Am 22. Mai, dem 93. Jahrestag der Bücherverbrennung in Potsdam, lasen und sangen Manja Präkels und Markus Liske Texte von Erich Mühsam am Potsdamer Gedenkort »Bibliothek der verbrannten Bücher«. Begleitend gab es eine Ausstellung zu zwei Jahren Gedenkbibliothek.
Der Schriftsteller, Pazifist und politische Aktivist Erich Mühsam wurde als einer der eindringlichsten und frühesten Warner vor dem Nationalsozialismus bereits 1934 im KZ Oranienburg ermordet.
»Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen.«
Mühsam gehörte auch zu den Initiatoren der Münchner Räterepublik. Zwei seiner Ausgaben stehen auf der Liste der verbrannten Bücher, seine »Sammlung 1898-1928« und sein 1932 als Sonderheft im Fanal-Verlag erschienenes Manifest »Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat«, in dem Mühsam erklärt:
»Anarchismus ist die Lehre von der Freiheit als Grundlage der menschlichen Gesellschaft. Anarchie, zu Deutsch: ohne Herrschaft, ohne Obrigkeit, ohne Staat, bezeichnet somit den von den Anarchisten erstrebten Zustand der gesellschaftlichen Ordnung, nämlich die Freiheit jedes einzelnen durch die allgemeine Freiheit.«
Die »Bibliothek der verbrannten Bücher« auf dem Potsdamer Bassinplatz wurde am 22. Mai 2024 von einer Initiative eingerichtet, die nicht mehr abwarten wollte, bis die Potsdamer Stadtverwaltung den bereits im Jahr 2000 gefassten Beschluss der Stadtverordneten umsetzt, einen Gedenkort an die Bücherverbrennung in Potsdam zu schaffen. Demokratie heißt nicht abwarten. Während die Mühlen der Bürokratie mühsam mahlen, könnte die Gedenkarbeit ja schon mal anfangen. Dafür braucht man keine umfangreichen Vorbereitungen und aufwendigen Gestaltungs-Entwürfe, nicht einmal große finanzielle Mittel.
In einer umfunktionierten Telefonzelle wurde eine aus Bücherspenden bestehende Bibliothek aufgestellt und mit den nötigen Informationen ausgestattet: einer Erklärung der Hintergründe und einer Auflistung der betroffenen Bücher, gestützt auf die vom Moses Mendelssohn Zentrum erarbeitete Dokumentation (https://www.verbrannte-buecher.de/bibliothek). Der Potsdamer Gedenkort ist also eine Improvisation auf wissenschaftlicher Grundlage.
Jeden Monat, jeweils am 22., öffnet die Bibliothek der verbrannten Bücher und lädt die interessierte Öffentlichkeit zu einer kurzen Lesung aus den betroffenen Werken ein. Die Ausstellung, die begleitend zum zweiten Jahrestag natürlich auch improvisiert war, zeigte, welche Lesungen es in den vergangenen 24 Monaten gab. Texte von Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Jaroslav Hašek, Erich Kästner, Franz Kafka, Alexandra Kollontai, Rosa Luxemburg, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Anna Seghers, Bertha von Suttner, Kurt Tucholsky, Alex Wedding waren zu hören, Beiträge aus der Weltbühne, aus Brechts »Hauspostille« und Gustav Meyrinks »Des deutschen Spießers Wunderhorn«. Diese Schriften in die Hand zu nehmen, sie zu lesen und aus ihnen vorzulesen, an die Autorinnen und Autoren und ihre Schicksale zu erinnern, ist die beste Gedenkarbeit.
Seit zwei Jahren gibt es diesen Gedenkort in Potsdam – unter reger öffentlicher Anteilnahme, nicht nur zustimmender, sondern auch ablehnender, wobei letztere sich meist anonym äußerte, in Form von Schmierereien, Einbruchsversuchen, Brandstiftungen und massiver Zerstörungsgewalt. Die Potsdamer Initiative, die den Gedenkort eingerichtet hat und die Lesungen organisiert, erfuhr Solidarität im Moment der schlimmsten Attacke, die gleichzeitig ein großes Medienecho auslöste (Ossietzky 23, 2025). Aus Spendenmitteln wurde die zerstörte Bibliothek wieder aufgebaut.
Die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen von 1933 waren brutale Machtdemonstrationen in aller Öffentlichkeit, die niemand übersehen konnte. Die Mehrheit schwieg oder applaudierte. Im »Land der Dichter und Denker«. Gedenkorte, die daran erinnern, gibt es heute u. a. in Berlin, Erfurt, Hamburg und München. Im April 2026 wurde ein weiterer Gedenkort auf dem Marktplatz in Luckenwalde eingeweiht, wo am 7. April 1933 eine der ersten Bücherverbrennungen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten stattgefunden hat. Die Potsdamer Initiative will mit den Initiatoren vergleichbarer Projekte ins Gespräch kommen und sich vernetzen. Ein Onlineatlas der Initiative Verbrannte Orte e. V. verzeichnet die Orte der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen von 1933 (https://verbrannte-orte.de/). Die Erfahrung, die die Potsdamer Initiative einbringt: Für das Betreiben eines Gedenkortes im öffentlichen Raum benötigt man vor allem Geduld, hochgekrempelte Ärmel und Putzmittel.