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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Mehr Brot, weniger Spiele!

In sei­nem Herbst der Ent­schei­dung will der Deut­sche Olym­pi­sche Sport­bund (DOSB) in einer Mit­glie­der­ver­samm­lung am 26. Sep­tem­ber bestim­men, wer von den deut­schen Bewer­bern für die drei Olym­pi­schen und Para­lym­pi­schen Spie­le ab 2036 in den Start­block darf. Die Funk­tio­närs-Qua­dri­ga der Wil­li­gen for­mier­te sich in allen Him­mels­rich­tun­gen: Nor­den (Ham­burg), Süden (Mün­chen), Westen (17 NRW-Städ­te rund um Köln) und Osten (Ber­lin). Vor­aus gin­gen Win­ter, Früh­jahr und Som­mer der Ver­schwen­dung. Ins­ge­samt 50 Mil­lio­nen Euro gaben die Städ­te allein für Olym­pia-Kon­zep­te und Refe­ren­den aus, das mei­ste nota­be­ne für die Ton­ne. Wer immer auch das Ren­nen macht, darf dann näch­stes Jahr für 2036 erst ein­mal gegen min­de­stens zehn Mit­be­wer­ber-Städ­te antre­ten, dar­un­ter Buda­pest in Ungarn und Doha in Katar, das übri­gens für die Aus­rich­tung der Fuß­ball-WM 2022 die Rekord­sum­me von 220 Mil­li­ar­den Dol­lar aus­gab. Blut- und Bestechungs­gel­der inklusive.

Ham­burg hat sich nun aus dem Ren­nen ver­ab­schie­det. Kei­ne Schwimma­re­na auf der Alster, kei­ne Spurtstrecken in der Spei­cher­stadt: Aber­mals nach 2015 hat das Volk Ende Mai sei­ne Lan­des­re­gie­rung aus SPD und Grü­nen, Wirt­schafts- und Sport­ver­bän­de »ent­täuscht« (Bür­ger­mei­ster Tsch­ent­scher). Immer­hin die Hälf­te aller 1,3 Mil­lio­nen Stimm­be­rech­tig­ten nahm an dem Ja-oder-Nein-Refe­ren­dum teil und begrub die Sucht der Funk­tio­nä­re nach dem Groß­ereig­nis im Nor­den unter 55 Pro­zent Nein-Stimmen.

Dabei war in den Wochen zuvor eine der­ar­ti­ge Flut von Rekla­me auf die Stadt nie­der­ge­gan­gen, als gin­ge es min­de­stens um die Zukunft des Abend­lan­des. Die Stra­ßen­la­ter­nen gepfla­stert mit »Wahl­pla­ka­ten«, deren Argu­men­te sich in intel­lek­tu­ell hoch­wer­ti­gen Slo­gans aus­drück­ten wie »JA! ICH WILL Zukunft gestal­ten!«, »DEIN JA für eine neu­es Som­mer­mär­chen!« oder: »DEIN JA macht Träu­me wahr!« Frag­te sich nur, für wen. Die Ham­bur­ge­rin­nen und Ham­bur­ger nah­men der Stadt und ihren poten­ten Unter­stüt­zern aus der Wirt­schaft ihr Lob­lied auf die rosi­ge Zukunft durch Olym­pia jeden­falls nicht ab, und dass, obwohl die Geg­ner, die Initia­ti­ve NOlym­pia sowie die Par­tei­en Die Lin­ke und AfD, in der Mate­ri­al­schlacht um die Stim­men hoff­nungs­los unter­le­gen schie­nen. Rund 18 Mil­lio­nen Euro hat der Senat für Kon­zept, Rekla­me und Refe­ren­dum aus­ge­ge­ben. Ver­senk­tes Geld. Aber immer­hin spa­ren sich die Ham­bur­ger jetzt unwäg­bar vie­le Mil­li­ar­den für Sta­di­en-Neu- und -umbau­ten, tem­po­rär rele­van­te Infra­struk­tur und Aber­tau­sen­de Sicher­heits­kräf­te, die die Umge­bung der Sport­stät­ten in Hoch­si­cher­heits­area­le und Sperr­zo­nen ver­wan­delt hätten.

Die Reak­ti­on der Ham­bur­ger Par­tei­en von SPD und Grü­nen bis zu CDU auf die Ableh­nung der Bür­ger war übri­gens inter­es­sant und sym­pto­ma­tisch: Sie waren von Ihrem Wahl­volk tief »ent­täuscht«, weil es ein­fach nicht ver­ste­hen woll­te, wel­che Seg­nun­gen ihrer Stadt ent­ge­hen. Katha­ri­na Fege­bank, Frak­ti­ons­chefin der Grü­nen, die auch schon mal schnel­ler, höher, stär­ker gedacht haben, fass­te es laut NDR so zusam­men: Sie sehe in der Ableh­nung eine emo­tio­na­le Ent­schei­dung der Bür­ger. »Emo­tio­nen, die sehr stark von Sor­gen geprägt waren zu Mie­ten, zu Finan­zen, zu Sicher­heit – um nur drei zu nen­nen. Die mögen nicht immer sach­lich begründ­bar sein, aber offen­sicht­lich konn­ten wir sie bei vie­len Men­schen nicht ausräumen.«

War­um wohl? Kein Bedarf an noch höhe­ren Mie­ten, Kosten­wu­cher und man­gel­haf­ten Sicher­heits­kon­zep­ten: Nichts lässt sich ratio­na­ler begrün­den. Aber für die Grü­nen gilt längst: Dabei sein ist alles. Für die SPD erst recht. Das Nein war flä­chen­deckend – bis auf die Stadt­tei­le, in denen die Rei­chen und Super­rei­chen leben. Nur im Speck­gür­tel über­wog das Ja; kla­rer konn­te nicht wer­den, wie sehr die Inter­es­sen von Reich und Arm in einer Stadt aus­ein­an­der­drif­ten, in der 300.000 Men­schen unter der Armuts­gren­ze leben und 40.000 woh­nungs­lo­se Men­schen die auf­ge­ru­fe­nen Mie­ten nicht mehr bezah­len kön­nen. Die wenig­sten Ja-Stim­men in NRW übri­gens gab es in der Stadt Köln und dort in sei­nen ärme­ren Stadt­tei­len Mül­heim und Chorweiler.

Die Ham­bur­ger, deren Stadt ohne­dies seit zwan­zig Jah­ren eine Ansamm­lung von Bau­stel­len ist, haben Poli­tik und Wirt­schaft schlicht nicht abge­nom­men, dass die Unter­wer­fung unter die – im Übri­gen für die Zukunft noch völ­lig unkla­ren – Regeln eines schwei­ze­ri­schen Pri­vat­ver­eins ihr Leben irgend bes­ser machen wird, der sei­ne Ein­nah­men nicht ver­steu­ern muss und auf jeden Fall auf sei­ne Kosten kommt. Ein Blick auf die Kehr­sei­te der Glit­zer-Spie­le von Paris genüg­te schon: Hotels und Gastro­no­mie pro­fi­tier­ten gar nicht; die Mie­ten stie­gen schon im Vor­feld; Tau­sen­de ver­lie­ßen die Stadt, weil in ihren Vier­teln die Bewe­gungs­frei­heit ein­ge­schränkt wur­de; die teu­ren Woh­nun­gen des olym­pi­schen Dor­fes fin­den inzwi­schen kei­nen Absatz mehr. Die Kosten für die Kom­mu­ne lagen mit 6,6 Mil­li­ar­den Euro dop­pelt so hoch wie geplant. Und das ist noch gut: in Lon­don 2012 war es mit min­de­stens 13,5 Mil­li­ar­den das Drei­fa­che. Grund­sätz­lich kosten Olym­pi­sche Spie­le die Gast­ge­ber-Städ­te selbst das Zwei­ein­halb­fa­che des Geplan­ten, ermit­tel­ten laut Die Zeit For­scher der Uni­ver­si­tät Oxford.

In Mün­chen und Rhein-Ruhr gab es früh­zei­tig eben­falls Refe­ren­den, in denen sich jeweils Zwei­drit­tel der Teil­neh­mer für Olym­pia aus­spra­chen. Ber­lin hin­ge­gen fragt das Volk nicht, Refe­ren­den die­ser Art sieht die Lan­des­ver­fas­sung nicht vor. Das macht die Bewer­bung (mit Kosten von 6 Mil­lio­nen) des schwarz-roten Senats zwar bil­li­ger, aber auch wacke­lig. Die Oppo­si­ti­on droht mit einer Volks­ab­stim­mung, die aller­dings erst 2027 statt­fin­den könn­te, wenn die Ent­schei­dung des DOSB längst gefal­len ist. Wenn es dabei bleibt, ist Ber­lin im Grun­de raus. Ohne­dies kann Mün­chen mit einem aus­ge­feil­ten Kon­zept punk­ten und Rhein-Ruhr mit der Kraft des größ­ten Bun­des­lan­des im Rücken. Nur in Ham­burg übri­gens kamen in der Brief­wahl­bro­schü­re, die alle Bür­ger erreich­te, auch die Argu­men­te der Geg­ner im Wort­laut vor. In Rhein-Ruhr nur, wenn es kri­ti­sche Rats-Frak­tio­nen gab, in Mün­chen gar nicht. So viel zum The­ma Transparenz.

Alle Städ­te stel­len stets einen Kosten­rah­men von rund 4,8 Mil­li­ar­den Euro und 4,9 bis 5,2 Mil­li­ar­den Ein­nah­men in den Vor­der­grund. Aber das sind nur die – an Paris ori­en­tier­ten – ope­ra­ti­ven Kosten, übri­gens ohne Infla­ti­on und Preis­stei­ge­run­gen der näch­sten zehn Jah­re gerech­net. Die eige­nen, die zusätz­li­chen Kosten für Infra­struk­tur und Sicher­heit rech­nen die Städ­te sich stets klein und schön. In Paris waren das noch ein­mal 4,5 Mil­li­ar­den Steu­er­geld, davon allein 1,44 Mil­li­ar­den für Sicher­heit, also Poli­zei und Über­wa­chung – ein Gip­fel der Ver­schwen­dung! Am Ende gewinnt dann Doha 2036, mit der Kraft des größ­ten Bak­schischs. Und der deut­sche Bewer­ber kann anfan­gen, für 2040 oder 2044 neu zu rechnen.

Groß­ver­an­stal­tun­gen wie Olym­pia – oder auch Fuß­ball-Welt­mei­ster­schaf­ten – wir­ken heu­te wie aus der Zeit gefal­len. Es sind Geld- und Unter­hal­tungs­mon­ster, deren tur­bo­ka­pi­ta­li­sti­sche Logik ihren ideel­len Wert längst erstickt hat. Es ist wie im wirk­li­chen Leben: Unten tröp­felt der Strom des Gel­des nur noch und bei den eigent­li­chen Akteu­ren kommt kaum etwas davon an. Sport­le­rin­nen und Sport­ler zumal der weni­ger belieb­ten Sport­ar­ten bekla­gen das immer lau­ter. Dem heh­ren Gedan­ken der Völ­ker­ver­stän­di­gung ste­hen längst die mas­si­ven Nach­tei­le der gast­ge­ben­den Bevöl­ke­run­gen gegen­über, nicht nur in auto­ri­tär geführ­ten Staa­ten. Sie fal­len, wie man in Deutsch­land gera­de sieht, einem poli­ti­schen Mecha­nis­mus zum Opfer, der die Metro­po­len in die Kon­kur­renz unter­ein­an­der zwingt: um Bun­des­geld, um Lan­des­geld, um zusätz­li­che Ent­wick­lungs­hil­fe für ihre Infrastruktur.

Aber wenn der Mega-Zir­kus wei­ter in die näch­ste Metro­po­le gezo­gen ist, merkt das Volk, dass die nöti­gen Woh­nun­gen immer noch feh­len und die Obdach­lo­sen mehr wer­den, die Kitas und Schu­len immer noch über­for­dert sind und die Hoch­schu­len maro­de, das Ver­kehrs­sy­stem immer noch rück­stän­dig, der CO2-Aus­stoß immer noch hoch und der Schul­den­berg gewach­sen ist. Bleibt hier und da eine Bus­spur, eine U-Bahn, ein Schwimm­bad und eine Sport­stät­te mehr, ohne dass erwie­se­ner­ma­ßen der Brei­ten­sport davon pro­fi­tie­ren wird.

In Ham­burg wur­de deut­lich, was letzt­lich auch für Ber­lin, Rhein-Ruhr und Mün­chen gilt. Poli­ti­ker hän­gen sich an Groß­pro­jek­te wie Olym­pia, um sie als alter­na­tiv­los für die Ent­wick­lung zu ver­kau­fen. Offen­sicht­lich trau­en sie sich im System von Bund, Län­dern und Kom­mu­nen nicht mehr zu, im Ver­tei­lungs­kampf um weni­ger Res­sour­cen ihre Plä­ne von sich aus durch­zu­brin­gen. Oder es fehlt ihnen schlicht an Kon­zep­ten dafür. Auch und gera­de die ent­wickel­ten Staa­ten sind poli­tisch und wirt­schaft­lich auf Kri­se gepolt; ein Ende ist einst­wei­len nicht abseh­bar. Die Sche­re zwi­schen Arm und Reich geht immer wei­ter aus­ein­an­der, gera­de in Deutsch­land. Wohin wol­len wir uns eigent­lich ent­wickeln in die­ser Lage? Höch­ste Zeit, sich damit poli­tisch ernst­haft zu befas­sen, anstatt mit Groß­pro­jek­ten zu prot­zen, die nicht wirk­lich etwas vor­an­brin­gen, aber davon ablen­ken, dass ihre Betrei­ber kei­ne Anstal­ten machen, das Leben der Vie­len zu verbessern.

Es braucht eine Zei­ten­wen­de: mehr Brot, weni­ger Spiele.