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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kapitalismus ohne Ende

Ulri­ke Herr­mann – Wirt­schafts­re­dak­teu­rin der TAZ – hat ein Buch her­vor­ge­bracht mit dem ver­füh­re­ri­schen Titel »Das Ende des Kapi­ta­lis­mus«. Es ist als Best­sel­ler in vie­ler Mun­de – als Patent­re­zept, gar Erlö­sungs­bot­schaft begrüßt, beson­ders von vie­len Grün-Alter­na­ti­ven, Links­li­be­ra­len oder »Lifesti­le-Lin­ken« sowie TAZ-Getreu­en. Sie hat ihre Ideen auf Buch­for­mat aus­ge­brei­tet, die sie schon län­ger in Arti­keln dar­ge­legt hat, zuletzt aus­zugs­wei­se in le mon­de diplo­ma­tique in deut­scher Spra­che vom Sep­tem­ber 2022. Zu ihrer postu­lier­ten Schrumpf­öko­no­mie, mit der sie meint, »den Kapi­ta­lis­mus ver­las­sen« zu kön­nen – durch eine erst­mals von ihr ent­deck­te ver­meint­li­che Hin­ter­tür –, kann man nur sagen: Schön wärs. Schön wärs, wenn man so ein­fach die Rech­nung ohne das Kapi­tal und ohne den Impe­ria­lis­mus machen könn­te, wie sie das macht. Ein staat­lich orga­ni­sier­tes, fried­li­ches Dahin­schei­den (Ende?) des Kapi­ta­lis­mus ganz ohne Klas­sen­kampf, ohne Macht­fra­ge, ohne Revo­lu­ti­on – es wäre so schön, dass man sich fra­gen muss: Kann sie das wirk­lich ernst mei­nen, ist das unge­woll­te Sati­re oder viel­leicht eine buch­för­mi­ge Rie­sen­ver­gack­eie­rung des Publikums?

Herr­mann mag die bedroh­li­chen Zustän­de noch so ein­drucks­voll und aus­führ­lich beschrei­ben, ihr Rezept ist para­dox. Aus­ge­rech­net WIR sol­len gemein­sam mit DENEN, die die Macht haben, also unter Füh­rung der Ver­ur­sa­cher gegen die dys­to­pi­schen Per­spek­ti­ven des Kapi­ta­lis­mus vor­ge­hen. Wor­an sich alle – ange­fan­gen mit dem Club of Rome, über Kli­ma­kon­fe­ren­zen bis zur UNO und zum Papst – regel­mä­ßig die stump­fen Zäh­ne ausbeißen.

Wach­sen oder zurück­blei­ben ist das A&O jedes ein­zel­nen Kapi­ta­li­sten, Wett­be­werbs­fä­hig­keit ist alles; wer nicht mit­hält, geht letzt­lich unter in der Kon­kur­renz. Sämt­li­che bör­sen­no­tier­ten Fir­men wer­den nach Umsatz, Wachs­tum und Pro­fit bewer­tet. Wer nicht »per­formt«, geht baden. Die Elon Musks, die Zucker­bergs, Öl-Mul­tis, Black­Rocks, die Agrar-, Che­mie- und Auto­kon­zer­ne etc. eben­so wie mili­tä­risch-indu­stri­el­le Kom­ple­xe kön­nen ihre Rachen bekannt­lich nie voll genug bekom­men. Schmel­zen­de Pol­kap­pen, tau­en­der Per­ma­frost und ver­nich­te­te Urwäl­der ver­spre­chen Neu­land und rie­si­ge neue Roh­stoff­quel­len. Stei­gen­de Mee­res­spie­gel bie­ten glän­zen­de Aus­sich­ten auf boo­men­den Küsten­schutz und Umsied­lungs­pro­jek­te. Wachs­tum ist auch das höch­ste kapi­ta­li­sti­sche Staats­ziel. Das ober­ste Rezept auch, mit dem man die akze­le­rie­ren­den Schul­den­ber­ge noch zu ver­kau­fen sucht, heißt ja Wachs­tum, Wachs­tum, »her­aus­wach­sen« aus den Schul­den – wie das Regie­run­gen und sämt­li­che bür­ger­li­chen Öko­no­men, auch der DGB, glau­ben machen wol­len. Wachs­tum mit wach­sen­den Schul­den­ber­gen bleibt ihnen als letz­ter Trost, dass ihr System auch den näch­sten Crash über­dau­ert. Nach jeder Rezes­si­on, wie auch jetzt wie­der, hof­fen und set­zen sie auf erneu­tes Wachstum.

Herr­mann meint, »es ist unmög­lich, die­se gigan­ti­schen Schul­den jemals zu til­gen oder zurück­zu­zah­len«. Rich­tig, denn sie sind das fan­ta­sti­sche Mit­tel, um das Wei­ter­wach­sen rie­si­ger Ver­mö­gens­bla­sen durch Geld­drucken der Zen­tral­ban­ken zu gene­rie­ren und immer mehr Reich­tum auf Kosten der Arbei­ten­den bei all­sei­tig wach­sen­der Ungleich­heit. (Auch die »Green-New-Deals« sind in die­sem Sinn ein Bil­lio­nen­ge­schäft für »Inve­sto­ren«.)

Das Kapi­tal kann nur durch Kri­sen – deren extrem­ste Form impe­ria­li­sti­sche Krie­ge sind – sei­ne system­be­dingt-unver­meid­lich auf­ge­stau­ten Wider­sprü­che vor­über­ge­hend lösen. Sol­che Krie­ge sind das ulti­ma­ti­ve Schrumpf­re­zept des Kapi­tals. Inso­fern ist es über­haupt kein Wun­der, wenn impe­ria­li­sti­sche Staa­ten alles ste­hen und lie­gen las­sen (Markt­wirt­schaft, Frei­heit für Kapi­tal und Arbeit, Frei­han­del etc., und son­sti­ge hei­li­ge »Wer­te«, meist auch Demo­kra­tie), wenn es um die Erobe­rung bzw. Behaup­tung von Ein­fluss­sphä­ren, Roh­stoff­quel­len, Absatz­märk­ten, Welt­macht etc. – sprich um die impe­ria­li­sti­sche Wurst geht.

War­um Herr­mann für einen »geord­ne­ten Rück­bau des Kapi­ta­lis­mus« so hoff­nungs­voll aus­ge­rech­net und nur auf das angeb­lich so »fas­zi­nie­ren­de Modell« der bri­ti­schen Kriegs­wirt­schaft ab 1940 ver­weist, mit dem es »zum Glück« »bereits ein histo­ri­sches Schrump­fungs­mo­dell« gäbe, »an dem man sich ori­en­tie­ren könn­te«, ist allein schon nicht nach­voll­zieh­bar. Bereits die Kriegs­wirt­schaft im 1. Welt­krieg bot Schrumpf­mo­del­le, »wie eine Regie­rung effek­tiv len­ken kann, um die Wirt­schaft radi­kal umzu­stel­len«. Immer­hin wur­de auch das gigan­ti­sche Rüstungs­pro­gramm Hit­ler-Deutsch­lands in den 1930er Jah­ren sogar bis über den Kriegs­be­ginn 1939 hin­aus von einem ekla­tan­ten schul­den­ba­sier­ten Auf­schwung beglei­tet, der – nach Aus­schal­tung jeg­li­cher Oppo­si­ti­on – von der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung im anfäng­li­chen Sie­ges­rausch gera­de­zu beju­belt wur­de. Die Arbeits­lo­sen wur­den »von der Stra­ße geholt«, Auto­bah­nen wei­ter­ge­baut usw. usf. – ja zumin­dest bis Sta­lin­grad konn­te auch in Deutsch­land »die Kriegs­wirt­schaft so gut funk­tio­nie­ren«, dass sie »unge­mein popu­lär« war. Das Schrump­fen des Kon­sums und Ratio­nie­run­gen wur­den erst­mal genau­so hin­ge­nom­men wie im »fas­zi­nie­ren­den Modell« GB. Danach kam das Schrump­fen sogar der­art rich­tig in Fahrt, dass rau­chen­de Trüm­mer­land­schaf­ten den Rück­bau zu gro­ßen Tei­len fast per­fekt machten.

Nach allen Kri­sen, Krie­gen und den ent­spre­chen­den Schrumpf­epi­so­den ging und geht es anschlie­ßend stets und immer wei­ter mit dem Wachs­tum, auch in GB, solan­ge es Kapi­ta­lis­mus gibt.

Schon der Buch­ti­tel »Das Ende des Kapi­ta­lis­mus« steht so in dia­me­tra­lem Wider­spruch zum inhalt­li­chen Anlie­gen des Buches, das ein illu­sio­nä­res »Gesund­schrump­fen« des Kapi­ta­lis­mus pro­pa­giert, also das glat­te Gegen­teil sei­nes Endes. Denn die Macht­ver­hält­nis­se igno­riert Herr­mann voll­kom­men, genau­so wie die impe­ria­li­sti­sche Kon­kur­renz. Aus­ge­rech­net das Kapi­tal und sein Staat sol­len selbst dafür sor­gen, dass »der Rück­bau des Kapi­ta­lis­mus … geord­net von stat­ten« geht. Genau­so könn­te man von Raub­tie­ren ver­lan­gen, sich »geord­net« von ihrem Fleisch­kon­sum zugun­sten von Gras und Heu zu verabschieden.

Ulri­ke Herr­mann, Das Ende des Kapi­ta­lis­mus, Kie­pen­heu­er & Witsch, Köln 2022, 352 S., 24 €.