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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Es wechseln die Zeiten

»Das Gro­ße bleibt groß nicht und das Klei­ne nicht klein« (B. Brecht). Erin­ne­rungs­kul­tur bezeich­net das geschicht­li­che Bewusst­sein, wie es sich einer­seits im öffent­li­chen Raum dar­stellt oder ande­rer­seits dar­stel­len soll. Stra­ßen­na­men stel­len dabei eine, wenn auch klei­ne, Form der Erin­ne­rung dar, die sich z. T. auf kul­tu­rel­le »Besitz­tü­mer« bezieht und z. T. zu ehren­de Per­so­nen benennt, die ggf. in einem Erin­ne­rungs­raum, hier einer Stadt, eine wich­ti­ge oder inter­es­san­te Rol­le gespielt haben. Eine klei­ne Bemer­kung: Lever­ku­sen war der Name des Grün­ders der spä­te­ren Bay­er­wer­ke am Rhein in Wies­dorf. Die Stadt ist also fast als ein­zi­ger gro­ßer indu­stri­el­ler Erin­ne­rungs­ort anzusehen.

Vie­le Stra­ßen­na­men wer­den zwar aus Ver­le­gen­heit gewählt, so etwa, wenn sich in einem Vier­tel etli­che Vogel­na­men wie­der­fin­den. In ande­ren Fäl­len wer­den bedeu­ten­de Musi­ker genannt, so dass sich ein Wohn­ge­biet in einer Stadt als Musi­kan­ten­vier­tel ver­steht. Die Stra­ßen­na­men reprä­sen­tie­ren inso­weit gleich­zei­tig ein kul­tu­rel­les Gedächt­nis, nicht zuletzt über die mehr oder weni­ger bekann­ten Dich­ter wie Goe­the, Schil­ler, Kleist. Manch­mal fol­gen sogar noch eini­ge Phi­lo­so­phen wie Kant, Hegel, Fichte.

Wenn die Erin­ne­rung poli­tisch wird und bedeu­ten­de Per­sön­lich­kei­ten geehrt wer­den sol­len, ste­hen neben Wil­ly Brandt Namen wie Kon­rad Ade­nau­er, Gustav Stre­se­mann, Fried­rich Nau­mann, um nur eini­ge zu nen­nen. In frü­he­ren Zei­ten stan­den hier der Kai­ser Wil­helm oder Bis­marck, sofern sie noch nicht geschleift wur­den, was etwa aktu­ell in Ham­burg bezüg­lich des Bis­marck-Denk­mals in Erwä­gung gezo­gen wird.

In Lever­ku­sen wur­de vom ört­li­chen Geschichts­ver­ein kürz­lich das The­ma der Stra­ßen­na­men behan­delt und dar­auf hin­ge­wie­sen, wie sich poli­ti­sche Umbrü­che in Strei­chun­gen und Umbe­nen­nun­gen nie­der­schlu­gen. Es kann des­halb nütz­lich sein, sich eini­ge Stra­ßen anzu­schau­en und zu fra­gen, wel­che Per­so­nen außer den weit über die Stadt­gren­zen hin­aus bekann­ten noch in Stra­ßen­schil­der »ver­ewigt« wur­den. Eine wei­ter­ge­hen­de Fra­ge könn­te lau­ten, an wel­chen Orten sich die Stra­ßen­schil­der befin­den, die ohne Zwei­fel auch die nack­te Funk­ti­on der Ori­en­tie­rung im Raum haben.

Ein Refe­rent des Geschichts­ver­eins lenk­te die Auf­merk­sam­keit auf Namen, die außer­halb der Bay­er­wer­ke, einem zur­zeit noch hoch­be­deut­sa­men Kon­zern, kaum bekannt sind. In den Sied­lun­gen, die die Fir­ma Bay­er Anfang der 20-er Jah­re des vori­gen Jahr­hun­derts bau­en ließ und die kaum als Fabrik­häu­ser bezeich­net wer­den kön­nen, weil es sich um Vil­len und archi­tek­to­nisch inter­es­san­te Wohn­häu­ser für die Ange­stell­ten der Fir­ma han­delt, ange­sie­delt fast in einer offe­nen Park­land­schaft des Stadt­teils Wies­dorf, wur­den hoch­ran­gi­ge Mana­ger der Bay­er­wer­ke zu Namens­ge­bern. All­zu vie­le sind es aber nicht, so dass für die Wohn­stra­ßen mit Vil­len­cha­rak­ter zusätz­lich mehr oder weni­ger bekann­te Dich­ter her­an­ge­zo­gen wur­den. Zwei Namen möch­te ich aber her­an­zie­hen, und zwar Fritz Haber und Karl Krekeler.

Kre­ke­l­er hat­te als Maschi­nen­bau­in­ge­nieur Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren zur Her­stel­lung von Che­mi­ka­li­en groß­tech­nisch auf­bau­en hel­fen. Er stieg in der Hier­ar­chie auf und wur­de nach sei­ner Pen­sio­nie­rung 1933 Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der des IG-Far­ben­kon­zerns, in den die Bay­er­wer­ke 1925 ein­ge­bracht wor­den waren. Die­sen Posten behielt er bis 1945. Der IG-Far­ben-Kon­zern wur­de nach 1945 auf­ge­löst. (Es fand in Nürn­berg 1947 ein Pro­zess gegen 23 lei­ten­de Mit­ar­bei­ter der IG-Far­ben­in­du­strie AG statt, von denen die mei­sten frei­ge­spro­chen wurden.)

Fritz Haber wur­de 1920 sogar mit dem Che­mie-Nobel­preis inter­na­tio­nal geehrt, obwohl er sein Ver­fah­ren zur Her­stel­lung von Kunst­dün­ger in der drän­gen­den Zeit ab 1914 ent­wickel­te, um die Lebens­mit­tel­ba­sis der deut­schen Bevöl­ke­rung zu ver­bes­sern. Denn schließ­lich war damals noch nicht klar, ob es gelin­gen kön­ne, die »Korn­kam­mer der Ukrai­ne« nach­hal­tig aus­zu­beu­ten, denn der Sepa­rat­frie­den mit dem Gebil­de Ukrai­ne, damals ohne feste Gren­zen, wur­de erst 1917 geschlossen.

Lebens­mit­tel­ver­sor­gung zu garan­tie­ren, indem die Land­wirt­schaft »pro­duk­ti­ver« wird, ist sicher sehr ehren­wert. Aber Fritz Haber hat­te sich frei­wil­lig in den Dienst der ober­sten Hee­res­lei­tung gestellt und gilt als »Vater des Gas-Krie­ges«. Er expe­ri­men­tier­te mit Phos­gen und Chlor­gas, grün­de­te eine spe­zia­li­sier­te Gas­trup­pe und lei­te­te den ersten Gift­gas­ein­satz auf bel­gi­schen Boden n Ypern. Dabei wur­den 150 Ton­nen des töd­li­chen Gases ein­ge­setzt, eine Men­ge, die ohne groß­tech­ni­sche Anla­gen kaum hät­te her­ge­stellt wer­den kön­nen. Habers Ehe­frau, Cla­ra Immer­wahr, hat­te sich nach dem Gift­gas­ein­satz das Leben genom­men, weil sie es mit der Ver­ant­wor­tung eines Wis­sen­schaft­lers für unver­ein­bar hielt, Gift­ga­se her­ge­stellt und ver­wen­dungs­reif gemacht zu haben. Sie nann­te es eine »Per­ver­si­on der Wissenschaft«.

Wir erin­nern uns, dass durch den Ein­satz von Gift­gas min­de­sten 80.000 Sol­da­ten umge­kom­men sind. Zur Erin­ne­rung an Fritz Haber steht heu­te noch ein Namens­schild: Haber­stra­ße in Wiesdorf.

Die Karl-Kre­ke­l­er-Stra­ße trifft sich an einer Stel­le hin­ter dem Wies­dor­fer Fried­hof mit der Hein­rich-Hei­ne-Stra­ße, die in einem Bogen als Ein­bahn­stra­ße durch eine nach 1950 schnell auf­ge­bau­te Sied­lung führt. Eine Vil­len­stra­ße wur­de dafür nicht umbe­nannt. Hein­rich Hei­ne »ver­dien­te« damals sicher kei­nen pro­mi­nen­ten Platz im Lever­ku­se­ner Stadt­ge­fü­ge. Jemand, der Lie­bes­ge­dich­te schrieb, die Ideo­lo­gie in Deutsch­land kri­ti­sier­te und preu­ßi­sche Sol­da­ten ver­spot­te­te, die in ihrem Auf­tre­ten den Stock noch ahnen lie­ßen, mit dem sie einst geprü­gelt wur­den, konn­te nur als Fei­gen­blatt an den letz­ten Rand des Stadt­teils gescho­ben wer­den. Wie auch, selbst die Düs­sel­dor­fer Uni­ver­si­tät konn­te Ende der 70-er Jah­re nur nach lan­gen Dis­kus­sio­nen als Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät benannt werden.

»Es wech­seln die Zei­ten«? Der Phi­lo­soph und Kri­ti­ker, Theo­dor Les­sing (1872-1933), ermor­det in Mari­en­bad, hat­te sich mit dem Gas­krieg aus­ein­an­der­ge­setzt und schrieb: »Mit einer ein­zi­gen Rie­sen­ka­no­ne las­sen sich hun­dert­tau­send blu­men­haf­te Wesen ver­ge­wal­ti­gen. Ein neu­er Krieg, mit 800 Sor­ten Gift­ga­sen, mit Stra­to­sphä­ren­flug­zeu­gen, Luft­schiff­ge­schwa­dern vol­ler Bri­sanz – und Gas­bom­ben, die auto­ma­tisch sich ent­la­den (…), bald schon mit Atom­zer­trüm­me­rung (…), das ist ein furcht­ba­rer Zusam­men­bruch der Mensch­heit und ihrer Kul­tur« (aus der Bio­gra­fie über Theo­dor Les­sing von Rai­ner Mar­we­del, S. 328 ff.).

Wor­an erin­nern wir uns also in unse­rer »Erin­ne­rungs­kul­tur«, und was sol­len nach dem »Zusam­men­bruch der Kul­tur« die Reste an Erin­ne­rungs­fet­zen noch sagen?