Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Im Täuschungs-Labyrinth

Das katho­li­sche Boden­per­so­nal ist Män­ner­sa­che. Etwa 1,2 Mil­li­ar­den Men­schen unter­ste­hen einem rein männ­li­chen Kle­ri­ker-Kar­tell, der gera­de ein­mal 0,4 Pro­zent der Katho­li­ken aus­macht. Das Epi­zen­trum der Macht ist an Papst, Kar­di­nä­le und Bischö­fe gebun­den: gan­ze 0,00041 Pro­zent. Sie allein deu­ten und ver­kün­den die ver­bind­li­chen Lehr­grund­la­gen, set­zen sie um in kirch­li­che Dog­men und Gesetz­ge­bung. Die Mehr­heit der Gläu­bi­gen schul­det ihnen Folg­sam­keit und Gehor­sam – umge­kehrt sind die Kir­chen­män­ner ihren gläu­bi­gen Lai­en in kei­ner Wei­se rechen­schafts­pflich­tig. Ein kla­res Macht­ge­fü­ge: Lai­en dür­fen beten und hof­fen, Kle­ri­ker bestim­men und ent­schei­den. Von Demo­kra­tie mag man hier nicht unbe­dingt spre­chen. Die katho­li­sche Kir­che ist eine welt­ab­ge­wand­te, grund­recht-ver­let­zen­de Män­ner-Domä­ne: starr, auto­ri­tär, macht­be­wusst. Doch die Gläu­bi­gen wol­len glau­ben, und sie tun das gern gemein­sam – trotz allem. Das »Haus Kir­che« als sinn­stif­ten­de Heim­statt im Hier & Jetzt mit allen Ver­spre­chun­gen ins Jenseits.

Doch es rumort Katho­len-Kos­mos. Kirch­lich gebun­de­ne und orga­ni­sier­te Gläu­big­keit schwin­det, das bele­gen rück­läu­fi­ge Mit­glie­der­zah­len. Das hat mit aktu­el­len Skan­da­len zu tun (Miss­brauchs-Skan­da­len, Finanz-Skan­da­len), auch mit einem Gesell­schafts- und Men­schen­bild, das an Bin­de­kraft ver­liert. Allein im ver­gan­ge­nen Jahr haben mehr als 440 000 Men­schen die bei­den gro­ßen Kir­chen ver­las­sen. Bei den Katho­li­ken kehr­ten 221 000 Men­schen der Kir­che den Rücken, bei den Pro­te­stan­ten waren es rund 220 000 Men­schen. Nun fällt nicht jeder, der das »Haus Kir­che« ver­lässt, gleich von Gott und Glau­ben ab. Eines aber wird deut­lich: Das Ver­trau­en in das gött­li­che Boden­per­so­nal bröckelt rasant.

Die Ver­trau­ens­kri­se dürf­te sich vor allem wegen der stocken­den Auf­ar­bei­tung von Miss­brauchs­skan­da­len wei­ter fort­set­zen. Im Erz­bis­tum Köln etwa führ­te der Umgang mit den Miss­brauchs­fäl­len zu einer Wel­le von Kir­chen­aus­trit­ten. Anfang die­ses Jah­res gab es wochen­lang wegen Über­la­stung der Ämter kei­ne Ter­mi­ne mehr. Zwei­feln­de Mit­glie­der wen­den sich ab, den­ken über einen Aus­tritt nach. Enga­gier­te kle­ri­ka­le Lai­en wol­len end­lich Ände­run­gen, Mit­spra­che und Trans­pa­renz. Sie wol­len sich nicht mehr mit den übli­chen »Dialog«-Inszenierungen befrie­den las­sen, wo in »gemein­sa­men Beschlüs­sen« Par­ti­zi­pa­ti­on simu­liert wird, ihnen aber in Wahr­heit nur eine unver­bind­li­che Mei­nungs­äu­ße­rung ein­ge­räumt wird: ein Stimmrechts-Placebo.

Mitt­ler­wei­le hat die kle­ri­ka­le Macht­zen­tra­le in Rom die Auf­müp­fig­keit ihrer enga­gier­ten Schäf­chen wahr­ge­nom­men. Papst Fran­zis­kus hat ver­lau­ten las­sen, er wol­le die Kir­che für mehr Mit­spra­che von Lai­en öff­nen und dazu einen »syn­oda­len Pro­zess« ansto­ßen. »Die Kir­che Got­tes ist zu einer Syn­ode zusam­men­ge­ru­fen«, heißt es in einem im Vati­kan vor­ge­stell­ten Doku­ment in Vor­be­rei­tung auf die Welt­bi­schofs­syn­ode 2023. Alle Gläu­bi­gen sei­en dazu auf­ge­ru­fen, an der Wei­ter­ent­wick­lung der Kir­che mit­zu­ar­bei­ten. Von »Syn­oda­li­tät« ist die Rede. Dar­un­ter wird ver­stan­den, dass auf mög­lichst brei­ter Basis unter Ein­be­zie­hung von Nicht-Kle­ri­kern über die Zukunft der Kir­che bera­ten wird.

Das »Zen­tral­ko­mi­tee der deut­schen Katho­li­ken« (ZdK) applau­dier­te pflicht­be­wusst. Seit Jah­ren übt sich das Lai­en-Forum im bra­ven Gehor­sam. Ein pfle­ge­leich­tes Lai­en-Forum, finan­zi­ell und per­so­nell abhän­gig von den Bis­tü­mern, das in der Ver­gan­gen­heit vor allem die Inter­es­sen des Kle­rus vor all­zu vehe­men­ten Zugrif­fen der Gläu­bi­gen schütz­te. Georg Bät­zing, Vor­sit­zen­der der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, sprach denn auch von einem »Mei­len­stein«. Eine from­me Lüge. Es geht schlicht­weg dar­um, den aktu­el­len Kri­tik-Hoch­druck durch aller­lei Gesprächs-Insze­nie­run­gen zu kana­li­sie­ren, indem sich Lai­en wei­ter­hin betei­ligt füh­len sol­len, ohne ent­schei­den zu kön­nen. Es braucht ein soli­des Resi­li­enz-Pol­ster, viel Ver­drän­gungs­kunst und gro­ße Demü­ti­gungs­be­reit­schaft, um sich in die­ser macht­be­wuss­ten Män­ner-Dik­ta­tur hei­misch zu füh­len. Trotz allem: Das Kir­chen­volk bleibt mehr­heit­lich noch hoff­nungs­froh, gehor­sam und duldsam.

Dar­über hat der Theo­lo­ge Nor­bert Lüdecke nun ein erhel­len­des Buch geschrie­ben, das Struk­tur und Syste­ma­tik der kirch­li­chen Pla­ce­bo-Debat­te ein­drucks­voll seziert. Der soge­nann­te »Syn­oda­le Weg« – so urteilt der Autor – ist nichts ande­res als eine gro­ße (Selbst)-Täuschung der katho­li­schen Lai­en, ein Täu­schungs­ma­nö­ver der Kir­chen-Män­ner, kom­pro­miss­los insze­niert, um inner­kirch­li­chen Pro­test und Reform­ge­dan­ken zu neu­tra­li­sie­ren. Lüdecke, Pro­fes­sor für Kir­chen­recht an der Uni­ver­si­tät Bonn, spannt einen wei­ten Bogen: von der »hier­ar­chi­schen Ein­he­gung« des Lai­en-Enga­ge­ments etwa mit der Grün­dung des »Zen­tral­ko­mi­tees der deut­schen Katho­li­ken« in den frü­hen fünf­zi­ger Jah­ren, über die Würz­bur­ger Syn­ode in den Sieb­zi­ger Jah­ren, als west­deut­sche Bis­tü­mer die Lai­en zum Dia­log ein­lu­den, wo es dann vie­le Beschlüs­se und Abstim­mun­gen gab, aber nicht jede Stim­me glei­ches Gewicht besaß, bis zum heu­ti­gen »Syn­oda­len Weg«. Dort – so Lüdecke bei­na­he ket­ze­risch – las­sen sich »enga­gier­te Lai­en ein­mal mehr auf ein betreu­tes Dis­ku­tie­ren ein«.

Lüdecke fragt: War­um machen die Gläu­bi­gen bei die­ser aktu­el­len Par­ti­zi­pa­ti­ons-Simu­la­ti­on, die dies­mal unter dem Claim »Syn­oda­ler Weg« fir­miert, erneut mit? »Gibt es Fak­to­ren, die Katho­li­ken den Blick auf die kirch­li­che Rea­li­tät ver­stel­len, oder viel­leicht eine spe­zi­fisch katho­li­sche Dis­po­nie­rung, die­se Rea­li­tät gar nicht sehen zu wollen?«

Bei­na­he lako­nisch kon­sta­tiert er, dass das Kir­chen­volk auf die­se Wei­se wei­ter­hin gut betreut durch ein »potem­kin­sches Syn­odal­dorf« schrei­tet, »in dem vor allem eines prak­ti­ziert wird: die alte katho­li­sche Unter­wer­fungs­hal­tung gegen­über den Kir­chen­her­ren«. Kurz­um: Es wird alles blei­ben, wie es ist.

Im Unter­ti­tel des Buches wird gefragt: Haben Katho­li­ken die Kir­che, die sie ver­die­nen? Ja!, möch­te man da ant­wor­ten. Nie­mand muss frei­wil­lig an der Kir­che lei­den. Die See­len­pein kann ein Ende fin­den – durch Kir­chen­aus­tritt. Nor­bert Lüdecke ist ein klu­ges, kennt­nis­rei­ches und argu­ment­star­kes Buch gelun­gen. Es beschreibt scho­nungs­los die Schief­la­ge der Kir­che. Das ist auf­klä­ren­der Lese­stoff im besten Sin­ne und erhel­len­de Lek­tü­re für alle, die an der Kir­che zwei­feln und ver­zwei­feln. Wer frei­lich eine Anlei­tung für das Ver­las­sen aus die­sem Unter­drückungs- und Täu­schung-Laby­rinth erwar­tet, der wird ent­täuscht. Das Dra­ma sei­ner Selbst­täu­schung muss der gläu­bi­ge Mensch selbst been­den. Das Buch kann dabei von gro­ßem Nut­zen sein.

Nor­bert Lüdecke, Die Täu­schung. Haben Katho­li­ken die Kir­che, die sie ver­die­nen?, Theiss Ver­lag, 303 S., 20 .