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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Umdenken, und zwar radikal

Ach EU-Euro­pa. Da bist du so stolz auf dei­ne Wer­te, die du – wie jüngst in Luxem­burg bei den Bera­tun­gen dei­ner 27 Mit­glieds­staa­ten – mit Abkom­men über Ober­gren­zen, Rück­füh­run­gen, Kon­tin­gen­te oder Nach­ju­stie­run­gen vor all jenen Men­schen aus Afri­ka und anders­wo­her zu schüt­zen ver­suchst, die sich aus ganz unter­schied­li­chen Grün­den auf den Weg machen, um an eben die­sen Wer­ten teil­zu­ha­ben und auch um ein wenig von dei­nem Wohl­stand abzu­be­kom­men. Und dann kommt der US-ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler Howard W. French daher, Pro­fes­sor für Jour­na­li­stik an der Colum­bia Uni­ver­si­ty in New York, und will nichts Gerin­ge­res, als dein Welt­bild revi­die­ren, dei­ne Geschich­te sozu­sa­gen vom Kopf auf die Füße stel­len. Auf Schwar­ze Füße.

Ein Vor­gang, der mich spon­tan an die neue Pro­jek­ti­on für Welt­kar­ten des Histo­ri­kers und Kar­to­gra­phen Arno Peters den­ken lässt. Mit ihr hat­te die­ser 1974 – ähn­lich wie 120 Jah­re zuvor James Gall in Edin­burgh – den Ver­such unter­nom­men, die Län­der der Erde in flä­chen­treu­em Grö­ßen­ver­hält­nis dar­zu­stel­len. Dabei schrumpf­te der euro­päi­sche Kon­ti­nent im Ver­gleich zur Mer­ca­tor-Pro­jek­ti­on flä­chen­mä­ßig fast zu einem Wurm­fort­satz des asia­ti­schen Kon­ti­nents, wäh­rend sich Afri­ka sowie Nord- und Süd­ame­ri­ka als rie­si­ge lang­ge­zo­ge­ne Land­mas­sen prä­sen­tie­ren durften.

Was aber das Ver­blüf­fend­ste an Frenchs Kor­rek­tur der gän­gi­gen Geschichts­schrei­bung ist: Sein in die­sem Früh­jahr erschie­ne­nes Geschichts­werk »AFRIKA und die Ent­ste­hung der moder­nen Welt« wird trotz sei­nes neu­en Ansat­zes in den deut­schen »Leit­me­di­en« durch­weg als »Mei­ster­werk« (Die Zeit) gefei­ert.

Auch ich fin­de, dass das Buch den Stoff besitzt, um unser tra­di­tio­nel­les Welt­bild zu ver­än­dern. Nichts da mit »Afri­ka – Dun­kel locken­de Welt« (Karen Bli­xen), nichts da mit Tar­zan, dem König des Dschun­gels (Edgar Rice Bur­roughs), nichts da mit Lam­ba­re­ne im zen­tral­afri­ka­ni­schen Regen­wald, wo der spä­te­re Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger Albert Schweit­zer vor über 100 Jah­ren sein »Urwald­spi­tal« grün­de­te. Im Regi­ster des Buches tau­chen die­se Namen nicht auf.

Statt­des­sen macht uns French mit Abu Bakr II. bekannt, an der Wen­de zum 14. Jahr­hun­dert ein unvor­stell­bar rei­cher Kai­ser des suda­ne­si­schen Rei­ches Mali, das dem heu­ti­gen Land sei­nen Namen gab und das dem lang­le­bi­gen gro­ßen Reich Gha­na folg­te, des­sen Macht im 11. Jahr­hun­dert zer­bröckelt war. Bakr II. war von der Idee beses­sen, die west­li­chen Gren­zen des Atlan­ti­schen Oze­ans per Schiff zu errei­chen. Anders als im dama­li­gen Euro­pa galt näm­lich schon seit rund 300 Jah­ren in der ara­bi­schen Welt und den afri­ka­ni­schen Rei­chen die Annah­me als gesi­chert, dass die Erde eine Kugel sei.

French zitiert den nach­fol­gen­den Kai­ser Man­sa Musa, der 1324/​25 auf sei­ner Pil­ger­rei­se nach Mek­ka dem Statt­hal­ter von Kai­ro berich­te­te, dass Bakr II. 3000 Schif­fe – ver­mut­lich gro­ße Ein­bäu­me – mit Mann­schaf­ten, Was­ser, Nah­rungs­mit­teln und Gold aus­rü­sten ließ. Das Edel­me­tall gab es übri­gens in Hül­le und Fül­le und war durch die Jahr­hun­der­te ein wich­ti­ges Han­dels- und Tausch­gut. »Dann über­trug er mir die Regent­schaft wäh­rend sei­ner Abwe­sen­heit und begab sich mit sei­nen Män­nern auf die­se Rei­se über den Oze­an, von der er nie zurück­keh­ren oder ein Lebens­zei­chen geben sollte.«

Bakr II. und Musa sind in der 30-bän­di­gen Brock­haus-Enzy­klo­pä­die nicht zu fin­den, denn wie schreibt French: »Es wäre unge­wöhn­lich, wenn eine am fal­schen Ort begon­ne­ne Geschich­te zu den rich­ti­gen Ergeb­nis­sen kom­men wür­de. Mit der Geschichts­schrei­bung dazu, wie unse­rer all­ge­mei­nen Vor­stel­lung nach die moder­ne Welt ent­stand, ist es nicht ande­res. (…) Die tra­di­tio­nel­len Dar­stel­lun­gen haben Euro­pas Zeit­al­ter der Ent­deckun­gen im 15. Jahr­hun­dert und dem so lang­ersehn­ten See­weg zwi­schen West und Ost den Vor­rang des Ortes zuge­stan­den und mit die­ser histo­ri­schen Groß­tat den bedeut­sa­men, wenn auch zufäl­li­gen Fund der soge­nann­ten Neu­en Welt verbunden.«

French leug­net nicht die Bedeu­tung der Rei­sen berühm­ter See­fah­rer wie Magel­lan, da Gama, Dias oder Kolum­bus. »Doch egal, wie geläu­fig sie in der all­ge­mei­nen Vor­stel­lung sind – wenn man die moder­ne Geschich­te mit die­sen Hel­den­ta­ten der Ent­deckun­gen ein­set­zen lässt, (…) ver­dun­kelt man die wah­ren Anfän­ge der Geschich­te dazu, wie der Erd­ball auf Dau­er zusam­men­kam und damit ›modern‹ wur­de. Und man erzählt die Rol­le Afri­kas so dra­ma­tisch falsch, dass es einer schwer­wie­gen­den Fehl­dar­stel­lung gleichkommt.«

Denn nicht Euro­pas Sehn­sucht nach enge­ren Ver­bin­dun­gen mit Asi­en habe das Zeit­al­ter der Ent­deckun­gen ange­sto­ßen, »son­dern viel­mehr der jahr­hun­der­te­al­te Wunsch des Kon­ti­nents, Han­dels­be­zie­hun­gen zu sagen­haft rei­chen Schwar­zen Gesell­schaf­ten zu knüp­fen, die sich irgend­wo im Her­zen des ›dun­kel­sten‹ West­afri­ka ver­bar­gen.« Die berühm­ten See­fah­rer, Kolum­bus ein­ge­schlos­sen, hät­ten bei ihren Fahr­ten an die West­kü­ste Afri­kas ihr Wis­sen und ihre Erfah­run­gen ver­voll­komm­net in Kar­to­gra­phie und Navi­ga­ti­on, in der Kon­struk­ti­on von Schif­fen sowie über atlan­ti­sche Win­de und Strö­mun­gen – Rüst­zeug, das ihnen spä­ter auf ihren gro­ßen histo­ri­schen Ent­deckungs­fahr­ten von Nut­zen war.

Genau in dem Moment aber, schreibt French, »in dem Euro­pa und das heu­te soge­nann­te sub­sa­ha­ri­sche Afri­ka in einen dau­er­haf­ten inten­si­ven Kon­takt tra­ten, wur­den die Fun­da­men­te des moder­nen Zeit­al­ters gelegt«. Denn die­se Ereig­nis­se und Akti­vi­tä­ten, die sich aus den Begeg­nun­gen von Afri­ka­nern und Euro­pä­ern erga­ben, hät­ten die Euro­pä­er auf jenen Weg gebracht, »der ihren Kon­ti­nent an den gro­ßen zivi­li­sa­to­ri­schen Zen­tren Asi­ens und der isla­mi­schen Welt vor­bei­zie­hen ließ«. In einem noch immer nicht aner­kann­ten Maß baue der damit ein­her­ge­hen­de Zuwachs an Macht und Wohl­stand auf dem Fun­da­ment der öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Bezie­hun­gen Euro­pas zu Afri­ka auf. Dabei habe neben dem Han­del mit Gold »der mas­si­ve jahr­hun­der­te­lan­ge trans­at­lan­ti­sche Han­del mit Skla­ven im Mit­tel­punkt gestan­den, die zu Mil­lio­nen ein­ge­setzt wur­den, um Zucker, Tabak, Baum­wol­le und ande­re Markt­früch­te auf den Plan­ta­gen der Neu­en Welt anzubauen«.

Mit­te des 16. Jahr­hun­derts habe der vor allem von Por­tu­gal betrie­be­ne Han­del mit Afri­ka­nern dem Gold als gewinn­brin­gend­ster afri­ka­ni­scher Quel­le des Wohl­stands den Rang abge­lau­fen und sei zur Grund­la­ge eines neu­en Wirt­schafts­sy­stems gewor­den, das »Euro­pa im Lau­fe der Zeit rei­cher machen soll­te als das afri­ka­ni­sche Gold oder auch Asi­ens so heiß begehr­te Sei­den­stof­fe und Gewür­ze«. Schät­zun­gen von heu­te gehen von zwölf Mil­lio­nen Afri­ka­nern aus, die nach Ame­ri­ka gebracht wur­den. Wei­te­re sechs und mehr Mil­lio­nen star­ben bei den Skla­ven­jag­den, bei den bru­ta­len Mär­schen an die Küste, wäh­rend des Auf­ent­halts in Ver­lie­sen bis zum Ver­la­den auf die Skla­ven­schif­fe oder wäh­rend der Über­fahrt – mit uner­mess­li­chen Aus­wir­kun­gen auf Afri­kas Ent­wick­lung in den fol­gen­den Jahrhunderten.

French will mit sei­ner Glo­bal­ge­schich­te klar­ma­chen, dass »Afri­ka mehr als jeder ande­re Teil der Welt der Motor in der Maschi­ne­rie der Moder­ne war«. »Ohne afri­ka­ni­sche Völ­ker, die von den Küsten des Kon­ti­nents aus ver­kauft wur­den, hät­te Ame­ri­ka wenig zum Auf­stieg des Westens bei­tra­gen kön­nen. Afri­ka­ni­sche Arbeits­kraft in Form von Skla­ven wur­de zum begün­sti­gen­den Fak­tor, der die Ent­wick­lung Ame­ri­kas erst ermög­lich­te. Ohne sie sind Euro­pas Kolo­ni­al­pro­jek­te in der Neu­en Welt, wie wir sie ken­nen, schlicht nicht vorstellbar.«

Die Geschichts­for­schung jedoch habe sich über die Bedeu­tung Afri­kas bei der Ent­ste­hung der moder­nen Welt in Schwei­gen gehüllt. Die­se für unser Welt­ver­ständ­nis so grund­le­gen­de Aus­las­sung ist für French nur »eines von zahl­rei­chen Bei­spie­len in einem jahr­hun­der­te­al­ten Pro­zess der Schmä­le­rung, Tri­via­li­sie­rung und Löschung von Afri­ka­nern und Men­schen afri­ka­ni­scher Abstam­mung aus der Erzäh­lung von der moder­nen Welt«, erforsch­bar bis tief in heu­te noch wir­ken­de kolo­nia­le Struk­tu­ren hinein.

Frenchs Werk ist eine »kraft­vol­le Neu­deu­tung der Geschich­te«, wie es zutref­fend im Klap­pen­text heißt, die zum radi­ka­len Umden­ken auf­for­dert. Sie reicht durch die ver­gan­ge­nen sechs Jahr­hun­der­te bis in die Gegen­wart und rückt im letz­ten Teil die Rol­le der Skla­ven im ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­krieg und im Bür­ger­krieg in ein neu­es Licht. Denn letz­ten Endes war es nicht Lin­coln, der im Übri­gen ent­ge­gen land­läu­fi­ger Erzäh­lung nichts gegen die Skla­ve­rei hat­te, son­dern es waren die »Schwar­zen Frau­en und Män­ner selbst, jene Nach­kom­men von Men­schen aus Afri­ka, die sich der Her­aus­for­de­rung ihrer Befrei­ung stellten«.

Der Autor selbst, ich habe es noch nicht erwähnt, ist in lan­ger Linie ein Abkömm­ling von nach Ame­ri­ka ver­schlepp­ten Skla­ven. Sein Geschichts­werk, das zu einer neu­en Wahr­neh­mung des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents füh­ren soll, ist, wie er im Nach­gang schreibt, »aus per­sön­li­cher Erfah­rung erwach­sen«, in »Lek­tio­nen, die ich schon als afro-ame­ri­ka­ni­sches Kind zu ler­nen begann und die mal sub­til, mal bru­tal daher­ka­men«. Lek­tio­nen, die in die­sem lesens­wer­ten Buch Sei­te für Sei­te prä­sent sind.

 Howard W. French: AFRIKA und die Ent­ste­hung der moder­nen Welt. Eine Glo­bal­ge­schich­te. Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen über­setzt von Karin Schul­er, Tho­mas Stau­der, Andre­as Thom­sen, Klett Cot­ta 2023, 508 Sei­ten, 35 €. – Howard W. French schreibt in der Ori­gi­nal­fas­sung sei­nes Buches das Wort »Black«, wenn es sich auf die Eth­ni­zi­tät bezieht, kon­se­quent groß. Dies soll dar­auf ver­wei­sen, dass es um mehr geht als die rei­ne Haut­far­be, weil mit dem Wort anthro­po­lo­gi­sche und sozia­le Vor­ur­tei­le ver­bun­den sind. Klett Cot­ta hat in der deut­schen Fas­sung eben­falls in dem genann­ten Zusam­men­hang das Wort »Schwarz« immer groß­ge­schrie­ben. Ossietzky hat sich die­ser Schreib­wei­se angeschlossen.