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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Voll in der Gegenwart

Nicht nur der Titel knüpft listig an das Erfolgs­buch »Unter Leu­ten« an. Juli Zeh ist zu den bran­den­bur­gi­schen Dorf­ver­hält­nis­sen zurück­ge­kehrt. Ihre Prot­ago­ni­stin ist eine jun­ge Frau, die genervt Ber­lin den Rücken gekehrt hat, den fana­ti­schen Kli­ma- und Coro­na-Akti­vi­sten Robert und über­haupt die Pan­de­mie und das Wer­be-Groß­raum­bü­ro ver­las­send. Das Häus­chen samt Grund­stück, das sie urbar machen will, ist das Nach­bar­haus des – wie er selbst sich vor­stellt – »Dorf-Nazis«, von des­sen Gefäng­nis­stra­fe wegen ver­such­ten Tot­schlags sie erfährt. Gote, der Nach­bar, ist unge­ho­belt, unge­pflegt, aber auch hilfs­be­reit, prak­tisch und – das erfährt Dora von ihrem Arzt­va­ter – todkrank.

Anders als in »Unter Leu­ten« spielt dies­mal die Ver­gan­gen­heit kaum eine Rol­le. Juli Zeh ist ganz und gar auf die unmit­tel­ba­re Gegen­wart fixiert. Sie lie­fert einen »Ist-Zustand«, der aktu­el­ler nicht sein kann. Wie­der ist sie eine Mei­ste­rin im Schil­dern all­täg­li­cher Details. Die kran­ke Atmo­sphä­re einer kaput­ten Welt bil­det den Kon­trast zur rela­ti­ven Bestän­dig­keit dörf­li­cher Gepflo­gen­hei­ten und dem Zustand der Natur. Juli Zeh pro­vo­ziert bewusst: Die länd­li­che Idyl­le ist kei­ne und der Nazi ist ein Mensch: »einer von uns«, wie die Pfar­re­rin zu sei­ner Beer­di­gung sagt. Man muss mit­ein­an­der aus­kom­men, und man kommt mit­ein­an­der aus – zumal die kon­kre­te Aus­län­der­feind­lich­keit Gotes ledig­lich in der Ableh­nung einer Ärz­tin besteht, die ihn behan­deln will. Er scha­det also nur noch sich selbst.

Beschö­nigt die Autorin oder hält sie dem Leser nur die tat­säch­li­che Situa­ti­on in vie­len bran­den­bur­gi­schen Dör­fern vor Augen? Appel­liert sie an Tole­ranz oder beschreibt, ja, ver­harm­lost sie den zer­ris­se­nen Zustand im Land? Juli Zeh scheut hei­ße Eisen nicht und for­dert zur Dis­kus­si­on heraus.

Juli Zeh: Über Men­schen. Roman. Luch­ter­hand, 412 Sei­ten, 22 €