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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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50 Jahre »Imagine«

Vor fünf­zig Jah­ren, am 11. Okto­ber 1971, ver­öf­fent­lich­te John Len­non mit »Ima­gi­ne« sei­nen zeit­lo­sen Song über den Traum von einer bes­se­ren Welt. Es soll­te der wohl wich­tig­ste und berühm­te­ste Song wer­den, den er je geschrie­ben und kom­po­niert hat. Der heu­ti­ge Pop-Klas­si­ker war eine Sin­gle­aus­kopp­lung aus dem gleich­na­mi­gen Album, das in den USA bereits Anfang Sep­tem­ber erschie­nen war.

Der Song for­dert die Höre­rIn­nen auf, sich eine Welt in Frie­den ohne Gren­zen und in Ein­tracht vor­zu­stel­len, ohne die Tren­nung von Reli­gi­on und Natio­na­li­tät, sogar die Mög­lich­keit in Betracht zu zie­hen, ohne mate­ri­el­le Besitz­tü­mer zu leben. Mit »Ima­gi­ne« beschwor John Len­non sei­ne Visi­on einer Welt ohne Krieg und Aus­beu­tung. »Ima­gi­ne all the peo­p­le /​ Livin’ life in peace« heißt es dar­in, und so wur­de der Song als bewe­gen­de Frie­dens­hym­ne, als State­ment gegen den Viet­nam­krieg gewer­tet. Noch heu­te den­ken wir an Frie­den, wenn wir »Ima­gi­ne« hören. Mit sei­ner weh­mü­ti­gen Melo­die, Len­nons war­mer und zurück­hal­ten­der Stim­me und dem wei­chen Sound ist »Ima­gi­ne« aber auch ein Song des Tro­stes und der Liebe.

In nicht ein­mal drei Stun­den ent­stand der Song im Musik­zim­mer von Len­nons Anwe­sen Tit­ten­hurst Park. Nach der Ver­öf­fent­li­chung des Songs bekam Len­non neben viel Lob auch min­de­stens genau so viel Kri­tik. Ihm wur­de Heu­che­lei vor­ge­wor­fen: Len­non sitzt in sei­nem luxu­riö­sen Her­ren­haus und träumt davon, kei­ne Besitz­tü­mer zu haben. Wie bei sei­nem Song »All You Need Is Love« aus dem Jah­re 1967 wan­del­te Len­non hier auf dem schma­len Grat zwi­schen Visi­on, Illu­si­on und Realität.

Der Text wur­de von einem Gedicht von Yoko Ono, das 1964 in ihrem Buch »Grape­fruit« erschien, stark beein­flusst. Doch Len­non war damals, wie er spä­ter ein­ge­stand, »nicht Manns genug, sei­ne Ehe­frau als Co-Autorin zu erwäh­nen«. Eine wei­te­re Inspi­ra­ti­ons­quel­le war ein christ­li­ches Gebet­buch des ame­ri­ka­ni­schen Akti­vi­sten und Gesell­schafts­kri­ti­kers Dick Gre­go­ry. Vie­le sahen in dem Song das musi­ka­li­sche Pen­dant zu Mar­tin Luther Kings berühm­ter Rede »I Have A Dream«, wäh­rend Len­non selbst ein­mal mein­te, der Song sei »eigent­lich das Kom­mu­ni­sti­sche Mani­fest«. Bereits auf sei­nem ersten Solo-Album »Pla­stic Ono Band« (1970) hat­te Len­non mit Songs wie »Working Class Hero«, »Mother« oder »God« sol­che The­men ange­spro­chen, nur direk­ter und radi­ka­ler, sodass die LP kein Erfolg wur­de. »Ima­gi­ne« hat­te die­sel­be Bot­schaft, nur hat­te sie Len­non hier etwas sen­ti­men­tal und pathe­tisch über­zuckert (»Bring dei­ne poli­ti­sche Bot­schaft mit etwas Honig rüber.«). Und der Erfolg soll­te ihm Recht geben.

Nach sei­nem frü­hen Tod am 8. Dezem­ber 1980 wur­de »Ima­gi­ne« zu »dem« Len­non-Song und gehört zu 100 meist­ge­spiel­ten Songs des 20. Jahr­hun­derts. Bis heu­te ist »Ima­gi­ne« zeit­los und bekommt mit jedem Kon­flikt, jeder mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung, aber auch mit jeder per­sön­li­chen Ver­zweif­lung oder Resi­gna­ti­on immer wie­der eine neue Aktua­li­tät. Fast 200 Cover­ver­sio­nen und mas­sen­taug­li­che Dau­er­ex­po­si­ti­on haben jedoch sei­ne Bot­schaft mit­un­ter zur Plat­ti­tü­de ver­wäs­sert. Doch stel­len wir uns vor, es wür­de die­sen Song nicht geben – er müss­te noch geschrie­ben werden.