In seinem Herbst der Entscheidung will der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in einer Mitgliederversammlung am 26. September bestimmen, wer von den deutschen Bewerbern für die drei Olympischen und Paralympischen Spiele ab 2036 in den Startblock darf. Die Funktionärs-Quadriga der Willigen formierte sich in allen Himmelsrichtungen: Norden (Hamburg), Süden (München), Westen (17 NRW-Städte rund um Köln) und Osten (Berlin). Voraus gingen Winter, Frühjahr und Sommer der Verschwendung. Insgesamt 50 Millionen Euro gaben die Städte allein für Olympia-Konzepte und Referenden aus, das meiste notabene für die Tonne. Wer immer auch das Rennen macht, darf dann nächstes Jahr für 2036 erst einmal gegen mindestens zehn Mitbewerber-Städte antreten, darunter Budapest in Ungarn und Doha in Katar, das übrigens für die Ausrichtung der Fußball-WM 2022 die Rekordsumme von 220 Milliarden Dollar ausgab. Blut- und Bestechungsgelder inklusive.
Hamburg hat sich nun aus dem Rennen verabschiedet. Keine Schwimmarena auf der Alster, keine Spurtstrecken in der Speicherstadt: Abermals nach 2015 hat das Volk Ende Mai seine Landesregierung aus SPD und Grünen, Wirtschafts- und Sportverbände »enttäuscht« (Bürgermeister Tschentscher). Immerhin die Hälfte aller 1,3 Millionen Stimmberechtigten nahm an dem Ja-oder-Nein-Referendum teil und begrub die Sucht der Funktionäre nach dem Großereignis im Norden unter 55 Prozent Nein-Stimmen.
Dabei war in den Wochen zuvor eine derartige Flut von Reklame auf die Stadt niedergegangen, als ginge es mindestens um die Zukunft des Abendlandes. Die Straßenlaternen gepflastert mit »Wahlplakaten«, deren Argumente sich in intellektuell hochwertigen Slogans ausdrückten wie »JA! ICH WILL Zukunft gestalten!«, »DEIN JA für eine neues Sommermärchen!« oder: »DEIN JA macht Träume wahr!« Fragte sich nur, für wen. Die Hamburgerinnen und Hamburger nahmen der Stadt und ihren potenten Unterstützern aus der Wirtschaft ihr Loblied auf die rosige Zukunft durch Olympia jedenfalls nicht ab, und dass, obwohl die Gegner, die Initiative NOlympia sowie die Parteien Die Linke und AfD, in der Materialschlacht um die Stimmen hoffnungslos unterlegen schienen. Rund 18 Millionen Euro hat der Senat für Konzept, Reklame und Referendum ausgegeben. Versenktes Geld. Aber immerhin sparen sich die Hamburger jetzt unwägbar viele Milliarden für Stadien-Neu- und -umbauten, temporär relevante Infrastruktur und Abertausende Sicherheitskräfte, die die Umgebung der Sportstätten in Hochsicherheitsareale und Sperrzonen verwandelt hätten.
Die Reaktion der Hamburger Parteien von SPD und Grünen bis zu CDU auf die Ablehnung der Bürger war übrigens interessant und symptomatisch: Sie waren von Ihrem Wahlvolk tief »enttäuscht«, weil es einfach nicht verstehen wollte, welche Segnungen ihrer Stadt entgehen. Katharina Fegebank, Fraktionschefin der Grünen, die auch schon mal schneller, höher, stärker gedacht haben, fasste es laut NDR so zusammen: Sie sehe in der Ablehnung eine emotionale Entscheidung der Bürger. »Emotionen, die sehr stark von Sorgen geprägt waren zu Mieten, zu Finanzen, zu Sicherheit – um nur drei zu nennen. Die mögen nicht immer sachlich begründbar sein, aber offensichtlich konnten wir sie bei vielen Menschen nicht ausräumen.«
Warum wohl? Kein Bedarf an noch höheren Mieten, Kostenwucher und mangelhaften Sicherheitskonzepten: Nichts lässt sich rationaler begründen. Aber für die Grünen gilt längst: Dabei sein ist alles. Für die SPD erst recht. Das Nein war flächendeckend – bis auf die Stadtteile, in denen die Reichen und Superreichen leben. Nur im Speckgürtel überwog das Ja; klarer konnte nicht werden, wie sehr die Interessen von Reich und Arm in einer Stadt auseinanderdriften, in der 300.000 Menschen unter der Armutsgrenze leben und 40.000 wohnungslose Menschen die aufgerufenen Mieten nicht mehr bezahlen können. Die wenigsten Ja-Stimmen in NRW übrigens gab es in der Stadt Köln und dort in seinen ärmeren Stadtteilen Mülheim und Chorweiler.
Die Hamburger, deren Stadt ohnedies seit zwanzig Jahren eine Ansammlung von Baustellen ist, haben Politik und Wirtschaft schlicht nicht abgenommen, dass die Unterwerfung unter die – im Übrigen für die Zukunft noch völlig unklaren – Regeln eines schweizerischen Privatvereins ihr Leben irgend besser machen wird, der seine Einnahmen nicht versteuern muss und auf jeden Fall auf seine Kosten kommt. Ein Blick auf die Kehrseite der Glitzer-Spiele von Paris genügte schon: Hotels und Gastronomie profitierten gar nicht; die Mieten stiegen schon im Vorfeld; Tausende verließen die Stadt, weil in ihren Vierteln die Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurde; die teuren Wohnungen des olympischen Dorfes finden inzwischen keinen Absatz mehr. Die Kosten für die Kommune lagen mit 6,6 Milliarden Euro doppelt so hoch wie geplant. Und das ist noch gut: in London 2012 war es mit mindestens 13,5 Milliarden das Dreifache. Grundsätzlich kosten Olympische Spiele die Gastgeber-Städte selbst das Zweieinhalbfache des Geplanten, ermittelten laut Die Zeit Forscher der Universität Oxford.
In München und Rhein-Ruhr gab es frühzeitig ebenfalls Referenden, in denen sich jeweils Zweidrittel der Teilnehmer für Olympia aussprachen. Berlin hingegen fragt das Volk nicht, Referenden dieser Art sieht die Landesverfassung nicht vor. Das macht die Bewerbung (mit Kosten von 6 Millionen) des schwarz-roten Senats zwar billiger, aber auch wackelig. Die Opposition droht mit einer Volksabstimmung, die allerdings erst 2027 stattfinden könnte, wenn die Entscheidung des DOSB längst gefallen ist. Wenn es dabei bleibt, ist Berlin im Grunde raus. Ohnedies kann München mit einem ausgefeilten Konzept punkten und Rhein-Ruhr mit der Kraft des größten Bundeslandes im Rücken. Nur in Hamburg übrigens kamen in der Briefwahlbroschüre, die alle Bürger erreichte, auch die Argumente der Gegner im Wortlaut vor. In Rhein-Ruhr nur, wenn es kritische Rats-Fraktionen gab, in München gar nicht. So viel zum Thema Transparenz.
Alle Städte stellen stets einen Kostenrahmen von rund 4,8 Milliarden Euro und 4,9 bis 5,2 Milliarden Einnahmen in den Vordergrund. Aber das sind nur die – an Paris orientierten – operativen Kosten, übrigens ohne Inflation und Preissteigerungen der nächsten zehn Jahre gerechnet. Die eigenen, die zusätzlichen Kosten für Infrastruktur und Sicherheit rechnen die Städte sich stets klein und schön. In Paris waren das noch einmal 4,5 Milliarden Steuergeld, davon allein 1,44 Milliarden für Sicherheit, also Polizei und Überwachung – ein Gipfel der Verschwendung! Am Ende gewinnt dann Doha 2036, mit der Kraft des größten Bakschischs. Und der deutsche Bewerber kann anfangen, für 2040 oder 2044 neu zu rechnen.
Großveranstaltungen wie Olympia – oder auch Fußball-Weltmeisterschaften – wirken heute wie aus der Zeit gefallen. Es sind Geld- und Unterhaltungsmonster, deren turbokapitalistische Logik ihren ideellen Wert längst erstickt hat. Es ist wie im wirklichen Leben: Unten tröpfelt der Strom des Geldes nur noch und bei den eigentlichen Akteuren kommt kaum etwas davon an. Sportlerinnen und Sportler zumal der weniger beliebten Sportarten beklagen das immer lauter. Dem hehren Gedanken der Völkerverständigung stehen längst die massiven Nachteile der gastgebenden Bevölkerungen gegenüber, nicht nur in autoritär geführten Staaten. Sie fallen, wie man in Deutschland gerade sieht, einem politischen Mechanismus zum Opfer, der die Metropolen in die Konkurrenz untereinander zwingt: um Bundesgeld, um Landesgeld, um zusätzliche Entwicklungshilfe für ihre Infrastruktur.
Aber wenn der Mega-Zirkus weiter in die nächste Metropole gezogen ist, merkt das Volk, dass die nötigen Wohnungen immer noch fehlen und die Obdachlosen mehr werden, die Kitas und Schulen immer noch überfordert sind und die Hochschulen marode, das Verkehrssystem immer noch rückständig, der CO2-Ausstoß immer noch hoch und der Schuldenberg gewachsen ist. Bleibt hier und da eine Busspur, eine U-Bahn, ein Schwimmbad und eine Sportstätte mehr, ohne dass erwiesenermaßen der Breitensport davon profitieren wird.
In Hamburg wurde deutlich, was letztlich auch für Berlin, Rhein-Ruhr und München gilt. Politiker hängen sich an Großprojekte wie Olympia, um sie als alternativlos für die Entwicklung zu verkaufen. Offensichtlich trauen sie sich im System von Bund, Ländern und Kommunen nicht mehr zu, im Verteilungskampf um weniger Ressourcen ihre Pläne von sich aus durchzubringen. Oder es fehlt ihnen schlicht an Konzepten dafür. Auch und gerade die entwickelten Staaten sind politisch und wirtschaftlich auf Krise gepolt; ein Ende ist einstweilen nicht absehbar. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, gerade in Deutschland. Wohin wollen wir uns eigentlich entwickeln in dieser Lage? Höchste Zeit, sich damit politisch ernsthaft zu befassen, anstatt mit Großprojekten zu protzen, die nicht wirklich etwas voranbringen, aber davon ablenken, dass ihre Betreiber keine Anstalten machen, das Leben der Vielen zu verbessern.
Es braucht eine Zeitenwende: mehr Brot, weniger Spiele.