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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Unser Feind sind wir selbst

Der Krieg zwi­schen Russ­land, der Ukrai­ne und der sie maß­geb­lich unter­stüt­zen­den Mili­tär­al­li­anz befin­det sich nun im drit­ten Jahr, und beim Blick in den media­len Blät­ter­wald fällt auf, dass auch dort zuneh­mend rhe­to­risch hoch­ge­rü­stet wird. »Putin zum Frie­den zwin­gen« titelt Kon­rad Schül­ler in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung und schreibt, dass das Kriegs­ziel von Putin »die Ver­nich­tung der Ukrai­ne« sei, wes­halb die Ver­bün­de­ten der Ukrai­ne nur »zwei Mög­lich­kei­ten« hät­ten. Ent­we­der sie mach­ten so wei­ter wie bis­her, dann wer­de »Putin gewin­nen« und »die Ukrai­ne und wahr­schein­lich auch Bela­rus wür­den von rus­si­schen Trup­pen besetzt«. Oder es kom­me nun end­lich zu wei­te­ren Waf­fen­lie­fe­run­gen an die Ukrai­ne aus den eige­nen Bestän­den, denn »der deut­sche ›Tau­rus‹ liegt unge­nutzt her­um, und die Nato hat fünf­mal mehr Flug­zeu­ge als Russ­land«, so Schül­ler. Der Bei­trag des Histo­ri­kers Jan Claas Beh­rends in der tages­zei­tung ist mar­tia­lisch mit »Start­schuss zum Welt­krieg« über­schrie­ben, denn es gel­te zu ver­ste­hen, »dass Putins Krieg weit mehr ist als ein Ver­such, der Wie­der­her­stel­lung des rus­si­schen Impe­ri­ums«. Deutsch­land ver­wei­ge­re hier »sei­ne Ver­ant­wor­tung« und die Bun­des­re­gie­rung sol­le »end­lich das­sel­be Rück­grat zei­gen wie gro­ße Tei­le der Zivil­ge­sell­schaft, die wei­ter­hin die Ukrai­ne beein­druckend unter­stützt«. Und mit hin­ge­bungs­vol­lem Pathos warnt Beh­rends dann vor einem Auf­ge­ben des Westens, weil dann zwangs­läu­fig, »Dik­ta­tur und Krieg sich wei­ter­ver­brei­ten. Es geht dar­um, ob die jun­ge Gene­ra­ti­on noch in einem frei­en Euro­pa leben wird.« Der bri­ti­sche Histo­ri­ker Timo­thy Gar­ton Ash legt in der Süd­deut­sche Zei­tung noch eine erschreckend bedroh­li­che Schip­pe drauf und mahnt die deut­sche Leser­schaft: »Euro­pa ist im Krieg. Nicht so wie vor 80 Jah­ren, als die mei­sten euro­päi­schen Län­der direkt an den Kämp­fen betei­ligt waren; aber es lebt sicher nicht im Frie­den wie vor 20 Jah­ren – bevor Putin sich auf sei­nen Weg der Kon­fron­ta­ti­on mit dem Westen begab. Wenn wir uns nicht der Vor­dring­lich­keit bewusst­wer­den, der Ukrai­ne zum Sieg in einem Krieg zu ver­hel­fen, den sie für uns alle führt, dann wer­den wir in ein paar Jah­ren von einem noch direk­te­ren Angriff eines ermu­tig­ten, revan­chi­sti­schen Russ­lands ste­hen. (…) Putin muss geschla­gen wer­den. Das ist der ein­zi­ge Weg, ›um die­sen Krieg zu töten.‹« Bei der­art dra­ma­tisch orche­strier­ten mili­tä­ri­schen Über­le­gen­heits­phan­ta­sien kommt die von Mar­co Seli­ger in der Neue Zür­cher Zei­tung gerich­te­te Kri­tik an die SPD fast ver­söhn­lich daher, wenn er schreibt: »Die Sozi­al­de­mo­kra­ten brem­sen bei der Waf­fen­hil­fe für die Ukrai­ne.« Nur weni­ge Tage danach hat sich Bun­des­kanz­ler Olaf Scholz gegen­über der Deut­schen Pres­se-Agen­tur nun end­lich unmiss­ver­ständ­lich gegen eine Lie­fe­rung von Tau­rus-Marsch­flug­kör­pern aus­ge­spro­chen und hier­zu erklärt, dass Deutsch­land sonst Gefahr lau­fe, in den Krieg ver­wickelt zu wer­den: »Wir dür­fen an kei­ner Stel­le und an kei­nem Ort mit den Zie­len, die die­ses System erreicht, ver­knüpft sein. Die­se Klar­heit ist auch erfor­der­lich. Ich wun­de­re mich, dass es eini­ge gar nicht bewegt, dass sie nicht ein­mal dar­über nach­den­ken, ob es gewis­ser­ma­ßen zu einer Kriegs­be­tei­li­gung kom­men kann durch das, was wir tun.« Zeit­gleich scheint sein fran­zö­si­scher Amts­kol­le­ge Emma­nu­el Macron nach einem SPIEGEL-Bericht »den Ein­satz von Boden­trup­pen in der Ukrai­ne nicht mehr aus­zu­schlie­ßen, um einen rus­si­schen Sieg in der Ukrai­ne zu ver­hin­dern«. Die inzwi­schen ohren­be­täu­bend tönen­den bel­li­zi­sti­schen Stim­men, die hem­mungs­los immer wei­te­re Dreh­mo­men­te an der mili­tä­ri­schen Eska­la­ti­ons­schrau­be for­dern, ent­fa­chen damit einen der­art gewal­ti­gen Don­ner­hall, als gin­ge es um eine Wag­ner-Insze­nie­rung auf dem Grü­nen Hügel und nicht um die Gefahr des mög­li­cher­wei­se alles ent­schei­den­den letz­ten Schrit­tes hin zu einem Drit­ten Weltkrieg.

Wie­so aber kom­men in einem der­art bedeut­sa­men zeit­hi­sto­ri­schen Momen­tum kei­ne Mili­tär­ex­per­ten öffent­lich zu Wort? Gefragt oder auch unge­fragt? Wofür gibt es sie eigent­lich, wenn sie sich jetzt hier­zu nicht äußern? Wann wol­len sie denn eigent­lich sonst die Öffent­lich­keit an ihrer mili­tär­po­li­ti­schen Exper­ti­se Teil haben las­sen? Als eine von weni­gen kriegs­kri­ti­schen Stim­men hat Wolf­gang Rich­ter (Oberst a. D. und Exper­te für Ver­tei­di­gungs- und Sicher­heits­po­li­tik bei der Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik) in einer aktu­el­len Stu­die für die Fried­rich-Ebert-Stif­tung hier­zu erklärt: »Die Gegen­of­fen­si­ve der Ukrai­ne, die im Som­mer 2023 begann, setz­te auf den schritt­wei­sen Ein­satz von neun Kampf­bri­ga­den, aus­ge­rü­stet mit west­li­chen schwe­ren Waf­fen. Der ope­ra­ti­ve Schwer­punkt ziel­te dar­auf ab, den rus­si­schen Land­kor­ri­dor zur Krim zu durch­tren­nen und gleich­zei­tig die Ver­sor­gung zur und von der Krim zu blockie­ren. Trotz tak­ti­scher Erfol­ge in bestimm­ten Front­ab­schnit­ten führ­te die Gegen­of­fen­si­ve nicht zu einer grund­le­gen­den Ände­rung der ope­ra­ti­ven Lage. Die Ana­ly­se zeigt, dass der Krieg in der Ukrai­ne in eine Sack­gas­se gera­ten ist, ohne dass eine stra­te­gi­sche Kriegs­wen­de abseh­bar ist. Eine Ver­hand­lungs­lö­sung, die durch das Istan­bu­ler Kom­mu­ni­qué noch im Bereich des Mög­li­chen schien, ist aktu­ell nicht in Sicht. Die Fort­füh­rung eines Abnut­zungs­kriegs ohne rea­li­sti­sche Aus­sicht auf einen umfas­sen­den Sieg ist aber für bei­de Sei­ten pro­ble­ma­tisch und könn­te zu wei­te­ren Eska­la­tio­nen füh­ren. Um die­se Eska­la­ti­on zu ver­hin­dern und eine rea­li­sti­sche Frie­dens­lö­sung zu för­dern, ist eine stra­te­gi­sche Neu­aus­rich­tung der Diplo­ma­tie erfor­der­lich. Ver­hand­lun­gen, die die Sicher­heits­in­ter­es­sen Russ­lands berück­sich­ti­gen und die Unab­hän­gig­keit und Sou­ve­rä­ni­tät der Ukrai­ne wah­ren, könn­ten einen Weg aus der Kri­se wei­sen.« Und der ehe­ma­li­ge Diplo­mat Micha­el von der Schu­len­burg schreibt in der Ber­li­ner Zei­tung hier­zu: »Der rus­si­sche Angriff ist ille­gal, und nie­mand darf das Recht der Ukrai­ne auf Selbst­ver­tei­di­gung in Zwei­fel zie­hen. Aber die­ses Recht darf nicht in die Zer­stö­rung des gan­zen Lan­des aus­ar­ten. Und es sind nicht nur rus­si­sche Waf­fen, son­dern auch die von Nato-Län­dern gelie­fer­ten Waf­fen, die auf ukrai­ni­schem Ter­ri­to­ri­um ein­ge­setzt wer­den. Sie sind also glei­cher­ma­ßen für das Lei­den und die suk­zes­si­ven Zer­stö­run­gen des Lan­des ver­ant­wort­lich. Das kann und darf nicht Ziel unse­rer Poli­tik sein, es wür­de uns eine schwe­re Schuld aufbürden.«

Es drängt sich bei alle­dem zuneh­mend die Fra­ge auf, ob unser eigent­li­cher frie­dens­ver­un­mög­li­chen­der Feind am Ende nicht im Grun­de wir selbst sind, wenn wir uns wei­ter­hin in erschreckend stoi­scher Art und Wei­se diplo­ma­ti­schen Bemü­hun­gen in schein­bar kind­li­cher Sorg­lo­sig­keit ver­wei­gern, um uns fata­li­stisch-sie­ges­trun­ke­nen Kriegs­fan­ta­sien hin­zu­ge­ben, die gleich dem bibli­schen Arma­ged­don die Mög­lich­keit unse­res eige­nen Unter­gangs beinhal­ten. Doch stirbt die Hoff­nung ja bekannt­lich zuletzt, und um es mit den Wor­ten von Erich Käst­ner zu sagen: »Reicht euch die Hän­de, seid eine Gemein­de. Frie­den, Frie­den, hie­ße der Sieg. Glaubt nicht, ihr hät­tet Mil­lio­nen Fein­de. Euer ein­zi­ger Feind heißt – Krieg.« Wer könn­te ihm da widersprechen?