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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kein Frieden für Palästina

Was wir gemein­hin als »Nah­ost­kon­flikt« bezeich­nen, ist schlicht ein gro­ßes Ver­bre­chen. Es wird tref­fen­der mit Sied­ler­ko­lo­nia­lis­mus, eth­ni­scher Säu­be­rung, Apart­heid und per­ma­nen­tem Krieg umschrie­ben. Wem aber bei die­sen Begrif­fen eher der Vor­wurf der Ein­sei­tig­keit und des Anti­se­mi­tis­mus als das Ein­ge­ständ­nis der ver­wei­ger­ten Mit­ver­ant­wor­tung in den Sinn kommt, der lese das Buch von Hel­ga Baum­gar­ten. Die Autorin war von 1993 bis 2020 Dozen­tin an der Bir­zeit Uni­ver­si­tät und kennt die histo­ri­sche Ent­wick­lung und aktu­el­le Zuspit­zung die­ses lan­gen Krie­ges aus ihrer lang­jäh­ri­gen Arbeit vor Ort. Es gibt immer nur eine Wahr­heit, aber stets meh­re­re Per­spek­ti­ven und Inter­pre­ta­tio­nen, die je für sich den Anspruch auf Wahr­heit erhe­ben. Die Per­spek­ti­ve die­ses Buches ist die der Palä­sti­nen­ser, die die Autorin authen­tisch ver­tre­ten kann. Sie ist daher unbe­schwert von den Lasten der deut­schen Erin­ne­rungs­kul­tur, die erst jede Aus­sa­ge in den Untie­fen unse­rer Geschich­te prü­fen muss, bevor sie sie in die Öffent­lich­keit entlässt.

Die Dar­stel­lung geht in fünf Kapi­teln den Weg der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Juden und Palä­sti­nen­sern von der Grün­dung des israe­li­schen Staa­tes 1948 über die Okku­pa­ti­on des West­jor­dan­lan­des und des Gaza­strei­fens 1967, die erste Inti­fa­da 1987 und den Oslo-Pro­zess 2003, die Wah­len zwi­schen 2004 und 2006 mit dem Auf­stieg der Hamas bis zum anschlie­ßen­den lan­gen Krieg gegen Gaza bis heu­te. Die Autorin hat es sich zur Auf­ga­be gemacht, die­sen für die Palä­sti­nen­se­rin­nen und Palä­sti­nen­ser so bit­te­ren Weg, die unstrei­ti­gen Fak­ten der Besat­zung, von dem Fil­ter des »Exi­stenz­rechts Isra­els« und der »beson­de­ren Ver­ant­wor­tung Deutsch­lands« zu befrei­en und als das zu zei­gen, was sie sind: per­ma­nen­te Gewalt und Krieg. Die Gewalt der Palä­sti­nen­ser, die Selbst­mord­at­ten­ta­te und Rake­ten, sind immer nur die Ant­wort auf die­se all­ge­gen­wär­ti­ge, stän­dig pro­vo­zie­ren­de Gewalt der Besatzung.

So im Mai 2021, mit dem das Buch beginnt. Die will­kür­li­che Schlie­ßung des Damas­kus-Tores, die kon­stan­ten Pro­vo­ka­tio­nen auf dem Haram-Ash-Scha­rif wäh­rend des Rama­dans und die dro­hen­de Ver­trei­bung palä­sti­nen­si­scher Fami­li­en im Stadt­teil Scheikh Jar­rah waren der Anfang. Dadurch eska­lier­ten die Span­nun­gen und ver­an­lass­ten schließ­lich die Hamas, Isra­el ein Ulti­ma­tum zu stel­len, die Gewalt zu stop­pen, den Haram zu ver­las­sen und die Ver­trei­bung der Fami­li­en zu unter­las­sen. Erst als die Regie­rung das Ulti­ma­tum zurück­wies, wur­de am 10. Mai aus Gaza geschos­sen. Die Reak­ti­on war furcht­bar und abso­lut unver­hält­nis­mä­ßig. Ohne Rück­sicht auf Wohn­häu­ser, Kran­ken­häu­ser, Schu­len und Moscheen wur­de Gaza wie­der in ein Trüm­mer­feld ver­wan­delt: über 250 Tote, fast 200 Ver­letz­te. Der maß­lo­se Angriff basier­te auf der soge­nann­ten Dahi­ya-Dok­trin, die Gene­ral Eisen­kot im Liba­non-Krieg ent­wickelt hat­te, und seit­dem die Exzes­se aller Krie­ge seit 2008/​2009 bestimm­te. Sie for­dert die Anwen­dung unver­hält­nis­mä­ßi­ger Gewalt und die Zer­stö­rung der zivi­len Infra­struk­tur, um ihre Nut­zung durch Mili­tan­te zu ver­hin­dern. In Ver­bin­dung mit der seit 1986 gül­ti­gen sog. Han­ni­bal-Direk­ti­ve, die es den israe­li­schen Sol­da­ten erlaubt, bei einem Ver­dacht auf Ent­füh­rung oder Tötung eines Sol­da­ten alles rigo­ros zu zer­stö­ren, was im Wege steht, und jeden zu erschie­ßen, der sich ihnen ent­ge­gen­stellt, ist dies ein System, wel­ches nicht nur die Autorin zurecht als Staats­ter­ror bezeichnet.

Bereits Jeff Hal­per hat in Coun­ter­punch 2014 dar­auf hin­ge­wie­sen, dass in all die­sen Krie­gen das Völ­ker­recht nicht nur kei­ne Rol­le spielt, son­dern bewusst ver­letzt wird, und die Autorin betont es noch ein­mal. Die Palä­sti­nen­ser wer­den gleich­sam als Ver­suchs­ka­nin­chen der »Anpas­sung« des Völ­ker­rechts an die israe­li­sche Kriegs­pra­xis und der Befrei­ung von allen Restrik­tio­nen des huma­ni­tä­ren Völ­ker­rechts benutzt, um gleich­zei­tig jeg­li­chen Wider­stand zu dele­gi­ti­mie­ren. Die­se Art des »law­fa­re« umschreibt David Reis­ner in der Rechts­ab­tei­lung der israe­li­schen Armee, den die Autorin zitiert: »Wenn man etwas lan­ge genug macht, wird die Welt es schließ­lich akzep­tie­ren. Inter­na­tio­na­les Recht heu­te basiert dar­auf, dass etwas, was heu­te ver­bo­ten ist, mor­gen erlaubt ist, wenn es nur genug Staa­ten gemacht haben. (…) Inter­na­tio­na­les Recht ent­wickelt sich durch Ver­let­zun­gen eben die­ses Rech­tes. Wir erfan­den die The­se von den ›geziel­ten Tötun­gen‹, und wir muss­ten sie durch­set­zen. Acht Jahr spä­ter steht sie im Zen­trum des­sen, was als legal akzep­tiert ist. (…) Je öfter west­li­che Staa­ten die Prin­zi­pi­en, die in Isra­el ent­wickelt wur­den, selbst in ihren nicht-tra­di­tio­nel­len Kon­flik­ten in Orten wie in Afgha­ni­stan oder im Irak anwen­den, desto grö­ßer ist die Chan­ce, dass die­se Prin­zi­pi­en ein wert­vol­ler Teil inter­na­tio­na­len Rechts wer­den« (S. 162). Abge­se­hen davon, dass die »geziel­ten Tötun­gen« abso­lut nicht als legal akzep­tiert sind, ist die­se zyni­sche Vari­an­te des israe­li­schen »law­fa­res« nur ein Bei­spiel des Völ­ker­rechts­ni­hi­lis­mus, der die gesam­te Besat­zungs- und Kriegs­po­li­tik gegen die Palä­sti­nen­ser kennzeichnet.

Heu­te zwei­felt nie­mand mehr dar­an, dass der Oslo-Pro­zess geschei­tert ist, und die Autorin zeigt auf, dass dies von Anfang an in den Ver­trä­gen ange­legt war. Eine Aner­ken­nung des palä­sti­nen­si­schen Rechts auf Selbst­be­stim­mung fehlt eben­so wie die Aner­ken­nung eines Rechts auf einen eige­nen Staat. Ein palä­sti­nen­si­scher Staat wird mit kei­nem Wort erwähnt, eben­so wenig eine Per­spek­ti­ve für die Been­di­gung der Besat­zung. Nur eine Inte­rim-Selbst­re­gie­rungs­au­to­ri­tät wird den Palä­sti­nen­sern zuge­stan­den, bis nach fünf Jah­ren eine per­ma­nen­te Lösung gefun­den wer­den soll­te. Was dar­aus wur­de, war vor­aus­zu­se­hen, denn wäh­rend der Jah­re der Ver­hand­lun­gen ging der Bau der israe­li­schen Sied­lun­gen und der Land­raub unver­min­dert wei­ter. Dazu hin­ter­ließ Yasir Ara­fat in einem Brief an Yitzak Rabin der PLO eine schwe­re Hypo­thek, die den Zer­fall der poli­ti­schen Auto­ri­tät sei­nes Nach­fol­gers Mah­mut Abbas und den Auf­stieg der Hamas wesent­lich mit­be­stimm­te: »Die PLO gibt den Ter­ro­ris­mus und ande­re Akte der Gewalt auf und über­nimmt Ver­ant­wor­tung über alle Ele­men­te und Per­so­nen in der PLO, um zu gewähr­lei­sten, dass sich die­se an die ein­ge­gan­ge­nen Ver­pflich­tun­gen der PLO hal­ten, um jede Ver­let­zung die­ser Abma­chun­gen zu ver­hin­dern, und zur Dis­zi­pli­nie­rung aller, die dem zuwi­der­han­deln« (S. 94). Er bot damit den Israe­lis die PLO als Poli­zei­trup­pe für die Sicher­heit ihrer Besat­zungs­macht an und berei­te­te den Weg für die Koope­ra­ti­on der Geheim­dien­ste auf bei­den Sei­ten, die bis heu­te anhält.

Seit dem über­le­ge­nen Sieg der Hamas über die Fatah in den Lokal­wah­len 2004 und dem eben­so kla­ren Sieg 2006 im Gaza­strei­fen ist die Hamas ein domi­nan­ter Fak­tor in der palä­sti­nen­si­schen Poli­tik. Die Autorin hat sich schon in ihren vor­an­ge­hen­den Ver­öf­fent­li­chun­gen um eine Ent­dä­mo­ni­sie­rung der Hamas bemüht, die sich unse­re Poli­tik und Medi­en mit ver­bis­se­ner Stur­heit als »radi­kal­is­la­mi­sche Ter­ror­grup­pe« vom Hals und aus der poli­ti­schen Rea­li­tät hal­ten wol­len. Auch in ihrem neu­en Buch wird plau­si­bel, wes­we­gen die »aus­ge­zeich­ne­te Arbeit« der Hamas ihr einen sol­chen Rück­halt nicht nur in Gaza, son­dern auch in der West­bank ver­schafft. In den Wor­ten aus­län­di­scher Diplo­ma­ten: »Die Stadt­ver­wal­tun­gen der Hamas funk­tio­nie­ren sehr gut, die Arbeits­ethik hat sich dra­ma­tisch ver­bes­sert. Bür­ger­mei­ster spre­chen die Bür­ger an und küm­mern sich um deren Belan­ge und Sor­gen (…). Und sie ver­su­chen, effi­zi­en­te Dienst­lei­stun­gen anzu­bie­ten« (S. 114). Offen­sicht­lich braucht der irra­tio­na­le Isra­el-Dis­kurs der deut­schen Staats­rä­son ein der­ar­ti­ges irra­tio­na­les Feind­bild, wel­ches in den sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jah­ren die Fatah, danach die PLO und jetzt die Hamas lie­fern muss.

Der »Wider­stand« im Titel des Buches nimmt im Schluss­ka­pi­tel nur einen schma­len Raum ein. Was gibt es auch zu berich­ten? Demon­stra­tio­nen gegen das »Abbas-Regime« in Ramal­lah. Die BDS-Bewe­gung, die inzwi­schen von der gesam­ten palä­sti­nen­si­schen Zivil­ge­sell­schaft unter­stützt wird und am 18. Mai 2021 zum ersten Mal seit 1948 zu einem das gan­ze histo­ri­sche Palä­sti­na umfas­sen­den Streik geführt hat. Ihr »Mani­fest für Wür­de und Hoff­nung – Inti­fa­da der Ein­heit« signa­li­siert zumin­dest, dass »die letz­ten paar Mona­te eine neue palä­sti­nen­si­sche Iden­ti­tät geschmie­det« haben, wie es Haa­retz for­mu­liert. Das macht zwar den näch­sten hei­ßen Krieg wahr­schein­li­cher als den Rück­zug der israe­li­schen Trup­pen aus den wider­recht­lich besetz­ten Gebie­ten. Aber es zeigt auch, dass Isra­el nicht mit der Resi­gna­ti­on der unter­drück­ten Bevöl­ke­rung rech­nen kann, die ihre Hei­mat nicht frei­wil­lig ver­las­sen wird.

»Kein Frie­den für Palä­sti­na« erin­nert im Titel zwar an das Stan­dard­werk »Kein Frie­den um Isra­el« von Wal­ter Hollstein im sel­ben Ver­lag. Es ist aber von ganz ande­rer Art als die­ses uner­reich­te Kom­pen­di­um des Palä­sti­na-Isra­el-Kon­flikts. Es ist eine gro­ße Flug­schrift gegen das Unrecht, wel­ches der ara­bi­schen Bevöl­ke­rung seit der Grün­dung des jüdi­schen Staa­tes und der Expan­si­on sei­ner Sied­lun­gen ange­tan wird. Es ist eine Streit­schrift gegen die herr­schen­de Bericht­erstat­tung und ihre ver­zer­ren­de Histo­rio­gra­fie. Es ist aktu­ell, klar und ohne Win­dun­gen, kennt­nis­reich und gut zu lesen. Wer über den »Nah­ost­kon­flikt« redet, soll­te es lesen.

Hel­ga Baum­gar­ten: Kein Frie­den für Palä­sti­na: Der lan­ge Krieg gegen Gaza. Besat­zung und Wider­stand, Pro­Me­dia-Ver­lags­ge­sell­schaft, Wien 2021, 191 S., 19,90 .