Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nasse Fische

Mit Kri­mi­nal­ro­ma­nen kann ich nicht viel anfan­gen. Viel­leicht liegt es dar­an, dass die­ses Gen­re mit der Zeit zu auf­dring­lich gewor­den ist. Dem Kri­mi kann man kaum ent­kom­men, Kri­mi­nal­ro­ma­ne ver­kau­fen sich präch­tig, irgend­wo läuft immer Tat­ort, Mord und ande­re Ver­bre­chen schei­nen mehr denn je zu fas­zi­nie­ren. Nun bin ich auf die Kri­mi­nal­fäl­le von Kom­mis­sar Rath gesto­ßen, wel­che in der unheil­schwan­ge­ren Zeit zwi­schen 1927 und 1938 ange­sie­delt sind. Das Ber­lin von damals wird wie­der leben­dig mit sei­nen Attrak­tio­nen, Groß­bau­stel­len, sei­nen Arbei­ter­kiezen und gut­bür­ger­li­chen Bezir­ken. Man taucht ein in ein Stadt­le­ben, wo es nur weni­ge Autos gibt, wo selbst die Kri­mi­nal­po­li­zei auf Tele­fon­zel­len und Fern­sprech­an­schlüs­se in Geschäf­ten ange­wie­sen ist, wo noch Bahn­steig­kar­ten gelöst wer­den. Das Beein­drucken­de an den Roma­nen von Vol­ker Kut­scher sind weni­ger die Kri­mi­nal­fäl­le (meist Seri­en­mor­de) als die Schil­de­rung der gesell­schaft­li­chen Zustän­de am Ende der Wei­ma­rer Repu­blik und die Jah­re nach der Macht­er­grei­fung der Nazi­par­tei, die akri­bisch beschrie­ben wer­den und eine sehr sorg­fäl­ti­ge Recher­che ahnen lassen.

Die Fern­seh­se­rie »Baby­lon-Ber­lin« soll eine Ver­fil­mung des ersten Falls von Kom­mis­sar Gere­on Rath sein: »Der nas­se Fisch«. Die­se sehr auf­wän­dig gedreh­te Serie wur­de für ein mög­lichst brei­tes Publi­kum im In- und Aus­land pro­du­ziert und lebt von schnel­len Schnit­ten und mög­lichst viel »action«, vor allem aber von einer Rie­ge bekann­ter Schau­spie­ler. Mit dem Roman, des­sen Titel eine im Poli­zei­jar­gon übli­che Meta­pher für einen unge­lö­sten Fall ist, hat die Film­ver­si­on eher wenig zu tun.

Gere­on Rath, ein aus Köln nach Ber­lin ver­setz­ter Kom­mis­sar, arbei­tet in der »roten Burg«, dem Poli­zei­prä­si­di­um am Alex­an­der­platz. Er ist geprägt von sei­ner katho­li­schen Hei­mat Köln, für Poli­tik inter­es­siert er sich wenig. Bei sei­nen Mord­er­mitt­lun­gen geht er sehr eigen­bröt­le­risch vor, heu­te wür­de man ihm man­geln­de Team­fä­hig­keit unter­stel­len. Die poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der Haupt­stadt bekommt er auch durch sei­nen Beruf mit, die bru­ta­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Kom­mu­ni­sten und Nazis sieht er als Schwä­che der jun­gen Repu­blik. Erst all­mäh­lich wird ihm klar, dass vie­le Funk­ti­ons­trä­ger in Poli­zei, Ver­wal­tung und bei der Reichs­wehr die poli­ti­sche Lin­ke als die größ­te Gefahr betrach­ten und der Repu­blik eher gleich­gül­tig oder feind­se­lig gegen­über­ste­hen. Als am 1. Mai 1929 gegen die Mai­de­mon­stra­ti­on der KPD bru­tal vor­ge­gan­gen wird, muss er mit­er­le­ben, wie zwei unbe­tei­lig­te Frau­en von der Poli­zei erschos­sen wer­den. Bei Ermitt­lun­gen im fer­nen Ost­preu­ßen wird ihm klar, dass die NSDAP mit ihre SA-Orts­grup­pen dort schon 1932 die ein­fluss­reich­ste Par­tei ist.

Nach Hit­lers Macht­er­grei­fung geben sich plötz­lich vie­le sei­ner Kol­le­gen offen als Nazis zu erken­nen, nach dem Reichs­tags­brand erlebt er die Bru­ta­li­tät einer völ­lig ent­hemm­ten SA, die nun als Hilfs­po­li­zei agie­ren darf. Ehe­ma­li­ge Unter­ge­be­ne wer­den durch ihr Par­tei­ab­zei­chen plötz­lich zu Vor­ge­setz­ten, das Bon­mot der »März­ge­fal­le­nen« – übri­gens auch der Titel des 5. Ban­des – macht die Run­de, jene, die im März 1933 mas­sen­haft in die brau­ne Par­tei ein­tra­ten, um Kar­rie­re zu machen. 1934, bei der Aus­schal­tung der SA (»Röhm­putsch«) wird Rath vor­über­ge­hend der poli­ti­schen Poli­zei unter­stellt und erlebt die schritt­wei­se Ent­mach­tung der repu­bli­ka­ni­schen Poli­zei durch die neu ent­stan­de­ne SS. Obwohl er 1935 zum Ober­kom­mis­sar beför­dert wird, ist ihm klar, dass er als poli­tisch unzu­ver­läs­sig gilt und nur noch unbe­deu­ten­de Fäl­le bear­bei­ten darf. 1936 ermit­telt er im olym­pi­schen Dorf als ver­deck­ter Mit­ar­bei­ter der SS in der Poli­zei­wa­che Els­tal. Es geht unter ande­rem um Wehr­machts­an­ge­hö­ri­ge, die durch merk­wür­di­ge Unfäl­le zu Tode kom­men. Neben­bei bekommt der Leser einen Ein­druck, wie das Regime durch die Olym­pia­de die Mas­sen zu begei­stern versteht.

Natür­lich gibt es auch eine Lie­bes­ge­schich­te. Char­lot­te Rit­ter, erst Gelieb­te, dann Frau von Gere­on Rath, hat­te bei der Poli­zei als Ste­no­ty­pi­stin ange­fan­gen und woll­te unbe­dingt zur Kri­mi­nal­po­li­zei, damals eine abso­lu­te Män­ner­do­mä­ne. Im Gegen­satz zu dem eher unpo­li­ti­schen Kom­mis­sar steht Char­lot­te für den Typus der eman­zi­pier­ten, poli­tisch hell­sich­ti­gen Frau, die sich über die Kon­se­quen­zen der Macht­er­grei­fung der Hit­ler­par­tei kei­ne Illu­sio­nen macht. Durch die Ehe ist ihr die Lauf­bahn bei der Poli­zei ver­sperrt, sie muss als Pri­vat­de­tek­ti­vin arbei­ten. Wäh­rend Kom­mis­sar Rath lan­ge die damals sehr ver­brei­te­te Mei­nung ver­tritt, dass der Natio­nal­so­zia­lis­mus nur ein kur­zer Spuk sein wird, sieht sei­ne Frau die Bru­ta­li­tät der neu­en Herr­scher als Vor­zei­chen einer Kata­stro­phe. Am Bei­spiel von Pfle­ge­sohn Fritz, einem ehe­ma­li­gen Tre­be­gän­ger, lässt sich nach­voll­zie­hen, wel­che Fas­zi­na­ti­on die NS-Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen damals aus­üb­ten. Mit­ten in der Puber­tät, halb Kind, halb erwach­sen, erfährt Fritz plötz­lich Aner­ken­nung, Grup­pen­er­leb­nis­se, Aben­teu­er, den Stolz, einer neu­en Eli­te anzugehören.

Der Autor geizt nicht mit Per­so­nen der Zeit­ge­schich­te, die im Leben der Prot­ago­ni­sten eine Rol­le spie­len: Kon­rad Ade­nau­er (bis 1933 Ober­bür­ger­mei­ster von Köln), Bern­hard Weiss (vor 1933 bei den Nazis ver­hass­ter Vize-Poli­zei­prä­si­dent von Ber­lin, Ernst Gen­nat (legen­dä­rer Ber­li­ner Kri­mi­nal­po­li­zei­rat und Lei­ter der Mord­kom­mis­si­on), Karl Zör­gie­bel (Poli­zei­prä­si­dent und Ver­ant­wort­li­cher für den »Blut­mai« 1929) sowie Rein­hard Heyd­rich (1934 Chef der Sicher­heits­po­li­zei). Wäh­rend des Reichs­tags­bran­des begeg­net Char­lot­te kei­nem Gerin­ge­ren als Her­mann Göring. Die Roma­ne sind erleb­te, in Kri­mis ver­pack­te lebens­na­he Geschichts­bü­cher, die es dem Leser erlau­ben, sich in die dama­li­ge Zeit hin­ein­zu­ver­set­zen. Es las­sen sich auch beun­ru­hi­gen­de Par­al­le­len zu heu­ti­gen Vor­gän­gen in Poli­zei und Justiz erkennen.

Zwei Bän­de sol­len noch erschei­nen, 1937 und 1938, im letz­ten Band könn­te die Pogrom­nacht 1938 das Hin­ter­grund­the­ma sein. Der Leser ahnt es schon, der Autor hat es bestä­tigt: Es kann nicht gut enden für Gere­on und Charlotte.