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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Lkw-Fahrer unter Druck

Lkw-Fah­rer zu sein, hat schon lan­ge nichts mehr mit dem Trucker-Mythos »König der Land­stra­ße« zu tun. Spä­te­stens mit dem Streik von Fah­rern aus Geor­gi­en, Usbe­ki­stan und Tadschi­ki­stan auf der süd­hes­si­schen Rast­stät­te Grä­fen­hau­sen, denen man den Lohn von ins­ge­samt über 300.000 Euro seit Mona­ten vor­ent­hal­ten hat­te, ist wei­ten Tei­len der Öffent­lich­keit bewusst gewor­den, unter wel­chen men­schen­ver­ach­te­ten und aus­beu­te­ri­schen Ver­hält­nis­sen hier gear­bei­tet wird. Nicht nur der Lohn­klau ist empö­rend, die ver­ant­wort­li­che Spe­di­ti­on enga­gier­te zudem eine pol­ni­sche Sicher­heits­fir­ma, die mit Body­guards und Pan­zer­wa­gen vor­fuhr, um die Lkws zu kapern, die Fah­rer ein­zu­schüch­tern und den Streik zu bre­chen. Auch auf ande­ren Rast­plät­zen Euro­pas ist es zu Streiks gekom­men. Insi­der wis­sen seit lan­gem, dass Lkw-Fah­ren­de ein unwür­di­ges Dasein fri­sten, aus­ge­beu­tet wer­den und oft um eine ordent­li­che Bezah­lung betro­gen wer­den. Das geschieht mas­sen­haft und jeden Tag. Logi­stik-Unter­neh­men pro­fi­tie­ren hier­bei auf Kosten von Fah­rern und machen Milliardengewinne.

Die gesam­te Pro­ble­ma­tik wird erst klar, wenn man sich vor Augen hält, von wel­chen Dimen­sio­nen gespro­chen wer­den muss. Allein in Deutsch­land rol­len jedes Jahr mehr als 400 Mil­lio­nen Lkw-Fahr­ten, mehr als eine Mil­li­on Fahr­ten pro Tag, über die Stra­ßen. Die beför­der­te Güter­men­ge bei Lkws in den Jah­ren von 2010 bis 2020 ist um 35 Pro­zent auf eine Gesamt­men­ge von 3.662 Mio. Ton­nen ange­stie­gen, im Ver­hält­nis zu einer ledig­lich ein­pro­zen­ti­gen Zuwachs­ra­te beim Bahn­trans­port und einem Rück­gang von 18 Pro­zent bei der Bin­nen­schiff­fahrt im glei­chen Zeitraum.

Die Arbeits­be­din­gun­gen im inter­na­tio­na­len Stra­ßen­trans­port sind durch­weg schlecht; es ist gewis­ser­ma­ßen Stan­dard, gegen gel­ten­des Recht zu ver­sto­ßen und Geset­zes­lücken zu Ungun­sten von Fah­rern aus­zu­nut­zen. Hier­bei geht es nicht nur um Bezah­lung und Lohn. Cir­ca die Hälf­te aller Fahr­ten in Deutsch­land wird von Fah­rern gelei­stet, die einen Arbeits­ver­trag in einem ande­ren EU-Land oder einem Land außer­halb der EU haben. Obwohl sie häu­fig deut­sche Stra­ßen nut­zen, erfolgt die Ent­loh­nung nicht nach deut­schem Tarif­ge­halt. Somit wird ihnen deut­scher Min­dest­lohn vor­ent­hal­ten. Sozi­al­dum­ping und Sub­un­ter­neh­mer­un­we­sen sind weit ver­brei­tet. Häu­fig fah­ren sie als Schein­selbst­stän­di­ge auf eige­nes Risi­ko. Für vie­le Fah­ren­de exi­stie­ren inten­si­ve Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­se zu ihren Spe­di­tio­nen, und die Fol­gen die­ser Bedin­gun­gen spü­ren sie deutlich.

Auch deut­sche Logi­stik­un­ter­neh­men haben in der Ver­gan­gen­heit Filia­len und Toch­ter­un­ter­neh­men z. B. in Rumä­ni­en oder Litau­en eröff­net, um Fah­ren­de zu gerin­ge­ren Löh­nen ein­zu­stel­len. Mitt­ler­wei­le ist es in Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa ein­fa­cher als in Deutsch­land, Arbeits­er­laub­nis­se für Dritt­staa­ten­an­ge­hö­ri­ge zu bekom­men und somit Fah­ren­de aus noch ärme­ren Län­dern zu beschäf­ti­gen. Die Kon­kur­renz aus Ost­eu­ro­pa hat den Markt und die Arbeits­be­din­gun­gen deut­lich verschärft.

Der inter­na­tio­na­le Kon­kur­renz­druck ist enorm und wird an die Fah­rer direkt wei­ter­ge­ge­ben. Lkw-Fah­rer sind nicht sel­ten bis zu 60 Std. hin­ter dem Lenk­rad und erle­ben per­ma­nen­ten Zeit­druck, die Ware ter­min­ge­recht anzu­lie­fern. Das ver­lei­tet zu unvor­sich­ti­ger Fahr­wei­se, was häu­fig zu Unfäl­len führt. Das erhöh­te Trans­port­auf­kom­men und die kilo­me­ter­lan­gen Lkw-Schlan­gen füh­ren zu Staus und inten­si­vie­ren das Pro­blem zusätz­lich. Gesetz­lich vor­ge­schrie­be­ne Lenk- und Ruhe­zei­ten kön­nen nicht ein­ge­hal­ten wer­den bei der Suche nach über­füll­ten Rast­plät­zen. Es feh­len hun­der­te Lkw-Park­plät­ze. Über­mü­de­ten Fah­rern bleibt schließ­lich nichts ande­res übrig, als die Lkws an gefähr­li­chen Stel­len wild zu parken.

Frü­her waren Fah­ren­de aus­schließ­lich für den Trans­port zustän­dig. Heu­te kom­men be- und ent­la­den der Fracht als Auf­ga­be hin­zu, weil das Be- und Ent­la­de­per­so­nal vor Ort abge­schafft wurde.

Ein­mal in der Woche sind län­ge­re Ruhe­zei­ten vor­ge­schrie­ben. Dann darf der Lkw 45 Std. nicht bewegt wer­den. Obwohl gesetz­lich ver­bo­ten, schla­fen die Kraft­fah­rer in ihren Schlaf­ka­bi­nen auf Rast­plät­zen. Die auf­trag­ge­ben­den Spe­di­tio­nen hät­ten eigent­lich für eine Hotel­un­ter­kunft zu sor­gen (Kabi­nen­schlaf­ver­bot). Im Fall einer pol­ni­schen Fir­ma berich­ten die Fah­rer, dass sie nur im Lkw schla­fen und dies teil­wei­se über Zeit­räu­me von mehr als einem Jahr.

Da die Ver­ant­wor­tung für Lkw und Ladung bei den Fah­ren­den selbst liegt, wagen sie kaum, ihr Fahr­zeug unbe­auf­sich­tigt zu las­sen. Die­sel­klau, Pla­nen­schlit­ze­rei und Ladungs­dieb­stahl sind an der Tagesordnung.

Zudem sind die Fah­ren­den jeder­zeit kon­trol­lier­bar. Mit­tels Fahr­ten­schrei­ber, GPS und Tele­ma­tik ist immer ersicht­lich, wo sich der Lkw gera­de befin­det. Selbst der Fahr­stil des Fah­rers wird vom Büro der Spe­di­ti­on aus pro­to­kol­liert und über­wacht. Ein Berufs­kraft­fah­rer drückt es so aus: »Es gibt in Deutsch­land mehr Sie­gel für fair gehan­del­ten Kaf­fee als für einen fai­ren Transport.«

Dass der Beruf des Last­kraft­wa­gen­fah­rers mehr als unat­trak­tiv ist und ein schlech­tes Image hat, muss, so gese­hen, nicht wei­ter erklärt wer­den. Fern von Fami­lie und Freun­den unter der­ar­ti­gen Bela­stun­gen fehlt seit Jah­ren der Nach­wuchs. Schlech­te Bezah­lung, Dau­er­stress und schlech­tes Image, füh­ren dazu, dass immer mehr Fah­ren­de früh den Beruf wech­seln und das Hand­tuch wer­fen. Die Trans­port­bran­che ver­sucht gegen­zu­steu­ern. Gegen­sei­tig ver­sucht man, sich die Fah­rer abzu­wer­ben, es wird mit voll­mun­di­gen Anzei­gen bei Online-Stel­len­bör­sen um geeig­ne­tes Fah­rer­per­so­nal gewor­ben. Vor allem sind aus­län­di­sche Fah­rer aus Ost­eu­ro­pa im Visier, die für deut­lich weni­ger Geld als ihre deut­schen Kol­le­gen arbeiten.

Bei Weg­fall der Vor­rang­prü­fung und der Abschaf­fung gesetz­li­cher Hür­den wäre es ein­fa­cher, qua­li­fi­zier­te Fah­rer aus Nicht-EU-Län­dern ein­zu­stel­len, so die Arbeit­ge­ber­sei­te. Das Stich­wort hier ist Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rung. Dabei ist der Fach­kräf­te­man­gel seit cir­ca 20 Jah­ren bekannt, ohne dass sich etwas Ent­schei­den­des geän­dert hat. Der wirt­schaft­li­che Kon­kur­renz­druck lässt kaum Spiel­räu­me. Laut Anga­ben des Bun­des­ver­ban­des Spe­di­ti­on und Logi­stik feh­len aktu­ell 80.000 bis 100.000 Fah­rer. Hohe Kran­ken­stän­de in Fol­ge von häu­fi­gen Mus­kel- und Ske­lett­er­kran­kun­gen ver­schär­fen die Situa­ti­on zusätz­lich. Der Bun­des­ver­band Güter­ver­kehr Logi­stik und Ent­sor­gung geht zudem davon aus, dass in den näch­sten Jah­ren über 25.000 Fah­rer in den Ruhe­stand gehen wer­den. Der Trend geht unge­bremst in Rich­tung der Pro­ble­me, die Eng­land nach dem Brexit erleb­te. Hier fehl­ten 100.000 Lkw-Fah­rer. Lee­re Rega­le im Super­markt, Eng­land erleb­te den Versorgungskollaps.

Um sol­chen Zustän­den zu begeg­nen, wer­den ver­schie­de­ne Ver­bes­se­run­gen dis­ku­tiert. Von der Poli­tik wird gefor­dert, die Ver­ord­nung über die Berufs­aus­bil­dung zum Berufs­kraft­fah­rer zu ver­kür­zen und zu ver­ein­fa­chen. Eine Kurz­aus­bil­dung für eine Grund­qua­li­fi­ka­ti­on soll es auch tun, um mög­lichst schnell Berufs­kraft­fah­rer in den Füh­rer­raum zu bekom­men. Die Bun­des­agen­tur für Arbeit und eini­ge Job­cen­ter finan­zie­ren zusam­men mit Fahr­schu­len spe­zi­ell auf Migran­ten aus­ge­rich­te­te Kur­se, um inner­halb von sechs Mona­ten Fah­rer auszubilden.

Die Poli­tik will einen grund­le­gen­den Image­wech­sel för­dern, um das Bild der Trucker im öffent­li­chen Bewusst­sein zu ver­bes­sern. Die Berufs­or­ga­ni­sa­tio­nen der Trans­port- und Logi­stik­bran­che for­dern, Rast­stät­ten aus­zu­bau­en und bei den sani­tä­ren Ver­hält­nis­sen mehr zu tun. Ist die gerin­ge Bezah­lung der wesent­lich­ste Fak­tor für den mas­si­ven Fah­rer­eng­pass, locken Logi­stik­un­ter­neh­men mit Son­der­prä­mi­en, Mas­sa­gen, Fit­ness­räu­men, PKWs und Han­dys zur pri­va­ten Nut­zung, um die Attrak­ti­vi­tät des Berufs zu steigern.

Um Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen aus­zu­schlie­ßen, dür­fen aus­län­di­sche Spe­di­tio­nen nur unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen und nur unter einem begrenz­ten Zeit­raum von weni­gen Tagen ihre Tou­ren inner­halb Deutsch­lands fah­ren, eine gesetz­li­che Vor­ga­be, um deut­sche Spe­di­tio­nen im Kon­kur­renz­kampf zu schüt­zen. Im Fach­jar­gon »Kabo­ta­ge« genannt, zeigt sich die­se Rege­lung oft als wir­kungs­los, da es viel zu weni­ge Kon­trol­len gibt. Doch die bis­he­ri­gen Lösungs­ver­su­che erwei­sen sich besten­falls als kurz­fri­sti­ge Erfol­ge und als ein Trop­fen auf den hei­ßen Stein.

So lan­ge es im rui­nö­sen Preis­kampf und dem hohen Wett­be­werbs­druck Lohn­dum­ping, zu vie­le Schlupf­lö­cher, man­gel­haf­te Kon­trol­len bei Arbeits­rech­ten und kaum Schutz­re­ge­lun­gen für Fah­rer/-innen gibt, bleibt ihnen nur der Wider­stand durch Fah­rer­streik übrig. Der erfolg­rei­che Streik von Grä­fen­hau­sen hat hier­bei ein wert­vol­les Zei­chen gesetzt. Der Erfolg war nur durch die Soli­da­ri­tät über alle natio­na­len Gren­zen hin­aus mög­lich. Dass die Strei­ken­den nicht allein waren, zeig­te die enga­gier­te Unter­stüt­zung von Ver­ant­wort­li­chen aus der Gewerk­schaft, aber auch von Anwoh­nern, die den Truckern Essen und Geld­spen­den zur Ver­fü­gung stell­ten, ein Lehr­bei­spiel, das Schu­le machen soll­te. Selbst vom ande­ren Ende der Welt, aus Seo­ul, sen­de­ten süd­ko­rea­ni­sche Kol­le­gen der Gewerk­schaft Truck­sol Soli­da­ri­täts­grü­ße und wünsch­ten den Lkw-Fah­rern in Grä­fen­hau­sen viel Kraft, um gegen ihre schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen zu kämpfen.