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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ferdinand Hodler und die Berliner Moderne

Der Schwei­zer Maler Fer­di­nand Hod­ler eine »Ber­li­ner Grö­ße«?, frag­te Ste­fa­nie Heck­mann, Kura­to­rin der Hod­ler-Aus­stel­lung in der Ber­li­ni­schen Gale­rie, und ver­wies auf die viel­fäl­ti­gen Bezie­hun­gen, die die­sen mit der Ber­li­ner Kunst­sze­ne ver­bun­den haben. Selbst schon ein gefei­er­ter Künst­ler, der in Paris, Mün­chen, Wien Auf­trä­ge erhielt und zu Aus­stel­lun­gen ein­ge­la­den wur­de, stell­te er zwar bereits 1898 und 1905 in Ber­lin aus, aber erst 1911 – nun hat­te der Expres­sio­nis­mus in Ber­lin Fuß gefasst – bekam er sei­ne erste gro­ße Ein­zel­schau im Kunst­sa­lon Paul Cas­si­rer. Die anfäng­li­che Skep­sis gegen­über Hod­lers sym­bo­li­sti­scher Figu­ren­ma­le­rei schlug bald in enthu­sia­sti­sche Aner­ken­nung um. Beson­ders enga­gier­te sich Her­warth Wal­den in sei­ner Zeit­schrift Sturm für ihn. Weil Hod­ler unmit­tel­bar nach Beginn des Ersten Welt­krie­ges zusam­men mit ande­ren Künst­lern und Intel­lek­tu­el­len in Genf einen Pro­test gegen die Beschie­ßung der Kathe­dra­le von Reims durch deut­sche Trup­pen unter­schrieb, schlug ihm in Deutsch­land eine Wel­le der Ent­rü­stung ent­ge­gen. Doch gegen Kriegs­en­de – Hod­ler ver­starb 1918 – geriet er wie­der in den Focus des Inter­es­ses. Über vier­zig Mal war er zu Leb­zei­ten auf Aus­stel­lun­gen von Künst­ler­ver­ei­ni­gun­gen und Kunst­hand­lun­gen in Ber­lin vertreten.

An exem­pla­ri­schen Wer­ken wird jetzt in der Aus­stel­lung »Fer­di­nand Hod­ler und die Ber­li­ner Moder­ne« demon­striert, wie die­ser Künst­ler im Span­nungs­feld von Sym­bo­lis­mus und Jugend­stil und in Vor­be­rei­tung des Expres­sio­nis­mus den Nerv der Zeit traf. Die Bezie­hung zwi­schen Mann und Frau, die Ein­heit von Mensch und Natur, die Abfol­ge wie Pola­ri­tät von Leben und Tod, die Öff­nung des end­lich begrenz­ten Rau­mes ins Unend­li­che, die eige­ne Phy­sio­gno­mie und die sei­ner Zeit­ge­nos­sen und über­haupt das Lebens­ge­fühl von Angst, Unsi­cher­heit und Ohn­macht einer von Kri­sen geschüt­tel­ten Gesell­schaft – das waren sei­ne The­men, die er immer wie­der auf­griff und ver­än­der­te. Hod­ler tran­szen­dier­te Wirk­lich­keit und schuf eine von ihr los­ge­lö­ste, abso­lu­te Welt der Ima­gi­na­ti­on. Sei­nen Wer­ken zuge­sellt sind Arbei­ten von Künst­le­rin­nen und Künst­lern, die mit ihm in Ber­lin aus­ge­stellt haben.

Zwei monu­men­ta­le Bil­der hän­gen jeweils an den Stirn­sei­ten eines Saa­les: »Die Nacht« (1889-1890) und »Der Tag« (1899-1900). Das erste: Sie­ben männ­li­che Figu­ren lie­gen schla­fend auf einem Fels­grund; die Mit­tel­fi­gur, die Hod­lers Züge trägt, wacht erschreckt auf, weil sie eine schwarz ver­hüll­te Gestalt – der Tod – bedroht. Die Figu­ren ver­kör­pern ver­schie­de­ne Hal­tun­gen des Schla­fes. Die­ses Prin­zip der abge­än­der­ten Wie­der­ho­lung, der Wie­der­ho­lung glei­cher Ele­men­te glei­cher Bedeu­tung, der Rei­hung, aber hier auch der Wech­sel von nack­ten zu schwarz umhüll­ten Figu­ren, soll­te einer Idee Hod­lers Aus­druck ver­lei­hen, den so genann­ten »Par­al­le­lis­mus«, wodurch die per­sön­li­chen Lebens­emp­fin­dun­gen des Künst­lers ins All­ge­mein­gül­ti­ge erho­ben wer­den sol­len. »Die Nacht« spie­gelt die exi­sten­zi­el­len Ver­un­si­che­run­gen, die Hod­ler durch den Tod sei­ner eng­sten Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen erfah­ren hat­te, eben­so wider wie die Stim­mung bedroh­li­cher Unge­wiss­heit des Fin-de-Siè­cle. Das Bild ent­fach­te damals in Genf einen Skan­dal. Auf der »Gro­ßen Ber­li­ner Kunst­aus­stel­lung« war Hod­ler mit die­sem Bild 1898 erst­mals in Ber­lin präsent.

Zehn Jah­re spä­ter – 1899/​1900 – sym­bo­li­siert »Der Tag« einen neu­en Lebens­ab­schnitt. Der Son­nen­auf­gang hat das nächt­li­che Dun­kel, das Dop­pel­er­leb­nis von Schlaf und Tod, Todes­ab­wehr und Todes­angst abge­löst. Fünf nack­te Frau­en ver­kör­pern die ein­zel­nen Pha­sen des Tages­an­bruchs. Indem sie ihre Kör­per zuneh­mend auf­rich­ten und ihre Glie­der ent­fal­ten, stei­gert sich die Hel­lig­keit, die in der Zen­tral­fi­gur – dazu saß Hod­ler sei­ne Gat­tin Ber­tha Modell – ihren Höhe­punkt fin­det. Der lich­te Tag, der die Schön­heit der Natur offen­bart, ist ein spä­te­res Gegen­stück zu dem Ent­set­zen des auf­ge­schreck­ten Schlä­fers in der »Nacht«.

So als Lebens­fries, den sein eigent­li­cher Schöp­fer, der nor­we­gi­sche Maler Edvard Munch, »Dich­tung über Leben, Lie­be und Tod« genannt hat, kön­nen wohl auch die mei­sten monu­men­ta­len Wer­ke von Hod­ler bezeich­net wer­den. »Die ent­täusch­ten See­len« (1892): Fünf Män­ner sit­zen mit vorn­über geneig­tem Kopf auf einer Bank – in spie­gel­bild­li­cher Auf­tei­lung und in paar­wei­se iden­ti­schen Posen. Als Model­le dien­ten Hod­ler Arbeits­lo­se und Rand­exi­sten­zen der Gesell­schaft. Mit dem­sel­ben The­ma – der Erwar­tung des Todes – beschäf­tig­te sich Hod­ler in »Die Lebens­mü­den« (um 1892). Doch jetzt erge­ben sich die Män­ner »ruhig der Zukunft«, so Hod­ler, er hat sie in ihren wei­ßen Gewän­dern »schon ins Jen­seits gesetzt«. Drei Jah­re spä­ter, 1894/​95, hat der die­sen Gedan­ken in »Eurhyth­mie« erneut auf­ge­nom­men: Fünf wei­ße Prie­ster schrei­ten in einer Rei­he im Abend­licht die blät­ter­über­sä­te lee­re Stra­ße ent­lang. Dar­an anknüp­fend »Die Emp­fin­dung« (um 1909): Vier Frau­en, in hell­blaue Gewän­der gehüllt, zie­hen tän­ze­ri­schen Schritts durch eine sti­li­sier­te Land­schaft; die rhyth­mi­sche Bewe­gung und die Gestik ihrer Hän­de las­sen in jeweils ande­rer Wei­se eine star­ke see­li­sche Erre­gung jeder ein­zel­nen Gestalt spüren.

Das Dop­pel­the­ma der auf­bre­chen­den Lie­be und Natur zeigt »Der Früh­ling« (1910): rechts, nackt der Kna­be – sein Sohn Hec­tor saß Hod­ler hier Modell –, links das vom Kind zur Jugend­li­chen erwach­te Mäd­chen im blau­en Kleid vor einem mit Tup­fen besetz­ten Blü­ten­tep­pich. Der im anbre­chen­den 20. Jahr­hun­dert im Zei­chen von Jugend und Jugend­stil beschwo­re­ne Neu­be­ginn ebne­te die­sem Bild Hod­lers den Weg zur begei­ster­ten Auf­nah­me in der Wie­ner Seces­si­on, deren Zeit­schrift Ver Sacrum den »Früh­ling« pro­gram­ma­tisch im Titel trug.

In der Dar­stel­lung der Ein­zel­fi­gur war Hod­ler nicht weni­ger bahn­bre­chend. Unge­wöhn­lich schon sein Selbst­bild­nis »Der Zor­ni­ge« (1881): Hod­ler fixiert das ihn noch igno­rie­ren­de Publi­kum aggres­siv, ver­ächt­lich mit der Dre­hung des Kop­fes über die Schul­ter nach hin­ten. Zwi­schen Erschrecken, Erstau­nen und Sor­ge oszil­liert dage­gen die phy­sio­gno­misch aus­drucks­star­ke Por­trätstu­die von 1912. Das Gemäl­de »Der Holz­fäl­ler« (1910) hat die mit der Axt weit aus­ho­len­de Figur im Moment höch­ster Anspan­nung ein­ge­fro­ren, wobei die zwei sei­ten­par­al­lel ange­ord­ne­ten Bäu­me wie Säu­len die Sze­ne ein­rah­men und zum sym­bo­li­schen Akt erhöhen.

1914/​15 stell­te Hod­ler sei­ne Gelieb­te Valen­ti­ne Godé-Darel wäh­rend ihrer schwe­ren Krank­heit in zahl­rei­chen erschüt­tern­den Zeich­nun­gen und Gemäl­den dar. Er erfass­te den phy­si­schen Ver­fall der Schwer­kran­ken, die Ver­än­de­rung ihrer Phy­sio­gno­mie, ihre ver­schränk­ten Hän­de, ihren mit Angst erfüll­ten Blick, den fla­chen, immer mehr schwin­den­den Kör­per – ein bewe­gen­des Gleich­nis mensch­li­chen Lei­dens. Am Ende führt er die Kran­ke im schar­fen Pro­fil wie­der nah und direkt an den Betrach­ter her­an und zeigt sie im Zustand der Ago­nie als eines der aus­drucks­stärk­sten Bil­der eines ster­ben­den Menschen.

Auch die Land­schaft sucht er sym­bo­li­stisch zu erfas­sen und mit Dar­stel­lun­gen wie »Thu­ner­see von Lei­ssin­gen aus« (1904) die aus dem Moment gewon­ne­ne Sicht durch die bild­par­al­le­le und flä­chi­ge Kom­po­si­ti­on in ihrer unwan­del­ba­ren Schön­heit zu erfas­sen und fest­zu­hal­ten. Das Bild zeigt eine See­land­schaft mit Spie­ge­lung, die eine dop­pel­te bila­te­ra­le Sym­me­trie über zwei Ach­sen erlaubt. In den spä­ten Gen­fer­see-Bil­dern mit dem Mont­blanc ver­zich­tet Hod­ler auf alle Details und stei­gert die maje­stä­tisch ruhen­den Gebirgs­zü­ge zu wei­ten, hori­zon­ta­len Rhyth­men; Him­mel wie See sind in das inten­siv far­bi­ge Licht der Mor­gen­däm­me­rung – kos­mi­schen Schwin­gun­gen gleich – ein­ge­taucht. Die Suche nach den Gesetz­mä­ßig­kei­ten in der Natur führ­te Hod­ler zur Visi­on einer alles durch­drin­gen­den kos­mi­schen Ein­heit: »Ist Ihnen nicht, als ob Sie am Rand der Erde stün­den und frei mit dem All verkehrten?«

Fer­di­nand Hod­ler und die Ber­li­ner Moder­ne. Ber­li­ni­sche Gale­rie, Alte Jakobstr. 124-128, 10969 Ber­lin, Mi-Mo 10-18 Uhr, Di geschlos­sen, bis 17. Janu­ar 2022. Kata­log (Wien­and Ver­lag Köln) 34.80 (Muse­ums­aus­ga­be).