Als am 28. Februar Raketen und Marschflugkörper auf iranischem Gebiet einschlugen, kam das nicht nur für die Menschen im Iran und in den Vereinigten Staaten überraschend, sondern auch für die europäischen Verbündeten der USA. Außenminister Marco Rubio räumte zunächst ein, dass die USA keine andere Wahl gehabt hätten, als sich dem Angriff anzuschließen, da Israel kurz davorgestanden habe, den Iran anzugreifen. Bis heute ist jedoch noch immer unklar, mit welchem Ziel dieser Krieg wirklich begonnen wurde, und wie er enden wird.
Diese Unklarheit ist kein Zufall: Präsident Trumps Art der Kriegsführung ist weder völlig planlos noch irrational, wie oft behauptet wird, sondern eine bewusste Abkehr von den klar strukturierten Grundsätzen, die von den USA nach dem Vietnamkrieg aufgestellt wurden: Der Einsatz militärischer Gewalt sollte das letzte Mittel sein, mit einem politisch definierten Ziel und einer realistischen Exitstrategie, und er sollte von der Bevölkerung und dem Parlament unterstützt werden.
Für Trump ist Krieg ein Werkzeug unter vielen, das nicht an die Bestimmungen der UN-Charta gebunden ist. Statt Klarheit, strategischer Planung und Zustimmung der amerikanischen Bevölkerung, setzt Trump auf Mehrdeutigkeit, Widersprüchlichkeit und Überraschung sowie auf Flexibilität statt eines politischen Endzieles und einer Exitstrategie. Allerdings wächst die Ablehnung des Krieges in der amerikanischen Bevölkerung ebenso wie der politische Widerstand.
So hat das Repräsentantenhaus kürzlich für ein Ende des Krieges gestimmt und Trump aufgefordert, entweder die Truppen aus Iran abzuziehen oder die Zustimmung des Kongresses einzuholen. Es mehren sich Stimmen, die fragen: »Wofür das alles?« Denn es bleibt unklar, woran der politische Erfolg gemessen wird, wann der Krieg endet, und was als militärischer Sieg gilt. Trump beansprucht damit die Möglichkeit, jederzeit auszusteigen, ohne eine Niederlage eingestehen zu müssen. Schließlich könnte schon als Erfolg gewertet werden, sollte es gelingen, die Vorkriegslage wieder herzustellen. Solche Kriege schaffen keinen Frieden; sie verlängern Konflikte in die Zukunft.
Offiziell verwies die amerikanische Regierung in ihrem »War Powers Report« am 2. März auf die (atomare) Bedrohung durch den Iran und erklärte, die Angriffe hätten das Ziel, die US-Streitkräfte in der Region zu schützen. Das amerikanische Verteidigungsministerium informierte jedoch am gleichen Tag mehrere Ausschüsse des Senats und des Kongresses, dass die ballistischen Raketen des Iran zwar eine Bedrohung amerikanischer Interessen darstellten, aber keine nachrichtendienstlichen Informationen vorlägen, wonach der Iran amerikanische Streitkräfte angreifen werde.
Israel und die USA haben den Krieg aufgrund einer falschen Lagebeurteilung und aus macht- und geopolitischen Gründen begonnen, dessen militärische Dynamik und vor allem den Gegner Iran unterschätzt. Sie glaubten, einen schnellen militärischen Erfolg zu erzielen. Die Realität entwickelte sich jedoch anders: Kein klarer militärischer Durchbruch, massive zerstörerische Raketen- und Drohnenangriffe des Irans auf Israel und die Golfstaaten sowie weltweite ökonomische Folgen und politische Kosten.
Die Angriffe führten nicht zu dem beabsichtigten militärischen Zusammenbruch und zur Führungslosigkeit des Gegners. Die iranische Führung blieb intakt und bewies überraschenderweise Durchhaltefähigkeit. Sie war sich darüber im Klaren, dass eine vertikale Eskalation gegen einen militärisch weit überlegenen Gegner keinen Erfolg verspricht. Deshalb war es von Anfang an das Ziel der iranischen Strategie, den Krieg durch Angriffe auf die amerikanischen Stützpunkte in den Golfstaaten horizontal in den politischen Bereich zu eskalieren. Das ist gelungen, denn der Iran hat damit bewiesen, dass die USA nicht in der Lage sind, ihr Versprechen zu halten, die Golf-Staaten zu schützen, die ihnen Stützpunkte eingeräumt haben. Zugleich eskalierte der Iran horizontal in den Bereich der Weltwirtschaft, indem er die Straße von Hormus sperrte. Damit gewann er Zeit und bewies, dass er in einem Vernichtungskrieg bestehen kann.
Die Welt erlebt derzeit durch den Ukraine- und Irankrieg einen der tiefgreifendsten Umbrüche seit dem Zweiten Weltkrieg. Beide Konflikte sind keine regionalen Probleme, sondern Teile einer größeren geopolitischen Auseinandersetzung der USA mit Russland und China vor dem Hintergrund des Entstehens einer neuen multipolaren Weltordnung. Das internationale System, das die USA nach 1945 aufgebaut haben, steht – einschließlich des Dollars als Weltleitwährung – unter Druck.
Russland und China sind daran interessiert, eine Ausweitung des Irankrieges zu verhindern. China stärkt die wirtschaftliche, Russland die politische Durchhaltefähigkeit ihres Verbündeten Iran. Sie leisten jedoch keine offene militärische Unterstützung. China will ein Chaos im Nahen Osten vermeiden, die Zerstörung seines wichtigsten Öllieferanten abwenden sowie seinen Einfluss in der Region erhalten und hat deshalb aktiv am Zustandekommen eines Waffenstillstands mitgewirkt.
Trumps Annahme, intensive amerikanisch-israelische Luftangriffe würden den Iran zu einem Regierungswechsel, einen Volksaufstand und schließlich zur Kapitulation zwingen, zeigt, dass er offenbar die Strategie und Widerstandsfähigkeit der Islamischen Republik falsch einschätzte. Dagegen ist die iranische Führung anscheinend überzeugt, im Vorteil zu sein und militärischem und wirtschaftlichem Druck länger standhalten zu können als Trump steigende Energiepreise, eine weltweite Rezession oder gar Depression politisch verkraften kann.
Trotz widersprüchlicher Erklärungen beider Seiten werden die amerikanisch-iranischen Gespräche offenbar mit Unterstützung Pakistans fortgesetzt; zunächst über ein Rahmenabkommen beziehungsweise einem »Memorandum of Unterstanding/MOU«. Iran soll die Meerenge von Hormus wieder für einen ungehinderten Handelsverkehr öffnen, die USA im Gegenzug ihre Blockade iranischer Schiffe und Häfen aufheben, und die Kampfhandlungen sollen ausgesetzt bleiben. Die Unterhändler sollen dann versuchen, ein umfassendes Friedensabkommen zu erreichen. Der Iran bleibt jedoch offenbar dabei, dass die Meerenge vom iranischen Militär kontrolliert wird – und auch, dass Hormus nicht völlig geschlossen, sondern nur für die Kriegsparteien und deren regionale Verbündete gesperrt sei.
Der entscheidende Streitpunkt für ein Abkommen – der im Rahmenabkommen nicht verhandelt wird – ist der Umgang mit dem iranischen Urananreicherungsprogramm und den Vorräten hochangereicherten Urans. Nach dem, was öffentlich bekannt ist, verfügt der Iran über keine Atomwaffe. Er bestreitet offiziell auch, eine bauen zu wollen. Der Iran soll über bis zu 60 Prozent angereichertes Uran verfügen. Das wäre theoretisch eine Ausgangsbasis für Atomwaffen, wenn das Material weiter auf ca. 95 Prozent angereichert würde. Es würde jedoch einige Monate dauern, um waffenfähiges Material zu produzieren; der Bau einsatzfähiger Nuklearwaffen dauert noch länger. Nach Geheimdienstinformationen besteht keine akute Bedrohung durch einsatzfähige iranische Nuklearwaffen.
In dem 2015 zwischen den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats sowie Deutschland und dem Iran geschlossenen Abkommen (Joint Comprehensive Plan of Action/JCPOA) verpflichtete sich der Iran, Uran nur auf ein Niveau weit unter dem für Atomwaffen erforderlichen Ausgangsmaterial anzureichern; Zahl und Art der Anreicherungs-Zentrifugen zu begrenzen, den Schwerwasserreaktor für die Anreicherung von Plutonium umzubauen, um die Anreicherung von waffenfähigem Plutonium zu verhindern, und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) umfassende Überwachungs- und Inspektionsrechte einzuräumen. Im Gegenzug wurden einige Wirtschaftssanktionen aufgehoben oder ausgesetzt. Dieses Abkommen wurde im Mai 2018 von Präsident Trump einseitig gekündigt.
Außerdem hatte der frühere Ayatollah Ali Chamenei im August 2005 förmlich gegenüber der IAEA den Bau und Einsatz von Atomwaffen per »Fatwa«, einem religiösen Rechtsgutachten, verboten, was als zentrales Argument dafür angeführt wurde, dass das iranische Atomprogramm ausschließlich friedlichen Zwecken dient. Chamenei erklärte, dass Massenvernichtungswaffen einschließlich Atomwaffen mit dem Islam unvereinbar und daher »Haram«, also verboten, seien. Chamenei wiederholte dieses Verbot mehrfach öffentlich, zuletzt im Oktober 2019.
Noch kurz vor dem israelisch-amerikanischen Angriff fanden durch die Vermittlung des omanischen Außenministers Albusaidi Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran statt. Albusaidi sagte anschließend, das Problem, dass der Iran keine Atombombe besitzt, sei gelöst, indem man sich auf einen sehr wichtigen Durchbruch geeinigt habe, der zuvor noch nie erreicht wurde. Er meinte damit, dass der Iran bereit sei, auf die Lagerung angereichten Urans zu verzichten und damit auf die Voraussetzung für den Bau einer Atombombe. Das Risiko einer nuklearen Bewaffnung Irans ist nun jedoch durch den Krieg gewachsen, denn der Iran könnte darin einen wirksamsten Schutz gegen künftige Angriffe sehen.
Mehr als einhundert internationale Völkerrechtler haben die Angriffe der Vereinigten Staaten und Israels in einer offenen Stellungnahme als Verstoß gegen das Gewaltverbot der UN-Charta gewertet. Der Iran habe weder Israel noch die Vereinigten Staaten angegriffen. Trotz der teils widersprüchlichen Behauptungen der Trump-Regierung gebe es keinerlei Beweise dafür, dass vom Iran eine unmittelbare Bedrohung ausgegangen sei, die einen Notwehrfall rechtfertigen könnte. Die Völkerrechtler erinnerten sogar alle Staaten an ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen, »die Kriegsparteien nicht bei der Begehung völkerrechtswidriger Handlungen zu unterstützen oder ihnen Beihilfe zu leisten, und an der Beendigung schwerwiegender Verstöße gegen zwingende Normen des Völkerrechts, einschließlich des Verbots der Aggression und der Grundregeln des humanitären Völkerrechts, mit rechtmäßigen Mitteln mitzuwirken«.
Selbst wenn es gelingen sollte, demnächst ein Rahmenabkommen zu schließen, ist bis zu einem Friedensabkommen noch ein langer, schwieriger Weg zurückzulegen. Für den zentralen Streitpunkt, das iranische Atomprogramm, ist bisher keine Lösung gefunden worden. Iran betrachtet das Recht auf Urananreicherung als eine Frage der nationalen Souveränität. Die USA müssten ihre Forderung nach einer Einstellung der iranischen Urananreicherung aufgeben. Sie könnten Irans Recht auf Urananreicherung im Rahmen des Atomwaffensperrvertrags anerkennen – im Gegenzug für eine verbindliche Zusage Teherans, dieses Recht für einen bestimmten Zeitraum nicht auszuüben, um Vertrauen zwischen beiden Seiten aufzubauen. Außerdem müsste der Iran zusichern, bei einer späteren Wiederaufnahme der Anreicherung die Schwelle zur Waffenfähigkeit nicht zu überschreiten. In diesem Fall sollte der Iran die vorhandenen 460 Kilogramm auf 60 Prozent angereichertes Uran behalten, falls er bereit ist, dieses auf 3 bis maximal 5 Prozent abzureichern und unter der Kontrolle der IAEA zu lagern.
Zudem beharrt Iran darauf, dass sein am 8. April vorgelegter Zehn-Punkte-Plan insgesamt Ausgangspunkt für Verhandlungen bleibt:
Die USA garantieren, Iran nicht erneut militärisch anzugreifen.
Die USA anerkennen die iranische Kontrolle über die Straße von Hormus.
Die USA anerkennen das iranische Recht auf Urananreicherung für zivile Zwecke.
Die USA heben alle primären Sanktionen gegen Iran auf. (Es geht um das Verbot für US-Bürger, US-Unternehmen und Banken, mit Iran Geschäfte zu machen.)
Die USA heben alle sekundären Sanktionen auf. (Alle ausländischen Unternehmen, Banken und Personen, die mit dem Iran Geschäfte machen, werden vom US-Markt und vom Dollarsystem ausgeschlossen.)
Beendigung sämtlicher Resolutionen des UN-Sicherheitsrats gegen Iran.
Beendigung der Resolutionen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA gegen den Iran.
Zahlung von Entschädigungen für im Krieg erlittene Schäden Irans.
Die USA ziehen ihre Kampftruppen aus der Region ab.
Ende der Kriegshandlungen an allen Fronten, einschließlich der Angriffe gegen Hisbollah im Libanon.
Inzwischen hat der Iran einen modifizierten Vorschlag an die USA übermitteln lassen, u.a. eine schrittweise Begrenzung der Urananreicherung und den Transfer des auf 60 Prozent angereicherten Urans nach Russland.
Es ist offensichtlich, dass die US-Administration Kompromissbereitschaft zeigen müsste und geo- bzw. machtpolitisch Einfluss verlieren würde. Gleichzeitig muss angemerkt werden: Insgesamt sind die Aussichten für ein beiderseits akzeptiertes Verhandlungsergebnis (noch) nicht ermutigend und das Risiko der Wiederaufnahme von Kampfhandlungen steigt, je länger eine Annäherung der Positionen ausbleibt.
Die USA könnten den Krieg nur gewinnen, wenn der Iran militärisch kapituliert; der Iran gewinnt jedoch, wenn er dazu nicht gezwungen werden kann. Das Ende der Kampfhandlungen bedeutet nicht das Ende des Krieges, jedenfalls nicht der politischen Auseinandersetzung. Die Iranische Republik hat jedoch erreicht, dass sich die USA und deren Verbündete künftig mit ihr auf Augenhöhe auseinandersetzen müssen. Nicht zuletzt hat der Iran seinen Einfluss in der Region und seine Stellung als Verbündeter Russlands und Chinas sowie als ein Pol der neuen multipolaren Weltordnung gefestigt.
So oder so ist allerdings eine brisante Lage entstanden. Der Irankrieg könnte eine gefährliche Entwicklung auslösen, mit der Gefahr einer Eskalation und tiefgreifenden Folgen für die Welt: Zwei Nuklearmächte haben ein Land angegriffen, das nicht über Nuklearwaffen verfügt. Andere Staaten werden daraus wie der Iran die Lehre ziehen, dass sie nur als Nuklearmacht vor Angriffen sicher sind.
General a. D. Harald Kujat, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzender des Militärausschusses der Nato.