Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

60 Jahre Klassentreffen

Das Klas­sen­tref­fen mei­ner Ex-Klas­se zum 60. Jubi­lä­um des Abiturs im Som­mer 2021 war anders vor­ge­se­hen – aber manch­mal kommt das Leben eben nicht wie geplant daher. Der spitz­zün­gi­ge Tuchol­sky, mein uner­reich­ba­res sati­ri­sches Vor­bild, soll­te lei­der wie­der ein­mal recht behal­ten. Aber zuerst muss ich zum all­ge­mei­nen Ver­ständ­nis noch eini­ges zur Vor­ge­schich­te bemerken.

Nach dem Abitur an der Grei­zer »Theo­dor-Neu­bau­er-Ober­schu­le« woll­te ich unbe­dingt Leh­rer wer­den. Ich bin es gewor­den und habe das auch nie bereut. Als Vogt­län­der woll­te ich im nahen thü­rin­gi­schen Jena stu­die­ren, aber dort waren alle Stu­di­en­plät­ze bereits aus­ge­bucht. Nun war es in der DDR in sol­chen Fäl­len Usus, die Unter­la­gen an Ein­rich­tun­gen wei­ter­zu­rei­chen, deren Kapa­zi­tä­ten noch Spiel­raum hat­ten, und das war in Ber­lin erfreu­li­cher­wei­se der Fall.

1957 hat­te ich als 22-jäh­ri­ger mein Stu­di­um an der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät abge­schlos­sen und war gie­rig auf die Pra­xis. Die aller­dings ließ sich schwie­ri­ger an als gedacht, denn die Zuwei­sung einer Plan­stel­le in Ber­lin ver­zö­ger­te sich bis Ende August. Infol­ge der Päd­ago­gen­knapp­heit in den nörd­li­chen Land­stri­chen der DDR war ich für den Kreis Dem­min vor­ge­se­hen. Dage­gen war grund­sätz­lich auch nichts ein­zu­wen­den. Ich hat­te aber kurz zuvor – Ende Mai 57 – gehei­ra­tet, und mei­ne Frau war erstens Ber­li­ne­rin, zwei­tens Leh­re­rin, und drit­tens saß sie seit einem Jahr zufrie­den auf einer haupt­städ­ti­schen Plan­stel­le im Ber­li­ner »Pren­zel­berg«. Sie war nicht dazu bereit, dar­an etwas zu ändern, und bei­de waren wir nicht dar­an inter­es­siert, das jun­ge Glück auf ver­schie­de­ne Land­stri­che zu ver­tei­len. Nach ein wenig kader­po­li­ti­schem Hick­hack wur­de ich dar­auf­hin in die Ber­li­ner Ver­tre­ter­re­ser­ve katapultiert.

Zwei Tage vor Schul­jah­res­be­ginn wur­de ich per hand­schrift­li­chen Zet­tel im Brief­ka­sten – über einen Tele­fon­an­schluss ver­füg­ten wir damals nicht, und das Inter­net war ein Fremd­wort – zu einem Ein­stel­lungs­ge­spräch zum Direk­tor der KJS gela­den. Dass sich hin­ter dem Kür­zel »KJS« die Schul­form »Kin­der- und Jugend­sport­schu­le« ver­barg, eröff­ne­te sich für mich erst im Gespräch mit mei­nem zukünf­ti­gen Chef. Lei­der hat­te ich zum Sport ein eher gestör­tes Ver­hält­nis. Das lag dar­an, dass ich zu den Kin­dern gehör­te, die nach Kriegs­en­de dem Polio-Virus zum Opfer gefal­len waren, und zwar beim Schwimm­trai­ning. Das hat­te mei­ne sport­li­chen Ambi­tio­nen been­det, die Befrei­ung vom Sport­un­ter­richt bewirkt und zur lang­jäh­ri­gen ortho­pä­di­schen Betreu­ung geführt. Den­noch: Der Direk­tor erläu­ter­te mir die Auf­ga­ben der Schu­le und ent­schied sich kühn für mei­nen Einsatz.

So wur­de ich Klas­sen­lei­ter der Klas­se 9 B, die ich bis zum Abitur führ­te und in den Fächern Deutsch und Geschich­te unter­rich­te­te. Die­se Klas­se blieb in mei­nem Berufs­le­ben die ein­zi­ge, deren Ordi­na­ri­at ich betreu­te. Das ist wohl auch einer der Grün­de dafür, dass sie mir beson­ders ans Herz wuchs und dass wir Leh­rer und Schü­ler – mehr oder weni­ger – Freun­de wurden.

Die Klas­se bestand zwi­schen der 9 B und der 12 B aus maxi­mal 34 Schü­lern inklu­si­ve vor­zei­ti­ger Ab- und spä­te­rer Zugän­ge. Die KJS, 1954 gegrün­det, ver­än­der­te bis in die spä­te­ren »Wende«-Jahre ihr Pro­fil wesent­lich. War sie in den Anfangs­zei­ten noch eine »nor­ma­le« Schu­le für beson­ders sport­in­ter­es­sier­te und sport­ta­len­tier­te Schü­ler, pro­fi­lier­te sie sich in ver­schie­de­nen Teil­schrit­ten zur Bil­dungs­ein­rich­tung des Nach­wuchs­lei­stungs­sports und zur »Geheim­waf­fe« des Lei­stungs­sports in der Mittelgebirgsrepublik.

Die nähe­ren Umstän­de der Ober­schul­jah­re der 9 B bis 12 B waren in Ber­lin von fol­gen­den poli­ti­schen Umstän­den geprägt:

  1. a) Die Stadt litt noch stark unter den Kriegs­schä­den. Sowohl in der Stu­di­en­zeit als auch in den ersten Dienst­jah­ren nah­men wir noch an Ent­trü­m­me­rungs­ak­tio­nen teil und unter­stütz­ten die legen­dä­ren »Trüm­mer­frau­en«.
  2. b) Ber­lin trug nach Grün­dung der BRD und der DDR noch den Cha­rak­ter einer Vier-Sek­to­ren-Stadt, wobei der ehe­mals von sowje­ti­scher Ver­wal­tung bestimm­te Ost­sek­tor poli­tisch und ver­wal­tungs­tech­nisch als »Haupt­stadt der DDR« fun­gier­te. Das brach­te es mit sich, dass in den Ost­be­zir­ken ansäs­si­ge Ber­li­ner durch­aus in West­ber­li­ner Betrie­ben und Ver­wal­tun­gen ange­stellt sein konn­ten und mit der dort gül­ti­gen Wäh­rung ent­lohnt wur­den. Das ver­ur­sach­te Unge­rech­tig­keit und Unfrieden.
  3. c) Die Stadtteile/​Sektoren waren für jeder­mann frei zugäng­lich. Über die West­sek­to­ren Ber­lins voll­zog sich der Staa­ten­wech­sel von DDR-Bür­gern in die BRD. Das hat­te u. a. zur Fol­ge, dass bis­her im Osten täti­ge Fach­leu­te, auch Leh­rer, häu­fig über die Feri­en »abwan­der­ten« und die Unter­richts­pla­nung in den DDR-Schu­len ad absur­dum führten.

Aus den Absol­ven­ten »mei­ner« Klas­se gin­gen 6 Ärz­te, 12 Hoch­schul- und 6 Fach­schul­ab­sol­ven­ten bzw. Inge­nieu­re, 4 Leh­rer oder Trai­ner und 2 Hand­werks­mei­ster bzw. hand­werk­li­che Betriebs­lei­ter ins Berufs­le­ben. In den rest­li­chen Fäl­len sind die beruf­li­chen Abschlüs­se und Ori­en­tie­run­gen nicht bekannt. Par­al­lel zur Bil­dungs­ent­wick­lung pro­fi­lier­ten sich zwei Schü­ler der Klas­se in der Leicht­ath­le­tik und ein Schü­ler im Eis­kunst­lauf (Paar­lauf) auf dem inter­na­tio­na­len Sportparkett.

Wir woll­ten uns, wie schon so oft, auch zum 60. Jubi­lä­um des Abiturs auf die Spu­ren einer Klas­sen­fahrt bege­ben. Eine hat­te uns zu Schul­zei­ten über Naum­burg ins lite­ra­tur­klas­si­sche Wei­mar in die Wohn- und Schaf­fens­stät­ten von Goe­the, Schil­ler und Liszt geführt und in einem Schlen­ker über Rasten­berg und den Kyff­häu­ser zurück nach Ber­lin. An die­se kul­tur­hi­sto­ri­sche Fahrt woll­ten wir anknüp­fen, wenn auch nicht wie dun­nemals auf den holz­bank­be­stück­ten Lade­flä­chen von zwei LKW’s. Doch trotz aller ener­gi­schen Bemü­hun­gen der ehe­ma­li­gen Schü­le­rin Hei­di Kret­schmer, die sich in Jahr­zehn­ten zum unent­behr­li­chen guten Geist der Klas­sen­tref­fen ent­wickelt hat­te, wur­de dar­aus nichts. Vie­le Umstän­de vor Ort – Coro­na-beding­te Zugangs­be­schrän­kun­gen – blie­ben unge­klärt. Aber aus­fal­len soll­te das Jubi­lä­um nicht! An die Stel­le der mehr­tä­gi­gen Rei­se trat ein fröh­li­cher Nach­mit­tag auf dem luf­ti­gen Anwe­sen des Ex-Schü­lers Gerd in Alt­lands­berg, dem gemein­sam mit Hei­di der Titel »Ver­dien­te Klas­sen­tref­fen­ret­ter 2021« ver­lie­hen wurde.

Ich bin im Lau­fe mei­nes Leh­rer­da­seins und auch danach nicht sel­ten zu Klas­sen­tref­fen ein­ge­la­den wor­den. Sie erstreck­ten sich von Gast­stät­ten­be­geg­nun­gen über Feten in pri­va­ten Fei­er­stät­ten (in Woh­nun­gen oder Gär­ten von Schü­lern oder Leh­rern), von Stadt­füh­run­gen (Wei­mar, Alt­lands­berg, Wer­ni­ge­ro­de, Güstrow) bis zu Tref­fen in Schu­len oder bei Sport- und Kul­tur­er­eig­nis­sen Doch das, was die 9 B bis- 12 B noch 60 Jah­re nach dem Abi ver­bin­det, ist unver­gleich­bar und ein­ma­lig, und dafür kann ich mich nur bedanken.