­ten. Das kann auch dem von den Koali­ti­ons­frak­tio­nen CDU/​CSU und SPD aus­ge­ar­bei­te­ten Gesetz zur Bekämp­fung von Rechts­ex­tre­mis­mus und Hass­kri­mi­na­li­tät wider­fah­ren, das der Bun­des­tag am 12. März in erster Lesung bera­ten hat. Volks­ver­het­zung zum Bei­spiel ist nach § 130 des Straf­ge­setz­bu­ches seit jeher ver­bo­ten. Trotz­dem konn­te sich im Okto­ber 1980 der Her­aus­ge­ber der anti­se­mi­ti­schen Deut­schen Natio­nal-Zei­tung, Ger­hard Frey, in einem Fern­schrei­ben an alle Zei­tungs­re­dak­tio­nen damit brü­sten, dass soeben das 500. Straf­ver­fah­ren gegen ihn ohne Ergeb­nis zu Ende gegan­gen sei. Das Land­ge­richt Mün­chen hat­te ihn vom Vor­wurf der Volks­ver­het­zung freigesprochen.

Vier­zig Jah­re spä­ter, nach einer Viel­zahl ähn­li­cher Ent­schei­dun­gen, kom­men­tier­te jetzt Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäub­le (CDU) den rechts­ex­tre­mi­sti­schen Anschlag von Hanau mit den Wor­ten, er for­de­re Auf­rich­tig­keit vom Staat, der sich ein­ge­ste­hen müs­se, »die rechts­ex­tre­mi­sti­sche Gefahr zu lan­ge unter­schätzt zu haben« (Süd­deut­sche Zei­tung, 6.3.2020). Als Anfang der 1980er Jah­re das Land­ge­richt Würz­burg einen Mann wegen Volks­ver­het­zung zu zwei Jah­ren und zwei Mona­ten Frei­heits­stra­fe ver­ur­teil­te, hob der Bun­des­ge­richts­hof das Urteil auf und sprach den Ange­klag­ten frei.

Was war gesche­hen? Der Mann hat­te unter ande­rem Paro­len wie »Juden raus«, »Aus­län­der raus« und »Tür­ken raus« an Häu­ser­wän­de gesprüht. Der Bun­des­ge­richts­hof argu­men­tier­te, die öffent­li­che Ver­brei­tung sol­cher Paro­len erfül­le nicht in jedem Fall den Tat­be­stand der Volks­ver­het­zung. Er set­ze »eine Auf­for­de­rung zu Gewalt- oder Will­kür­maß­nah­men gegen Tei­le der Bevöl­ke­rung vor­aus«. Der Begriff »Auf­for­de­rung« ver­lan­ge »eine bestimm­te Erklä­rung an die Moti­va­ti­on ande­rer, die den Ein­druck der Ernst­lich­keit erweckt und erwecken soll«. Wei­ter führ­te der BGH aus: »Die Paro­len ›Juden raus‹, ›Aus­län­der raus‹ und ›Tür­ken raus‹ ent­hal­ten nach ihrem Wort­laut kei­ne Auf­for­de­rung an ande­re, gegen die genann­ten Per­so­nen­grup­pen bestimm­te Maß­nah­men zu ergrei­fen.« Die Aus­le­gung, dass der Ange­klag­te durch die Bei­fü­gung von Haken­kreu­zen eine gewalt­sa­me Ver­trei­bung der in der Bun­des­re­pu­blik leben­den aus­län­di­schen Gast­ar­bei­ter und deut­schen Juden gemeint habe, lie­ge »vor dem geschicht­li­chen Hin­ter­grund der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Juden­ver­fol­gung bei der Paro­le ›Juden raus‹ auf der Hand. Sie ist nicht ohne wei­te­res auf die ande­ren Äuße­run­gen über­trag­bar.« (AZ 3 StR-36/84). Mit ande­ren Wor­ten, sie brauch­ten nicht ernst genom­men zu werden.

Die­se Über­le­gung hat anschei­nend auch bei der Wei­ge­rung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts eine Rol­le gespielt, die NPD als ver­fas­sungs­feind­lich zu ver­bie­ten. Die rechts­ex­tre­mi­sti­sche Par­tei wei­se zwar eine Wesens­ver­wandt­schaft mit der NSDAP Adolf Hit­lers auf und arbei­te plan­voll auf die Besei­ti­gung der bestehen­den Ver­fas­sungs­ord­nung hin, so das Gericht, der­zeit feh­le es jedoch an kon­kre­ten Anhalts­punk­ten von Gewicht, »die es mög­lich erschei­nen las­sen, dass die­ses Han­deln zum Erfolg führt«. Anders aus­ge­drückt, die NPD ist nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts unge­fähr­lich. Damit wur­de das Tor zur Ver­brei­tung rechts­ex­tre­mi­sti­scher Agi­ta­ti­on sperr­an­gel­weit auf­ge­macht. Im sel­ben Jahr 2017, in dem die NPD für unbe­deu­tend erklärt wur­de, zog die rechts­po­pu­li­sti­sche Alter­na­ti­ve für Deutsch­land (AfD) in den Bun­des­tag ein, wo sie heu­te mit 89 Abge­ord­ne­ten die stärk­ste Oppo­si­ti­ons­frak­ti­on stellt.

»Weh­ret den Anfän­gen«, lau­tet eine der Leh­ren aus dem Unter­gang der Wei­ma­rer Repu­blik. Des­halb bean­trag­te 1969 die Bun­des­re­gie­rung unter Feder­füh­rung ihres Innen­mi­ni­sters Ernst Ben­da (CDU), das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt möge dem Her­aus­ge­ber der Deut­schen Natio­nal-Zei­tung«, Frey, das Grund­recht der Pres­se- und Mei­nungs­frei­heit ent­zie­hen, weil er es zum Kampf gegen die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung miss­brau­che. Sie ist damit nicht durch­ge­kom­men. Ent­schei­dend für eine Grund­rechts­ver­wir­kung sei, erklär­te das Gericht, ob von der betref­fen­den Per­son in Zukunft eine Gefahr für die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung aus­ge­he. Das habe die Bun­des­re­gie­rung nicht dar­ge­tan und »offen­sicht­lich« sei es im vor­lie­gen­den Fall nicht.

Aus der Klem­me gehol­fen hat­te dem Her­aus­ge­ber der DNZ– wie sich spä­ter her­aus­stell­te – ein Rechts­gut­ach­ten des Mit­ver­fas­sers des Stan­dard­kom­men­tars zum Grund­ge­setz, Theo­dor Maunz. Nach des­sen Tod teil­te die Redak­ti­on des anti­se­mi­ti­schen Hetz­blat­tes mit, Ger­hard Frey habe damit sei­nen »wun­der­ba­ren Weg­be­glei­ter« ver­lo­ren, der über Jahr­zehn­te hin­weg anonym mit Bei­trä­gen in der DNZ ver­tre­ten gewe­sen sei.

Fragt sich, wen die AfD ver­lor, als Hans-Georg Maaßen sein Amt als Prä­si­dent des Bun­des­am­tes für Ver­fas­sungs­schutz abge­ben muss­te. Mene mene tekel uphar­sin. Aber das ist eine ande­re Geschichte.