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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Neues aus der Kirchengeschichte

65 Jah­re alt ist der erste Staats­ver­trag zwi­schen Bun­des­re­pu­blik und Evan­ge­li­scher Kir­che in Deutsch­land (EKD). Der wenig bekann­te Mili­tär­seel­sor­ge­ver­trag gewann in neue­rer Zeit – mit den sich aus­wei­ten­den Ein­sät­zen der Bun­des­wehr im Aus­land – erst rich­tig an Bedeu­tung. Aus der schlich­ten Sicht der Mili­tärs ist die Äuße­rung eines Gene­rals der Nato über­lie­fert: Die Streit­kräf­te brau­chen einen mora­li­schen Kitt, und die­ser Kitt müs­se das Chri­sten­tum sein. Der Sol­dat »mit getrö­ste­tem Gewis­sen«, so mein­te man, sei der bes­se­re Sol­dat. Unter­zeich­net hat­ten die Über­ein­kunft (nach geheim geführ­ten Ver­hand­lun­gen) der Bon­ner Kanz­ler Ade­nau­er und der Rats­vor­sit­zen­de der EKD, der Ber­li­ner Bischof Dibe­li­us. Der hat­te damit, so mein­ten wache Zeit­ge­nos­sen und so sag­te es die DDR-Obrig­keit, eine rote Linie über­schrit­ten. Wer war die­ser Kirchenführer?

Vor hun­dert Jah­ren begann der Auf­stieg des Stadt­pfar­rers Otto Dibe­li­us. Er, der spä­te­re Bischof und ab 1949 ober­ste Pro­te­stant in Deutsch­land, wur­de schließ­lich sogar Prä­si­di­ums­mit­glied im Welt­rat der Kir­chen. Seit­her »schwankt sein Cha­rak­ter­bild in der Geschich­te«, von der Par­tei­en Gunst und Hass bestimmt – das gilt von ihm eben­so wie von Schil­lers Wal­len­stein und man­chem andern.

Zur Abitur­fei­er hat­te der jun­ge Otto eine Rede gehal­ten über den Gei­bel­schen Vers: »Und es wird an deut­schem Wesen /​ ein­mal noch die Welt gene­sen.« Das wäre als Jugend­sün­de nicht wei­ter erwäh­nens­wert, hät­te er nicht spä­ter, ab 1914, als erfolg­rei­cher Kriegs- und Durch­hal­te­pre­di­ger mas­sen­wirk­sam geschrie­ben und gere­det. Die Feld­grau­en waren für ihn Kämp­fer für »die Sie­ges­zei­chen Chri­sti«. Die eige­ne Nati­on, das in den Bismarck’schen Reichs­gren­zen zusam­men­ge­fass­te deutsch­spra­chi­ge Staats­volk, blieb für ihn lebens­lang, wenn nicht ein Glau­bens­ar­ti­kel, so doch etwas gött­lich Gewoll­tes. Das hat­te böse Fol­gen, doch bereu­en tat er zeit­le­bens nichts.

Die offi­zi­el­le Kir­che in Ber­lin-Bran­den­burg rühm­te ihn lan­ge Zeit als ihren gro­ßen Sohn: Auf­rech­ter Kämp­fer im 3. Reich gegen die Nazi-Frak­ti­on der Deut­schen Chri­sten, hieß es; kirch­li­cher Reor­ga­ni­sa­tor nach Kriegs­en­de; in der Öku­me­ne geach­tet wegen des Schuld­be­kennt­nis­ses von Stutt­gart; danach unbeug­sa­mer Mah­ner gegen­über den Kom­mu­ni­sten, Kri­ti­ker des Pan­kower Gewalt­re­gimes (»Gewalt, die über jedes Recht hin­weg­geht«). Dass er auch dia­log­freu­dig und groß­zü­gig sein konn­te, berich­ten sei­ne inner­kirch­li­chen Geg­ner. Und einen von ihnen, den reli­gi­ös-sozia­li­sti­schen Pfar­rer Rack­witz, berief er per­sön­lich in die Provinzialsynode.

Doch die Lob­re­den hat­ten, immer mehr spür­bar, eini­ge Lücken. In der Ber­li­ner Wochen­zei­tung Die Kir­che (dem von Dibe­li­us einst gegrün­de­ten Blatt) wur­de sol­ches im Som­mer die­ses Jah­res erst­mals the­ma­ti­siert. Der Histo­ri­ker Man­fred Gai­lus gab auf einer gan­zen Sei­te die Grün­de dafür an, war­um »ein grund­re­no­vier­tes Dibe­li­us-Bild« zu zeich­nen sei. Zu die­sem Zweck berei­te­te er gemein­sam mit der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät Mar­burg eine auf­schluss­rei­che inter­na­tio­na­le Tagung vor. Bemer­kens­wer­tes war dort vor kur­zem zu hören, eini­ge Aspek­te nen­ne ich: Dibe­li­us war seit Stu­den­ten­zei­ten ein beken­nen­der Anti­se­mit. Unge­rührt schrieb er eine Woche nach dem anti­jü­di­schen Boy­kott-Ter­ror vom 1. April 1933 im Ber­li­ner Sonn­tags­blatt: Lei­der hät­ten die frü­he­ren Regie­run­gen »Zehn­tau­sen­den von uner­freu­lich­sten Ele­men­ten (sprich: Juden) das deut­sche Staats­bür­ger­recht ver­lie­hen«. Was die Regie­rung Hit­ler nun gegen die Juden unter­nimmt, dage­gen »wird nie­mand im Ernst etwas einwenden«.

Der spä­te­re Held des Westens war ein Mon­ar­chist, ein ent­schie­de­ner Feind aller Frei­gei­ster und Ver­äch­ter der Wei­ma­rer Demo­kra­tie, der »Gott­lo­sen­re­pu­blik«. Deren schwarz-rot-gol­de­ne Fah­ne soll­te an Kir­chen­ge­bäu­den nicht wehen. Als Ersatz nutz­te man eine neu erfun­de­ne vio­let­te Kir­chen­fah­ne, bis – ja, bis die­se Ersatz­fah­ne Anfang 1933 ein­ge­mot­tet wer­den konn­te, denn gott­lob war es mög­lich, wie­der schwarz-weiß-rot zu flaggen.

Dibe­li­us war ein erwar­tungs­fro­her Freund (ein sog. Ver­ste­her) der Hit­ler-Papen-Regie­rung. Noch im Mai 1933 ließ er die brau­ne Frak­ti­on der Deut­schen Chri­sten bei sei­nem Kir­chen­tag auf­tre­ten. Doch war er strikt dage­gen, dass der Staat in die Kir­che ein­greift. Dar­um gab es ab Juni Zwist mit den Nazis. Dibe­li­us wur­de amts­ent­ho­ben, weil die brau­nen Chri­sten neue Kir­chen­struk­tu­ren und eige­ne Posten wünsch­ten. – Anläss­lich sei­nes 1937 publi­zier­ten Frau­en­bil­des warf Agnes v. Zahn-Har­nack (berühmt als erste imma­tri­ku­lier­te Stu­den­tin Ber­lins) dem Kir­chen­mann zu Recht Unbil­dung, Rück­stän­dig­keit und Bös­wil­lig­keit vor.

Und dann gab es 1957 Dibe­li­us’ Unter­schrift unter den Seel­sor­ge­ver­trag mit der Regie­rung Ade­nau­er. Das offi­zi­el­le Foto zeigt hin­ter den Unter­zeich­nern ste­hend den Hit­ler­ge­ne­ral Heu­sin­ger und den Kom­men­ta­tor der NS-Ras­se­ge­set­ze Hans Glob­ke, bei­de eine gru­se­li­ge Tra­di­ti­ons­li­nie ver­kör­pernd. Der unse­li­ge Ver­trag, der kei­ne Kün­di­gungs­klau­sel ent­hält und die Kir­che an den hoch­ge­rü­ste­ten Nato-Pakt bin­det, exi­stiert bis heute.

Bis heu­te exi­stie­ren auch Gedenk­ta­feln, Haus­be­nen­nun­gen, ja, zwei Stra­ßen­na­men und ein Ehren­grab für den Bischof. Jedoch: Die Zeit der gequält aus­ge­wo­ge­nen Urtei­le über Dibe­li­us ist vorbei.

 Emp­feh­lung: »Otto Dibe­li­us (1880-1967). Neue For­schun­gen zu einer Jahr­hun­dert­fi­gur«, Phil­ipps-Uni­ver­si­tät Mar­burg 5.-7.10.2022. Ein Tagungs­band soll näch­stes Jahr erscheinen.