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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Rundköpfe und die Spitzköpfe

Die neue Ber­li­ner Thea­ter­sai­son beginnt in die­sem Herbst viel­ge­stal­tig. Der Spiel­plan kün­digt gleich drei Neu­in­sze­nie­run­gen von Brecht-Stücken an. Gleich­sam als Kon­trast zu den Neu­auf­füh­run­gen der »Drei­gro­schen­oper« am BE und von »Auf­stieg und Fall der Stadt Maha­gon­ny« in der Komi­schen Oper berei­chert das SiDat, das Simon Dach Pro­jekt­thea­ter in Fried­richs­hain das Reper­toire der haupt­städ­ti­schen Thea­ter­sze­ne mit Brechts gesell­schafts­kri­ti­schem Stück »Die Rund­köp­fe und die Spitz­köp­fe oder Reich und Reich gesellt sich gern«. Musik Hanns Eisler.

Wäh­rend sich Bar­rie Kos­kys Neu­in­sze­nie­rung der »Drei­gro­schen­oper« um ori­gi­nel­le Zugän­ge jen­seits der sei­ner Mei­nung nach »abge­grif­fe­nen Kapi­ta­lis­mus­kri­tik« gefällt, erle­ben wir in der von Peter Wit­tig prä­sen­tier­ten Para­bel zupacken­des poli­ti­sches Thea­ter. Mit den Mit­teln eines mit Clow­ne­rien und Gro­tes­ken dar­ge­bo­te­nen Spiels ent­fal­tet sich die bis­si­ge schwar­ze Komö­die, in der dem­ago­gi­sche Machen­schaf­ten und Ver­füh­run­gen von Men­schen in Kri­sen­zei­ten lust­voll vor­ge­führt werden.

Shake­speares »Maß für Maß« als Vor­la­ge nut­zend, hat­te Ber­tolt Brecht das Stück 1932-34 im däni­schen Exil geschrie­ben. Vor dem Hin­ter­grund der Zeit­er­eig­nis­se, bestimmt von der erstar­ken­den faschi­sti­schen Bewe­gung in Deutsch­land, schrieb er ein zwi­schen Lehr­stück und Doku­men­tar­thea­ter chan­gie­ren­des Stück, in dem es um mani­pu­la­tiv ein­ge­setz­te Maß­nah­men zur Sta­bi­li­sie­rung von gesell­schaft­li­chen Macht­ver­hält­nis­sen mit den Mit­teln völ­ki­scher Paro­len und der Zuwei­sung von Sün­den­böcken geht.

In den fol­gen­den Jah­ren mehr­fach bear­bei­tet, wur­de das Stück 1936 in Kopen­ha­gen urauf­ge­führt. Beglei­tet von Hanns Eis­lers ein­gän­gi­gen Bal­la­den soll­te die Gesell­schafts­kri­tik um Auf­stieg und Herr­schafts­me­cha­nis­men des Hit­ler­re­gimes nach Brechts Vor­stel­lun­gen spie­le­risch und ele­gant als »Gräu­el­mär­chen« anti­de­mo­kra­ti­scher Machen­schaf­ten dar­ge­bo­ten werden.

In der Alten Feu­er­wa­che im Kul­tur­haus Fried­richs­hain, etwas abseits vom gro­ßen Ber­li­ner Thea­ter­be­trieb, kann man die­se neue Brecht-Adap­ti­on nun anse­hen. Das Publi­kum sitzt in der Stu­dio­büh­ne an klei­nen run­den Tischen. Vor Spiel­be­ginn begrüßt der als Zir­kus­di­rek­tor daher­kom­men­de Regis­seur das Publi­kum, indem er ganz im Sin­ne Brechts ein­lädt, dem Büh­nen­ge­sche­hen ent­spannt zu fol­gen, wenn schon nicht rau­chend, so aber nach Gusto mit einem Glas Wein. Die Büh­ne ist als Guck­ka­sten mit schwar­zem Tuch aus­ge­schla­gen. An den Sei­ten­wän­den hän­gen ver­schie­de­ne Hüte und ande­re Utensilien.

Fünf Schau­spie­le­rin­nen und sie­ben Schau­spie­ler kom­men in unter­schied­lich hell­braun gefärb­ten Latz­ho­sen und Rin­gelstrümp­fen auf die Büh­ne. Ihr Spiel beginnt mit einem sinn­fäl­li­gen Bild. Unter einem zer­ris­se­nen Regen­schirm ste­hend, kün­di­gen die Staats­len­ker eines Fan­ta­sie­lan­des einen Poli­tik­wan­del an. Der Staat Jahoo steht am Ran­de des Zusam­men­bruchs. Die Sche­re zwi­schen arm und reich wird immer grö­ßer. Es herrscht Über­pro­duk­ti­on bei den Pacht­her­ren, und die Päch­ter sind zuneh­mend zah­lungs­un­fä­hig. Unter dem revo­lu­tio­nä­ren Zei­chen der Sichel for­mie­ren sie sich zu einem Auf­stand gegen die Verpächter.

Dar­auf­hin kom­men Vize­kö­nig und Staats­rat über­ein, zur Ret­tung des Staa­tes den skru­pel­los emo­ti­ons­los agie­ren­den Polit­stra­te­gen Ange­lo Ibe­rin (Anne Sophie Schlei­cher) um Hil­fe zu rufen und ihn mit den Staats­ge­schäf­ten zu betreu­en. Rasch ent­puppt er sich als Mario­net­te der Kapi­tal­in­ter­es­sen. Sein Trick: Die sozia­le Ungleich­heit wird abge­schafft und durch bio­lo­gisch begrün­de­te Unter­schei­dung ersetzt. Die Bewoh­ner Jahoos wer­den nicht mehr in arm und reich klas­si­fi­ziert, son­dern auf­grund ihrer Phy­sio­gno­mie in Rund- und Spitz­köp­fe ein­ge­teilt. Die Spitz­köp­fe wer­den als »frem­de Ele­men­te« gebrand­markt und zu Sün­den­böcken der all­seits emp­fun­de­nen Mise­re erklärt. Dazu prä­sen­tiert sich Ibe­rin wir­kungs­voll als sozia­ler Hoff­nungs­trä­ger und Freund der »armen Leute«.

Die unheil­vol­le Saat geht auf. Schließ­lich gehen die zwei bis­her fried­lich koexi­stie­ren­den Bevöl­ke­rungs­grup­pen – die Tschu­chen und die Tschi­chen – auf­ein­an­der los, indem sie sich gegen­sei­tig den Hut vom run­den oder spit­zen Kopf rei­ßen. Die auf­säs­si­gen Päch­ter wol­len oben und unten end­lich abschaf­fen. Die Pacht­her­ren aber stre­ben danach, ihre Pri­vi­le­gi­en zu erhal­ten und die revol­tie­ren­de Bewe­gung der Päch­ter zu spalten.

Mit sicht­ba­rer Spiel­freu­de führt das Ensem­ble in ver­schie­de­nen, wech­seln­den Rol­len das Pan­ora­ma gesell­schaft­li­cher Exi­stenz- und Ver­hal­tens­wei­sen vor. Die Klein­bür­ger Frau Cor­na­mon­tis, Frau Toma­so, Herr Pal­mo­sa und Herr Call­amas­si erhof­fen sich von den neu­en Macht­ver­hält­nis­sen die Ver­bes­se­rung ihrer sozia­len Posi­ti­on. Der tschi­chi­sche Pacht­herr de Guz­man hat mit der in einem Bor­dell arbei­ten­den Toch­ter des Päch­ters Nan­na ein Ver­hält­nis. Er wird von Ibe­rin vor Gericht gebracht und zum Tode ver­ur­teilt. Der als Rund­kopf auf­tre­ten­de Päch­ter Cal­las klagt sein Recht gegen den Pacht­herrn, einen Spitz­kopf, vor Gericht ein. Er hält die neue Ras­sen­leh­re für ein gerech­tes Mit­tel, sei­ne eige­ne sozia­le Posi­ti­on zu ver­bes­sern. Gleich­zei­tig ver­brei­tet Iberins Söld­ner­trup­pe Angst und Schrecken. Weil die in der auf­stän­di­schen Bewe­gung ver­ein­ten Sichel­leu­te im Bür­ger­krieg zunächst die Regie­rungs­trup­pen beherr­schen, fürch­ten die Pacht­her­ren um ihre Exi­stenz und ersin­nen Fin­ten, das Blatt zu wen­den. Ein Päch­ter kann in einen mit Stahl­helm und kugel­si­che­rer Weste aus­ge­stat­te­ten Söld­ner ver­wan­delt werden.

Dank Iberins »Gewalt­kur« scheint die Kri­se des Staats über­wun­den. Die alten Macht­ver­hält­nis­se sind wie­der her­ge­stellt. Guz­man kommt frei und Ibe­rin, der die Macht sichern half, wird als unter­ge­ord­ne­ter Staats­die­ner wei­ter beschäf­tigt. Am Ende ver­sam­melt man sich wie­der unter dem zer­fled­der­ten Regen­schirm. Das Publi­kum wird ani­miert, die als »alter­na­tiv­los« dar­ge­stell­ten Vor­gän­ge zusam­men mit den Spie­lern zu »ent­zau­bern«.

Die hand­lungs­be­glei­ten­den Songs und Bal­la­den von Hanns Eis­ler geben dem Abend eine beson­de­re Note (musi­ka­li­sche Lei­tung Uwe Streibel). Das »Lied von der bele­ben­den Wir­kung des Gel­des«, das anrüh­ren­de »Nan­nas Lied«, in dem »Gott sei Dank« alles schnell vor­über geht, »auch die Lie­be und der Kum­mer sogar«, oder die sozi­al­kri­ti­sche »Bal­la­de vom Was­ser­rad«, in dem die gesell­schaft­li­chen Bewe­gun­gen immer wie­der durch­mischt wer­den, »bis das Rad sich nicht mehr wei­ter dreht, wenn das Was­ser end­lich mit befrei­ter Stär­ke sei­ne eige­ne Sach betreibt«, blei­ben im Ohr und im Kopf.

Die War­nung: »weh­ret den Anfän­gen« soll­te ange­sichts der deut­li­chen Kri­sen­er­schei­nun­gen in den heu­ti­gen demo­kra­ti­schen Gesell­schaf­ten als Bot­schaft des Abends gehört werden.