Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Trauer um Lothar Hahn

Lothar Hahn ist im Alter von 76 Jah­ren über­ra­schend ver­stor­ben. Vie­le von uns, vor allem die Älte­ren, ver­bin­den sei­nen Namen mit der Fort­schrei­bung der »Risi­ko­stu­die Kern­kraft­wer­ke«. Im vol­len Titel hieß die­se erste nicht-staat­li­che Stu­die »Ana­ly­ti­sche Wei­ter­ent­wick­lung zur Deut­schen Risi­ko­stu­die Kern­kraft­wer­ke«. Lothar Hahn hat­te sie zusam­men mit sei­nem Kol­le­gen Micha­el Sai­ler 1980 ver­fasst. Mit die­sem Pro­jekt erhielt das Öko-Insti­tut sei­nen ersten gro­ßen staat­li­chen Auf­trag. Kurz zuvor war der erste Band der »Risi­ko­stu­die Kern­kraft« erschie­nen. Die­se Stu­die hat­te zum Ziel, unter Berück­sich­ti­gung deut­scher Ver­hält­nis­se das mit Unfäl­len in Atom­kraft­wer­ken ver­bun­de­ne Risi­ko zu ermit­teln. Haupt­auf­trag­neh­mer war die Gesell­schaft für Reak­tor­si­cher­heit (GRS), ihr lang­jäh­ri­ger Geschäfts­füh­rer, Prof. Adolf Birk­ho­fer, über­nahm die wis­sen­schaft­li­che Leitung.

Ein Kern­satz der offi­zi­el­len Les­art des nuklea­ren Risi­kos lau­te­te: »Das unfall­be­ding­te Risi­ko wird im Wesent­li­chen durch Unfäl­le bestimmt, die zum Kern­schmel­zen und im wei­te­ren Ver­lauf zum Ver­sa­gen des Sicher­heits­be­häl­ters füh­ren. Die Ein­tritts­häu­fig­keit für einen Kern­schmel­zun­fall wird mit etwa 1:10 000 pro Reak­tor­be­triebs­jahr abgeschätzt.«

In der Anti-Atom-Bewe­gung, die nach der Aus­ein­an­der­set­zung um das badi­sche AKW Wyhl auch in Nord­deutsch­land »ange­kom­men« war und mit dem Bau des AKW Brok­dorf – in der Fol­ge dann auch Gor­le­ben – einen Kri­stal­li­sa­ti­ons­punkt fand, wur­de die­ser Satz immer wie­der zitiert: Denn erstens sah man dar­in die Bestä­ti­gung, dass die AKWs schon im »bestim­mungs­mä­ßi­gen Betrieb« eine wirk­li­che »Zeit­bom­be« sind, man brauch­te ja nur die Zahl der welt­wei­ten Reak­to­ren und deren Lauf­zeit in einer simp­len Rechen­auf­ga­be auf die­se »Ein­tritts­häu­fig­keit« her­un­ter­zu­bre­chen. Zwei­tens war klar, dass sich der Zufall nicht an die sta­ti­sti­schen Wer­te hal­ten wür­de – sie­he in den fol­gen­den Jah­ren die »Schlag­fol­ge« der schwe­ren Hava­rien mit Kern­schmel­ze in Three Miles Island (1979), Tscher­no­byl (1986) und Fuku­shi­ma Daiichi (2011). Es ging, das wur­de schnell klar, bei der Bewer­tung der Nukle­ar­ri­si­ken um eine simp­le Kosten-Nut­zung-Rech­nung und um Beschwichtigung.

Das aber war nicht die Maxi­me von Lothar Hahn. Ihm ging es um die tech­ni­schen Risi­ken und die Aus­wir­kun­gen von Unfäl­len. Wegen ihres Umfangs, 2.500 Sei­ten in drei Bän­den, ihres Gewichts von vier Kilo und ihres roten Ein­bands wur­de die Stu­die intern selbst­iro­nisch als »rotes Tele­fon­buch« bezeich­net, schreibt das Öko-Insti­tut in sei­nem Nachruf.

Hahn, der sich bereits seit Mit­te der 1970er Jah­re in der Anti-AKW-Bewe­gung enga­gier­te, hat­te dabei immer den Anspruch, die Hoch­ri­si­ko­tech­no­lo­gie nicht nur im gesell­schaft­li­chen Pro­test zu blockie­ren, son­dern die Kri­tik auch wis­sen­schaft­lich zu begrün­den. Mit sei­nen Arbei­ten trug er wesent­lich dazu bei, die Risi­ko­de­bat­te rund um die Atom­kraft zu pro­fes­sio­na­li­sie­ren und auf Augen­hö­he mit den Befür­wor­tern der Atom­kraft zu füh­ren. Sei­ne zahl­rei­chen Arbei­ten zur Sicher­heit bzw. zu den Risi­ken der deut­schen Atom­kraft­wer­ke, zur Lage­rung von Brenn­ele­men­ten und zu End­la­ger­kon­zep­ten ins­ge­samt sowie zur Beur­tei­lung von Sicher­heits­kon­zep­ten im In- und Aus­land tru­gen dazu bei, Defi­zi­te auf­zu­decken, und ver­hin­der­ten Irr­we­ge in der tech­no­lo­gi­schen Weiterentwicklung.

Nach mehr als 20 Jah­ren am Öko-Insti­tut wech­sel­te Hahn 2002 in die Geschäfts­füh­rung der Gesell­schaft für Anla­gen- und Reak­tor­si­cher­heit (GRS). In genau die Gesell­schaft, der er 20 Jah­re zuvor Paro­li gebo­ten hat­te. Das wur­de in der Anti-Atom-Sze­ne durch­aus kri­tisch gese­hen, eini­gen dien­te es sogar als Beleg dafür, dass durch die Ein­bin­dung atom­kri­ti­scher Per­sön­lich­kei­ten ihre »Zäh­mung« betrie­ben wer­den soll­te. Man kann es aber durch­aus anders wer­ten: dass Atom-Kritiker*innen näm­lich end­lich wich­ti­ge Posi­tio­nen erober­ten und wie ein Sauer­teig gesell­schaft­li­che Insti­tu­tio­nen durchdrangen.

Dort sowie in zahl­rei­chen bedeu­ten­den Gre­mi­en, dar­un­ter die Reak­tor-Sicher­heits­kom­mis­si­on (RSK) des Bun­des­um­welt­mi­ni­ste­ri­ums, setz­te er sich wei­ter inten­siv für den Schutz vor den Gefah­ren nuklea­rer Anla­gen ein. Einen Schluss­punkt setz­te er zusam­men mit Joa­chim Rad­kau in dem Buch »Auf­stieg und Fall der deut­schen Atom­wirt­schaft«, das 2013 erschien.

Der deut­sche Atom­aus­stieg war für ihn nur fol­ge­rich­tig und hät­te sich schon deut­lich abge­zeich­net, als Ende einer Fol­ge von Fehl­ent­wick­lun­gen, zu denen er – fast sehe­risch – das Gor­le­ben-Desa­ster zähl­te; der Salz­stock Gor­le­ben wur­de tat­säch­lich sie­ben Jah­re spä­ter bei der End­la­ger­su­che aus­ran­giert. Dazu kamen aus sei­ner Sicht stra­te­gi­sche Fehl­ent­schei­dun­gen wie die Wahl des Hoch­tem­pe­ra­tur-Reak­tors THTR 300 in Hamm, die anfäl­li­ge Sie­de­was­ser­bau­li­nie 69, der Dau­er­streit um das AKW Bib­lis zwi­schen der Betrei­ber­ge­sell­schaft RWE und der hes­si­schen Lan­des­re­gie­rung. Nicht zuletzt mach­ten die kost­spie­li­gen Sicher­heits­auf­la­gen in der Nukle­ar­in­du­strie deren Nut­zung zu einem wirt­schaft­li­chen Risiko.

Sein Schluss­ka­pi­tel ist ein Appell, auf die Rege­ne­ra­ti­ven zu set­zen und auf die Suf­fi­zi­enz. Er zitier­te einen Stoß­seuf­zer von Carl Fried­rich von Weiz­säcker aus dem Jahr 1977: Wir wären alle glück­li­cher, wenn wir unse­ren Lebens­stil so ver­än­der­ten, dass »wir mit weni­ger Ener­gie aus­kom­men wür­den«. Weiz­säcker füg­te hin­zu, »aber wir wer­den es nicht tun; denn wir wol­len unglück­lich sein«. Doch Lothar Hahn las das gegen den Strich, und sein letz­ter Satz lau­tet: »Aber ver­mut­lich war das bei die­sem wei­sen Mann als Pro­vo­ka­ti­on gemeint.«