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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Trau schau wem

Trotz gegen­tei­li­ger Beteue­run­gen gegen­über Russ­land haben Euro­päi­sche Uni­on und Nato dem Nach­bar­land Ukrai­ne seit dem Zer­fall der Sowjet­uni­on Avan­cen gemacht und eine bal­di­ge Mit­glied­schaft in Aus­sicht gestellt. EU und Nato sind damit mit­ver­ant­wort­lich für die Bür­ger­kriegs-ähn­li­che Situa­ti­on im Land, deren Ende nicht abseh­bar ist. Seit Herbst 2018 steht das Ziel eines EU-Bei­tritts sogar in der ukrai­ni­schen Ver­fas­sung, seit Febru­ar 2019 auch der Nato-Bei­tritt. Dass Russ­land dies als aggres­si­ve, poten­zi­ell bedroh­li­che Expan­si­ons­po­li­tik ansieht, ist nach­voll­zieh­bar. Was aber treibt »den Westen«, die Ukrai­ne unbe­dingt ein­bin­den zu wol­len. Es gäbe zahl­lo­se ande­re Mög­lich­kei­ten einer nicht-kon­fron­ta­ti­ven, frucht­ba­ren Kooperation.

Gera­de deut­sche Poli­ti­ker soll­ten wis­sen oder sich end­lich nach­träg­lich klar machen, wen sie sich da ins »gemein­sa­me Haus« holen möch­ten. Ein Bei­spiel: Wäh­rend wir hier­zu­lan­de in den letz­ten Wochen, zumeist reu­mü­tig, des deut­schen Über­falls auf die Sowjet­uni­on vor 80 Jah­ren gedacht haben, wird der Ver­nich­tungs­krieg der Deut­schen in der Ukrai­ne gera­de­zu als Unab­hän­gig­keits­kampf gefei­ert – an dem sich vie­le Ukrai­ner tat­kräf­tig betei­lig­ten, wofür sie heu­te in ihrem Land sogar staat­lich geehrt wer­den. Vor allem die Orga­ni­sa­ti­on Ukrai­ni­scher Natio­na­li­sten (OUN) unter ihrem Füh­rer Ste­pan Ban­de­ra rekru­tier­te Frei­wil­li­ge für die Waf­fen-SS-Divi­si­on »Gali­zi­en« und unter­stütz­te die deut­sche Wehr­macht mit eige­nen Divi­sio­nen (»Nach­ti­gall« und »Roland«). OUN-Mili­zen stie­ßen am 22. Juni 1941 gemein­sam mit der Wehr­macht auf sowje­ti­sches Ter­ri­to­ri­um vor und ver­üb­ten dort mit und neben deut­schen Ein­hei­ten zahl­lo­se Mas­sa­ker an der jüdi­schen Bevöl­ke­rung. Allein in Lem­berg (heu­te Lwiw) sol­len bin­nen kür­ze­ster Zeit 4.000 Jüdin­nen und Juden ermor­det wor­den sein.

Für das Par­la­ment in Kiew gilt die­ser Ein­satz als hel­den­haft. Es hat die OUN zu »Kämp­fern für die ukrai­ni­sche Unab­hän­gig­keit« erklärt. Ein Regie­rungs­er­lass ver­langt sogar, dass deren »Patrio­tis­mus«, deren »hohe Moral« an den Schu­len in der Ukrai­ne geehrt wird. Der Grün­dungs­tag des mili­tä­ri­schen Flü­gels der OUN, der UPA (Ukrai­ni­sche Auf­stän­di­sche Armee), ist seit 2015 staat­li­cher Fei­er­tag, und der OUN-Gruß schmückt die Tri­kots der ukrai­ni­schen Fußball-Nationalmannschaft.

Ist eine der­art natio­na­li­sti­sche Grund­hal­tung mit den Wer­ten der Euro­päi­schen Uni­on ver­ein­bar? Wie wenig da zusam­men­passt, weil es offen­sicht­lich nicht zusam­men­ge­hört, erlebt die EU doch gera­de in ande­rer Wei­se im Fal­le Ungarns. Ja, die Uni­on ist ein Bünd­nis von Natio­nal­staa­ten, aber in ihrem Kern anti­na­tio­na­li­stisch. Andern­falls wäre sie poli­tisch überflüssig.