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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Grünes Wachstum?

Über das Ende der Zivi­li­sa­ti­on nach­zu­den­ken führt zu der Fra­ge: Und was dann? Die Kli­ma­wan­del­de­bat­ten und die Bedro­hung ein dro­hen­des glo­ba­les Infer­no durch Ein­satz von Atom­waf­fen wei­sen auf die sui­zi­da­len Trieb­kräf­te des kapi­ta­li­sti­schen Gesell­schafts­sy­stems. In mono­the­isti­schen Reli­gio­nen wird auf ein bes­se­res Leben nach dem Tod ver­wie­sen, wenn das Gute das Böse besiegt hat. Die­se Trö­stung ist gleich­zei­tig eine apo­ka­lyp­ti­sche Matrix (Schmidt-Salo­mon). Dage­gen sucht eine wach­sen­de Mehr­heit der Men­schen welt­weit nach Alter­na­ti­ven zu der herr­schen­den Aus­beu­ter-Poli­tik, die den Pro­fit über die Grund­be­dürf­nis­se alles Leben­di­gen auf unse­rem noch blau­en, aber teils rauch­ge­schwärz­ten Pla­ne­ten stellt.

Die­sen Pro­zess des Umden­kens unter­sucht Bru­no Kern in sei­nem aktu­el­len Buch »Das Mär­chen vom grü­nen Wachs­tum – Plä­doy­er für eine soli­da­ri­sche und nach­hal­ti­ge Gesell­schaft« und gibt kri­ti­sche Ant­wor­ten. Der Grün­der des öko­so­zia­li­sti­schen Netz­werks begrün­det, wie eine Zivi­li­sa­ti­on nur durch radi­ka­le Ände­rung des Lebens­stils über­le­ben kann.

Aber was kön­nen wir sel­ber tun gegen die Weg­werf- und Über­fluss-Gesell­schaft, gegen Mobi­li­tät auf fos­si­ler Ener­gie­ba­sis? Wel­che Hoff­nun­gen kön­nen wir auf rege­ne­ra­ti­ve Ener­gien set­zen? Auch die­se sind nicht unend­lich und set­zen vor­aus, dass wir weni­ger kon­su­mie­ren. Zum Bei­spiel sei auch »der Ein­satz von Was­ser­stoff für die Auf­recht­erhal­tung unse­res Maßes an Mobi­li­tät … völ­lig illu­so­risch«. Mit wis­sen­schaft­li­chen Fak­ten belegt der Autor das. Nico Paech ist vie­len als Post­wachs­tums­öko­nom bekannt. Sei­ne Schlüs­sel­aus­sa­ge »Allein Lebens­sti­le kön­nen nach­hal­tig sein« ergänzt Kern damit, dass er sol­chen Bot­tom-up-Ansatz zur Über­win­dung unse­res wachs­tums­ge­trie­be­nen Kapi­ta­lis­mus als Gesamt­stra­te­gie für aus­sichts­los hält. Wie wir auf über­grei­fen­de makro­öko­no­mi­sche Struk­tu­ren auf dem lan­gen Weg zu einer nach­hal­ti­gen und soli­da­ri­schen Gesell­schaft ange­wie­sen sind, wird ana­ly­siert. Span­nend war die Lek­tü­re für mich auch durch vie­le Ein­zel­the­men (unter ande­rem solar­ther­mi­sche Kraftwerke/​Desertec, öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck der Elek­tro­au­tos, bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men, wel­che heu­ti­gen Pro­ble­me der Mar­xis­mus-Leni­nis­mus nicht sehen konn­te) und Zita­te (zum Bei­spiel von Wal­den Bel­lo, Vanda­na Shi­va, Erich Fromm, Mohssen Mas­s­ar­rat, Ernst Ull­rich von Weiz­säcker). Den Abschluss bil­den sie­ben The­sen unter der Über­schrift »Kon­sum­ver­wei­ge­rung als poli­ti­sche Stra­te­gie?« Hier wer­den Kri­te­ri­en für Bedürf­nis­se hin­ter­fragt. Die Wei­ter-so-Ideo­lo­gie mit der Absi­che­rung »unse­res Wohl­stands« wird Per­spek­ti­ven eines guten Lebens, einer Phi­lo­so­phie des Buen Vivir gegen­über­ge­stellt. Auf die Über­win­dung eige­ner Ohn­machts­er­fah­run­gen ange­sichts der poli­ti­schen, sozia­len und öko­lo­gi­schen Rea­li­tä­ten wird ein­ge­gan­gen. Für mich ist dies ein klei­nes Hand­buch für die fast all­täg­li­chen Diskussionen.

Bru­no Kern: »Das Mär­chen vom grü­nen Wachs­tum – Plä­doy­er für eine soli­da­ri­sche und nach­hal­ti­ge Gesell­schaft«, Rot­punkt­ver­lag, 240 Sei­ten, 13 €