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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Dem Kriegführen ein Ende setzen

Die Krie­ge in der Ukrai­ne und im Nahen Osten stel­len die Welt­ge­mein­schaft vor eine Zer­reiß­pro­be, aus der es kei­nen Aus­weg zu geben scheint. Und je offen­sicht­li­cher die­ses Dilem­ma zu Tag tritt, umso grö­ßer schei­nen der Ruf und die Sehn­sucht nach einer ulti­ma­ti­ven mili­tä­ri­schen Lösung zu sein. Zumin­dest erweckt der Blick in die Print­me­di­en die­ser Tage die­sen ver­stö­ren­den Ein­druck. Bar­ba­ra Oer­tel zitiert in der Tages­zei­tung den ukrai­ni­schen Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Myko­la Bie­lie­skov mit den Wor­ten: »Wenn die Ukrai­ne nicht über die nöti­gen Mit­tel ver­fügt, um Russ­land auf dem Schlacht­feld zu besie­gen, wird Putin einen histo­ri­schen Sieg errin­gen, der das inter­na­tio­na­le Sicher­heits­kli­ma ver­än­dern wird. Wenn das pas­siert, wird der heu­ti­ge Akzent der Ver­mei­dung einer Eska­la­ti­on als der größ­te geo­po­li­ti­sche Feh­ler seit der Appease­ment­po­li­tik der 1930er Jah­re ange­se­hen wer­den«, um sodann ihren Arti­kel mit fol­gen­den Wor­ten zu been­den: »Ein Feh­ler, der noch zu ver­mei­den wäre, wenn die Men­schen denn aus der Geschich­te gelernt hät­ten. Doch das ist schon öfter schief­ge­lau­fen. Leider.«

Doch was bedeu­tet die­ses »Lei­der« in der Kon­se­quenz? Meint Oer­tel damit tat­säch­lich, dass die west­li­che Staa­ten­ge­mein­schaft, die den Krieg in der Ukrai­ne mit ihren Waf­fen­lie­fe­run­gen ja bereits jetzt maß­geb­lich beein­flusst, aktiv in den Krieg ein­tre­ten soll? Oder erzählt sie als Jour­na­li­stin ein­fach nur das Nar­ra­tiv wei­ter, dem­zu­fol­ge der Ukrai­ne­krieg aus­schließ­lich durch einen mili­tä­ri­schen Sieg über Russ­land been­det wer­den kann?

Ein Nar­ra­tiv, das in den gro­ßen Gazet­ten zuneh­mend an Bedeu­tung zu gewin­nen scheint, wenn Ste­fan Kor­ne­li­us zeit­gleich in sei­nem Leit­ar­ti­kel in der Süd­deut­schen Zei­tung schreibt: »Die Staa­ten Euro­pas und auch die USA haben nicht ver­stan­den, dass eine Nie­der­la­ge der Ukrai­ne auch ihre Nie­der­la­ge sein wird – mit gra­vie­ren­den Fol­gen für die Ord­nung in Euro­pa. Die EU wür­de sich von die­ser Offen­ba­rung ihrer Schwä­che nicht mehr erho­len. Ihre Schuld wäre unermesslich.«

Und als hät­te er sich mit Oer­tel und Kor­ne­li­us abge­spro­chen, kom­men­tiert Mar­ko Seli­ger uni­so­no in der Neu­en Zür­cher Zei­tung: »Die Bun­des­re­pu­blik kann den Krieg in der Ukrai­ne nicht voll­stän­dig von sich fern­hal­ten. Vor die­ser Rea­li­tät darf das Land die Augen nicht ver­schlie­ßen. Die Fra­ge ist, wel­che Rück­schlüs­se der ›Frie­dens­kanz­ler‹ dar­aus zieht.«

In sei­ner Lage am Sonn­tag lie­fert der Spie­gel-Chef­re­dak­teur Dirk Kurb­ju­weit nolens volens dar­auf die bel­li­zi­sti­sche Ant­wort: »Über Jahr­zehn­te war die Bun­des­re­pu­blik im pazi­fi­sti­schen Wol­ken­kuckucks­heim ange­sie­delt, bei den wei­ßen Tau­ben. Man hielt sich raus und ver­säum­te es, intel­lek­tu­ell kriegs­taug­lich zu wer­den. Jetzt feh­len die Stra­te­gien und die Debat­ten­kul­tur, um für die­se aggres­si­ve Welt gerü­stet zu sein. Die Zei­ten­wen­de ver­langt nicht nur Sol­da­ten und Rüstungs­be­schaf­fern etwas ab: Die Gesell­schaft ins­ge­samt muss den Gedan­ken­raum um die Mög­lich­keit von Krie­gen erweitern.«

Doch glück­li­cher­wei­se, und das unter­schei­det uns ja tat­säch­lich von auto­kra­tisch regier­ten Län­dern wie Russ­land, leben wir in einem demo­kra­ti­schen Rechts­staat, in dem die Fra­gen von Krieg und Frie­den in par­la­men­ta­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen aus­ge­lo­tet und am Ende ent­schie­den wer­den müs­sen. Und man muss kei­ne pro­phe­ti­schen Nei­gun­gen haben, um zu ahnen, dass unse­re Gesell­schaft vie­les will, aber eines auf gar kei­nen Fall: einen drit­ten Welt­krieg. Auch wenn ihn man­che Jour­na­li­sten offen­bar als unver­meid­bar zu erach­ten scheinen.

Ohne­hin ist es wohl eines der gro­ßen Rät­sel unse­rer Zeit, dass es im Rin­gen um Krieg und Frie­den nur die Wahl zwi­schen Sieg oder Nie­der­la­ge zu geben scheint, anstatt nach­zu­spü­ren und dar­über zu strei­ten, wel­che Optio­nen zwi­schen die­sen bei­den Extrem­po­si­tio­nen ver­füg­bar sind. Denn ganz egal, wann und wie die Krie­ge in der Ukrai­ne und im Nahen Osten auch been­det wer­den: Es wird kei­ne Sie­ger geben. Denn bei­de Krie­ge sind mit dem Blick auf ihre bereits ein­ge­tre­te­nen und die noch zu erwar­ten­den kata­stro­pha­len Kriegs­fol­gen für sämt­li­che Kriegs­par­tei­en bereits jetzt unab­wend­bar ver­lo­ren. Mili­tä­risch sind bei­de Krie­ge nicht zu gewin­nen und zivi­li­sa­to­risch sind sie schon längst verloren.

Auch wenn die ohren­be­täu­bend don­nern­den Stim­men der Kriegs­be­für­wor­ter uns noch immer gehirn­wä­sche­gleich etwas ande­res ein­zu­re­den ver­su­chen. Und auch, wenn von poli­ti­schen und jour­na­li­sti­schen Bel­li­zi­sten anschei­nend noch immer unbe­irrt ver­leug­net und ver­drängt wer­den muss, dass es in einem Krieg nie­mals nur das Gute und das Böse gibt: Bei dem Fin­ger­zeig auf den ver­meint­lich allei­ne Schul­di­gen, mit dem die eige­ne Ver­ant­wor­tung ver­leug­net wird, wei­sen unver­meid­lich vier Fin­ger auf uns selbst – ob wir das wol­len oder nicht.

Des­halb ist der Ruf nach diplo­ma­ti­schen Bemü­hun­gen zur Lösung des Krie­ges in der Ukrai­ne und in Isra­el und auch jener nach dem Ein­frie­ren von Kriegs­hand­lun­gen nicht Aus­druck nai­ver Appease­ment-Poli­tik. Solch ein Ruf muss in erster Linie als Aus­druck der Sor­ge um eine unkon­trol­lier­ba­re mili­tä­ri­sche Eska­la­ti­on ver­stan­den wer­den – wenn man sich denn auf einen sol­chen Gedan­ken­gang ein­las­sen kann, ohne ihn in ver­ächt­li­cher Wei­se zwang­haft zu desavouieren.

1932 schrieb Albert Ein­stein an Sig­mund Freud und stell­te ihm fol­gen­de Fra­ge: »Gibt es einen Weg, die Men­schen vor dem Ver­häng­nis des Krie­ges zu befrei­en?« Die Ant­wort von Freud kam prompt: »Lie­ber Herr Ein­stein! Als ich hör­te, dass Sie die Absicht haben, mich zum Gedan­ken­aus­tausch über die Fra­ge auf­zu­for­dern, was man tun kön­ne, um das Ver­häng­nis des Krie­ges von den Men­schen abzu­weh­ren, erschrak ich zunächst unter dem Ein­druck mei­ner – fast hät­te ich gesagt: unse­rer – Inkom­pe­tenz, denn das erschien mir als eine prak­ti­sche Auf­ga­be, die den Staats­män­nern zufällt. Ich ver­stand dann aber, dass Sie die Fra­ge nicht als Natur­for­scher und Phy­si­ker erho­ben haben, son­dern als Men­schen­freund. (…) Den psy­chi­schen Ein­stel­lun­gen, die uns der Kul­tur­pro­zess auf­nö­tigt, wider­spricht nun der Krieg in der grell­sten Wei­se, dar­um müs­sen wir uns gegen ihn empö­ren, wir ver­tra­gen ihn ein­fach nicht mehr, es ist nicht bloß eine intel­lek­tu­el­le und affek­ti­ve Ableh­nung, es ist, bei uns Pazi­fi­sten, eine kon­sti­tu­tio­nel­le Into­le­ranz, eine Idio­syn­kra­sie gleich­sam in äußer­ster Ver­grö­ße­rung. Und zwar scheint es, dass die ästhe­ti­schen Ernied­ri­gun­gen des Krie­ges nicht viel weni­ger Anteil an unse­rer Auf­leh­nung haben als sei­ne Grau­sam­kei­ten. Wie lan­ge müs­sen wir nun war­ten, bis auch die ande­ren Pazi­fi­sten wer­den? Es ist nicht zu sagen, aber viel­leicht ist es kei­ne uto­pi­sche Hoff­nung, dass der Ein­fluss die­ser bei­den Momen­te, der kul­tu­rel­len Ein­stel­lung und der berech­tig­ten Angst vor den Wir­kun­gen eines Zukunfts­krie­ges, dem Krieg­füh­ren in abseh­ba­rer Zeit ein Ende set­zen wird. Auf wel­chen Wegen oder Umwe­gen, kön­nen wir nicht erra­ten. Unter­des dür­fen wir uns sagen: Alles, was die Kul­tur­ent­wick­lung för­dert, arbei­tet auch gegen den Krieg.«

Mehr als 90 Jah­re nach die­sem hoch aktu­el­len Brief­wech­sel schlägt das Pen­del zwi­schen einer pazi­fi­stisch aus­ge­rich­te­ten kul­tu­rel­len Ein­stel­lung zum Krieg und der Angst vor dem­sel­ben in die unheil­vol­le Rich­tung aus. Was bleibt da also noch zu sagen und zu hof­fen? Nicht kriegs­taug­lich müs­sen wir wer­den, son­dern frie­dens­fä­hig, auch wenn oder gera­de, weil das in die­sen Tagen unpo­pu­lä­rer denn je zu sein scheint!