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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Spritze zur Freiheit

Las Vegas ist der pas­sen­de Ort für eine Idee, die behaup­tet, den Men­schen zu befrei­en, indem sie ihn end­gül­tig zur Ware macht. Dort, wo aus Licht, Lärm und kon­trol­lier­ter Sucht seit jeher Geschäfts­mo­del­le ent­ste­hen, tra­ten im Mai 2026 die Enhan­ced Games vor die Welt: ein Sport­er­eig­nis, das vor­gab, die Heu­che­lei des Anti-Doping-Systems zu ent­lar­ven, und dabei selbst zur grel­len Lehr­ver­an­stal­tung über die Heu­che­lei des Mark­tes wurde.

Die Ver­an­stal­ter nen­nen es Fort­schritt. Man müs­se Ath­le­ten nur end­lich erlau­ben, offen zu tun, was angeb­lich ohne­hin vie­le im Gehei­men täten: lei­stungs­stei­gern­de Sub­stan­zen neh­men, medi­zi­nisch über­wacht, trans­pa­rent, frei­wil­lig. Der alte Sport, so lau­tet die Ankla­ge, pre­di­ge Rein­heit und pro­du­zie­re Schwarz­markt; er bestra­fe den ein­zel­nen Kör­per, wäh­rend er Mate­ri­al­tech­no­lo­gie, Daten­ana­ly­se, Höhen­kam­mern, Spe­zia­ler­näh­rung und Rege­ne­ra­ti­ons­la­bo­re längst dul­de. Das ist nicht völ­lig falsch. Jede wirk­sa­me Ideo­lo­gie ent­hält einen wah­ren Kern. Auch die Enhan­ced Games leben von einer berech­tig­ten Fra­ge: Wie sau­ber ist ein Spit­zen­sport, der Mil­lio­nen mit Kör­pern ver­dient, die er zugleich als mora­li­sche Hei­lig­tü­mer ausstellt?

Aber die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet nicht, ob das bestehen­de Anti-Doping-System wider­spruchs­frei ist. Das ist es nicht. Die Fra­ge lau­tet, wohin die Kri­tik führt. Bei den Enhan­ced Games führt sie ziem­lich direkt zum Geschäfts­mo­dell. In den SEC-Unter­la­gen wird die Ver­an­stal­tung nicht als Sport­wett­be­werb sicht­bar, son­dern als Teil einer bio­po­li­ti­schen Ver­wer­tungs­ket­te aus Sport­mar­ke, Tele­me­di­zin, Well­ness-Pro­duk­ten, Pep­ti­den, Hor­mo­nen, For­schungs­da­ten und Inve­sto­ren­fan­ta­sie. Chri­sti­an Anger­may­er spricht in den Unter­la­gen sinn­ge­mäß vom »Red Bull Play­book«: Sport soll Auf­merk­sam­keit erzeu­gen, Auf­merk­sam­keit soll Ver­trau­en schaf­fen, Ver­trau­en soll Pro­duk­te ver­kau­fen. Damit ist der ideo­lo­gi­sche Kern frei­ge­legt. Der Ath­let tritt nicht nur an, er wirbt. Er schwitzt nicht nur, er vali­diert. Sein Kör­per ist nicht mehr bloß Trä­ger einer Lei­stung, son­dern Demon­stra­ti­ons­flä­che eines künf­ti­gen Kon­su­men­ten­mark­tes. Testo­ste­ron, Wachs­tums­hor­mo­ne, Pep­ti­de und Lang­le­big­keits­ver­spre­chen wer­den in eine Spra­che geklei­det, die aus medi­zi­ni­schen Ein­grif­fen Life­style macht. Wo frü­her der Spon­sor auf dem Tri­kot stand, wan­dert er nun in den Stoffwechsel.

Auto­no­mie ist dabei das gro­ße Zau­ber­wort. »Mein Kör­per, mei­ne Wahl!« Die­se For­mel klingt eman­zi­pa­to­risch, bis man fragt, wer die Bedin­gun­gen die­ser Wahl setzt. Der freie Kör­per des Ath­le­ten steht nicht in einem Semi­nar­raum der Moral­phi­lo­so­phie, son­dern in einer Wirk­lich­keit kur­zer Kar­rie­ren, pre­kä­rer Ein­kom­men und bru­ta­ler Kon­kur­renz. Die Preis­gel­der der Enhan­ced Games, bis zu einer Mil­li­on US-Dol­lar für Welt­re­kor­de, dazu hohe Antritts- und Sieg­prä­mi­en, ver­wan­deln Frei­heit in öko­no­mi­schen Druck. Wer wenig ver­dient, wer nach Jah­ren der Selbst­dis­zi­plin ohne mate­ri­el­le Sicher­heit dasteht, trifft sei­ne Ent­schei­dung nicht im luft­lee­ren Raum. Kapi­ta­li­sti­sche Frei­heit ist oft die Frei­heit, aus Grün­den der Not als frei­wil­lig zu erscheinen.

Die Befür­wor­ter sagen: Nie­mand wer­de gezwun­gen. Das stimmt in der­sel­ben Wei­se, in der nie­mand gezwun­gen wird, schlecht bezahl­te Arbeit anzu­neh­men, wenn Mie­te, Krank­heit und Alter dis­kret an die Tür klop­fen. Auto­no­mie ver­langt nicht nur die Abwe­sen­heit eines Befehls, son­dern auch die Abwe­sen­heit exi­sten­zi­el­ler Erpres­sung. Genau hier wird aus dem liber­tä­ren Frei­heits­ver­spre­chen eine Mark­tu­to­pie mit Sprit­ze. Der Ath­let darf wäh­len, aber der Markt hat den Wahl­zet­tel gedruckt.

Natür­lich ist der tra­di­tio­nel­le Sport kein Para­dies. Der olym­pi­sche Rein­heits­my­thos hat­te immer etwas von einer Sonn­tags­re­de über Aske­se, gehal­ten im VIP-Bereich. Die WADA-Ord­nung indi­vi­dua­li­siert Schuld, wo gan­ze Syste­me Vor­tei­le pro­du­zie­ren; sie sank­tio­niert Ath­le­ten här­ter als Funk­tio­nä­re; sie schützt bis­wei­len die Mar­ke »sau­be­rer Sport« ent­schlos­se­ner als die Men­schen, die ihn betrei­ben. Aber aus der Heu­che­lei des alten Systems folgt nicht, dass die offi­zi­el­le Phar­ma­ko­lo­gi­sie­rung des Wett­kampfs ein Fort­schritt wäre. Wer die Lüge des sau­be­ren Sports kri­ti­siert, muss nicht den gedop­ten Markt hei­lig­spre­chen. Zwi­schen Prü­de­rie und Zynis­mus gibt es noch die alt­mo­di­sche Mög­lich­keit: Aufklärung.

Sport­ver­bän­de wie World Aqua­tics reagier­ten mit Sperr­an­dro­hun­gen gegen Ath­le­ten und Unter­stüt­zer sol­cher Wett­be­wer­be. Die WADA warn­te, das Spek­ta­kel kön­ne beson­ders jun­ge Men­schen zum Doping ver­lei­ten. Man muss die­se Insti­tu­tio­nen nicht ver­klä­ren, um ihren nor­ma­ti­ven Kern ernst zu neh­men: Nicht jeder tech­ni­sche Fort­schritt ist ein huma­ner Quan­ten­sprung. Nicht jede Trans­pa­renz schützt vor Aus­beu­tung. Und nicht jede medi­zi­ni­sche Über­wa­chung macht eine Pra­xis gesund. Ein Not­arzt am Strecken­rand ver­wan­delt ein Auto­rennen ohne Brem­sen nicht in ver­ant­wort­li­che Mobilität.

Dann kam Las Vegas und das trans­hu­ma­ni­sti­sche Ver­spre­chen stol­per­te über sei­ne eige­ne Dra­ma­tur­gie. Aus­ge­rech­net in den Schau­fen­ster­dis­zi­pli­nen tri­um­phier­ten Ath­le­ten, die nach den vor­lie­gen­den Berich­ten nicht »enhan­ced«, son­dern sau­ber antra­ten. Fred Ker­ley gewann die 100 Meter in 9,97 Sekun­den: respek­ta­bel, aber weit ent­fernt von jenem epo­cha­len Angriff auf Usain Bolts Welt­re­kord, mit dem das Ereig­nis koket­tiert hat­te. Das Sprint­fi­na­le muss­te mehr­fach gestar­tet wer­den; Fehl­starts und orga­ni­sa­to­ri­sche Pan­nen mach­ten aus dem ange­kün­dig­ten Zukunfts­la­bor eine etwas teu­re Pro­vinz­pos­se. Die Che­mie ver­sprach den Über­men­schen; gelie­fert wur­de der schlecht orga­ni­sier­te Vor­lauf des Spätkapitalismus.

Auch im Was­ser war die Bilanz wider­sprüch­li­cher, als das Mar­ke­ting es erhofft hat­te. Kri­sti­an Gko­lo­me­ev schwamm über 50 Meter Frei­stil schnel­ler als der offi­zi­el­le Welt­re­kord und kas­sier­te die Mil­li­on. Doch der Befund ist sport­lich ver­gif­tet: Poly­ure­than-Anzü­ge, im regu­lä­ren Schwimm­sport seit 2010 ver­bo­ten, waren erlaubt. Wo endet hier der Mensch, wo beginnt das Mate­ri­al, wo die Phar­ma­ko­lo­gie, wo die Show? Der Rekord wird nicht kla­rer, son­dern trü­ber. Er zeigt weni­ger die Zukunft des Sports als die alte Wahr­heit, dass Regeln Lei­stun­gen über­haupt erst ver­gleich­bar machen.

Das Schei­tern von James Magnus­sen, der nach lan­ger Vor­be­rei­tung mit lei­stungs­stei­gern­den Mit­teln über 100 Meter Frei­stil Letz­ter wur­de und deut­lich hin­ter sei­ner frü­he­ren Best­zeit blieb, war die bit­ter­ste Poin­te. Der Kör­per ist eben kein Start-up, das man mit genü­gend Kapi­tal, Bera­tung und aggres­si­ver Ska­lie­rungs­rhe­to­rik belie­big opti­miert. Lei­stung ent­steht aus Talent, Trai­ning, Tech­nik, Alter, Erfah­rung, Ner­ven­kraft, Ver­let­zungs­ge­schich­te und sozia­ler Umge­bung. Der Mensch ist kom­ple­xer als ein Pitch­deck. Die­se Erkennt­nis ist alt, aber in Las Vegas muss­te sie offen­bar noch ein­mal gegen Ein­tritts­geld vor­ge­führt werden.

Die Enhan­ced Games sind des­halb nicht der Bruch mit der Heu­che­lei des Sports, son­dern ihre unter­neh­me­ri­sche Fort­set­zung mit ande­ren Mit­teln. Im tra­di­tio­nel­len Sport wird der Kör­per natio­nal, ver­band­lich und medi­al ver­wer­tet. In Las Vegas wird er direkt finan­zia­li­siert. Der eine Mythos sagt: Du bist rein, wenn dei­ne Pro­be es erlaubt. Der ande­re sagt: Du bist frei, wenn dein Risi­ko mone­ta­ri­sier­bar ist. Bei­de kön­nen lügen. Aber der zwei­te lügt mit der Selbst­ge­wiss­heit des Börsenprospekts.

Hier berührt das The­ma Fou­caults Begriff der Bio­po­li­tik: Macht wirkt nicht nur durch Ver­bo­te, son­dern durch die Orga­ni­sa­ti­on von Leben, Gesund­heit, Risi­ko und Nor­ma­li­tät. Die Enhan­ced Games ver­bie­ten nichts; gera­de dar­in liegt ihre Macht. Sie sagen nicht: Du musst! Sie sagen: Du darfst. Und aus dem Dür­fen wird ein Markt, aus dem Markt ein Stan­dard, aus dem Stan­dard ein Druck. Was heu­te im Spit­zen­sport als frei­wil­li­ge Opti­mie­rung auf­tritt, kann mor­gen im Frei­zeit­sport als Vor­bild wir­ken und über­mor­gen in Arbeits­welt, Mili­tär, Uni­ver­si­tät und Krea­ti­v­öko­no­mie als stil­ler Lei­stungs­zwang wiederkehren.

Das ist der eigent­li­che Skan­dal. Nicht ein paar Sprit­zen im Schein­wer­fer­licht, son­dern die Nor­ma­li­sie­rung eines Men­schen­bil­des, in dem Gren­zen nur noch als Inve­sti­ti­ons­hin­der­nis­se erschei­nen. Alter, Müdig­keit, Schmerz, Rege­ne­ra­ti­on, Zwei­fel — all das wird zur Stö­rung einer Ver­wer­tungs­ma­schi­ne, die den Kör­per nicht mehr als ver­letz­li­ches Leben begreift, son­dern als Platt­form. Ador­no hät­te ver­mut­lich wenig Geduld mit die­ser Fort­schritts­rhe­to­rik gehabt. Der ver­wal­te­te Mensch erscheint hier nicht grau und büro­kra­tisch, son­dern glän­zend, mus­ku­lös, daten­ge­trie­ben und frei­wil­lig lächelnd.

Das Argu­ment der Scha­dens­min­de­rung ver­dient den­noch eine fai­re Prü­fung. Wenn Doping exi­stiert, kön­nen medi­zi­ni­sche Kon­trol­le, offe­ne Dosie­rung und bes­se­re Prä­pa­ra­te Risi­ken min­dern. Schwarz­markt, Geheim­kon­sum und ver­un­rei­nig­te Sub­stan­zen sind rea­le Gefah­ren. Aber Harm Reduc­tion ist ein öffent­li­ches Gesund­heits­prin­zip, kein Frei­brief für ein Enter­tain­ment-Unter­neh­men, das Risi­ko in Ein­schalt­wert, Daten­be­sitz und Pro­dukt­ver­trau­en ver­wan­delt. Wer Scha­dens­min­de­rung ernst meint, ent­kop­pelt sie von Bör­sen­gang, Preis­geld und Influen­cer-Zir­kus. Andern­falls wird aus Medi­zin nicht Schutz, son­dern Kulisse.

Recht­lich ver­schiebt sich damit die Ver­ant­wor­tung. Im klas­si­schen Anti-Doping-System trägt der Ath­let die stren­ge Ver­ant­wor­tung für Sub­stan­zen in sei­nem Kör­per. Bei den Enhan­ced Games aber orga­ni­siert der Ver­an­stal­ter den Rah­men, bewirbt den Nut­zen, belohnt das Risi­ko, stellt medi­zi­ni­sche Beglei­tung bereit und sam­melt Daten. Damit wächst die Fra­ge nach Unter­neh­mens­haf­tung: Wer den Kör­per ande­rer zum Geschäfts­mo­dell macht, kann sich nicht ewig hin­ter indi­vi­du­el­ler Ein­wil­li­gung verstecken.

Am Ende bleibt Las Vegas als Alle­go­rie: eine Stadt, in der der Ver­lust als Erleb­nis ver­kauft wird. Die Enhan­ced Games haben nicht bewie­sen, dass Doping die Zukunft des Sports ist. Sie haben bewie­sen, dass der Kapi­ta­lis­mus selbst aus der Kri­tik an sei­ner Heu­che­lei ein Geschäfts­mo­dell baut. Sie sind weni­ger Revo­lu­ti­on als Ent­hül­lung. Nicht der Ath­let wur­de befreit, son­dern das Inter­es­se entkleidet.

Der tra­di­tio­nel­le Sport soll­te aus die­sem Angriff ler­nen. Wer den Enhan­ced Games nur mit Bann­fluch begeg­net, ohne die mate­ri­el­le Mise­re vie­ler Ath­le­ten zu besei­ti­gen, ver­tei­digt am Ende bloß die alte Ord­nung gegen ihre zyni­sche­re Kon­kur­renz. Sau­be­rer Sport braucht Tests, aber auch Ein­kom­men, Mit­be­stim­mung, unab­hän­gi­ge Medi­zin, Schutz vor Ver­bands­will­kür und eine Kul­tur, die Ath­le­ten nicht nach ihrer Ver­wert­bar­keit entsorgt.

Die neue Are­na ist kein Sta­di­on, son­dern ein Labor mit Publi­kum. Über dem Ein­gang steht in gol­de­nen Buch­sta­ben der Epo­che: Du gehörst dir selbst! Solan­ge ande­re an dir verdienen.