Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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75 Jahre Mitteldeutscher Verlag

Der Mit­tel­deut­sche Ver­lag begeht sein 75-jäh­ri­ges Jubi­lä­um. Dabei kann er auf einen wech­sel­vol­len Wer­de­gang zurück­blicken, der eng mit der jün­ge­ren deut­schen Geschich­te ver­bun­den war. Auf Initia­ti­ve der dama­li­gen Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung der Pro­vinz Sach­sen wur­de am 24. April 1946 die Mit­tel­deut­sche Ver­lags GmbH gegrün­det. Anfangs bestan­den die Auf­ga­ben vor­ran­gig im Druck und Ver­trieb des Ver­ord­nungs­blat­tes für die Pro­vinz Sach­sen, sowie im Druck von For­mu­la­ren, Gesetz­blät­tern und Hal­les erstem Nach­kriegs-Adress­buch. Ein Jahr spä­ter folg­ten neben Noten- und Kla­vier­bü­chern mit Goe­thes »Tor­qua­to Tas­so«, den »Kalen­der­ge­schich­ten« von Ber­tolt Brecht oder der Novel­le »Über den Nebeln« von Arnold Zweig auch erste lite­ra­ri­sche Titel.

1952 erfolg­te die Umbe­nen­nung in Mit­tel­deut­scher Ver­lag Halle/​Saale; damit wur­de der Ver­lag staat­li­cher­seits auf die För­de­rung von in der DDR leben­den Autor*innen fest­ge­legt. Einen ersten Bekannt­heits­schub erhielt das Haus mit dem Roman »Nackt unter Wöl­fen« von Bru­no Apitz (1958), der in drei­ßig Spra­chen über­setzt wur­de und mit einer Gesamt­auf­la­ge von mehr als zwei Mil­lio­nen Exem­pla­ren der größ­te Erfolg der Ver­lags­hi­sto­rie wur­de. Dazu bei­getra­gen hat sicher­lich auch, dass die­ses Buch zur Pflicht­lek­tü­re in der Schu­le wur­de. Die Ent­wick­lung des Ver­lags und sei­ner ost­deut­schen Autor*innen spie­gel­te auch die jewei­li­ge gesell­schaft­li­che Situa­ti­on. So geriet der Ver­lag immer wie­der zwi­schen die Stüh­le: Einer­seits woll­te man gute Lite­ra­tur för­dern, ande­rer­seits muss­te man sich den offi­zi­el­len Erwar­tun­gen an das Buch­pro­gramm anpas­sen. Dar­aus erwuchs in der täg­li­chen Ver­lags­pra­xis ein Geflecht wider­sprüch­li­cher Ver­hal­tens­wei­sen. Nicht sel­ten war man ver­ständ­nis­vol­ler För­de­rer und kol­le­gia­ler Dis­kus­si­ons­part­ner der Autor*innen und zugleich (Vor-)Zensor. So war der Ver­lag 1959 auch Mit­ver­an­stal­ter der Bit­ter­fel­der Kon­fe­renz, auf der eine neue sozia­li­sti­sche Natio­nal­kul­tur ein­ge­läu­tet wurde.

In den 1960er und 1970er-Jah­ren ent­wickel­te sich das Haus zu einem bedeu­ten­den Ver­lag der DDR-Gegen­warts­li­te­ra­tur, des­sen Bücher viel­fach im Mit­tel­punkt öffent­li­cher Dis­kus­sio­nen stan­den. So erschie­nen hier Autor*innen wie Chri­sta Wolf (»Der geteil­te Him­mel« oder »Nach­den­ken über Chri­sta T.«), Erich Loest, Erik Neu­tsch (»Spur der Stei­ne« oder »Frie­de im Osten«), Vol­ker Braun, Elke Erb, Wer­ner Hei­duc­zek, Rei­ner Kun­ze oder Gün­ter de Bruyn, die sich offen und kri­tisch mit der DDR-Gegen­wart aus­ein­an­der­setz­ten. Mei­ne erste Bekannt­schaft mit den Büchern aus dem Mit­tel­deut­schen Ver­lag waren aller­dings die histo­ri­schen Roma­ne von Karl Zuchardt.

Die deut­sche Wie­der­ver­ei­ni­gung brach­te völ­lig neue Her­aus­for­de­run­gen. 1990 erfolg­te die Pri­va­ti­sie­rung durch »Manage­ment-Buy-out«. In der Fol­ge muss­te sich der Ver­lag von vie­len sei­ner Autor*innen und auch Mitarbeiter*innen tren­nen. Trotz gro­ßer Pro­ble­me gelang es, ein neu­es Pro­fil mit den Schwer­punk­ten Regio­na­lia und Bel­le­tri­stik zu ent­wickeln. Doch die Alt­la­sten wogen schwer, die Kon­kur­renz im neu­en Deutsch­land war eine gänz­lich ande­re. 1996 muss­te Insol­venz ange­mel­det wer­den. Eine neu gegrün­de­te Gesell­schaft erwarb 1997 den Namen und die Buch­be­stän­de des Ver­la­ges. Lang­sam begann der Neu­auf­bau des inzwi­schen tra­di­ti­ons­rei­chen Hau­ses, der auch neue pro­gram­ma­ti­sche Aus­rich­tun­gen mit sich brachte.

In den letz­ten 20 Jah­ren hat sich der Ver­lag auf vier Pro­gramm­säu­len fokus­siert. Er ver­legt (wie­der) anspruchs­vol­le zeit­ge­nös­si­sche Bel­le­tri­stik, niveau­vol­le Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur und Bio­gra­fien. Ein beson­de­rer Schwer­punkt liegt seit eini­gen Jah­ren auf Über­set­zun­gen aus klei­ne­ren Spra­chen und Lite­ra­tu­ren wie Geor­gi­en, Viet­nam, Litau­en, Rumä­ni­en oder Ungarn. Im Rei­se­seg­ment punk­tet man mit Stadt- und Rei­se­füh­rern, Wan­der­füh­rern, Kul­tur­füh­rern und Rei­se­be­rich­ten sowie Bild­bän­den. In der Kunst­spar­te wid­met sich der Ver­lag vor allem ost­deut­scher Foto­gra­fie vor 1989. Ein wich­ti­ger Pro­gramm­teil ist auch die Spar­te Fach-/Sach­buch, in der meh­re­re Buch­rei­hen mit diver­sen Part­nern (u. a. Stif­tung Gedenk­stät­ten Sach­sen-Anhalt, Histo­ri­sche Kom­mis­si­on für Sach­sen-Anhalt, Stif­tung LEUCOREA) erscheinen.

Mit einem klei­nen Team von zehn festen sowie eini­gen frei­en Mitarbeiter*innen ist der Mit­tel­deut­sche Ver­lag heu­te wie­der unver­zicht­ba­rer Bestand­teil des Lite­ra­tur­be­triebs und bie­tet Pro­gramm­viel­falt aus Mit­tel­deutsch­land. Über 1500 Autor*innen, Fotograf*innen, Übersetzer*innen und Herausgeber*innen haben die­ses Jubi­lä­um mög­lich gemacht. Zu die­sem Ver­lags­ju­bi­lä­um ist u. a. eine Neu­auf­la­ge von Erich Loests Roman »Som­mer­ge­wit­ter« (2005) erschie­nen, der als gro­ßer und erster über­zeu­gen­der Roman über den DDR-Volks­auf­stand vom 17. Juni 1953 gilt.

 

Erich Loest: Som­mer­ge­wit­ter, Mit­tel­deut­scher Ver­lag, Hal­le 2021, 320 Sei­ten, 16 .