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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Bibel und das freie Wort

Wie ver­mut­lich kei­ne ande­re Geschich­te der Bibel wird die Erzäh­lung vom Turm­bau zu Babel mit dem Gedan­ken der Hybris, der eifern­den Eitel­keit des Men­schen, sich selbst zu ermäch­ti­gen und an die Stel­le Got­tes zu set­zen, in Ver­bin­dung gebracht. An der Popu­la­ri­tät die­ser Erzäh­lung sind nicht zuletzt die Lite­ra­tur und die bil­den­de Kunst, etwa durch Pie­ter Brue­gels Bild, maß­geb­lich betei­ligt gewesen.

Wir wis­sen, der Städ­te­na­me Babel hat sich bis heu­te in unse­rer Spra­che erhal­ten. Die ersten, unver­ständ­li­chen Lau­te der Kin­der nen­nen wir babbeln.

Die Turm­bau­er­zäh­lung lebt von der har­ten Gegen­über­stel­lung des Men­schen zu Gott. Der Mensch ermäch­tigt sich, eine Unter­schei­dung auf­zu­he­ben, die nach Got­tes Wil­len sein Leben bestim­men soll. Weni­ge Kapi­tel vor der Turm­bau­er­zäh­lung wird dies sehr ein­drück­lich in der Bibel beschrie­ben. Gott schickt die gro­ße Sint­flut über die Erde, da auch hier die Unter­schei­dung zwi­schen gött­li­cher und mensch­li­cher Sphä­re nicht mehr wirk­lich geach­tet wird. Gott stellt jedoch durch die Sint­flut die alte Ord­nung wie­der her. Und der Mensch, in die­sem Fall kon­zen­triert er sich auf die Fami­lie Noahs, muss die Stra­fe unten auf der Erde ertra­gen. Aber er über­lebt nicht allein die tosen­den Urflu­ten. Er harrt aus in einer Arche, in der sich auch alle Tie­re, die gesam­te Viel­falt des Lebens befinden.

Aller­dings kann man das Han­deln Got­tes am Men­schen in der Turm­bau­ge­schich­te auch ganz anders ver­ste­hen. Gott ver­wirrt die Spra­che der Men­schen, er schafft also Viel­falt und schenkt ihnen damit die Frei­heit, sich fort­an nicht mehr an ein ein­zi­ges monu­men­ta­les Bau­pro­jekt zu bin­den. Durch Viel­falt möch­te Gott den Men­schen so aus sei­ner selbst­ge­wähl­ten Skla­ve­rei befrei­en. Die Viel­falt des Wor­tes schafft hier also Freiheit!

Mit die­sem Wis­sen erstrahlt die Turm­bau­er­zäh­lung in einem ande­ren Licht. Der Mensch ermäch­tigt sich nicht nur in sei­ner eifern­den Eitel­keit. Er ver­sklavt sich selbst durch das Ziel, die Unter­schei­dun­gen von oben und unten, Ein­heit und Viel­falt auf­zu­he­ben. Eben des­halb ist die Ver­wir­rung der Spra­che kei­ne Stra­fe, son­dern eine Befrei­ung. Gott befreit den Men­schen aus sei­ner selbst­ge­wähl­ten Sklaverei.

Die Bibel ver­tritt damit eine kla­re Posi­ti­on. Die Spra­che des Men­schen kommt von Gott. Und eben die­se Spra­che ist immer das Mit­tel zur Frei­heit. Und weil Spra­che und Den­ken so eng ver­bun­den sind, denn wir den­ken ja in Begrif­fen, ist auch unser Den­ken frei. Es ist genau­so viel­fäl­tig wie die Viel­falt an Spra­chen, die Gott gege­ben hat.

Wie wird denn nun umge­gan­gen mit dem frei­en Wort in unse­rer Zeit? Der­zeit sind etwa 800 Dich­ter, Jour­na­li­sten und zuneh­mend Blog­ger in aller Welt mit Ver­fol­gung, Gefäng­nis­stra­fe oder Tod bedroht. Und wer jetzt gleich an Chi­na denkt und dort den Haupt­tä­ter ver­mu­tet, der denkt zwar an einen Täter, das stimmt, aber die Liste wird nicht von Chi­na ange­führt, son­dern von der Tür­kei. Auch Kri­sen­län­der in Afri­ka, Mit­tel­ame­ri­ka und Asi­en sind pro­mi­nent auf die­ser Schreckens­li­ste vertreten.

War­um sind die Blog­ger ver­stärkt auf die­ser Schreckens­li­ste? Das Inter­net ist ein schnel­les Medi­um, in ihren Blogs rufen sie zu Demos zur Ver­tei­di­gung demo­kra­ti­scher Rech­te auf, sie zei­gen mit Fotos, wie bru­tal Regie­run­gen und deren Geheim­dien­ste teil­wei­se auf das Aus­üben demo­kra­ti­sche Rech­te reagie­ren. So etwas haben Unter­drücker nicht gern, ihr Han­deln soll sich mög­lichst im Ver­bor­ge­nen abspielen.

2013 wur­den 15 Schrift­stel­ler ihrer Tex­te wegen getö­tet. 19 wei­te­re Schrift­stel­ler wur­den umge­bracht, ver­mut­lich eben­falls, weil sie unbe­que­me Mei­nun­gen ver­tra­ten, aber bei ihnen lässt sich das Tötungs­mo­tiv nicht ein­deu­tig nachweisen.

Wie sieht die Ver­fol­gung kon­kret aus? Da ist zum Bei­spiel der syri­sche Roman­au­tor Fouad Yazij, ein Geg­ner des Assad-Regimes und ein Christ, zwei­fach oppo­si­tio­nell also, der auf die­se Wei­se zwi­schen alle Fron­ten geriet. Hier Assads Sol­da­ten, dort der IS. 2014 muss­te er über­stürzt aus Syri­en flie­hen und gelang­te nach Kai­ro, wo er zuerst ein­mal in einer Gara­ge Unter­schlupf fand. Durch Ver­mitt­lung des Goe­the-Insti­tuts bekam er schließ­lich eine beschei­de­ne Woh­nung. Aber er war noch immer völ­lig mit­tel­los, noch dazu hat­te er sei­ne alte Mut­ter völ­lig ver­armt in Homs zurück­las­sen müs­sen. Wenn er Spen­den bekam, vom PEN ver­mit­telt oder von der Gie­ße­ner Grup­pe »Gefan­ge­nes Wort«, schick­te er einen Teil davon sofort an sei­ne Mut­ter. Über Mona­te hin­weg wur­de Fouad mehr schlecht als recht durch Hil­fe von außen über Was­ser gehal­ten, zwi­schen­durch war er der­art ver­zwei­felt, dass sei­ne Hel­fer Angst hat­ten, er kön­ne sich das Leben neh­men. Schließ­lich gelang es dem PEN, Fouad in sein »Wri­ters-in-Exi­le-Pro­gramm« auf­zu­neh­men. Woh­nun­gen hat der PEN in Deutsch­land für die­ses Pro­gramm, dank der Hil­fe des Kul­tur­mi­ni­ste­ri­ums, zur Ver­fü­gung, um dort für drei Jah­re ver­folg­te Schrift­stel­ler unter­zu­brin­gen. Wenig­stens für einen kur­zen Zeit­raum sol­len die­se Autoren wie­der Ruhe haben, um angst­frei leben und vor allem arbei­ten, also zu schrei­ben kön­nen. Acht von acht­hun­dert. Im Novem­ber 2015 ist Fouad in die­ses Pro­gramm auf­ge­nom­men worden.

Moham­med al-Adscha­mi aus Katar, dem Land, das dem­nächst eine Fuß­ball-Welt­mei­ster­schaft aus­rich­ten soll, wur­de die­ses Glück nicht zuteil. Er hat­te ein Gedicht geschrie­ben, das der Emir als Auf­ruf zum Umsturz wer­te­te. Danach saß Adscha­mi lan­ge im Gefäng­nis. Mit den Zei­len »Sie impor­tiert all ihre Sachen aus dem Westen/​warum impor­tiert sie von dort nicht auch Geset­ze und Frei­heit« endet sein Gedicht, das ihm die Stra­fe ein­brach­te, denn jeder in Katar wuss­te, wen er mit dem »Sie« gemeint hat­te: des­sen Zweit­frau näm­lich, die sich auf Aus­lands­fahr­ten stets luxu­ri­ös ein­zu­klei­den weiß, die also die Waren des Westens schätzt, aber nicht sei­ne mora­li­schen Wer­te. Ein Auf­ruf zum Umsturz soll es gewe­sen sein, den Emir auf die­sen Wider­spruch hin­zu­wei­sen, und auf die­se Ankla­ge steht in Katar eigent­lich die Todes­stra­fe. Lan­ge droh­te sie ihm ver­mut­lich wirk­lich, dann wur­de Moham­med zu lebens­läng­li­cher Gefäng­nis­stra­fe ver­ur­teilt. Und lebens­läng­lich ist in Katar wort­wört­lich zu ver­ste­hen. Nach vie­len Pro­te­sten aus aller Welt, auch von der deut­schen Regie­rung, wur­de er dann doch freigelassen.

Die mexi­ka­ni­sche Jour­na­li­stin Ana Lilia Pérez hat sich mit der Ver­strickung von Mafia und Poli­tik in ihrem Land beschäf­tigt und ein Buch dar­über geschrie­ben: »Das schwar­ze Kar­tell« heißt es. Uner­schrocken hat sie dar­in auf­ge­zeigt, wie die Kor­rup­ti­on vor allem im staat­li­chen Ölkon­zern funk­tio­niert, wie hier Mafia und Regie­rungs­stel­len scham­los zusam­men­ar­bei­ten. Danach wur­de sie von allen Sei­ten bedroht, von der Poli­tik und von der Mafia, was in Mexi­ko min­de­stens teil­wei­se ein und das­sel­be ist. »Pla­ta o Plo­mo« heißt es für die Jour­na­li­sten in Mexi­ko, die sich mit die­ser Kom­bi­na­ti­on anle­gen, Sil­ber oder Blei. Zu Deutsch: Ent­we­der du lässt dich bestechen oder es flie­gen die Kugeln. Ana Lilia ging zum Schluss nur noch mit schuss­si­che­rer Weste auf die Stra­ße, mit dem Rücken stets zur Wand, um recht­zei­tig sehen zu kön­nen, ob sie jemand in sein Blick­feld genom­men hat­te, bis sie es nicht mehr aus­hielt und abhau­te. Ein Jahr hat sie in Ham­burg im »Writers-in-Exile«-Programm des PEN-Unter­kunft gefun­den, eine Frau, deren Mut allen impo­nier­te. Bis jetzt hat Ana Lilia ihre Rück­kehr überlebt.

Der Blog­ger Ahmed Nadir aus Ban­gla­desch war dage­gen froh, dass er in Deutsch­land blei­ben durf­te. Nadir ist Com­pu­ter­spe­zia­list, er hat­te eine klei­ne Fir­ma in Ban­gla­desch und war gera­de auf der Cebit in Han­no­ver, als ihn sein Vater anrief und drin­gend vor einer Rück­kehr warn­te. »Bleib, wo du bist, Jun­ge, sie sind gekom­men, um dich zu holen. Die einen wol­len dich ein­sper­ren, die ande­ren umbringen.«

Bei der Such­ak­ti­on nach Nadir haben die Fana­ti­ker dem Vater ein Auge aus­ge­schla­gen. Nadirs Schuld bestand dar­in, zu Demon­stra­tio­nen für demo­kra­ti­sche Rech­te auf­ge­ru­fen zu haben.

In die­se Rei­he passt das Schick­sal des sau­di-ara­bi­schen Blog­gers Raif Bada­wi, inzwi­schen Ehren­mit­glied des deut­schen PEN, der für sei­nen libe­ra­len, anti­fun­da­men­ta­li­sti­schen Blog zu tau­send Stock­schlä­gen ver­ur­teilt wur­de, die in 20 Wochen, jeweils an einem Frei­tag, ver­ab­reicht wer­den sol­len. Jeden Frei­tag fünf­zig Schlä­ge, eine Stra­fe, die mit­tel­al­ter­lich zu nen­nen ich mich scheue. Es ist kaum vor­stell­bar, dass man die­se Stra­fe über­le­ben kann

Can Dündar, der Chef­re­dak­teur der Zei­tung Cum­hu­ri­y­et, darf nicht mehr zurück­keh­ren in die Tür­kei, wo sei­ne Frau als Gei­sel gehal­ten wird. Der PEN hat ihm für ein Jahr eine Woh­nung in Deutsch­land besorgt.

Im Wri­ters-in-Exi­le-Pro­gramm befin­det sich auch der syri­sche Schrift­stel­ler Fouad, der nie­man­den in sei­ne Woh­nung lässt. Wir wis­sen, war­um er das tut. Sei­ne Frau wur­de vor zehn Jah­ren von syri­schen Sol­da­ten abge­holt. Sie hat­te getan, was auch er getan hat, näm­lich in lite­ra­ri­schen Tex­ten das Regime ange­klagt. Seit­dem fehlt jede Spur von ihr. Fouad hat sei­ne Woh­nung zuge­hängt mit Bil­dern von ihr. Er möch­te allein sein mit sei­ner Erin­ne­rung, aber auch mit dem letz­ten Rest an Hoff­nung, die er immer noch hat.

Das freie Wort, wie wird es doch miss­han­delt in der Welt! Und auch da bie­tet sich ein Bezug zur Bibel, näm­lich zur Schöp­fungs­ge­schich­te, an. Gott spricht ein Wort nach dem ande­ren aus und eine gan­ze Welt ent­steht. Auch durch uns, nicht zuletzt durch uns Schrift­stel­ler, kön­nen, wenn wir Wor­te aus­spre­chen oder schrei­ben, Gedan­ken­wel­ten ent­ste­hen, die zu neu­en Rea­li­tä­ten füh­ren. In Dik­ta­tu­ren sind das dann Gegen­wel­ten, die die Unter­drücker äng­sti­gen, die sie um ihre Macht fürch­ten las­sen und zur Ver­fol­gung jener ansta­cheln, die doch nur von dem Gebrauch machen, was Gott ihnen zu ihrer Befrei­ung gege­ben hat.

Die Gegen­wart zeigt, dass das Wort nicht frei ist in die­ser Welt. Wie unglaub­lich oft wird es unter­drückt, weil ein­zel­ne Men­schen mit ihrer eifern­den Eitel­keit sich selbst ermäch­ti­gen möch­ten. Der Hybris­ge­dan­ke ist also nicht aus der Welt, bei ein­zel­nen, die sich als unum­strit­te­ne Herr­scher ihres Lan­des auf­spie­len möch­ten, ist er bestens ausgeprägt.

Viel­leicht ist die Turm­bau­er­zäh­lung damit so etwas wie das Urbild für Unfrei­heit. »Alle Welt hat­te einer­lei Spra­che und einer­lei Wor­te«. Man kann das auch so sehen: Alle Men­schen dach­ten das­sel­be. Dies sind viel­leicht die Ide­al­bil­der für Dik­ta­tu­ren, fana­ti­sche Ideo­lo­gien und Fundamentalismus.

Eben in die­sem Sin­ne ist immer wie­der an die Bot­schaft der Turm­bau­er­zäh­lung zu erin­nern. Sie erzählt von dem Men­schen, der sich selbst ver­sklavt, der dabei die Demut ver­liert und erst durch die Frei­heit des Wor­tes von Gott aus die­ser Situa­ti­on befreit wird. Die­se Frei­heit muss auch heu­te von den Men­schen ein­ge­for­dert und arti­ku­liert werden.