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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Schlacht am Kamener Bahndamm

Am 13. März 1920 putsch­ten ehe­ma­li­ge kai­ser­li­che Mili­tärs gegen die demo­kra­ti­sche Regie­rung unter Fried­rich Ebert. 1918 hat­ten sie abdan­ken müs­sen, waren aber kurz dar­auf von der SPD-Regie­rung zur Nie­der­schla­gung sozia­li­sti­scher Akti­vi­tä­ten wie­der zurück­ge­ru­fen wor­den. Draht­zie­her des Put­sches waren Gene­ral von Lütt­witz und Wolf­gang Kapp, Vor­sit­zen­der des ost­preu­ßi­schen Lan­des­ver­ban­des der »Deut­schen Natio­na­len Volks­par­tei« (DNVP), wes­halb der Anschlag auf die Demo­kra­tie Kapp-Lütt­witz-Putsch genannt wird. Ziel war die Errich­tung einer Schein­de­mo­kra­tie unter Füh­rung ultra­rech­ter Militärs.

Der schlecht vor­be­rei­te­te Putsch schei­ter­te jedoch durch einen Gene­ral­streik der Arbei­ter schon nach fünf Tagen, aber er bewirk­te in Kamen eine fast unglaub­li­che, zu Unrecht weit­ge­hend ver­ges­se­ne Geschichte.

Wie in ande­ren Städ­ten auch gab es in Kamen eine Ein­woh­ner­wehr, eine halb­of­fi­zi­el­le, bewaff­ne­te Trup­pe mit poli­zei­ähn­li­chen Auf­ga­ben, die aber, anders als in ande­ren Städ­ten, von sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­tern, vor allem Berg­ar­bei­tern, gebil­det wur­de. Ihr Anfüh­rer war der SPD-Stadt­ver­ord­ne­te Bern­hard Stre­lin­ski. Auf die Nach­richt vom Putsch hin wur­den von Mit­glie­dern der Ein­woh­ner­wehr wich­ti­ge Punk­te der Stadt besetzt und am Bahn­hof sechs Geweh­re mit Muni­ti­on beschlagnahmt.

Nun war in Lünen als Fol­ge des Put­sches ein Akti­ons­aus­schuss aus fünf Par­tei­en zur Lei­tung der Stadt gegrün­det wor­den, und Gene­ral­leut­nant von Wat­ter, ver­ant­wort­lich für die Trup­pen in West­fa­len und Sym­pa­thi­sant der Put­schi­sten, war der Mei­nung, dass die­ser Aus­schuss zu Unrecht bestehe und folg­lich auf­ge­löst wer­den müs­se. Also schick­te er 220 Mann des Husa­ren­re­gi­ments 8 aus Pader­born unter Befehl des Haupt­manns von Man­stein dort­hin. Von Unna kom­mend soll­ten sie über Kamen nach Lünen vordringen.

Am 15. März gegen 19 Uhr traf ihr Erkun­dungs­wa­gen in Kamen ein. Als der Sicher­heits­po­sten an der Stadt­gren­ze erkann­te, dass es sich um ein Mili­tär­fahr­zeug han­del­te, gab er ein Hal­te­zei­chen. Aber die Husa­ren beach­te­ten weder Zei­chen noch Hal­ter­ufe, wor­auf der Posten sie mit einem Maschi­nen­ge­wehr beschoss. Drei der sie­ben Insas­sen des Wagens wur­den schwer ver­letzt, einer starb noch in der Nacht. Die Husa­ren erwi­der­ten das Feu­er und ver­letz­ten den MG-Schüt­zen, der ein paar Tage spä­ter starb. Die Schüs­se alar­mier­ten die Ein­woh­ner­wehr, die anrück­te und den Erkun­dungs­trupp über­wäl­tig­te. Der rechts­ra­di­ka­le Putsch hat­te in Kamen sei­ne ersten Opfer gefordert.

Als wenig spä­ter die LKW-Kolon­ne der Husa­ren ein­traf, hat­te sich die Ein­woh­ner­wehr auf ver­blüf­fen­de Wei­se dar­auf vor­be­rei­tet. Sie hat­ten ein­fach die Bahn­schran­ken her­un­ter­ge­las­sen. Von Man­stein, Haupt­mann der Trup­pe, tob­te vor Wut. Als er vom Schick­sal sei­nes Vor­trupps erfuhr, ließ er ein­fach drei Neu­gie­ri­ge ver­haf­ten und vor die Schein­wer­fer des vor­de­ren Last­wa­gens stel­len. Stre­lin­ski klet­ter­te zusam­men mit einem zwei­ten Mann der Ein­woh­ner­wehr über die Bahn­schran­ken und woll­te von dem Husa­ren­haupt­mann wis­sen, ob die Trup­pe im Auf­tra­ge der Put­schi­sten han­de­le. Soll­te das nicht der Fall sein, wür­de freie Fahrt durch Kamen gewährt wer­den. Aber von Man­stein glaub­te, Arbei­tern kei­ne Ant­wort schul­dig zu sein und ließ die bei­den unter Schlä­gen eben­falls vor die Schein­wer­fer stellen.

Das löste hek­ti­sche Akti­vi­tä­ten auf der Kamener Sei­te aus. Tele­fo­nisch wur­den die Ein­woh­ner­weh­ren der Nach­bar­städ­te alar­miert und um Hil­fe gebe­ten. Noch im Lau­fe der Nacht ver­sam­mel­ten sich 2200 bewaff­ne­te Arbei­ter in Kamen.

Wäh­rend­des­sen ver­han­del­te Kamens Post­di­rek­tor mit den Husa­ren und erreich­te nach lan­gen Ver­hand­lun­gen, dass die ersten drei Gei­seln im Aus­tausch gegen die gefan­ge­nen Husa­ren frei gelas­sen wur­den. Im Lau­fe der Nacht ließ von Man­stein auch Stre­lin­ski und sei­nen Kol­le­gen frei, nach­dem er ihnen das ehren­wört­li­che Ver­spre­chen abge­nom­men hat­te, für frei­en Durch­zug am näch­sten Mor­gen zu sor­gen. Stre­lin­ski war wohl auch bereit, Wort zu hal­ten, aber es war inzwi­schen zu viel gesche­hen. Es war geschla­gen wor­den, und vor allem war Blut geflossen.

Der Berg­ka­mener Leh­rer Leh­ne­mann, eben­falls SPD, sprach in der Nacht noch ein­mal mit von Man­stein, erhielt aber auf sei­ne Fra­ge nach dem Ver­hält­nis der Trup­pe zu den Put­schi­sten in Ber­lin die Ant­wort, dass ihn das nichts ange­he. Des­halb gewann Leh­ne­mann den Ein­druck, es mit Putsch­trup­pen zu tun zu haben. So kam es am 16. März 1920 zu jenem denk­wür­di­gen Kampf am Kamener Bahndamm.

In den Mor­gen­stun­den heul­ten über­all in der Stadt die Sire­nen auf, das Zei­chen zum Angriff der Arbei­ter. Aus ihren Stel­lun­gen hin­ter dem Bahn­damm, hin­ter Häu­ser­ecken und Mau­ern schos­sen sie auf die Husa­ren. Ein Pro­blem war für sie, dass die Husa­ren das erste Haus vor den Bahn­glei­sen, das einer Frau Kur­mann gehör­te, besetzt hat­ten. In Rich­tung Osten hat­ten sie dort Dach­pfan­nen abge­ho­ben und ein Maschi­nen­ge­wehr in Stel­lung gebracht. Von dort aus konn­ten sie das gan­ze Gelän­de bis zum Gehöft Vol­ker­mann, heu­te ein Alten­heim, unter Beschuss neh­men. Leh­ne­mann, Offi­zier im ersten Welt­krieg, erkann­te die Gefahr. Unter Feu­er­schutz schlich sich einer sei­ner Leu­te aus dem Gar­ten des Vieh­händ­lers Leif­fer­mann, den es damals dort gab, über die Glei­se und zer­stör­te das MG-Nest durch einen geziel­ten Wurf mit einer Hand­gra­na­te. Drei Husa­ren kamen dabei ums Leben. Nun konn­ten die Arbei­ter den Ring um die Husa­ren schlie­ßen, die dann auch nach kur­zer Zeit die wei­ße Fah­ne hiss­ten. Als sich ihnen dar­auf­hin Arbei­ter näher­ten, nah­men sie fei­ge das Feu­er wie­der auf, aber es half ihnen nichts mehr. Ihre Unter­le­gen­heit war zu groß.

Auf Last­wa­gen soll die Ein­woh­ner­wehr unter Jubel der Kamener die gefan­ge­nen Husa­ren durch die Stadt kut­schiert haben. Es war ein beach­tens­wer­ter Sieg für sie und für die Demo­kra­tie, der aller­dings Tote gefor­dert hat­te. Ein Etap­pen­sieg für das Schei­tern des Put­sches. Die Husa­ren wur­den spä­ter nach Unna abge­scho­ben und von dort per Bahn zurück nach Pader­born transportiert.

Dass die Ebert-Regie­rung, gera­de wie­der im Amt, genau sol­che Trup­pen zurück­rief, um kurz dar­auf die »Rote Ruhr­ar­mee« in Pel­kum ver­nich­tend zu schla­gen, ist ihrer Ansicht geschul­det, dass die Haupt­ge­fahr für die Demo­kra­tie von links und nicht von rechts kom­me. Ein ver­häng­nis­vol­ler Feh­ler, wie die­ses Land leid­voll erfah­ren musste.