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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Im Gespräch Entspring den Haftbanden

Peter Arlt ist eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Kunst­ge­schich­te-Kunst­theo­rie der Uni­ver­si­tät Erfurt sowie Kura­tor und Kata­log­au­tor für zahl­rei­che Aus­stel­lun­gen. Das Gespräch für Ossietzky führ­te die in Korinth leben­de Publi­zi­stin Eli­sa­beth Voss.

O.: Die Posi­tio­nen zum Rea­lis­mus stellt in Mer­se­burg ein Kol­lo­qui­um zur Dis­kus­si­on. Grund­la­ge dafür ist die Aus­stel­lung »Mer­se­bur­ger Sprü­che & Sprün­ge. Hom­mage auf den Rea­lis­mus« in der Wil­li-Sit­te-Gale­rie, deren Kura­tor Sie sind. Nach der Bespre­chung von Maria Michel (Ossietzky 15/​2021) wür­de ich den Rea­lis­mus-Begriff und die Hom­mage auf den Rea­lis­mus hinterfragen.

PA: Hom­mage soll nicht bedeu­ten, wie bei toten Genies etwas Ver­gan­ge­nem zu hul­di­gen. Wir wol­len zei­gen, wie lebens­voll der Rea­lis­mus ist, des­sen Kunst wir in der Aus­stel­lung ins Gedächt­nis rufen wol­len. Dazu muss die rea­li­sti­sche Kunst, der ersten Zau­ber­for­mel der »Mer­se­bur­ger Zau­ber­sprü­che« gleich, den Haft­ban­den und Gän­gel­bän­dern des Kunst­han­dels und der Kunst­po­li­tik ent­kom­men. Jeder will sei­nen Spruch im eige­nen Sinn und Stil frei ent­fal­ten und ihn den viel­fäl­ti­gen Sprü­chen der Rea­lis­mus-Gemein­schaft beifügen.

O: Und zu den Sprü­chen kom­men noch Sprünge?

PA: Voll mosa­ik­ar­ti­ger Schön­heit und kunst­vol­ler Bewe­gung zeigt Elrid Metz­kes in ihrem Gobe­lin, wie mit kunst­fer­ti­gem Sprin­gen und Rad­schla­gen ein Wirk­lich­keits­mo­tiv sinn­bild­lich zur Kunst erho­ben wird, im Sin­ne eines Apho­ris­mus´ von Franz Marc: »erkennt, mei­ne Freun­de, was Bil­der sind: das Auf­tau­chen an einem ande­ren Ort.«

O: Was umfasst der Rea­lis­mus der Mer­se­bur­ger Ausstellung?

PA: Das Aus­stel­lungs­kon­zept folgt einer gemal­ten Lebens­uhr, deren Zei­ger auf ver­schie­de­ne Lebens­zei­ten deu­ten. Das sind mil­lio­nen­fa­che gemein­sa­me mensch­li­che Erfah­run­gen, wie Geburt, Kind­heit, Essen, Schla­fen, Ler­nen, Arbeit, Erho­lung; Lie­be, Abnei­gung und Hass; Gewalt und Krieg; Krank­heit, Lei­den und Tod; Elend und gemein­schaft­li­cher Luxus, Auf­bruch zum Hori­zont und Absturz; der Ein­zel­ne in der Gesell­schaft und in der Natur mit Land­schaf­ten, Pflan­zen und Tie­ren. Alle Erfah­run­gen wer­den von unzäh­li­gen Sujets erfasst, wie die poe­sie­vol­le Atmo­sphä­re und der far­bi­ge Reich­tum von Land­schaf­ten oder bei den Lie­bes­bil­dern die nack­te Haut als ein Geschmei­de oder der Kubus der Toten­köp­fe und die zer­schos­se­nen Lei­ber, die Schmach und Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl for­dern, oder die Fer­kel-Pie­ta eine Ethik der Lebens­be­wah­rung. Alle Lebens­be­rei­che der Rea­li­tät wer­den im Rea­lis­mus unmit­tel­bar sinn­lich ange­eig­net, so wird er eine demo­kra­ti­sche, ega­li­tä­re Kunst. Aber gegen die eng­ge­führ­te Mei­nung, dass die Kunst aus­schließ­lich in der Wie­der­ga­be von Din­gen bestehen soll, die der Künst­ler sehen und füh­len kann, wider­sprach dem Wil­len, zur Wahr­heit vor­zu­sto­ßen. Rea­lis­mus beschränkt sich nicht auf die unmit­tel­ba­re sinn­li­che Aneig­nung der Rea­li­tät, son­dern bringt eine gestal­t­haf­te Zei­chen­fin­dung hervor.

O: Das Kol­lo­qui­um stellt sicher die Erwei­te­rung des Rea­lis­mus zur Diskussion.

PA: Alle Künst­ler suchen nach gestal­t­haf­ter Zei­chen­fin­dung in eige­ner künst­le­ri­scher Form. In der »Bal­lett­stu­die« Sit­tes grei­fen mit ero­ti­scher Anmut die orga­ni­schen Bewe­gun­gen der Tän­ze­rin über sich, die schwung­vol­len Glie­der in simul­ta­ner Mehr­fach­be­we­gung spren­gen fast die Gren­zen, aber blei­ben mit natür­li­chen For­men in dem mensch­li­chen Kreis der Vitru­via­ni­schen Figur. Dage­gen maßt sich der Mensch in Joa­chim Kuhl­manns »Ana­to­mie­stu­di­en« an, die Natur zu kor­ri­gie­ren, zu ver­bes­sern oder gar neu herzustellen.

Ingo Arnolds Text­bild steht im Metrum der Musik und in der Metrik der Vers­kunst. Das Bild­li­che zeigt nicht direkt Wirk­lich­keit, son­dern asso­zi­iert die­se in einem syn­äs­the­ti­schen Wech­sel­spiel. Das geschrie­ben-gezeich­ne­te Klang­ge­dicht Ingo Arnolds hebt mit der Dia­lek­tik asia­ti­scher Phi­lo­so­phie ein Text­bild zu einem unge­wöhn­li­chen rea­li­sti­schen Bild. Und beim Gra­fi­ker Heinz Trö­kes bil­den alle ele­men­ta­ren gra­fi­schen Struk­tu­ren fan­ta­sie­reich, kon­tra­st­voll und sub­lim die kom­ple­xe Viel­falt des Uni­ver­sums wie in einer gra­fi­schen Weltformel.

O: Frü­her kri­ti­sier­te man dies als »Aus­ufe­rung«. Was ist Rea­lis­mus im Kern wirklich?

PA: Rea­lis­mus hält das Vor­über­ge­hen­de fest. Trotz­dem ist er nicht die Prä­senz der Wirk­lich­keit, son­dern die Reprä­sen­tanz in gestal­t­haf­ten Bild­zei­chen. Den­noch gewin­nen die Wer­ke ihre Emo­ti­on vor allem mit sinn­li­cher Prä­senz. Dadurch wird die all­ge­mei­ne Kunst zur rea­li­sti­schen Kunst. Der Rea­list arbei­tet mit allen Mit­teln, um an die Rea­li­tät her­an­zu­kom­men. Er will, nach Ber­tolt Brecht, sehen, wie die Din­ge und Ver­hält­nis­se wirk­lich sind. Die Form ver­langt ein Mate­ri­al. Wir grif­fen dazu nicht auf die seit lan­gem über­hand­neh­men­den Medi­en, wie Video oder Instal­la­ti­on oder Aktio­nen, son­dern kon­zen­trier­ten und beschränk­ten uns auf die Medi­en Male­rei, Gra­fik, Fotos, Gobe­lins und Pla­stik, die wir in der Aus­stel­lung sehen und genie­ßen kön­nen. Bald­win Zettl war neu über­rascht, »die hand­werk­li­chen Ver­schie­den­hei­ten zu sehen und wie die­se nur ein Ziel anstre­ben: mit den Mit­men­schen in Berüh­rung zu kommen«.

O: Wird Rea­lis­mus somit vom spi­ri­tu­el­len Sinn bestimmt?

PA: »Das Sinn­bild ist das eigent­li­che Ziel − das Bild als Meta­pher für mei­ne Welt­erfah­rung«; so bestimmt Uwe Pfei­fer sei­nen Rea­lis­mus. In der Tag­traum-Fol­ge füh­ren pro­fa­ne Moti­ve zu Meta­phern. Über die Aus­gra­bungs­stät­te, eine schma­le Gren­ze ver­gan­ge­ner Kul­tur zur Gegen­wart, segelt eine Stadt­tau­be, ihr Schat­ten glei­tet über Grä­ber und gebie­tet Ein­halt und Besin­nen über die Ver­gäng­lich­keit des mensch­li­chen Lebens.

O: Wel­chen Wunsch haben Sie?

PA: Für den Rea­lis­mus besteht eine Zukunfts­po­tenz, wenn sie das Schö­ne und Lobens­wer­te preist und mit kri­ti­schem Poten­ti­al auf das Miss­lun­ge­ne zeigt, bis hin zum Infra­ge­stel­len des poli­ti­schen Systems. Ein Besu­cher behaup­te­te, dass der ver­min­der­te Stand der All­ge­mein­bil­dung Nach­wach­sen­der und mate­ri­el­le Begehr­lich­kei­ten die einst aner­kann­te ideel­le Basis im Mit­ein­an­der ver­drän­gen und sich vie­le Zugangs­bar­rie­ren erge­ben. Schön wäre es, sagen zu kön­nen, die Ein­schät­zung, der Rea­lis­mus ist dem Leben des Vol­kes nahe, leuch­te­te dem Vol­ke selbst ein.

Kol­lo­qui­um, 5. Novem­ber, 14-17 Uhr, Wil­li Sit­te-Gale­rie, Mer­se­burg, Dom­stra­ße 15.