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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Er tot, die Feinde oben?«

Wäh­rend des Flugs zur Trau­er­fei­er Ber­tolt Brechts notiert Ernst Schu­ma­cher vor 65 Jah­ren die­sen Vers in sei­nen Taschen­ka­len­der. Mit »er« ist Brecht gemeint, der am 14. August gestor­ben war, und mit »die Fein­de oben?« das für den 17. August 1956 ange­kün­dig­te Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Ver­bots­an­trag der Ade­nau­er-Regie­rung gegen die Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei Deutsch­lands. Zwei Ereig­nis­se, die nicht nur im unmit­tel­ba­ren zeit­li­chen Zusam­men­hang stan­den, son­dern auch Aus­druck des Ant­ago­nis­mus jener Zeit waren – und heu­te noch sind. Brecht, dem sei­ne Eltern einen Kra­gen umban­den, ihn in den Gewohn­hei­ten des Bedient­wer­dens erzo­gen und in der Kunst des Befeh­lens unter­rich­te­ten, gefie­len die Leu­te sei­ner Klas­se nicht mehr, als er erwach­sen war. Er ver­ließ sein Umfeld und gesell­te sich zu den »gerin­gen« Leu­ten. Die Ableh­nung des para­si­tä­ren Obrig­keits­staa­tes wies ihm den Weg zu einer Theo­rie, die die­ses Gesell­schafts­sy­stem infra­ge stellt und es für das Glück und die Frei­heit aller zu über­win­den trachtet.

»Die ersten Anzei­chen einer Annä­he­rung Brechts an die mar­xi­sti­sche Theo­rie und an die Pra­xis der revo­lu­tio­nä­ren Arbei­ter­be­we­gung mach­ten sich 1926 bemerk­bar«, schrieb der sowje­ti­sche Kul­tur­of­fi­zier und bedeu­tend­ste rus­si­sche Ger­ma­nist Ilja Frad­kin. Zu Brechts sach­kun­di­gen Men­to­ren des Mar­xis­mus gehör­ten neben Karl Korsch Wal­ter Ben­ja­min und Her­mann Duncker Fritz Stern­berg, der gemein­sam mit Brecht am 1. Mai 1929 in Ber­lin zuse­hen muss­te, wie auf Befehl des sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Poli­zei­prä­si­den­ten auf unbe­waff­ne­te demon­strie­ren­de Arbei­ter geschos­sen wur­de. Die­ses Ereig­nis sei es gewe­sen, wel­ches Brecht »immer stär­ker zu den Kom­mu­ni­sten getrie­ben habe«, so Stern­berg. Das eini­gen­de Band zwi­schen der KPD und Brecht war zwei­fel­los die mar­xi­sti­sche Theo­rie, an der er bis zu sei­nem Tode unge­bro­chen fest­hielt. Wenn er auch in dem Gedicht vom »Lob der Dia­lek­tik« sei­ne Ant­wort in die rhe­to­ri­sche Fra­ge, wie der auf­zu­hal­ten sei, der sei­ne Lage erkannt habe, klei­de­te, so war er den­noch davon eben­so zutiefst über­zeug wie vom Sieg der Ver­nunft über ihre Feinde.

Sowohl die gro­ßen Büh­nen­wer­ke als auch Brechts Lyrik las­sen sich nicht von der marx­schen Theo­rie, vom Kom­mu­nis­mus tren­nen. Kon­ser­va­ti­ves Publi­kum und reak­tio­nä­rer Staat lie­ßen es Brecht zeit­le­bens spü­ren, wie man mit »Klas­sen­ver­rä­tern« umgeht. Auf­füh­run­gen wur­de gestört oder ver­bo­ten und Brecht »als über­zeug­ter Kom­mu­nist und als sol­cher auch schrift­stel­le­risch für die KPD tätig«, wie es im Poli­zei­deutsch hieß, unter Beob­ach­tung gestellt. Es kann wohl als sicher gel­ten, dass auch Brecht – wie Müh­sam und Ossietzky – den Tod in einem faschi­sti­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger gefun­den hät­te, wäre er nicht einen Tag nach dem bren­nen­den Reichs­tag ins Exil geflohen.

Brecht blieb das schänd­li­che Ver­bot der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Deutsch­lands am 17. August 1956 erspart. Mit die­sem Urteil knüpf­ten West­deutsch­land und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt osten­ta­tiv an die unsäg­li­che anti­kom­mu­ni­sti­sche Repres­si­ons­tra­di­ti­on Deutsch­lands und ins­be­son­de­re des Nazi­staa­tes an. Wäh­rend es die NS-Scher­gen nicht ein­mal für nötig hiel­ten, die KPD for­mell zu ver­bie­ten, son­dern es vor­zo­gen, die­se Par­tei nach dem Reichs­tags­brand sofort zu exe­ku­tie­ren, soll­te zumin­dest im kapi­ta­li­sti­schen Nach­kriegs­deutsch­land der Schein des Rechts­staa­tes gewahrt wer­den. Allein der Umstand, dass die jun­ge Bun­des­re­pu­blik ange­sichts der zwölf­jäh­ri­gen Schreckens­zeit des Faschis­mus, in der Tau­sen­de Kom­mu­ni­sten ermor­det wor­den waren und in der Tau­sen­de Kom­mu­ni­sten Wider­stand gegen das ver­hass­te Regime gelei­stet hat­ten, nichts Eili­ge­res zu tun hat­te, als das Ver­bot der KPD zu betrei­ben, ließ die schlimm­sten Befürch­tun­gen für Intel­lek­tu­el­le auf­kom­men, für die – wie Brecht – der Mar­xis­mus künst­le­ri­sches Fun­da­ment war. Das Ver­bot der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei, zudem ein­zig­ar­tig in Euro­pa, war damit auch eine unmiss­ver­ständ­li­che Kampf­an­sa­ge gegen die Frei­heit der Wis­sen­schaft und Kunst. Nur zu ver­ständ­lich war es, dass bei vie­len ehe­ma­li­gen Exi­lan­ten Erin­ne­run­gen an 1933 wach wur­den. Dass sie froh waren, nach dem Krieg nicht nach West­deutsch­land, son­dern in die jun­ge DDR gegan­gen zu sein, die in ihren hohen Ämtern kei­ne »ent­na­zi­fi­zier­ten« Nazis dul­de­te, ist nur zu begreiflich.

Mit Brechts Tod war eine der wir­kungs­mäch­tig­sten mar­xi­sti­schen Stim­men für Frie­den und Sozia­lis­mus, gegen Krieg und Kapi­ta­lis­mus ver­stummt. Wir hät­ten gern den künst­le­ri­schen, den poli­tisch klu­gen Auf­schrei Brechts gegen das ana­chro­ni­sti­sche KPD-Ver­bot ver­nom­men. Er war uns lei­der nicht ver­gönnt. Die­se Wor­te feh­len. Umso wich­ti­ger ist es, sei­ne Kunst, sein Wir­ken und Schaf­fen wach­zu­hal­ten und nicht zuzu­las­sen, Brecht zu ent­po­li­ti­sie­ren, sei­ne Gedich­te und Wer­ke vom Mar­xis­mus zu trennen.

Brecht lehn­te mit aller Ent­schie­den­heit den Kapi­ta­lis­mus und die mit ihm ver­wo­be­ne Gesell­schaft ab. Für ihn war die bestehen­de Ord­nung kei­ne Ord­nung. Er wuss­te um die Schwie­rig­kei­ten des Kom­mu­nis­mus, aber auch, dass er die gering­ste For­de­rung, das Aller­nächst­lie­gen­de, Mitt­le­re, Ver­nünf­ti­ge ist. Wer sich gegen ihn stellt, so Brecht, wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit sei­ner Ent­schei­dung gegen die KPD, sind nicht Anders­den­ken­de, son­dern Nicht­den­ken­de oder nur Ansich­den­ken­de – also Fein­de des Men­schen­ge­schlechts. Die Fein­de Brechts wer­den sein Wei­ter­le­ben nie­mals ver­hin­dern, denn die Besieg­ten von heu­te wer­den die Sie­ger von mor­gen sein.