Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Lithium: Das neue Öl

Nach dem der­zei­ti­gen Stand der Bat­te­rie­tech­nik spie­len vor allem Lithi­um, Kobalt, Col­tan und Sel­te­ne Erden sowohl für die digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on als auch für die E-Mobi­li­tät eine zen­tra­le Rol­le. Für die Auto­mo­bil­in­du­strie sind ins­be­son­de­re die Metal­le Lithi­um und Kobalt wich­tig, weil sie es ermög­li­chen, die Ener­gie­dich­te der Akkus, etwa im Ver­gleich zu Blei, deut­lich zu erhö­hen, wodurch die Bat­te­rien zugleich lei­stungs­stär­ker und leich­ter werden.

Der Elek­tro­an­trieb an sich ist seit mehr als hun­dert Jah­ren erprobt, das Prin­zip ist tech­nisch ein­fach und wur­de in zahl­lo­sen Elek­tro­ge­rä­ten bestän­dig ver­bes­sert. Ein Nadel­öhr war lan­ge Zeit die Ener­gie­zu­fuhr bei kabel­lo­sem Betrieb und hohem Lei­stungs­ab­ruf, wie er für vie­le Anwen­dungs­be­rei­che, unter ande­rem im Indi­vi­du­al­ver­kehr, von­nö­ten ist. Hier­für waren die her­kömm­li­chen Nickel-Cad­mi­um- oder Nickel-Metall­hy­brid-Akkus schlicht zu schwer. Erst als Anfang der 1990er Jah­re in einer Sony-Video­ka­me­ra erst­mals ein wie­der­auf­lad­ba­rer Lithi­um-Ionen-Akku­mu­la­tor zum Ein­satz kam, erwei­ter­te sich das Anwen­dungs­feld dramatisch.

Das ist alles noch gar nicht so lan­ge her. Erst seit 2003 fin­den sich sol­che Bat­te­rien nicht nur in aller­lei Elek­tro­werk­zeu­gen und Haus­halts­ge­rä­ten, ihr Ein­satz­ge­biet ist prak­tisch unbe­grenzt. Und mit der stei­gen­den Nach­fra­ge und begin­nen­der Mas­sen­pro­duk­ti­on san­ken die Prei­se, wodurch der neue Ener­gie­trä­ger für immer mehr Ein­satz­be­rei­che attrak­tiv wur­de. Die sprung­haft stei­gen­de Nach­fra­ge kur­bel­te Pro­duk­ti­on und Ent­wick­lung wei­ter an und mach­te die Kraftspen­der immer bes­ser, so dass sie schließ­lich auch für den Ver­kehr inter­es­sant wur­den – eine Erfolgs­ge­schich­te wie aus dem Lehrbuch.

Aber wie jede Boom-Sto­ry – man den­ke an das Erd­öl oder die Atom­kraft – hat auch die­ses, die Fan­ta­sien von einer sau­be­ren Zukunft beflü­geln­de Wachs­tum sei­ne Schat­ten­sei­ten. Die welt­wei­ten Reser­ven an Lithi­um und Kobalt bei­spiels­wei­se, um hier nur von die­sen Grund­sub­stan­zen zu spre­chen, sind zwar zur­zeit nach Roh­stoff-Exper­ten-Mei­nung durch­aus reich­lich vor­han­den, aber letzt­lich so end­lich wie das Öl, sie befin­den sich dar­über hin­aus zum Teil in poli­tisch insta­bi­len Regio­nen. Und die Metal­le müs­sen, eben­so wie das Öl und das Uran, geför­dert und ver­ar­bei­tet wer­den. Und hier liegt, wie bekannt­lich bei den letzt­ge­nann­ten Roh­stof­fen auch, der Hase im Pfeffer.

Die Gewin­nung die­ser bei­den für die Bat­te­rie­her­stel­lung bis auf wei­te­res unver­zicht­ba­ren Mine­ra­li­en ist äußerst auf­wän­dig, ener­gie­in­ten­siv und umwelt­be­la­stend. Lithi­um, obwohl eines der häu­fig­sten Ele­men­te der Welt, kommt in nur gerin­ger Kon­zen­tra­ti­on in Sal­zen und Stei­nen vor. Die größ­ten bekann­ten Reser­ven lie­gen in Salz­se­en in Süd­ame­ri­ka, deren Was­ser man in rie­si­gen, extra ange­leg­ten Becken über Mona­te ver­dun­sten lässt. Außer dem Salz bleibt dann eine dick­flüs­si­ge Brü­he übrig, die anschlie­ßend in einem Che­mie­werk unter Zuga­be von Soda zu Lithi­um­kar­bo­nat, dem Grund­stoff für die Akkus, ver­ar­bei­tet wird. Theo­re­tisch stellt auch das Meer eine schier uner­schöpf­li­che Lithi­um­quel­le dar, aller­dings ist die Sub­stanz dar­in nur in deut­lich gerin­ge­rer Kon­zen­tra­ti­on ent­hal­ten. Um Mate­ri­al für einen ein­zi­gen Tes­la-Akku zu gewin­nen, müss­te man meh­re­re Mil­lio­nen Liter Meer­was­ser ver­dun­sten lassen.

Durch den vor eini­gen Jah­ren ein­set­zen­den Boom der E-Mobi­li­tät und die dadurch ein­tre­ten­den Ska­len­ef­fek­te in der Bat­te­rie­her­stel­lung sind die Bat­te­rie­prei­se, wie schon erwähnt, zwar kon­ti­nu­ier­lich gesun­ken, wodurch sich für Elek­tro­au­tos nun auch der Mas­sen­markt öff­net. Der Preis­ver­fall wird jedoch durch die sprung­haft stei­gen­de Nach­fra­ge nach Lithi­um emp­find­lich gebremst, weil der Preis für die­sen Grund­stoff im sel­ben Zeit­raum um nahe­zu das Drei­fa­che gestie­gen ist. Und der Bedarf wird in Zukunft noch enorm zuneh­men, wes­halb schon heu­te bis­wei­len vor Lie­fer­eng­päs­sen und wei­ter stei­gen­den Prei­sen gewarnt wird, da die lang­wie­ri­ge Lithi­um­pro­duk­ti­on nicht so schnell aus­ge­wei­tet wer­den kann, wie die Nach­fra­ge steigt.

Das sorgt für Tur­bu­len­zen auf dem Markt und hat chi­ne­si­sche Fir­men schon vor eini­gen Jah­ren zu einer aus­gie­bi­gen Ein­kaufs­tour moti­viert, um sich den Zugang zu den wich­ti­gen Akku-Roh­stof­fen stra­te­gisch zu sichern und sich vor Preis­schwan­kun­gen zu schüt­zen. Schon heu­te ver­braucht Chi­na über 40 Pro­zent des welt­wei­ten Lithi­ums, wes­halb sich Chi­nas staat­lich gelenk­te Unter­neh­mens­grup­pen gezielt an Minen­be­trei­bern betei­li­gen, die den Roh­stoff für eine nach­hal­ti­ge Ener­gie­er­zeu­gung lie­fern. Ähn­lich agiert Chi­na bei ande­ren, für die E-Mobi­li­tät wich­ti­gen Roh­stof­fen, etwa beim Kobalt, des­sen Gewin­nung in man­cher Hin­sicht noch auf­wän­di­ger und pro­ble­ma­ti­scher ist als die Lithi­um­för­de­rung. Kobalt wird über­wie­gend aus Kup­fer- und Nickel­er­zen gewon­nen, aus denen es in einem mehr­stu­fi­gen che­mi­schen und phy­si­ka­li­schen Pro­zess durch Rösten, Ver­schlackung, Was­ser- und Säu­re­be­hand­lung extra­hiert wird. Mehr als die Hälf­te des welt­weit geför­der­ten Kobalts kommt dar­über hin­aus aus dem Kon­go, wo es nicht sel­ten von Kin­dern und Jugend­li­chen unter erheb­li­chen Gesund­heits­ri­si­ken aus kaum über­wach­ten Minen abge­baut wird.

Die Kobalt-För­de­rung hat sich mit dem Anschwel­len der Akku­pro­duk­ti­on für Lap­tops, Mobil­te­le­fo­ne und Elek­tro­mo­to­ren jeder Art in den letz­ten zwan­zig Jah­ren nahe­zu ver­fünf­facht. Ent­spre­chend hat die gestie­ge­ne Nach­fra­ge, ähn­lich wie beim Lithi­um, die Prei­se der­art hoch­ge­trie­ben, dass einst­mals geschlos­se­ne Minen auch in ande­ren Tei­len der Welt reak­ti­viert wer­den, weil Abbau und Gewin­nung wie­der wirt­schaft­lich attrak­tiv wer­den. Das ändert aber nichts dar­an, dass Kobalt und Lithi­um pro­ble­ma­ti­sche Roh­stof­fe blei­ben, die auf die E-Mobi­li­tät nicht nur einen öko­lo­gi­schen Schat­ten wer­fen, son­dern auch erheb­li­chen poli­ti­schen Zünd­stoff bergen.

Die Han­dels­strei­tig­kei­ten zwi­schen den USA und Chi­na, die jahr­zehn­te­lan­gen, bis heu­te anhal­ten­den Kon­flik­te und Krie­ge um den Zugriff auf und die Ver­fü­gungs­macht über den wich­tig­sten Treib­stoff des Indu­strie­zeit­al­ters, das Erd­öl, das Rin­gen um Atom­kraft und Atom­macht, der Streit um die Gas-Pipe­line von Russ­land nach Euro­pa – das alles sind Bei­spie­le dafür, wie sehr die Märk­te und ins­be­son­de­re der Ener­gie­markt stets umstrit­ten sind. Es gibt nicht die gering­ste Ver­an­las­sung, zu glau­ben, dass sich dies in Zei­ten der E-Mobi­li­tät ändern wird. Die Prot­ago­ni­sten und die Kon­flikt­li­ni­en wer­den ande­re sein, aber die Kämp­fe dürf­ten nicht min­der hef­tig ausfallen.

Und wie­der grei­fen die­sel­ben Muster. Etwai­ge Beden­ken wer­den »geschäfts­tüch­tig« bei­sei­te­ge­scho­ben, das Spiel, wie schon beim Uran­ab­bau, beginnt von neu­em. Um die Ver­schmut­zung der Städ­te in den Indu­strie­län­dern auf­zu­hal­ten und das Kli­ma und damit unse­re eige­ne Lebens­grund­la­ge zu schüt­zen, zer­stö­ren wir die Lebens­grund­la­ge ande­rer. Die­se Dop­pel­mo­ral des kapi­ta­li­sti­schen Wirt­schaf­tens dis­kre­di­tiert am Ende jede gute Absicht.

Im Drei­län­der­eck Boli­vi­en, Chi­le, Argen­ti­ni­en bei­spiels­wei­se, wo, wie schon erwähnt, 70 Pro­zent der welt­wei­ten Lithi­um-Vor­kom­men lagern, ist das indi­ge­ne Volk der Kol­las behei­ma­tet, des­sen etwa 100.000 Ange­hö­ri­ge vor­wie­gend von der Lama-Zucht leben, deren Lebens­grund­la­ge nun aber mas­siv gefähr­det ist (vgl. etwa https://www.deutschlandfunk.de/lithium-abbau-in-suedamerika-kehrseite-der-energiewende.724.de.html?dram:article_id=447604). Zwar gilt die Lithi­um­pro­duk­ti­on im Unter­schied zur Kobalt­ge­win­nung im All­ge­mei­nen als öko­lo­gisch halb­wegs ver­träg­lich, weil das Lithi­um vor­wie­gend mit­tels einer als »ener­gie­spa­rend« bezeich­ne­ten Ver­dun­stungs­tech­nik gewon­nen wird, äußerst pro­ble­ma­tisch ist jedoch der extrem emp­find­li­che Was­ser­haus­halt in der hoch­ge­le­ge­nen Salz­wü­sten-Regi­on. Mit dem Run auf den begehr­ten Roh­stoff pflü­gen nun immer mehr schwe­re Maschi­nen den Unter­grund um, um Brun­nen zu boh­ren und Trans­port­we­ge zu bau­en, wodurch die natür­li­chen Bar­rie­ren zwi­schen Salz- und Süß­was­ser häu­fig zer­stört und die von den Anwoh­nern und ihren Tie­ren genutz­ten Trink­was­ser­quel­len kon­ta­mi­niert wer­den; immer öfter trock­nen sie auch schlicht aus, weil die Berg­bau­un­ter­neh­men die Grund­was­ser­vor­rä­te anzap­fen müs­sen, um mit dem Frisch­was­ser die Salz­mas­se aus dem Unter­grund zu befördern.

Mitt­ler­wei­le hat sich in betrof­fe­nen Gemein­den ein Pro­test for­miert, des­sen Ver­tre­ter sich nicht mehr nur an die loka­len Regie­run­gen, son­dern auch an die Inter­ame­ri­ka­ni­sche Kom­mis­si­on für Men­schen­rech­te und an die Inter­na­tio­na­le Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on (ILO) wen­den. Ihr Enga­ge­ment rich­tet sich nicht ein­mal gene­rell gegen den Res­sour­cen­ab­bau in dem von ihnen bewohn­ten Ter­ri­to­ri­um. Sie set­zen sich »ledig­lich« dafür ein, dass Poli­tik und Wirt­schaft ihrer Ver­ant­wor­tung gerecht wer­den und anspruchs­vol­le­re Stan­dards bei der Lithi­um­pro­duk­ti­on umsetzen.

Von den in der Regi­on täti­gen Unter­neh­men, an denen auch deut­sche, japa­ni­sche und chi­ne­si­sche Auto­her­stel­ler betei­ligt sind, und die mit dem Lithi­um zur­zeit Mil­lio­nen­ein­nah­men erzie­len, ist dazu bis­lang kei­ne Stel­lung­nah­me über­lie­fert. Auch in ihren »Umwelt­fol­ge­be­rich­ten« ist nichts davon erwähnt; gesetz­li­che Vor­schrif­ten zur Ein­be­zie­hung von Gemein­den, wenn auf ihrem Land Pro­jek­te sol­cher Art durch­ge­führt wer­den, wur­den kon­se­quent ignoriert.

Von einer sau­be­ren Ener­gie zu spre­chen, ist vor die­sem Hin­ter­grund unan­ge­bracht. Poli­tik und Wirt­schaft bele­gen aufs Neue, dass sie nichts dazu­ge­lernt haben. Im Ergeb­nis wäre dann aber auch die schö­ne, neue Elek­tro­welt nichts ande­res als das Fort­be­stehen der orga­ni­sier­ten Verantwortungslosigkeit.