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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Lost Places – Lost Souls?

Ein ein­sa­mes Schloss unweit von Ber­lin. Es war lan­ge von der Zivi­li­sa­ti­on ver­ges­sen, ver­las­sen, ver­lo­ren, eben »lost«. Man nähert sich von der Haupt­stra­ße aus, biegt rechts ab und durch­quert den Wald, der still und stumm dasteht, wie aus der Zeit gefal­len. Ein Pfört­ner­häus­chen aus DDR-Zei­ten modert vor sich hin. Irgend­wann macht der Weg eine Bie­gung nach rechts, und da ist er dann, der Moment der Span­nung nach der lan­gen Suche, der den Aus­flug so auf­re­gend macht. Was ist wohl hin­ter der Kur­ve? Es ist die Rück­sei­te von Schloss Damms­müh­le in Schön­wal­de, die nicht dar­auf schlie­ßen lässt, dass dort ein Luxus­ho­tel am Ent­ste­hen ist. Ein Zaun mit den mah­nen­den Wor­ten »Betre­ten ver­bo­ten« trennt die Besu­cher von dem Gebäu­de, das sich in einer Art Schwe­be­zu­stand befin­det. Nicht mehr ganz »Lost Place«, aber auch lan­ge noch kein Luxus-Well­ness-Palast für gut betuch­te Rei­sen­de, die dort ein­mal bespaßt wer­den sollen.

Man hält kurz inne und lässt die Atmo­sphä­re auf sich wir­ken, und das kann durch­aus medi­ta­tiv sein. Efeu bahnt sich den Weg durch das Gemäu­er. Auf der Vor­der­sei­te erstrahlt ein Teil des Schlos­ses dann bereits in strah­len­dem Weiß, das dem Zau­ber der seit Jah­ren leer ste­hen­den Immo­bi­lie den­noch ein wenig das Geheim­nis­vol­le nimmt. Die Far­be Weiß will so gar nicht zu einem ver­lo­re­nen Ort pas­sen, eigent­lich stört sie bru­tal die Aura des Ortes. Denn alle »Lost Places« auf der gan­zen Welt haben eins gemein­sam: sie ver­fal­len, weil sie ver­las­sen oder auf­ge­ge­ben wurden.

Und seit gerau­mer Zeit sind die­se Orte sehr beliebt, eine Art »Dark Tou­rism« ist ent­stan­den, doch beleg­ba­re Zah­len über die Anzahl der Men­schen, die in Deutsch­land die­sem Hob­by frö­nen, gibt es wohl nicht. Es ist zudem kein deut­sches Phä­no­men, son­dern ein welt­wei­tes. Foto­bän­de über die­ses über­re­gio­na­le The­ma boo­men. Ver­an­stal­ter, wie die Ber­li­ner Agen­tur »go2know«, bie­ten sogar mehr­tä­gi­ge Foto­tou­ren zu ver­schie­de­nen ver­las­se­nen Objek­ten an. Dort geben die Teil­neh­mer sich dann kol­lek­tiv dem leich­ten Gru­seln hin, aber immer auch mit dem Ziel, das Gan­ze visu­ell zu doku­men­tie­ren. Und Lost Places-Orte gibt es in Ber­lin und in Bran­den­burg reich­lich: Klas­si­ker wie den ver­las­se­nen »Spree­park-Ber­lin«, die ver­fal­le­ne Radar­sta­ti­on auf dem Teu­fels­berg oder die längst legen­dä­ren Beelit­zer Heil­stät­ten. Dabei sind die Moti­ve für eine sol­che Frei­zeit­ge­stal­tung wohl viel­fäl­tig. Und recht pro­fan geht es dabei mit­un­ter auch zu. Denn manch einer sucht tat­säch­lich nur den Kick, den Reiz des Ver­bo­te­nen, will sich viel­leicht sogar ein wenig gru­seln. Ande­re wie­der­um haben ganz ande­re Ansprü­che, wol­len mög­lichst atmo­sphä­ri­sche Fotos machen, um sie den stau­nen­den Fans im Inter­net zu prä­sen­tie­ren. Die Orte, die Geschich­ten, die sie nicht zuletzt auch erzäh­len, fas­zi­nie­ren sie, und so bege­ben sie sich spie­le­risch auf die Rei­se in die Ver­gan­gen­heit, um die ein­sti­ge Atmo­sphä­re ein wenig zu spü­ren, so wie in den alten ver­las­se­nen Vil­len und Gebäu­den der unter­ge­gan­ge­nen Indu­strie­kul­tur, von der es in Ber­lin eben­falls reich­hal­ti­ge Zeug­nis­se gibt. Mög­lich, dass dem The­ma Para­psy­cho­lo­gie zuge­neig­te Rei­sen­de auch nach Bewei­sen für eine Exi­stenz nach dem Tod suchen, nach Gei­stern Aus­schau hal­ten. Des Abends von dem Aus­flug heim­ge­kehrt, schau­en sie dann Sen­dun­gen, in denen Gei­ster­jä­ger in alten Gemäu­ern suchend her­um­schlei­chen, auch das ist ein Trend, der aus den angel­säch­si­schen Län­dern her­über­ge­schwappt ist.

Vor allem in Eng­land, dem tra­di­tio­nel­len Land der Mythen und Legen­den, ist man dem The­ma von jeher nicht abge­neigt und ver­bringt sei­ne Weih­nachts­aben­de schon mal damit, sich mit Gru­sel­ge­schich­ten von M. R. James in Stim­mung für den Weih­nachts­mann zu brin­gen. Ver­filmt wor­den sind eini­ge die­ser Geschich­ten auch schon, sie wer­den als »Ghost Sto­ries for Christ­mas« im Fern­se­hen präsentiert.

Die Grün­de, sich auf Lost Places-Rei­se zu bege­ben sind so viel­fäl­tig wie die Men­schen sel­ber und die Orte, an die sie pil­gern. Dabei ist das gan­ze Spek­trum eine Art Selbst­be­die­nungs­la­den, aus dem sich jeder Inter­es­sier­te genau das her­aus­su­chen kann, was zu ihm passt, weil das The­ma eine gan­ze Fül­le von Berei­chen betrifft. Und das sind unter ande­rem Foto­gra­fie, Archi­tek­tur, Kunst, Kul­tur, Theo­lo­gie, Para­psy­cho­lo­gie und sogar Kri­mi­nal­ge­schich­te, wenn ver­las­se­ne Orte auf­ge­sucht wer­den, an denen ein Ver­bre­chen geschah. Mit­un­ter kann es aber auch eine sehr per­sön­li­che Sache sein, näm­lich eine gewis­se Sinn­su­che: die Suche nach dem Unbe­kann­ten, das Stel­len von Fra­gen mit­hil­fe eben die­ser »Lost Places«, und das ist vor allem die: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und bein­har­te Skep­ti­ker, die mit Spuk, Gei­stern und Mystik nichts am Hut haben, mögen viel­leicht sogar sel­ber ein wenig ins Grü­beln kom­men und sich fra­gen, könn­te da viel­leicht doch etwas dran sein? Spu­ken in den Beelit­zer Heil­stät­ten tat­säch­lich noch die See­len der Men­schen, die dort in der ehe­ma­li­gen Lun­gen­heil­stät­te gestor­ben sind, die dort gelit­ten haben, die viel­leicht qual­voll zu Tode gekom­men sind? Denn das ist näm­lich auch ein belieb­tes The­ma bei Lost Places-Fans, näm­lich genau sol­che Orte auf­zu­su­chen, die mit Tod und Krank­heit in Ver­bin­dung ste­hen, sei­en es nun Fried­hö­fe, alte Kir­chen, auf­ge­ge­be­ne Dör­fer, Orte, an denen Men­schen durch Krank­hei­ten zu Tode kamen. Oder eben wahn­sin­nig wur­den. »Dark Tou­rism« für Verwegene.

Tat­säch­lich kann die mit­un­ter ein­sa­me, etwas geheim­nis­vol­le Atmo­sphä­re eines sol­chen Ortes Spu­ren im Erle­ben hin­ter­las­sen: Stand da oben nicht eben jemand hin­ter dem Fen­ster und schau­te hin­aus? Und husch­te da nicht gera­de eine wei­ße Gestalt durch die dunk­len Bäu­me? War das etwa die legen­dä­re wei­ße Frau, die im Ber­li­ner Raum im Volks­glau­ben ver­wur­zelt ist? Und dort drü­ben, im Schilf, am ande­ren Ende des Sees, das sieht aus, wie eine Gestalt, die her­über­starrt. Spukt es hier viel­leicht? Oder hat die Autorin, die – ganz ehr­lich – nicht eso­te­risch ver­an­lagt ist – aber ein Fai­ble für Gei­ster­ge­schich­ten aus Eng­land hat, zu oft den Gru­sel­klas­si­ker »The Inno­cents« (Schloss der Ver­damm­ten) gese­hen, bei dem ein See mit Schilf der Ort ist, an dem sich eine ver­lo­re­ne See­le den Leben­den zeigt. Natür­lich im Schilf. Denn das raschel­te so schön geheim­nis­voll und ver­stör­te damals nach­hal­tig die arme Debo­ra Kerr, die als glück­lo­se Gou­ver­nan­te durch den Film irrte.

Um die Fra­ge, war­um die gan­ze Ange­le­gen­heit in der letz­ten Zeit so beson­ders popu­lär gewor­den ist, müs­sen sich aber wohl Psy­cho­lo­gen und Sozio­lo­gen küm­mern. Ist es nur ein Trend, der wie­der ver­ge­hen wird? Wie zum Bei­spiel der Okkul­tis­mus­boom der 1920er-Jah­re, der die Ber­li­ner in Scha­ren zu Okkul­ti­sten trieb, die sich aber so gut wie alle als Schar­la­ta­ne erwie­sen. War es und ist es tat­säch­lich auch eine Sinn­su­che? Viel­leicht sogar eine spi­ri­tu­el­le Erfah­rung? Weni­ger spi­ri­tu­ell sind die Orte, an denen einst die Indu­strie boom­te und die den Lauf der Zeit nicht intakt über­stan­den haben. Mit­un­ter lie­gen sie seit der Wen­de brach und fri­sten ein ein­sa­mes und trau­ri­ges Dasein als Rui­ne. Man weiß nicht so recht, was man damit anfan­gen soll, was die zukünf­ti­ge Bestim­mung des Gan­zen sein soll. Besu­cher ver­schaf­fen sich heim­lich Zugang durch offe­ne Stel­len im Zaun, erkun­den das Areal.

Es gibt jedoch Orte, an denen der »Lost Places«-Zauber mit­un­ter ver­sagt. In Für­sten­berg an der Havel ste­hen etwas außer­halb des Stadt­kerns noch heu­te ver­fal­le­ne Vil­len, in denen hoch­ran­gi­ges SS-Wach­per­so­nal des nahe­ge­le­ge­nen Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ravens­brück resi­dier­te, wäh­rend unweit der Luxus­her­ber­gen die Men­schen rei­hen­wei­se star­ben. Und da ist Schluss mit lustig, der Zau­ber per­du, die Atmo­sphä­re ein­fach nur noch grau­en­haft. Hin­fort ihr Gei­ster, zurück in die Höl­le, da wo ihr hingehört!