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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Liebes Kind!

Der Buch­ver­lag Der Mor­gen edier­te 1966 und 1988 »Maud von Ossietzky erzählt«. Die Aus­ga­be aus dem Jah­re 1988 beglei­tet mich bis heu­te. Es ist eine der Lek­tü­ren, die man nicht auf einen Zug durch­liest, son­dern die einem von Zeit zu Zeit »begeg­nen« – wenn man etwa den häus­li­chen Buch­be­stand durch­for­stet, weil man eine Infor­ma­ti­on braucht – und in denen man sich dann festliest.

Es ist nicht eine über­ra­gen­de lite­ra­ri­sche oder sprach­li­che Qua­li­tät der Memoi­ren der Ehe­frau Carl von Ossietz­kys, son­dern es ist das, was ehr­lich und unprä­ten­ti­ös geschil­dert wird: die Geschich­te einer Lie­be und einer kei­nes­falls kri­sen­frei­en Ehe zwi­schen Men­schen, die unter­schied­li­cher nicht sein konn­ten und sich doch gli­chen. Sonst hät­ten sie nicht mit­ein­an­der leben und sich lie­ben kön­nen in den fast immer dunk­len Jah­ren zwi­schen 1913 und dem 4. Mai 1938. Dar­um viel­leicht sind die Schil­de­run­gen der Glücks­mo­men­te so bewegend.

Maud, Toch­ter eines eng­li­schen Offi­ziers, gebo­ren 1888 in Indi­en, kam nach dem frü­hen Tod ihrer Eltern nach Eng­land, wo sie von einer Tan­te nach ari­sto­kra­ti­schen Regeln erzo­gen wur­de. Dazu gehör­te die Ori­en­tie­rung auf eine »gute Ver­hei­ra­tung«. Aber wäh­rend eines Deutsch­land­auf­ent­halts ver­liebt sie sich in Ossietzky, man hei­ra­tet in Eng­land, wobei Ossietzky wäh­rend der Trau­zere­mo­nie die Rin­ge aus der Hand fal­len. Sei­nen Eltern hat­te er den Zweck der Rei­se ver­schwie­gen, was das Ver­hält­nis zwi­schen ihnen und dem jun­gen Paar belastete.

Brei­ten Raum im Buch nimmt Die Weltbühne ein, für die Ossietzky seit 1926 die Leit­ar­ti­kel schrieb. Nach dem Tod von Sieg­fried Jacob­sohn im glei­chen Jahr wur­de Ossietzky ver­ant­wort­li­cher Redak­teur unter Tuchol­sky, dann bald, da jener wenig Lust dazu bezeig­te, »Lei­ter« der Weltbühne. Die Blicke ins Inne­re der Redak­ti­ons­stu­ben gehö­ren zum Inter­es­san­te­sten des Buches. Das Ehe­le­ben wur­de aber nun von der Weltbühne bestimmt, reich­lich Frei­zeit oder Urlaub gab es für das Paar nicht. Doch in der Arbeit erwuchs die Sub­stanz des Lebens, die Maud von Ossietzky such­te. Sie ruh­te und raste­te nicht, bis sie nach dem Zwei­ten Welt­krieg die Zeit­schrift wie­der her­aus­ge­ben konn­te, wozu man im besetz­ten Ber­lin Lizen­zen brauch­te, und da sie sich mit ihren »Lands­leu­ten«, den Eng­län­dern, nicht eini­gen konn­te, erhält sie eine sowje­ti­sche. »Die Weltbühne erschien jetzt wie­der, mein Leben hat­te wie­der einen Sinn bekom­men.« So resü­miert sie auf Sei­te 146, und in die­sen schlich­ten Wor­ten spie­geln sich der Stolz und der Wil­le einer Frau, die ihrem Mann Gefähr­tin und Kame­ra­din war.

Im Buch teilt Maud von Ossietzky auch Brie­fe Carls oder Ein­trä­ge im »Erin­ne­rungs­buch« mit, wel­ches das Ehe­paar führ­te. Eines fällt auf: Sie ist immer die »lieb­ste Mau­die«, das »Sor­gen­kind«, das »lie­be Kind«, die »Maus«, die »lie­be, klei­ne Frau«. Nun war beson­ders die Flos­kel von der lie­ben, klei­nen Frau noch in den fünf­zi­ger Jah­ren sehr im Schwan­ge. Mein Vater rede­te in Brie­fen, die er ins Kran­ken­haus sand­te, mei­ne Mut­ter nur so an. Und offen­bar hat es ihr behagt. Haben Män­ner damals gern den Beschüt­zer ihrer Frau­en her­aus­ge­kehrt? Oder war es ein Ver­such auch der Ver­klei­ne­rung? Ein Foto auf Sei­te 145 zeigt die Her­aus­ge­ber Maud von Ossietzky und Hans Leon­hard 1948 in der Weltbühne-Redak­ti­on, Ber­lin W 8, Moh­ren­stra­ße 36–37. Da sitzt eine selbst­be­wuss­te Frau, eine Che­fin, im Ses­sel, offen­bar ein Manu­skript prüfend.

Das Buch Maud von Ossietz­kys ist übri­gens anti­qua­risch immer noch zu haben.