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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Jahrestag der Bücherverbrennung

Am 22. Mai, dem 93. Jah­res­tag der Bücher­ver­bren­nung in Pots­dam, lasen und san­gen Man­ja Prä­kels und Mar­kus Lis­ke Tex­te von Erich Müh­sam am Pots­da­mer Gedenk­ort »Biblio­thek der ver­brann­ten Bücher«. Beglei­tend gab es eine Aus­stel­lung zu zwei Jah­ren Gedenkbibliothek.

Der Schrift­stel­ler, Pazi­fist und poli­ti­sche Akti­vist Erich Müh­sam wur­de als einer der ein­dring­lich­sten und frü­he­sten War­ner vor dem Natio­nal­so­zia­lis­mus bereits 1934 im KZ Ora­ni­en­burg ermordet.

»Ich hab’s mein Leb­tag nicht gelernt,
mich frem­dem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen.«

Müh­sam gehör­te auch zu den Initia­to­ren der Münch­ner Räte­re­pu­blik. Zwei sei­ner Aus­ga­ben ste­hen auf der Liste der ver­brann­ten Bücher, sei­ne »Samm­lung 1898-1928« und sein 1932 als Son­der­heft im Fanal-Ver­lag erschie­ne­nes Mani­fest »Die Befrei­ung der Gesell­schaft vom Staat«, in dem Müh­sam erklärt:

»Anar­chis­mus ist die Leh­re von der Frei­heit als Grund­la­ge der mensch­li­chen Gesell­schaft. Anar­chie, zu Deutsch: ohne Herr­schaft, ohne Obrig­keit, ohne Staat, bezeich­net somit den von den Anar­chi­sten erstreb­ten Zustand der gesell­schaft­li­chen Ord­nung, näm­lich die Frei­heit jedes ein­zel­nen durch die all­ge­mei­ne Freiheit.«

Die »Biblio­thek der ver­brann­ten Bücher« auf dem Pots­da­mer Bas­sinplatz wur­de am 22. Mai 2024 von einer Initia­ti­ve ein­ge­rich­tet, die nicht mehr abwar­ten woll­te, bis die Pots­da­mer Stadt­ver­wal­tung den bereits im Jahr 2000 gefass­ten Beschluss der Stadt­ver­ord­ne­ten umsetzt, einen Gedenk­ort an die Bücher­ver­bren­nung in Pots­dam zu schaf­fen. Demo­kra­tie heißt nicht abwar­ten. Wäh­rend die Müh­len der Büro­kra­tie müh­sam mah­len, könn­te die Gedenk­ar­beit ja schon mal anfan­gen. Dafür braucht man kei­ne umfang­rei­chen Vor­be­rei­tun­gen und auf­wen­di­gen Gestal­tungs-Ent­wür­fe, nicht ein­mal gro­ße finan­zi­el­le Mittel.

In einer umfunk­tio­nier­ten Tele­fon­zel­le wur­de eine aus Bücher­spen­den bestehen­de Biblio­thek auf­ge­stellt und mit den nöti­gen Infor­ma­tio­nen aus­ge­stat­tet: einer Erklä­rung der Hin­ter­grün­de und einer Auf­li­stung der betrof­fe­nen Bücher, gestützt auf die vom Moses Men­dels­sohn Zen­trum erar­bei­te­te Doku­men­ta­ti­on (https://www.verbrannte-buecher.de/bibliothek). Der Pots­da­mer Gedenk­ort ist also eine Impro­vi­sa­ti­on auf wis­sen­schaft­li­cher Grundlage.

Jeden Monat, jeweils am 22., öff­net die Biblio­thek der ver­brann­ten Bücher und lädt die inter­es­sier­te Öffent­lich­keit zu einer kur­zen Lesung aus den betrof­fe­nen Wer­ken ein. Die Aus­stel­lung, die beglei­tend zum zwei­ten Jah­res­tag natür­lich auch impro­vi­siert war, zeig­te, wel­che Lesun­gen es in den ver­gan­ge­nen 24 Mona­ten gab. Tex­te von Ber­tolt Brecht, Lion Feucht­wan­ger, Jaros­lav Hašek, Erich Käst­ner, Franz Kaf­ka, Alex­an­dra Kol­lon­tai, Rosa Luxem­burg, Hein­rich Mann, Erich Maria Remar­que, Anna Seg­hers, Ber­tha von Sutt­ner, Kurt Tuchol­sky, Alex Wed­ding waren zu hören, Bei­trä­ge aus der Weltbühne, aus Brechts »Haus­po­stil­le« und Gustav Mey­rinks »Des deut­schen Spie­ßers Wun­der­horn«. Die­se Schrif­ten in die Hand zu neh­men, sie zu lesen und aus ihnen vor­zu­le­sen, an die Autorin­nen und Autoren und ihre Schick­sa­le zu erin­nern, ist die beste Gedenkarbeit.

Seit zwei Jah­ren gibt es die­sen Gedenk­ort in Pots­dam – unter reger öffent­li­cher Anteil­nah­me, nicht nur zustim­men­der, son­dern auch ableh­nen­der, wobei letz­te­re sich meist anonym äußer­te, in Form von Schmie­re­rei­en, Ein­bruchs­ver­su­chen, Brand­stif­tun­gen und mas­si­ver Zer­stö­rungs­ge­walt. Die Pots­da­mer Initia­ti­ve, die den Gedenk­ort ein­ge­rich­tet hat und die Lesun­gen orga­ni­siert, erfuhr Soli­da­ri­tät im Moment der schlimm­sten Attacke, die gleich­zei­tig ein gro­ßes Medi­en­echo aus­lö­ste (Ossietzky 23, 2025). Aus Spen­den­mit­teln wur­de die zer­stör­te Biblio­thek wie­der aufgebaut.

Die natio­nal­so­zia­li­sti­schen Bücher­ver­bren­nun­gen von 1933 waren bru­ta­le Macht­de­mon­stra­tio­nen in aller Öffent­lich­keit, die nie­mand über­se­hen konn­te. Die Mehr­heit schwieg oder applau­dier­te. Im »Land der Dich­ter und Den­ker«. Gedenk­or­te, die dar­an erin­nern, gibt es heu­te u. a. in Ber­lin, Erfurt, Ham­burg und Mün­chen. Im April 2026 wur­de ein wei­te­rer Gedenk­ort auf dem Markt­platz in Lucken­wal­de ein­ge­weiht, wo am 7. April 1933 eine der ersten Bücher­ver­bren­nun­gen nach der Macht­er­grei­fung der Natio­nal­so­zia­li­sten statt­ge­fun­den hat. Die Pots­da­mer Initia­ti­ve will mit den Initia­to­ren ver­gleich­ba­rer Pro­jek­te ins Gespräch kom­men und sich ver­net­zen. Ein Onlineat­las der Initia­ti­ve Ver­brann­te Orte e. V. ver­zeich­net die Orte der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Bücher­ver­bren­nun­gen von 1933 (https://verbrannte-orte.de/). Die Erfah­rung, die die Pots­da­mer Initia­ti­ve ein­bringt: Für das Betrei­ben eines Gedenk­or­tes im öffent­li­chen Raum benö­tigt man vor allem Geduld, hoch­ge­krem­pel­te Ärmel und Putzmittel.