Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nährende Geschäfte

Was welt­weit ange­baut und gehan­delt wird, was in die Aus­la­gen und auf unse­re Tel­ler kommt – oder eben nicht kommt –, bestim­men ganz wesent­lich drei immer mäch­ti­ger wer­den­de Kar­tel­le, die unse­re Ernäh­rung über die Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on mit einem ste­tig wach­sen­den Anteil domi­nie­ren. Die­se Kar­tel­le haben selbst­ver­ständ­lich nicht in erster Linie unser Wohl im Auge, schon gar nicht den Schutz der Umwelt. Es geht um Profit.

Kar­tell 1: Die vier mäch­tig­sten Kon­zer­ne der Agrar­che­mie­bran­che, Bay­er, Cor­t­e­va Agri­sci­ence, Syn­gen­ta und BASF, nach dem Zukauf des US-Saat­gutrie­sen Mon­san­to zum Preis von rund 54 Mil­li­ar­den Euro nun mit dem Welt­markt­füh­rer Bay­er an der Spit­ze, beherr­schen das Geschäft mit Saat­gut, Dün­ger- und Pflan­zen­schutz­mit­teln nahe­zu unan­ge­foch­ten. Sie haben damit mas­si­ve Abhän­gig­kei­ten auf Sei­ten der Bau­ern geschaf­fen und sind dadurch, nicht nur neben­bei, auch für einen ver­hee­ren­den Rück­gang der Arten­viel­falt bei den Nutz­pflan­zen ver­ant­wort­lich. Und sie haben dar­über hin­aus eine Macht über uns Ver­brau­cher erlangt, die bei­spiel­los ist. Letzt­lich ent­schei­den die Kon­zern­füh­run­gen, was wir essen.

Kar­tell 2: Eben­falls vier Kon­zer­ne, die kaum jemand kennt, weil sie sozu­sa­gen im Hin­ter­grund agie­ren, sie hei­ßen »Archer Dani­els Mid­land«, »Bun­ge«, »Car­gill« und »Lou­is Drey­fus Com­pa­ny«, kurz »ABCD« genannt, beherr­schen mit einem Welt­markt­an­teil von 70 Pro­zent den Han­del mit Agrar­roh­stof­fen. Ihre prä­zi­sen Infor­ma­tio­nen über Ern­ten, Wet­ter­da­ten und poli­ti­sche Ent­wick­lun­gen in allen Tei­len der Welt nut­zen sie selbst­ver­ständ­lich auch für Finanz­ge­schäf­te an den Roh­stoff­bör­sen (sie­he dazu Heft 5/​2021) und haben dadurch eine unge­heu­re Preis­macht gegen­über den Erzeu­gern wie auch gegen­über den Kon­su­men­ten erlangt. Ohne sie gäbe es buch­stäb­lich nichts zu essen.

Kar­tell 3: Ein drit­tes Kar­tell schließ­lich, nicht min­der ein­fluss­reich, bil­den die euro­pa­weit agie­ren­den Ein­zel­han­dels-Gigan­ten Ede­ka, Rewe, Aldi, Lidl und Metro mit einem jähr­li­chen Gesamt­um­satz von rund 200 Mil­li­ar­den Euro. Nun könn­te man als Kon­su­ment der prag­ma­ti­schen Ansicht sein, dass wir von den Preis­kämp­fen inner­halb die­ses Kar­tells doch pro­fi­tie­ren, weil wir unse­re Milch- und Fleisch­pro­duk­te, unser Brot und Gemü­se bei den Dis­coun­tern so sagen­haft gün­stig ein­kau­fen kön­nen. Das ist aber lei­der ein Irr­glau­be. Ein Schnit­zel aus dem Super­markt­re­gal bei­spiels­wei­se ist, bevor es im Ein­kaufs­wa­gen lan­det, vom Ver­brau­cher in Wahr­heit schon mehr­fach bezahlt wor­den: über Steu­er­gel­der, mit denen die Schwei­ne­mast-Betrie­be sub­ven­tio­niert wer­den, sowie auch über indi­rek­te Sub­ven­tio­nen für den Ver­kehr. Ein Last­wa­gen, mit dem das »Pro­dukt« Schwein mil­lio­nen­fach trans­por­tiert wer­den muss, zum Mast­be­trieb, zum Schlacht­hof, zum Groß­han­del, zum Ein­zel­han­del, ver­ur­sacht auf den Stra­ßen so vie­le Schä­den wie Tau­sen­de Pkw zusam­men. Und auch für die­se Schä­den kom­men weit­ge­hend die Steu­er­zah­ler auf.

In der Sum­me hat die­ses ver­floch­te­ne, »ren­di­testar­ke« und den­noch hoch­sub­ven­tio­nier­te Kar­tell-System zu einer an Deka­denz gren­zen­den Ver­schwen­dung geführt. Die Mit­glie­der der drei Kar­tel­le, die Agrar­lie­fe­ran­ten, die Roh­stoff­händ­ler und der Lebens­mit­tel­han­del, wol­len natür­lich alle ihren Umsatz stei­gern, und sie hal­ten die Stell­schrau­ben hier­für weit­ge­hend selbst in der Hand. Das gera­de erwähn­te Schnit­zel bei­spiels­wei­se wird mit einer Wahr­schein­lich­keit von nahe­zu 50 Pro­zent im Müll ver­schwin­den. Nach Anga­ben der Ernäh­rungs- und Land­wirt­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen (FAO) wird in den Indu­strie­län­dern etwa die Hälf­te der Nah­rungs­mit­tel weg­ge­wor­fen, welt­weit lan­det ein Drit­tel der für Men­schen pro­du­zier­ten Nah­rungs­mit­tel auf den Abfall­ber­gen. Das sind Gebir­ge aus Fleisch, Fisch, Brot, Gemü­se und Obst, mit denen die Hun­gern­den der Welt gleich mehr­fach ernährt wer­den könn­ten – und deren Ent­sor­gung mehr CO2 ver­ur­sacht als der gesam­te Ver­kehr. Allein die Hal­bie­rung des Lebens­mit­tel-Mülls in der EU, etwa 90 Mil­lio­nen Ton­nen jähr­lich, hät­te auf die Ver­rin­ge­rung des CO2-Aus­sto­ßes eine ähn­li­che Wir­kung, als wür­de jedes zwei­te Auto stillgelegt.

Eine Ände­rung die­ses per­ver­sen Systems ist nicht in Sicht, weil der Gesetz­ge­ber bis­lang mit stu­pen­der Kon­se­quenz eher auf »die Wirt­schaft« als auf die Ver­nunft hört. Und die ein­fluss­rei­chen Kon­zer­ne der Agrar- und Lebens­mit­tel­bran­che haben selbst­ver­ständ­lich nicht das gering­ste Inter­es­se, die Über­pro­duk­ti­on zu brem­sen. Die Saat­gut-, Pesti­zid-, Fut­ter­mit­tel- und Tier­phar­ma­ka-Anbie­ter, die Roh­stoff­händ­ler und Groß­mä­ster ver­die­nen präch­tig dar­an, eben­so wie der Lebens­mit­tel­han­del, in des­sen Kas­sen schließ­lich auch ein Groß­teil der Mil­li­ar­den lan­det, die für die spä­ter unver­braucht ent­sorg­ten Pro­duk­te aus­ge­ge­ben wer­den – allein in Deutsch­land schät­zen Exper­ten das Volu­men auf mehr als 20 Mil­li­ar­den Euro jährlich.

Dar­aus ist ein­deu­tig zu schlie­ßen: Die Land­wirt­schaft und die Ernäh­rungs­in­du­strie wer­den in erster Linie sub­ven­tio­niert, nicht um unse­re Ernäh­rung sicher­zu­stel­len – und schon gleich gar nicht, um den Welt­hun­ger zu bekämp­fen –, son­dern damit sich die Kon­zer­ne die Taschen fül­len kön­nen. Es kommt aber noch schlim­mer. Denn auch die­se Sub­ven­tio­nen selbst lan­den ganz über­wie­gend in den Taschen der Gro­ßen; dar­über wer­de ich in einem der näch­sten Hef­te berichten.

In ande­ren, zuge­ge­ben etwas schlich­ten Wor­ten: Der Hun­ger in der Welt könn­te – auch ohne »Grü­ne Revo­lu­ti­on« und Gen­tech­nik – längst besei­tigt, vie­le Umwelt­pro­ble­me gelöst sein, wenn die Poli­tik, wie nun schein­bar erst­mals in der Coro­na­kri­se, ihre Füh­rungs­rol­le und -auf­ga­be anzu­neh­men sich anschick­te und sol­chen Kar­tel­len regu­lie­rend ent­ge­gen­trä­te. Lebens­mit­tel­müll, Milch­se­en, Fleisch- und But­ter­ber­ge sind kei­ne Luxus­pro­ble­me, son­dern ein mora­li­scher Skan­dal und ein öko­lo­gi­sches Desa­ster. Hun­ger, Unter- und Fehl­ernäh­rung sind kein Schick­sal, son­dern Sym­pto­me eines kar­tel­l­artig orga­ni­sier­ten »Wirt­schaf­tens«, des­sen markt­be­herr­schen­de Akteu­re allein am (immer wei­ter­wach­sen­den) Pro­fit inter­es­siert sind. Bedarf und Bedürf­nis­se, Gesund­heit und Umwelt­schutz sind dabei fak­tisch irrele­vant – und zu rei­nen Mar­ke­ting-Kate­go­rien verkommen.