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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Er litt an Deutschland

Der erste Ein­druck, den man beim Betrach­ten des in vier Jahr­zehn­ten ent­stan­de­nen Wer­kes von Roger Loe­wig gewinnt, ist der einer Hete­ro­ge­ni­tät sti­li­sti­scher Inten­tio­nen, einer über­bor­den­den Fül­le der The­men und Moti­ve. Loe­wig muss unter einem unge­heu­ren psy­chi­schen Druck gestan­den und sich selbst alles Leid und Elend der Welt auf­ge­la­den haben. Was sich da an Gefüh­len und Beäng­sti­gun­gen in ihm auf­ge­staut hat­te – die ver­lo­re­ne Hei­mat, die Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus, Schuld und Süh­ne der Deut­schen, die Bedrückun­gen im Real­so­zia­lis­mus, die Atom­kriegs­vi­sio­nen –, das such­te er nun in der Dich­tung wie bil­den­den Kunst abzu­bau­en, förm­lich abzuarbeiten.

War­um er solch ein total­mensch­li­ches Span­nungs­feld aus­zu­schrei­ten imstan­de war, erklärt sich schon aus der Bio­gra­fie des Dich­ter-Künst­lers. Der vor mehr als 80 Jah­ren in Schle­si­en Gebo­re­ne wur­de mit der Mut­ter 1945 aus der schle­si­schen Hei­mat ver­trie­ben, schlug sich dann als Land- und Forst­ar­bei­ter in der Lau­sitz durch, absol­vier­te eine Leh­rer­aus­bil­dung und war dann 10 Jah­re als Leh­rer an Ost­ber­li­ner Schu­len tätig, neben­bei sich als Auto­di­dakt inten­siv dem Malen, Zeich­nen und Schrei­ben widmend.

Wegen »staats­ge­fähr­den­der Het­ze und Pro­pa­gan­da in schwer­wie­gen­dem Fal­le« – der eigent­li­che Grund war eine erste Aus­stel­lung in pri­va­ten Räu­men mit Bil­dern über die Ber­li­ner Mau­er – kam er 1963 in Sta­si-Haft, Bil­der und Manu­skrip­te wur­den beschlag­nahmt und teil­wei­se ver­nich­tet. Ein Jahr spä­ter konn­te er mit Mit­teln aus dem Westen »frei­ge­kauft« wer­den. Aus dem Schul­dienst ent­las­sen, arbei­te­te Loe­wig, stän­di­gen Repres­sa­li­en aus­ge­setzt, als frei­schaf­fen­der Künst­ler, ganz auf pri­va­te Käu­fer ange­wie­sen. 1972 durf­te er die DDR ver­las­sen und bezog eine Ate­lier­woh­nung im Mär­ki­schen Vier­tel jen­seits der Mau­er. Aber auch im Westen blieb er ein »Hei­mat­lo­ser«, ein wirk­li­cher Durch­bruch war ihm auch hier nicht beschie­den. 1997 starb er nach schwe­rer Krank­heit, kurz vor­her war ihm noch das Bun­des­ver­dienst­kreuz 1. Klas­se ver­lie­hen worden.

Seit 1998 wid­met sich eine Roger Loe­wig Gesell­schaft in Ber­lin der Erschlie­ßung und Ver­brei­tung des Loe­wig­schen Wer­kes, und in der Stif­tung Archiv der Aka­de­mie der Kün­ste wur­de ein Roger-Loe­wig-Archiv mit dem bio­gra­fisch-lite­ra­ri­schen Nach­lass ein­ge­rich­tet, wäh­rend der bild­künst­le­ri­sche Nach­lass sich in der Bun­des­stif­tung zur Auf­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur befindet.

Ein deut­scher Künst­ler also, der weder im Osten noch im Westen sein Land gefun­den hat, der im »Nie­mands­land« einer zer­schnit­te­nen Welt leb­te. »Ich blei­be ein Land­su­cher auf der Suche nach Men­schen­land…« Loe­wigs Bild- und Dicht­kunst sind eng mit­ein­an­der ver­zahnt: Man­che Gedich­te bestehen aus anein­an­der­ge­reih­ten Bild­ti­teln und umge­kehrt – Zeich­nungs­fol­gen tra­gen als Titel erste Vers­zei­len eines Gedicht­zy­klus. Loe­wigs Anfän­ge ste­hen ganz im Zei­chen der Expres­sio­ni­sten, doch woll­te er anstel­le des expres­sio­ni­sti­schen Selbst­mit­lei­des ein umfas­sen­de­res Mit­leid für die Opfer der Geschich­te set­zen. Drei groß­for­ma­ti­ge Gou­achen zu sei­nem Roman­the­ma »Les­ko­wi­ak« aus dem Jah­re 1956 bil­den den Auf­takt; sie wur­den 1995 in einem Zwi­schen­bo­den der alten Köpe­nicker Woh­nung auf­ge­fun­den und von der Stif­tung Stadt­mu­se­um Ber­lin ange­kauft. In expres­si­ver Gebär­den­spra­che sind auch die Rohr­fe­der­zeich­nun­gen von 1962, »Bil­der aus mei­nem Leben«, gehal­ten. Die Welt, in der er leb­te, erschien ihm sur­re­al, als eine Welt der Meta­phern und Sym­bo­le, und mit die­ser sur­rea­len Welt hat er sich aus­ein­an­der­ge­setzt. Der Tod der Mut­ter hat­te mona­te­lan­ge Zei­chen­stu­di­en in der Toten­kam­mer eines Ber­li­ner Kran­ken­hau­ses zur Fol­ge. Die Litho­gra­fie, spä­ter auch die Radie­rung wur­de für ihn bald wich­ti­ger als die Male­rei, weil sie sei­ner Nei­gung, in Zyklen zu arbei­ten, entgegenkam.

In den wir­beln­den, lasten­den Rauch­schwa­den des Blat­tes »Bren­nen­de« aus dem »Jüdi­schen Zyklus« von 1965 sind mensch­li­che Kon­tu­ren nur zu ahnen. Auf dem Blatt »Zusam­men­ge­schmol­ze­nes« (1965) trei­ben bis zur Unkennt­lich­keit ent­stell­te Köp­fe und Lei­ber in erkal­te­ter Lava­mas­se. Dann wie­der bre­chen die Kör­per wie in Geschwü­ren auf, inne­re Orga­ne und Gedär­me wer­den bloß­ge­legt. »Gro­ßes Pan­ora­ma« von 1965 zeigt wabern­de, schlacken­haf­te For­men, aus denen mensch­li­che Lei­ber, Tor­si, die Mau­ern einer Stadt, Him­mels­kör­per her­vor­tre­ten. Kreuz- und Quer­ver­bin­dun­gen zwi­schen Vor­der- und Hin­ter­grund geben den Sze­nen Loe­wigs ein klau­stro­pho­bisch zusam­men­ge­press­tes Aus­se­hen. Aus der räum­li­chen Ver­dich­tung goti­scher Altar­bil­der ent­steht der Schau­platz moder­ner Kreu­zi­gun­gen und Kal­va­ri­en, eine gan­ze Psy­cho­ge­schich­te Europas.

Die Blät­ter der Fol­gen »Wir­bel­säu­len­wäl­der« und »Im Sumpf­land« schei­nen sich zwi­schen Schöp­fung und Apo­ka­lyp­se zu erstrecken. Wie absichts­los tau­chen ver­we­hen­de Gestal­ten, ske­let­tier­te Kör­per, ampu­tier­te Vogel­we­sen aus dem Amor­phen auf. »Frost­ge­schwärz­te Insek­ten« wer­den zu monu­men­ta­len Unge­heu­ern in »düste­rem Toten­tanz­flug«, »Stür­zen­de Vögel« bet­ten sich zu einem Lei­chen­hü­gel, in den sanf­ten Lini­en der anthro­po­mor­phen Land­schaf­ten las­sen sich Men­schen- und Tier­kör­per in ihren Umris­sen erken­nen. Eine weit­räu­mi­ge Land­schaft brei­tet sich jetzt aus: Zwi­schen­land, Erd­land, Sumpf­land, Dun­kel­a­schel­and als Schick­sals­land­schaft. In Bil­dern und Gegen­bil­dern ruft Loe­wig zur Bewah­rung und Wie­der­her­stel­lung des Men­schen­bil­des, der Huma­ni­tät auf.

Zwi­schen 1964 und 1972, aber dann auch wie­der nach dem Mau­er­fall hat­te der Maler-Poet in dem im Schwei­zer­haus-Stil ver­än­der­ten Anwe­sen sei­nes Freun­des und Weg­ge­fähr­ten Wolf­gang Woi­zick ober­halb des Flä­ming-Ortes Bel­zig, mit einer herr­li­chen Pan­ora­ma-Sicht, sein Refu­gi­um gefun­den. Hier zog er sich zurück, durch­streif­te die Land­schaft des Flä­mings, zeich­ne­te Feld­stein­kir­chen und ver­fal­len­de Müh­len, fand in die­ser Umwelt vie­le sei­ner künst­le­ri­schen wie lite­ra­ri­schen The­men. Ab 2007 konn­te dank der groß­zü­gi­gen Über­eig­nung durch sei­nen bis­he­ri­gen Besit­zer, durch Spen­den und erste För­der­gel­der eine grund­le­gen­de Sanie­rung des Woi­zick­schen Hau­ses erfol­gen und die Stif­tung Roger Loe­wig Haus – als Muse­um und Gedenk­stät­te – ein­ge­rich­tet wer­den. Die stän­di­ge Aus­stel­lung, ent­stan­den in Koope­ra­ti­on mit der Robert-Loe­wig-Gesell­schaft e. V., ist an den Wochen­en­den für Besu­cher geöff­net und gibt eine span­nungs­vol­le Über­sicht von den frü­hen expres­si­ven Gemäl­den und Papier­ar­bei­ten der 50er/​60er Jah­re bis zu den spä­ten Flä­ming-Skiz­zen – in Kom­bi­na­ti­on mit den gleich­zei­tig ent­stan­de­nen lyri­schen Texten.

Die Radie­rungs­fol­ge »Masu­ri­sche Insi­gni­en«, die spä­ten Zeich­nun­gen des mär­ki­schen Lan­des, der Oder­land­schaft, des Hohen Flä­ming besit­zen das, was Loe­wig als das Höch­ste für einen Künst­ler bezeich­ne­te, »wie ein lei­ser Hauch zu sein, der die Stir­nen berührt als Mah­nung, nie zu ver­ges­sen, was nicht ver­ges­sen wer­den darf, als War­nung vor der Zer­stö­rung der Erde und ihrer Lebe­we­sen, als eine Bit­te um Mensch­lich­keit«. Es ist die Stil­le eines aus­klin­gen­den Wer­kes, die auch uns stumm wer­den lässt.

 Stif­tung Roger Loe­wig Haus – Muse­um und Gedenk­stät­te. 14806 Bad Bel­zig, Flä­ming­weg 6. Stän­di­ge Aus­stel­lung, geöff­net Sa u. So 11-17 Uhr (bis 28. Okto­ber 2023) sowie nach Ver­ein­ba­rung (Tel. 33841 636860, www.roger-loewig.de).